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Gefährliche Unteroffiziers Ameisen

New Haven-Camp — 04.06.2002

Mitten in der Nacht halte ich es vor Schmerz nicht mehr aus. Ganz vorsichtig erhebe ich meinen Körper, dessen Kopf wie ein Fremdkörper darauf sitzt und schleppe mich in der Finsternis zu unserem Ersten – Hilfe – Koffer. Ohne Zweifel ist es Zeit dafür die Notbremse zu ziehen und mir ein Voltarenzäpfchen einzuverleiben. Kaum habe ich mich mit dem starken Antirheumatikum vollgestopft lege ich meinen aufschreienden Körper wieder genauso vorsichtig ab.

Am Morgen hat das schmerzstillende Medikament seine Wirkung gezeigt. Vorsichtig drehe ich meinen Kopf von links nach rechts. Wie unter einem Schleier hat sich der Schmerz versteckt, zeigt mir aber dass ich mich sehr langsam bewegen muss. Erst um 11 Uhr krabble ich aus dem Zelt. „Ah sieh mal Rufus, dein Herrchen verweilt wieder unter den Lebenden,“ sagt Tanja worauf unser Hund mich schwanzwedelnd anspringt.

Gegen Mittag entscheide ich mich wieder in die Mulgawälder zu fahren, um weitere Stämmchen für unsere Sättel zu suchen. Rufus begleitet mich wie immer und liegt auf der Ladefläche des Ford während ich mit Säge und Axt bewaffnet durch das dichte Gebüsch streife. Am späten Nachmittag finde ich endlich wieder einen Fleck mit gerade gewachsenen Stämmen. Freudig beseitige ich die Nadeln und das dünne Geäst vom Boden und knie mich ab, um mit meinem Beil die unteren vertrockneten Äste abzuhacken. Fliegen, die alle Körperöffnungen besetzen wollen, schwirren wie irre um mein Haupt. Um meinen Nacken nicht überzustrapazieren schüttle ich vorsichtig den Kopf, doch die lästigen Dinger bleiben an den Augen wie festgeklebt hängen. Ich lasse mich nicht weiter aus der Ruhe bringen, setze die Säge so weit unten wie möglich an und beginne den Baum zu fällen. Plötzlich beißt mich etwas in die Wade. „Ahh!“ ,rufe ich und springe vor Schreck auf. Ich sehe nach unten und glaube im ersten Moment meinen Augen nicht. Meine Schuhe, Waden und Knie sind von etwa 1 ½ bis 2 Zentimeter großen, schnell nach oben rennenden, Ameisen besetzt. „Verdammter Misst!“ ,fluche ich, schlage mit den Handschuhen nach den gefährlichen Ameisen und renne davon. Es sind Sergeant Ants (Unteroffizierameisen) deren Biss mit dem einer Wespe vergleichbar ist. Mehrere Bisse können einen erwachsenen Menschen glatt umhauen und bei einem schwachen Kreislauf oder einer Allergie auch töten. In sicherem Abstand untersuche ich meine Kleidung nach den hochaggressiven Insekten. Eine läuft mir übers Hemd. Angewidert schleudere ich sie auf den Boden. Nachdem ich mir sicher bin keinen der Angreifer mehr auf meinem Körper zu haben gehe ich zu dem Mulgabaum zurück. Tatsächlich entdecke ich den etwa dreißig Zentimeter hohen Erdauswurf deren Wall mit trockenen Nadeln perfekt getarnt ist. Nicht klein bei gebend hole ich mir schnell meinen angesägten Baum und verlasse fluchtartig den Platz.

Minuten später finde ich wieder einen Mulgabaum. Ich bin gerade im Begriff mich abzuknien als mir ein großer dunkler Schatten über die Sonnenbrille läuft. Wie von der Tarantel gestochen schieße ich hoch und schleudere mir die Brille vom Kopf. Sofort erblicke ich den großen Ameisenkrieger der auf dem Waldboden das Weite sucht. Wenn der mich ins Auge gebissen hätte? Nur der Gedanke lässt mir die Haare zu Berge stehen. Schnell untersuche ich noch mal meinen gesamten Körper, den Hut, das Halstuch und alles was ich an haben, um nach weiteren Feinden zu fanden. Mit steifen Hals, einer geschwollenen Wade aber beruhigt keine Sergeant Ant mehr mit mir herumzutragen suche ich weiter nach den seltenen Hölzern.

Am Abend bekommen wir Besuch von einer Aboriginefrau namens April und einer jungen Anthropologin die sich als Jeannette vorstellt. „Ah das ist schön warm an eurem Feuer,“ sagt April die ihre Füße in den Sand steckt und uns anlacht. „Wir warten auf meine Verwandten. Sie werden bald kommen. Von hier aus können wir ihnen sagen wo sie das Camp aufschlagen sollen,“ erklärt sie uns. April gehört zum Rat, einer zehnköpfigen Gruppe von Aborigines die die ursprünglichen Besitzer dieses Landes sind. Das Gesetzt sorgt dafür, dass die Aborigines dem weißen Mann sagen dürfen wo sich ihre heiligen und spirituellen Plätze dieses Gebietes befinden und zu welchem Ort es eine Traumgeschichte gibt. In diesen Zonen darf die Landschaft nicht verändert werden. Es dürfen zum Beispiel keine Park- oder Campplätze geschaffen oder keine Toiletten aufgebaut werden. Die Gesetzgebung garantiert den Ureinwohnern ein Mitbestimmungsrecht und den Schutz der heiligen Stätte. Menschen aus unserem Zivilisationskreis können die wichtigen spirituellen Orte nicht erkennen die zum Beispiel mit einer unserer Kirchen vergleichbar sind. Nur die Ureinwohner wissen durch die jahrzehnthausende alte mündliche Überlieferung welcher Hügel, Fels, Tal, See oder andere Landschaftsbereiche für ihre Riten, spirituellen Feste und Zeremonien genutzt wurden und teilweise heute noch genutzt werden.

Diese neue Gesetzgebung sorgt nicht selten für Konflikte auf beiden Seiden. Jeder Farmbesitzer oder Manager ist heute verpflichte den Rat der Aborigines zu fragen ob er ein neues Bohrloch setzen darf, um für seine Rinder Wasser zu bekommen. Er ist verpflichtet zu fragen ob er mit der Räummaschine einen neuen Track in den Busch ziehen darf, ob er eine Feuerschutzschneise anlegen darf und vieles mehr. Alex hat mit erklärt, dass es unter gewissen Umständen für den Farmer äußerst schwierig ist den Rat um eine Genehmigung zu bitten. Manchmal bedroht ein großes Buschfeuer die Homestead, die Rinderherden oder die gesamte Station. In diesem Fall ist es einfach unmöglich den Rat um Erlaubnis zu bitten einen Feuergraben ziehe zu dürfen, denn der Apparat der Behörden bewegt sich so enorm langsam, dass es nicht selten Monate dauert bis die zuständigen Aboriginebehörden eine Gesandtschaft schickt die das Land inspiziert.

Birds Australia und Alex warten jetzt zum Beispiel schon seit sechs Wochen auf die Gesandtschaft von Alice Springs. Nach Aussagen der Anthropologen ist es äußerst schwer die Stammesoberhäupter und Alten zu einem gewissen Datum zu vereinen. Meist kommt irgend etwas dazwischen womit der weiße Mann nicht gerechnet hat. Das und vieles mehr sind die Gründe warum sich solche Treffen nicht selten auf Monate hinauszögern.

„Möchtet ihr einen Tee?“ ,fragt Tanja die beiden Frauen. „Gerne,“ antwortet April. Kaum hat sie ihr kochend heißes Getränk neben sich auf den Sand gestellt kippt der Becher um und der Tee verbrüht ihre Füße. „Ohhh! Ohhh!“ ,ruft sie vor Schmerz und springt auf. „Schnell, komm in den Atco,“ vordere ich sie auf und eile voraus, um die Dusche aufzudrehen. Sofort hält April ihre Füße unter den kühlenden Wasserstrahl. In der Zwischenzeit fülle ich einen Eimer mit Wasser in den April dann ihre Füße hinein steckt. „Und, lässt der Schmerz nach?“ ,fragt Tanja besorgt. „Ja,“ antwortet sie mit leiser Stimme. „Ich möchte jetzt ins Camp fahren und mich hinlegen. Außerdem ist mir kalt,“ sagt die Abgesandte des Rates die mit den noch kommenden Frauen dafür verantwortlich ist die heiligen und spirituellen Orte der Aboriginefrauen zu bestimmen. „Mach dir keine Sorgen, wenn hier Autos vorbeikommen werden wir sie zu eurem Lagerplatz schicken,“ sagt Tanja und gibt ihr noch eine Decke mit als die kleine freundliche Frau in das Auto von Jeannette steigt.

Als wir wieder alleine in unserem Camp sind und der aufkommende kalte Wind die Asche aus der Feuerstelle bläst und die Funken wie blitzende Miniraketen mit leichtem Knistern in den Sternenhimmel fliegen, ist es Zeit sich in die Schlafsäcke zu verkriechen. Wie jeden Abend bringe ich unseren Rufus in seinen Schlafsack. „Hop in,“ sage ich ihm, worauf er wie von einem großen Insekt gestochen in sein warmes Bettchen schießt, sich zufrieden grunzend um die eigenen Achse dreht, um sich dann gemütlich abzulegen. Schnell schließe ich den Reißverschluss, was Rufus mit einem saftigen Händeschlecken dankend entgegen nimmt und mache mich selbst für die Nacht fertig. Ich ziehe gerade mein Hemd aus als Rufus noch mal seine Position verändert. Durch seine impulsive Bewegung rutscht sein Tagebuch aus dem nicht ganz geschlossenen Reißverschluss mir direkt vor die Füße. „Aha, da ist es ja,“ sage ich und schlage es wie immer neugierig auf, um seine geheimen Aufzeichnungen zu lesen.

DAS EXPEDITIONSTAGEBUCH EINES EXPEDITIONHUNDES NAMENS RUFUS

Langsam kommt der Laden hier in Schwung. Ich dachte schon, meine Menschen bewegen sich nicht mehr weiter als in einem Radius von zwei Kilometer weg von hier.Endlich war der Tag gekommen, an dem wir unsere Kamele besuchten. Sehr habe ich mich gefreut, als ich hörte, dass ich bei Bill, Hennie und Joop mitfahren darf. Ein Dingo direkt vor uns auf der Piste lies mich vor Begeisterung aufheulen. Erst wusste ich gar nicht warum sich die drei die Ohren zuhielten, doch bald bemerkte ich, dass es mein wunderschönes lautes Singen war. Vor lauter Freude darüber habe ich gleich noch lauter gejault.

Es war ein wirklich spannender Tag als wir in die Einzäunung fuhren, in der unsere Kamele Urlaub machen. Ich konnte vor Aufregung kaum still sitzen und musste vor lauter Vorfreude und Begeisterung quietschen…Als ich unsere Kamele entdeckte, glaubte ich im ersten Moment meinen Augen nicht trauen zu können. Um genau zu sein, war ich mir erst gar nicht so sicher, ob es unsere Jungs sind. Als Tanja und Denis dann aber so happy und glücklich waren, erkannte ich alle wieder. Junge haben die sich aber verändert. Für mich sind das keine Kamele mehr sondern eher rollende Möpse. Okay, nichts dagegen, dass die Kämmis dick geworden sind doch die Reaktion von meinen Menschen verstehe ich überhaupt nicht! Über jedes Gramm haben sie sich gefreut, welches die Kamele zugenommen haben. Da soll einer die Welt verstehen. Wenn ich hie und da mal ein bis zwei Kilogramm zunehme, weil ich irgendwo geheime Futterressourcen entdeckt habe, freut sich keiner…Trotzdem, ich liebe meine Kämmis und bin froh sie wieder zu haben.

Zurück in unserem Camp haben wir Alex in seiner Wohnscheune besucht und für ihn gekocht. Seine Scheune ist toll! Er muss ein wirklicher Hundeliebhaber sein, denn hier kann ich so richtig auf Entdeckungsreise gehen. Der Müll ist einfach traumhaft platziert. Es gibt reichlich dunkle Ecken, wo sich so einiges finden lässt. Ein hervorragender Fund war die tote Maus! Da ich ein gewitzter Hund bin, habe ich natürlich nicht zum Ausdruck gebracht, dass die Maus schon tot war als ich sie fand. Also bin ich mit stolz erhobenem Kopf und geschwellter Brust zu Tanja, Denis und Alex an den Tisch gelaufen und habe die Maus Tanja vor die Füße gelegt. Was wurde ich gelobt, mein Kopf wurde getätschelt und gestreichelt und ich bekam einen Hundeorden als bester Mäusefänger Australiens. Als Tanja die tote Maus jedoch auf ein Stück Karton schob, um sie nach draußen zu tragen, hat sie schallend gelacht und verkündete, dass die Maus schon bestimmt 3 Wochen tot sei und dass es wohl nicht so anstrengend gewesen sein konnte sie zu fangen….Etwas später hüpfte ich dann doch zufrieden einiges erlebt zu haben in meinen Schlafsack. Das Heulen der Dingos ließ mich noch etwas tiefer hinein kriechen.

Es ist ein abwechslungsreiches Leben als Expeditionsvorbereitungshund…

Wir freuen uns über Kommentare!

Tag: 19 Etappe Drei

Sonnenaufgang:
07:20

Sonnenuntergang:
18:07

Temperatur - Tag (Maximum):
25 Grad

Breitengrad:
22°43’24.2’’

Längengrad:
131°10’00.0’’