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Empfindet ein Tier weniger Schmerz als ein Mensch?

New Haven-Camp — 29.05.2002

Liz, John, Valerie und Ian verabschieden sich schon am Morgen von uns. „Es war das Highlight unserer Reise euch zu treffen und vielen Dank, dass ihr mit uns zu euren Kamelen gefahren seid,“ sagen sie.

Kaum sind sie weg näht Tanja wieder das Segeltuch an die aufgeplatzten Sattelstellen und ich schnitze im Workshop meine Mulgabäume. Gegen Mittag mache ich mich wie jetzt jeden Tag auf, um mit Rufus mehr von dem Gehölz zu suchen. Diesmal werde ich richtig fündig. Ein kleines, vom Feuer verschonte Wäldchen schenkt mir gleich 25 Stämmchen die ich freudig in den Ford lade. Wie besessen säge ich sie dann auf die genaue Länge zusammen und schnitze die Rinde ab. Meine Hand beginnt von den sich ständig wiederholenden Bewegungen zu schmerzen und der Schwindel setzt mir unverändert zu. Manchmal schüttle ich heftig meinen Kopf, um dem schwummrigen Gefühl ein Ende zu bereiten. Als das nichts hilft renne ich wie von der Tarantel gestochen vom Workshop zu den Sätteln, um meinen Kreislauf auf Schwung zu bringen. „Hast du es aber eilig,“ sagt Tanja verwundert. „Nicht eilig, ich mache mich nur fitt,“ antworte ich außer Atem. „Du wirst bald 2500 Kilometer laufen. Ich glaube nicht das dich die paar Meter hin und her rennen fitt machen.“ „Ach es ist wegen dem Schwindel. Ich hoffe ihn damit zu stoppen,“ sage ich worauf mich Tanja skeptisch ansieht.

Am Abend kommen Hennie, Bill und Joop von der Arbeit zurück. Sie sind mit dem Bau der Toiletten fertig und mittlerweile damit beschäftigt unzählige von Kilometern des verrosteten alten Stacheldrahtzaun aufzuwickeln der hier auf der Farm ohne Ende herumliegt. „Ist ja eine schreckliche Arbeit,“ meine ich. „Ich hasse Stacheldraht weil er den Emus, den Kängurus, den Pferden, Kamelen und allen anderen Tieren schlimme Wunden zufügt. Viele der Tiere gehen daran zugrunde wenn sie sich darin verwickelt haben. Aus diesem Grund finde ich es eine wunderbare Tätigkeit,“ antwortet Bill wie immer gut gelaunt obwohl er aus so machen Stellen blutet wo ihn der Zaun erwischt hat. Auch Joops Unterarme sehe aus als wäre er in eine Messerstecherei gekommen, was ihn nicht davon abhält die Wunden einfach zu ignorieren und freundlich zu lachen.

Bevor sie sich in dem Wohncontainer, den sie übrigens Atco nennen, wie fast jeden Abend duschen, setzen sie sich ein wenig zu uns ans Lagerfeuer. Wir unterhalten uns über dieses und jenes bis die Sprache auf die Ernährung kommt. „Wir essen kaum noch Fleisch. Oft haben wir gesehen wie es den Rindern und Schweinen ergeht wenn sie unter grausamer Gewalt auf die Lastwägen geladen werden,“ sagt Bill nachdenklich. „Ja, wir haben schon vermehrt auf Farmen geholfen, um die Rinder zusammenzutreiben damit sie kastriert und markiert werden können. Die jungen Kälbern werden in einer großen eisernen Klammer gefangen und mit Wucht auf die Seite geworfen. Dann werden ihnen die Hoden bei lebendigen Leib mit einem Skalpell herausgeschnitten. Es ist einfach schrecklich so etwas mit ansehen zu müssen. Auch werden ihnen Löcher in die Ohren geschnitten damit man sie später unterscheiden kann. Das alles geht ohne Narkose, weshalb die Tiere vor Schmerz laut brüllen,“ erklärt Hennie. (Tagbuchübersicht vom 08.11.00 Tag 181)

„Am schlimmsten ist es wenn die Tiere verladen werden,“ meint Bill seine Stirn in Falten legend und jetzt gar nicht mehr lachend. Ich habe mit eigenen Augen gesehen wie ein Pferd, welches auf der Ladefläche eines Lastwagen in Panik geraten ist, in einem verzweifelten Fluchtversuch, über mindestens 10 andere Pferde gesprungen ist die sich ebenfalls auf dem Lastwagen befanden. Wenn man wilde Pferde fängt geschieht es auch, dass sie vor lauter Angst mit dem Kopf nach unten gegen den Zaun rasen und sich dabei das Genick brechen. Den Rindern geht es oft nicht anders. Letztendlich ist es eine riesige Quälerei. Ich kann nicht verstehen, dass wir Menschen uns zivilisiert nennen wenn wir so etwas mit anderen Kreaturen zulassen. So lange wir Menschen Tiere auf diese Weise behandeln, egal welcher Art, sind wir ein primitives Volk. Für uns ist es auf jeden Fall Grund genug solch ein Fleisch nicht mehr zu essen. Gegen Känguru habe ich nichts einzuwenden. Durch die vielen Wasserstellen gibt es von einigen Arten mehr als genug. Sie müssen deswegen bejagt werden. Sie leben ein freies Leben, werden im Regelfall von einer Kugel schnell und sauber getötet und ihr Fleisch ist frei von Cholesterin und Chemikalien die die Menschen in Zuchttiere spritzen,“ endet er seine Rede.

Tanja und ich sind im Laufe unseres Reiselebens zu einer ähnlichen Sichtweise gekommen und geben Hennie, Bill und Joop recht. Es wird Zeit, dass sich da etwas ändert. Nur wie lange, wie viele Jahrhunderte oder Jahrtausende müssen noch vergehen bis wir es einsehen werden nicht so mit Mutter Erde und deren Bewohnern umgehen zu dürfen? Oder würden wir es zulassen das unsere Kinder so behandelt werden? Wer will denn behaupten das ein Tier weniger Schmerz empfindet als der Mensch? Manche Menschen stellen solche Behauptungen auf und wenn wir selbst einen von Fäkalien stinkenden Tiertransporter auf der Autobahn oder Landstraße überholen machen wir uns kaum Gedanken darüber welches Leid dort stattfinden muss. Wir machen uns kaum Gedanken wenn wir Fleisch essen ob das Tier gelitten hat oder nicht. Wahrscheinlich ist das ein natürlicher Schutzmechanismus der uns vor weiteren Nachdenken stoppt, doch mit welchem Recht erheben wir uns zum Richter und entscheiden über Leben und Tod? Natürlich gibt es nichts gegen eine Artgerechte Tierhaltung einzuwenden. Menschen sollen auch weiterhin ihr Fleisch essen dürfen nur leiden sollten diese armen Wesen nicht.

Später als wir am Campfeuer sitzen und unsere Spagetti essen hören wir das Telefon, welches in der Wohnscheune von Alex steht, klingeln. „Es könnte dein Vater sein,“ sage ich zu Tanja, springe auf und hetze die 200 Meter zur Scheune. Außer Atem hebe ich den Hörer ab und bin kaum in der Lage meinen Namen zu nennen. Tatsächlich ist es Tanjas Vater. „Hallo Tilo. Schön wieder von dir zu hören,“ sage ich als ich mich wieder ein wenig beruhigt habe. „Ich wollte nur wissen ob ihr noch hier oder schon nach Babbler Bore gezogen seid,“ antwortet er.

Wie immer berichte ich ihm über die Geschehnisse und Erlebnisse hier auf der Station. Als ich ihm von unserem Gespräch mit Hennie, Bill und Joop erzähle sagt er: „Ja es ist schon unglaublich was wir Menschen anstellen. Erst vor wenigen Tagen habe ich einen Artikel über den Stierkampf in Spanien gelesen und war völlig entsetzt. Weißt du, dass sie den Stieren, bevor sie in die Arena kommen, die Augen mit Vaseline verschmieren damit sie nicht mehr richtig sehen können? Noch schlimmer ist allerdings, dass sie Ihnen Watte in die Nasenlöcher und in den Rachen stopfen damit sie kaum Luft bekommen und zur Krönung stechen sie den armen Tieren Nadeln in die Hoden, dass sie fast wahnsinnig vor Schmerz sind wenn man sie dann auf den Torero loslässt. Das laute, unheimliche Schnaufen, was dann von dem sich wild gebärdenden Stier zu hören ist, liegt daran, dass er keine Luft bekommt. Letztendlich hat er gegen den Matador kaum eine Chance.“Entsetzt und traurig sitze ich dann wieder mit Tanja am Feuer und berichte ihr die Geschichte die mir gerade ihr Vater erzählt hat. „Du solltest sie aufschreiben,“ meint sie in die Flammen sehend. „Das werde ich tun,“ antworte ich.

Wir freuen uns über Kommentare!

Tag: 13 Etappe Drei

Sonnenaufgang:
07:17

Sonnenuntergang:
18:08

Temperatur - Tag (Maximum):
20 Grad

Breitengrad:
22°43’24.2’’

Längengrad:
131°10’00.0’’