« Zurück       Weiter »

Das Mulgawäldchen

New Haven-Camp — 27.05.2002

„Ich möchte mich von euch verabschieden,“ sagt Barbara. Wir umarmen uns und wünschen ihr eine sichere Fahrt. Sie wird in wenigen Minuten mit Alex nach Alice Springs aufbrechen. Von dort geht es für sie weiter zur Hodgson Station, die von Alex Schwester betrieben wird und etwa 1200 Kilometer nördlich von Alice liegt. “Was wirst du denn auf der Station tun?“ ,möchte ich wissen. „Ich werde beim Rinderzusammentrieb helfen. Das Besondere auf Hogdson Station ist, dass auf Pferden geritten wird, um die Rinder aus dem Busch zu treiben.“ „Macht bestimmt viel Spaß,“ „Da bin ich mir ganz sicher,“ antwortet sie lachend und fragt uns wie lange wir noch auf New Haven bleiben werden. „Wer weiß das schon genau. Ich glaube nicht das wir noch da sind, wenn du wieder zurückkommst. Ich hoffe in zwei Wochen aufbrechen zu können,“ antworte ich, obwohl mir jetzt schon klar ist, dass dieser Aufbruchtermin kaum einzuhalten ist. „Ich wollte euch unbedingt ein Geschenk mit auf dem Weg geben. Da ich aber weiß, dass ihr ohnehin schon zu viel zu schleppen habt und ihr nichts Unnötiges dabei haben wollt, dachte ich mir ich schenke euch ein Lied.“ „Oh welch eine schöne Idee,“ antworten Tanja und ich gleichzeitig. „Alex komm bitte her!“ ,ruft sie ihn der sich gerade an seinem Lastwagen zu schaffen macht mit dem die beiden nach Alice fahren werden. „Wir müssen einen Kreis bilden und uns die Hände halten,“ fügt Barbara noch hinzu, worauf Alex sich schlurfend zu uns gesellt. Nachdem wir uns an den Händen gefasst haben ertönt Barbaras klare Stimme.

„MÖGEN SICH DIE WEGE VOR EUREN FÜSSEN EBNEN, DAMIT IHR NIEMALS STOLPERT UND NIRGENDS HÄNGEN BLEIBT

MÖGE EUCH DER WIND STETS IN DEN RÜCKEN BLASEN DAMIT IHR LEICHTER GEHT UND NIEMALS STEHEN BLEIBT

MÖGE WARM DIE SONNE STETS IN DAS HERZ EUCH SCHEINEN DAMIT IHR NIEMALS FRIERT AUCH NICHT IN KALTER ZEIT…MÖGE SANFTER REGEN AUF EURE FELDER FALLEN DAMIT DIE PFLANZEN WACHSEN UND ALLES GEDEIHT

AUF EUREN WEGEN…MÖGE GOTT DER HERR SEINE SCHÜTZENDE HAND ÜBER EUCH HALTEN JEDEN TAG…“

Tanja und ich sind von dem Lied so berührt, dass wir mit Tränen in den Augen dastehen und im ersten Moment nicht wissen was wir sagen sollen. Etwas verlegen blicke ich auf den Boden, um mir die Augen mit dem Handrücken zu trocknen. Als ich wieder aufsehe bemerke ich, dass selbst Alex, der von dem deutschen Text nicht mal etwas verstanden hat, feuchte Augen bekommen hat. „Das war sehr lieb von dir,“ meint Tanja was Alex und ich mit leichtem Kopfnicken bestätigen. Obwohl wir Barbara nur ein paar Tage kennen fühlen wir uns mit einander verbunden. Wir umarmen sie noch mal und winken dann dem in einer Staubwolke verschindenden kleinen Lastwagen hinterher.

„War ein liebes Geschenk,“ sagt Tanja als wir uns wieder an unsere Arbeit machen. „Ja, es geschieht nicht oft das jemand für uns singt. Ich fühle mich immer noch ganz berührt,“ antworte ich.

Gegen Mittag mache ich mich fertig, um in einem etwa zwei Kilometer entfernten Mulgawäldchen nach jungen Stämmen für die Sättel zu suchen. Alex hat mich gestern noch aufgeklärt das Mulgaholz wegen seiner Härte und Stabilität besonders gut für unsere Sättel geeignet ist. „Wo ist denn dieses Mulgaholz zu finden?“ ,fragte ich. „Es befindet sich am Fuße des Bergzuges,“ sagte er und deutete nach Nordwesten. Nachdenklich sehe ich auf die kleine Klappsäge, das Beil, eine Wasserflasche, das Funkgerät, um im Notfall mit Tanja Kontakt aufnehmen zu können und mein GPS damit ich mich in den Bergen nicht verirre. „Ich glaube alles zu haben!“ ,rufe ich Tanja zu, lasse Rufus in den Ford springen und verabschiede mich. Langsam folge ich der Wegebeschreibung von Alex. Am Fuße des Berges, etwa zwei Kilometer von der Homestead entfernt, entdecke ich die ersten Mulgabäume. „Sieht nicht besonders vielversprechend aus. Was meinst du Rufus?“ ,sage ich und stelle den Ford ab. „Na was ist? Willst du mitkommen?“ ,frage ich meinen Gefährten, der seinen Kopf zur Seite legt und mir eindeutig zu verstehen gibt lieber in seinem geliebten Auto zu bleiben. „Okay, dann halte hier die Stellung. Aber lass dir ja nicht einfallen in meiner Abwesenheit irgendwelche Hasen oder Kängurus zu jagen. Und lass dich bloß nicht auf einen der Dingos ein. Die machen dich fertig. Ist das klar?“ Als könnte er kein Wässerchen trüben gähnt er mich an. „Komm, jetzt tu nicht so scheinheilig du alter Räuber,“ sage ich und kehre ihm den Rücken zu, um in das halb vertrocknete Wäldchen zu gehen. Vorsichtig steige ich über das Spinifexgras und bin froh meine Gamaschen angezogen zu haben. Auf diese Weise können mir die spitzen Stacheln kaum etwas ausmachen und eine Schlange hat auch große Schwierigkeiten ihre Giftzähne durch das schützende Leder zu jagen.

Für unsere Sättel suche ich möglichst gerade gewachsene dünne Stämme. Es kostet mich viel Mühe in dem trocknen Land genügend Bäumchen zu finden. Die Meisten sind entweder von einem Buschfeuer vernichtet worden oder buchstäblich vertrocknet. Da viele der alten Sattelhölzer sich wie eine Schlange biegen, zu dick oder zu dünn sind habe ich mir vorgenommen das gesamte Gestell aller Afghanpacksättel auszutauschen. (Tagebuchübersicht vom 09.07.00. Tag 59). Der Rahmen eines Packsattel besteht aus 10 verschiedenen Holzstöcken von Besen- bis zur Schaufelstielstärke.

Mühsam arbeite ich mich, verfolgt von mehreren Fliegengeschwadern, durch das dichte Gestrüpp. Nach einer Stunde habe ich gerade mal fünf akzeptable Bäumchen gefunden. Wenn ich daran denke, dass ich mindestens 60 davon benötige, wird mir ganz schwindelig. „Ah, da ist einer!“ rufe ich triumphierend aus als ich endlich wieder ein gerade gewachsenes Stämmchen entdeckt habe. Mit meiner kleinen Axt hacke ich es um, entferne die Äste und prüfe ihn noch mal auf seine Brauchbarkeit. Nach drei Stunden komme ich durstig und verschwitzt zum Auto zurück. „Na du Faulpelz. Dir wäre es wahrscheinlich egal gewesen wenn mich da drin, im tiefsten Buschland, ein wilder Kannibalenstamm mitgenommen hätte?“ ,sage ich zu Rufus der auf der Ladefläche friedlich in der Sonne vor sich hindöst. Langsam erhebt er sich, wedelt mit seinen Schwanz und schleckt mir zur Begrüßung übers Gesicht. „Ähh! Lass das! Du weißt doch, dass du mir deine feuchte Zunge nicht übers Ohr schlecken sollst. Hättest mir ruhig etwas Gesellschaft leisten können,“ meine ich ihn freundlich streichelnd. Dann lade ich meine spärliche Ausbeute von 16 Stöcken ein und fahre zur Homestead zurück.

Im Workshop, der nichts anderes ist als ein verrostetes Wellblechdach auf altersschwachen Holzpfosten, entdecke ich einige wenige Werkzeuge, um meine Ausbeute zu bearbeiten. Obwohl es eine anstrengende Tätigkeit ist finde ich Gefallen daran. Es macht Freude die selbstgesuchten Stämmchen in Form zu bringen. Am Schraubstock, der nur mit einer Schraube an einem wackeligen Stahltisch befestigt ist, spanne ich die Mulgastämme ein. Dann säge ich sie auf die richtige Größe zu und entferne die Rinde mit meinem Leatherman (Taschenmesser mit den verschiedensten Werkzeugen).Am Abend sind wir von einigen Vogelliebhabern, die gestern hier angekommen sind, zum Essen eingeladen. Gerade als die Sonne untergeht erscheinen wir bei ihnen im Camp. Wir werden von einer wunderschön gedeckten Tafel überrascht. Eine im Wind flackernden Kerze wirft ihr freundliches Licht auf eingelegte Oliven und Zwiebelchen und Pumpernickelbrot mit Lachs und Kapern. Fasziniert betrachte ich mir die Weingläser in deren romantischen Glanz sich die Kerze vervielfältigt. „Welchen Wein dürfen wir euch anbieten? Vielleicht einen Neuseeländischen Weiswein zum Start?“ ,fragt John der in den Fünfzigern einmal ein Jahr in Deutschland verbrachte und unsere Muttersprache nahezu perfekt beherrscht. „Gerne,“ antworte ich überwältigt. Während unsere Geschmacksknospen jubilieren beantworten wir bereitwillig die vielen Fragen und erzählen die verschiedensten Erlebnisse unserer bisherigen Australiendurchquerung.Dann, als das letzte Tageslicht von einer zunehmenden Nacht verschlungen wird, lassen wir uns eine köstliche Känguruschwanzsuppe munden. Nur Tanja lehnt sie dankend ab. „Magst du eine Fertigsuppe oder eine Avocado?“ ,fragt Liz, die Frau von John fürsorglich. „Nein danke,“ antwortet Tanja freundlich und nippt an ihrem Rotwein den uns John mittlerweile serviert hat.Kaum haben wir unsere hungrigen Mägen mit all den Leckereien befriedigt bekommen wir von Ian & Valerie frisch gegrillte Rindersteaks mit Erbsen, Mais und Kartoffeln aufgetischt. Als Nachspeise gibt es zu einem süßen, hochedlen Portwein, frische Honigmelonen, verschiedenen Käse, Salzcracker und sogar Schokolade.Selten in unserem Reiseleben haben wir mitten in der Wildnis so köstlich gespeist und selten sind wir von wildfremden Menschen so fürstlich bewirtet worden. Doch wenn ich mir es recht überlege ist es uns in den letzten Jahren schon öfter wiederfahren in den entlegensten Winkeln dieser Erde zu einem wirklich außergewöhnlich und schmackhaften Mahl eingeladen worden zu sein. „Was glaubst du Denis? Meinst du wir sollten unseren Gastgebern anbieten ihnen morgen Nachmittag unsere Kamele zu zeigen?“ „Eine gute Idee. Wir müssen sie nur finden,“ antworte ich Tanja. Liz, John, Valerie und Ian sind von unserer Idee begeistert. „Wir haben noch nie wilde Kamele gesehen geschweige denn welche die zu einer Expedition gehören,“ sagen sie. Als uns zur fortgeschrittenen Stunde mehr und mehr die Kälte durch die Glieder kriecht und ich mich alle paar Minuten wie ein Hähnchen am Grill drehe damit auch mein Rücken vom Lagerfeuer gewärmt wird, ist es für uns Zeit sich von unseren großzügigen Gastgebern zu verabschieden.

Wir freuen uns über Kommentare!

Tag: 11 Etappe Drei

Sonnenaufgang:
07:17

Sonnenuntergang:
18:08

Temperatur - Tag (Maximum):
21 Grad

Breitengrad:
22°43’24.2’’

Längengrad:
131°10’00.0’’