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Endlich wieder im Outback

New Haven-Camp — 17.05.2002 - 19.05.2002

Wieder verlassen wir unser gemütliches Schlafgemach erst um 8 Uhr 30. Die Sonne steht bereits relativ hoch am Himmel und ist im Begriff ihre volle Kraft zu gewinnen. Alex kommt uns begrüßen und fragt ob alles in Ordnung ist. „Wundert euch nicht über die vielen Leute hier. Wie ihr wisst wird in wenigen Monaten New Haven als Vogelnationalpark eröffnet. Im Augenblick haben wir hier 7 freiwillige Helfer. Sie bauen Beobachtungsstände, Toiletten, Unterkünfte, Wege und so weiter. Aber lasst euch nicht stören es sind alles nette Leute,“ sagt er mit freundlicher Stimme.

„Wann wollt ihr denn zu Babbler Bore ziehen?“ ,fragt er nach einer kurzen Redepause und ehe ich antworten kann meint er: „Heute habe ich keine Zeit eure Sättel, Wasser und alles was ihr dort benötigt hinzufahren aber am Sonntag habe ich frei.“ „Was machst du denn heute?“ ,möchte ich wissen. „Ach wir haben 62 Pferde und ca. 100 Rinder zusammengetrieben. Ein Truck kommt morgen, um sie nach Alice Springs zu fahren,“ antwortet er. Da Tanja sich entschieden hat erst mal die gesamte Nahrung für die nächsten 8 Monate in Ortliebsäcke zu packen müssen wir sowieso noch einige Tage hier neben der Homestead verbringen. Auch ich bin die nächsten Tage beschäftigt unsere Geschichte zu schreiben, die Technik auszusortieren, zu testen und die kaputten Sättel auf den Umfang der entstandenen Schäden zu untersuchen. „Da ist eine riesige Ladung von eurem Sponsor Rapunzel in der Scheune. Es sind ca. 200 Kilogramm. Ihr könnt jeder Zeit ins Haus wenn ihr wollt und euch das Zeug holen. Ich hoffe, dass es mittlerweile nicht von Mäusen aufgefressen worden ist aber ich habe es vorsichtshalber auf zwei alten Benzinfässern gelagert,“ sagt Alex in seiner lockeren Art und schlurft davon. Tanja und ich sind ganz aufgeregt wie die Rapunzellieferung die lange Reise von Deutschland nach Australien und bis hierher in den entlegenen Busch überstanden hat. Schnell entladen wir unseren Anhänger, stellen uns bei einigen der freiwilligen Helfer vor und eilen danach in die Scheune in der Alex seit 1958 haust. (Tagebuchtext vom 26.11.01 Tag 164 Etappe Zwei) Die alte, verrostete Blechhütte ist unverändert und hat nichts von ihrem Flair verloren. Alex stellt uns Babara vor die hier als Jilleroo (Cowgirl) arbeitet. Barbara ist aus Deutschland und begrüßt uns mit ihrer einnehmenden freundlichen Art. „Und das ist Matthew,“ stellt uns Alex einen 19 jährigen, sehr gut aussehenden Amerikaner vor der hier ebenfalls auf der Farm als Jackeroo (Cowboy) arbeitet. Alex greift immer wieder auf Touristen als Arbeitskräfte zurück. Er ist mit ihnen sehr zufrieden, zeigt ihnen das Buschleben und sorgt dafür, dass es ihnen sehr gut geht. Alle Helfer die wir bisher gesprochen haben sagen einstimmig das Gleiche: „Es gefällt uns ausgesprochen gut hier und Alex ist eine ausgesprochen gutherzige Menschenseele.“

„Wau, das sieht ja wirklich beeindruckend aus!“ ,ruft Tanja freudig. Seitdem wir auf unseren Expeditionen festgestellt haben wie wichtig es ist die richtige Nahrung zu konsumieren, um die Leistung zu bekommen die wir dem Körper abfordern, steigen wir mehr und mehr auf biologische Naturkost Produkte um. Vor allem wollen wir die chemischen Zusätze vermeiden die sich wie ein roter Faden durch unsere Lebensmittelkette ziehen.

Vor wenigen Monaten konnten wir die Firma Rapunzel für unsere Red Earth Expedition als Sponsor gewinnen und da wir wissen wie wichtig eine gesunde Ernährung ist, freuen wir uns wie die kleinen Kinder über den riesigen Kistenberg aus Deutschland. Es war natürlich nicht leicht all die leckeren Sachen durch die Quarantäne zu bringen, doch die überaus freundlichen Mitarbeiter dieser Firma haben es möglich gemacht das fast alles was sie geschickt haben hier ankam.

Barbara hilft uns die vielen Kisten in den Anhänger zu laden. Dann fahre ich den Ford vor den Wohncontainer den wir nutzen dürfen, um unsere Ausrüstung und Lebensmittel zu sortieren. Ohne eine Minute Zeit verstreichen zu lassen beginnt Tanja mit ihrer bald unüberschaubaren Arbeit. In kurzer Zeit sieht es aus als hätte eine Bombe eingeschlagen. Sie muss ca. 600 Kilogramm Nahrungs- und Hygienemittel für die nächsten 8 bis 9 Monate sortieren und jedes einzelne Produkt in einer sehr umfangreichen Liste festhalten. Nichts darf fehlen und nichts soll dabei sein was wir nicht unbedingt benötigen. Es ist gelinde gesagt eine irre Arbeit in die ich mich kaum hineinmischen darf und ehrlich gesagt auch nicht möchte. Seit Jahren ist Tanja die Chefin der Logistik und sie ist ein richtiger Experte geworden.

Während sie also in dem von Moskito verseuchten Wohncontainer schuftet, baue ich meine Technik auf, um diese Zeilen schreiben zu können. Ich lege also ein flexibles, etwa 1 ½ Meter langes Solarpaddel in die Sonne, stecke es an meine 20 Kilogramm schwere Autobatterie und hole den Laptop aus dem wasserdichten Pelican Koffer. Dann Schließe ich das Netzteil des Computers an die Batterie an und schalte ihn ein. Während er sich hochlädt baue ich den Klapptisch und Stuhl auf und bin fertig. Kaum beginne ich mit dem Schreiben überfallen mich unzählige von Fliegen. Sie kriechen mir in die Augen, Ohren und Nasenlöcher. Nur wenige Minuten halte ich es aus, dann breche ich ab, um mein Fliegennetz zu suchen. Mit dem Netz, welches ich mir über den Kopf stülpe, lässt es sich besser arbeiten, nur dass ich kaum den Bildschirm erkenne. Erst jetzt wird es mir wieder bewusst was es bedeutet hier draußen zu schreiben. Obwohl wir nur kurz in Deutschland waren wurde ich schnell von einem gut temperierten Büro, mit bequemen Bürostuhl, Tisch, Licht und allem was dazugehört vom Buschleben entwöhnt. Bald hatte ich in der zivilisierten Welt vergessen wie es ist zu arbeiten ohne das man ständig Fliegen ausspucken muss oder durch das Kratzen der vielen Moskitostiche abgelenkt wird. Nun, wie auch immer, jetzt sind wir wieder da und mir bleibt nichts anderes übrig als mich an all die Widrigkeiten zu gewöhnen.

Von Zeit zu Zeit stehe ich schwitzend und ein wenig entnervt auf um nach Tanja zu sehen. Sie ist tatsächlich in ihrem Reich und in dem Berg von Rapunzelschachteln, Reitertüten und all dem anderen Zeug was wir hier noch gekauft haben fast nicht zu sehen.

Nachdem es dunkel geworden ist arbeitet Tanja immer noch. Mit ihrer Stirnlampe ist sie über eine Liste mit Zahlen und Nahmen gebeugt. „Komm lass uns für heute Schluss machen,“ sage ich. „Ich kann nicht. Wenn ich alles so liegen lasse werden es heute Nacht die Mäuse als Festmahl verspeisen,“ antwortet sie müde.Erst um 20 Uhr gehen wir Alex in seiner Scheune besuchen. Er sitzt in seinem völlig verschmutzten Arbeitsoverall an dem wackeligen Tisch und unterhält sich mit Barbara, Matthew und Peter. Peter ist Biologe und bestimmt hier auf dem zukünftigen Nationalpark die Pflanzen. Über 600 verschiedene Arten listet er fein säuberlich auf, hält den Fundort mit den dazugehörigen Koordinaten, die Anzahl und vieles mehr in einem Verzeichnis fest. Dann presst er die einzelnen Exemplare zwischen Kartons. Er zeigt uns sein 1995 veröffentlichtes wunderschönes Buch über die Vegetation des Outbacks worin auch einige Gewächse nach ihm benannt sind. Es ist hochinteressant sich mit ihm über seine Arbeit zu unterhalten.

Etwas später, bei diffuser Beleuchtung und netten Gesprächen, übergeben wir Alex ein paar deutsche Weingläser die wir für ihn mitgebracht haben. „Ah, das ist seht freundlich. Vielen Dank. Jetzt fehlt nur noch der Wein dafür,“ lacht er und zwinkert mit seinen schelmischen Augen. „Hier ist der Wein,“ sage ich und gebe ihm eine Flasche Dornfelder den wir ebenfalls mitgebracht haben. Wir lachen alle zusammen recht herzhaft. Matthew verteilt den Eintopf, Barbara schneidet selbstgebackenen, frischen Damper an und Alex öffnet eine Flasche seines Hausweins. Wir unterhalten uns über unsere zukünftige Route, dem Rinder und Pferdezusammentrieb, über Kamele und dem Buchsfeuer welches unweit der Farm sein Unwesen treibt. Es ist ein schöner Abend. Ein Abend wie es im Herzen des Outback an der Tagesordnung ist.

Wir freuen uns über Kommentare!

Tag: 1-3 Etappe Drei

Sonnenaufgang:
07:11

Sonnenuntergang:
18:11

Tageskilometer:
33 Grad

Breitengrad:
22°43’24.2’’

Längengrad:
131°10’00.0’’