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Menschen die den Ausgleich zwischen Krieg und Frieden erschaffen

New Haven-Camp — 21.05.2002

Jeden Morgen kommen einige der Volontäre, die wie die fleißigen Bienen Tag für Tag schuften, um den Nationalpark für eine breite Öffentlichkeit aufzubauen, an unserem Camp vorbeigelaufen. „Guten Morgen Tanja und Denis!“ ,rufen sie freundlich und wie immer bestens gelaunt. „Guten Morgen! Habt ihr gut geschlafen?“ ,antworten wir. „Bestens!“ ,ruft der 72 jährige Bill. Bill und seine siebzig jährige Frau Hennie sind vor 50 Jahren von Holland ausgewandert und leben seitdem in Australien. Sie haben vier Kinder und genießen seit 17 Jahren ihre Rente. Man sieht Bill nicht im Geringsten sein hohes Alter an. Er arbeitet jeden Tag mindestens 8 Stunden knallhart und wenn ich ihm zusehe frage ich mich woher dieser fleißige Mann die enorme Energie bekommt. Er und sein 66 Jahre alter Bruder Joop, der 25 Jahre in Pakistan als Entwicklungshelfer gearbeitet und gelebt hat, schweißen aus all dem alten Wellblech, Winkeleisen und anderem Farmschrott Toiletten für die kommenden Touristen zusammen. Joop hat seinen Bruder Bill in den letzten 25 Jahren nur dreimal gesehen. Er ist erst seit drei Wochen hier und nutzt seinen Urlaub, um Bill bei der anstrengenden Tätigkeit zu helfen. Ein alterschwacher Generator knattert mit ohrenbetäubendem Lärm. Er liefert die Energie die die beiden Männer benötigen, um ihre selbst gestellte Aufgabe zu bewältigen.

Von Zeit zu Zeit blicke ich auf und beobachte sie, denn der Workshop befindet sich nur 50 Meter von hier. Um mir die Beine zu vertreten erhebe ich mich aus meinen Stuhl und besuche Bill und Joop. Freundlich lachend sehen sie mich an. „Unglaublich was ihr da für die Allgemeinheit leistet,“ lobe ich. „Ja, ich frage mich selbst warum ich nicht meinen Golfschläger schwinge aber diese Arbeit hält uns jung und fitt,“ antwortet Bill, worauf Joop friedlich lächelt. „Wie viel Toiletten müsst ihr denn aufstellen?“ ,möchte ich wissen. „Es wird 7 Campplätze geben also müssen wir 7 Toiletten bauen,“ antwortet Bill. „Die sind ja ganz schön groß.“ „Ja, es ist eine Regierungsauflage Doppeltoiletten für beide Geschlechter zu bauen.“ „Und wer gräbt die Löcher?“ „Ich,“ sagt Bill laut. „Habt ihr dazu Maschinen?“ „Maschinen?“ prusten die beiden Brüder vor Lachen. „Unsere Maschinen sind unsere Arme. Wir müssen mit dem Pickel 3 Meter tiefe Aushebungen schaffen. Manchmal ist der Boden so steinig, dass wir nur 2 ½ Meter erreichen. Das Anstrengende ist, dass wir nicht einfach ein rundes Loch graben können. Unser Körper muss ja auch mit runter also musst du dir ein rundes Loch mit einem eben so tiefen ca. 2 Meter langen Schacht vorstellen. Letztendlich sieht es aus wie eine Bratpfanne mit Stiel,“ erklärt mir Bill. Da ich in meinem Abenteuerleben schon so einige Wasserlöcher gegraben habe kann ich mir seine Beschreibung genau vorstellen. „Das ist bei der Hitze eine gnadenlose Schufterei,“ sage ich anerkennend. „Ach wir haben ja sonst nichts zu tun,“ scherzt Bill worauf sein liebenswerter Bruder wieder lächelt. „Ihr seid ja richtige Profis im Schweißen. Was war denn dein Beruf?“ „Ich unterrichtete an der Universität Fotografie,“ verblüfft mich der 72 jährige Mann mit seinem langen weißen Bart. „Und wo hast du das Schweißen gelernt?“ „Letztes Jahr waren wir auch schon mal für zwei Monate hier. Da habe ich es mir selbst beigebracht. Es war am Anfang wirklich nicht leicht aber letztendlich ist es wie mit allem, wenn man wirklich will lernt man alles. Und wie du siehst bin ich mittlerweile ein brauchbarer Scheißhausschweißer geworden,“ lacht er über seinen Witz worauf Joop und ich ebenfalls mitlachen müssen. „Ich möchte euch nicht länger von der Arbeit aufhalten und wünsche noch viel Spaß und Energie,“ verabschiede ich mich.

Nachdenklich gehe ich dann zu meinem Schreibplatz zurück. Es ist kaum zu glauben was manche Menschen tun. Die meisten Touristen werden nie in ihrem Leben von Joop, Bill, seiner Frau Hennie und all den anderen freiwilligen Helfern erfahren die solche Oasen in der Natur schaffen. Nie wird ihnen jemand die Hände schütteln, sie in einem Buch erwähnen oder ihnen öffentliche Anerkennung schenken. Es sind Menschen die vollkommen uneigennützig und unendgeldlich arbeiten und noch dazu Freude dabei haben. Es sind Menschen die ihre Genugtuung daraus gewinnen für Mutter Erde etwas Positives zu schaffen. Menschen für die es viel mehr gibt als Geld, Ruhm und Applaus. Ich bin froh sie getroffen zu haben und glücklich zu sehen zu was der Mensch in der Lage ist. Genau solche Individuen erschaffen den Ausgleich zwischen Gut und Böse, zwischen Negativ und Positiv und letztendlich zwischen Krieg und Frieden.

IM CAMP DER VOGEL- UND MINERALIENLIEBHABER

Nach dem es dunkel ist besuchen wir das Camp der Volontäre. Mit unserer Lucido Stirnlampe leuchten wir uns den Weg durch die Nacht. Nur ein paar hundert Meter weiter finden wir sie. Sie sitzen alle zusammen um ein Lagerfeuer. „Ah, hallo ihr beiden,“ begrüßen sie uns freundlich. Wir klappen unsere Stühle auseinander, die wir mitgebracht haben und setzen uns zu ihnen ans Feuer. Bob und June haben ein Mikroskop und zwei durch die Autobatterie betriebene Scheinwerfer aufgebaut. „Seid ihr bereit die wunderbaren Formen und Farben der Mikrokristalle zu entdecken?“ ,fragt uns Bob. „Klar,“ antworten wir. Bob legt nun einen unscheinbar aussehenden kleine Stein unter die Lupe und fordert mich auf einen genaueren Blick durch das Mikroskop zu werfen. „Das ist ja unglaublich,“ rufe ich begeistert. Ich ergründe den Blumengarten einer unwirklichen Fantasiewelt der mich mit allen erdenklichen Farben entzückt. Kaum habe ich mich an der kleinen Schönheit sattgesehen liegt ein anderer Kristall unter der Linse. In einer ungeahnten, kaum zu beschreibende Landschaft eröffnen sich Senken von glühendem Smaragdgrün, Purpurviolett über den Heidebüschen und brennendes Rubinrot in den Gipfeln der Hügelketten. Verblüfft wende ich meinen Kopf, um den vermeintlich unscheinbaren Stein mit bloßen Auge zu betrachten. „Ja, es ist kaum zu glauben worauf du während der letzten 4000 Kilometer deine Füße gesetzt hast,“ sagt Bob. „Du meinst solche kleinen Wunderwerke der Natur liegen da auf der Erdoberfläche herum?“ frage ich erstaunt. „Oh ja. Viele liegen an der Oberfläche und nach manchen muss man graben. Da schau dir diesen an. Der wird dir besonders gut gefallen,“ meint er und legt einen weiteren kleinen Stein unter das Vergrößerungsglas. Diesmal sieht es aus wie eine Diamantenhöhle in der kleine schwarze, grotesk aussehende Bäume ihre Kronen gen Himmel strecken. Wieder bin ich begeistert von der Schönheit die uns diese für uns völlig neue Welt der Natur bietet. Mit den blumigsten Worten schwärme ich leise, worauf sich Bobs Gesicht zu einem breiten Lächeln verzieht. „Wir haben über 4000 verschiedene Exemplare in unserem Leben gesammelt und archiviert. Jetzt geht ein Teil unserer Sammlung zu einem Museum in Victoria,“ sagt er nicht ohne Stolz.

Auch Tanja und die anderen Gäste am Campfeuer werfen der Reihe nach einen Blick durch das Mikroskop. Wir sehen uns noch weitere der farbefrohsten Wunderwerke an bis die Vogelliebhaber anfangen uns mehr und mehr Fragen über unser Expeditionsleben zu stellen. „Nun, es ist nicht leicht das Leben mehrer Bücher in eine einzige Geschichte zu packen aber wir werden versuchen euch einen Überblick zu geben,“ sage ich in Erzählstimmung und beginne unsere Reiseroute von Deutschland bis nach Australien zu schildern. Das trockene Feuerholz knackt, Funken stieben in die Sternennacht als ich mich mitten in Pakistan befinde und von der unheimlichen Szenen berichte wie ich einen muskulösen Kamelbullen ritt. Wie der Bulle unter mir vor Kraft explodierte, mit mir durchging, ich um mein Leben bangte und ein mutiger, stolzer Pakistaner uns entgegen rannte, den Kamelhengst ansprang und mich so vor den zweifellos schlimmen Folgen eines Sturzes rettete.

IST ES MÖGLICH SICH VON CAMPFEUER ZU CAMPFEUER ZU VERIRREN?

Es ist schon 22 Uhr als wir uns von unseren Gastgebern verabschieden. Tanja läuft voraus, um uns in der dunklen Nacht nach Hause zu führen. „Ich glaube nicht, dass dies der richtige Weg ist,“ sage ich. „Der stimmt schon,“ antwortet sie und läuft weiter. Zweifelnd folge ich ihr doch als wir plötzlich über Äste und umgefallene Bäume steigen müssen rufe ich: „Das ist falsch! Jetzt bleib doch bitte stehen!“ „Okay, ich folge dir,“ antwortet sie endlich einsehend nicht richtig zu sein. Wir sind erst 100 Meter gelaufen und schon fällt es mir schwer die Orientierung zurück zu erlangen. Ich lasse meinen Blick hin und her schweifen und überlege eine Weile ob wir umkehren oder die von Tanja eingeschlagene Richtung einfach um 90 Grad ändern. „Na was ist? Weißt wohl auch nicht mehr wo unser Camp ist?“ ,sagt Tanja worauf ich mich etwas provoziert fühle. „Doch,“ antworte ich trotzig. „Lass uns nach rechts gehen.“ Jetzt befindet sich hinter uns der Hügel den wir von unserem Camp aus sehen können. Wenn er hinter mir liegt muss die Richtung stimmen. Doch das Lager der Volontäre liegt am Fuße des Berges und egal welche Richtung wir einschlagen, irgendwann liegt der Berg immer hinter uns, denke ich und werde mir unsicher. Ich blicke zum Himmel und sehe den Mond zu meiner Linken. „Das ist richtig,“ flüstere ich und bleibe bei meinem Entschluss. Tanja stapft nun hinter mir her und sagt keinen Ton. Ärgerlich, jetzt einen Nachtmarsch einlegen zu müssen, gehe ich stramm voraus. Plötzlich treffen wir auf einen Track. „Der muss zur Homestead führen,“ stelle ich fest und hoffe, dass es keiner der vielen Wege ist die es im Regelfall auf einer Station gibt und einem letztendlich völlig in die Irre führen. Nach 10 Minuten ist uns beiden völlig klar unser Camp verloren zu haben. Natürlich könnten wir um Hilfe rufen, falls wir uns wirklich verlaufen sollten, doch welche Schmach wäre es für uns, nachdem wir 4000 Kilometer Fußmarsch durch das Outback überlebt haben. Normalerweise führe ich immer ein GPS, Karten und Kompass mit mir, nur in diesem Fall sieht es anders aus. Man kann doch nicht damit rechnen auf einem 200 Meter kurzem Weg von einem zum anderen Campfeuer verloren zu gehen? Die schmale Erdpiste biegt plötzlich nach links ab, führt in einen 180 Grad Bogen, worauf wir jetzt wieder in die Richtung gehen aus der wir gekommen sind. Nun befindet sich der Mond auf unserer rechten Seite und der Hügel wieder vor uns. Wenn mich mein Orientierungssinn nicht völlig im Stich gelassen hat müsste in wenigen Minuten das Farmhaus auf der rechten Seite auftauchen. „Da ist es,“ sage ich wenig später erleichtert. Schweigend treten wir in den Wohncontainer ein, waschen uns, putzen unsere Zähne und kriechen dann in unser Zelt.

Wir freuen uns über Kommentare!

Tag: 5 Etappe Drei

Sonnenaufgang:
07:14

Sonnenuntergang:
18:09

Temperatur - Tag (Maximum):
30 Grad

Breitengrad:
22°43’24.2’’

Längengrad:
131°10’00.0’’