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Abenteuerliche Fahrt nach New Haven Station

New Haven-Camp — 16.05.2002

Weil es bis New Haven Station nur ca. 350 Kilometer sind lassen wir uns mit dem Aufstehen Zeit. Erst als die wärmenden Sonnenstrahlen uns aus dem Zelt zwingen verlassen wir unsere Behausung. Nach einem ausgiebigen Frühstück packen wir langsam alles zusammen, duschen noch mal und verlassen den Campingplatz.

Da unser betagter Ford in den letzten Tagen unter einigen Wehwehchen gelitten hat und ein Kurzschluss die Batterie entlud, musste ich ein paar kleinere Reparaturen durchführen. Anscheinend hat sich aber die Batterie bis heute nicht richtig erholt und so klingt der Motor beim Anlassen etwas seltsam. „Könnte das Starterrelais sein,“ sagte unser Zeltnachbar der glücklicherweise Automechaniker ist. „Bevor ihr in die Wüste fahrt solltest du dir einen Ersatz dafür besorgen,“ meinte er noch mit ernstem Blick, weshalb wir jetzt durch Alice fahren um dieses Ding zu kaufen.

„Oh das Teil führen wir schon seit zwei Jahren nicht mehr,“ sagt der Verkäufer des Fachgeschäftes. Geknickt verlasse ich den Laden und suche einen Gebrauchtwagen- oder besser gesagt einen Schrotthändler auf. „No worrys,“ (kein Problem) lächelt der Mann und reicht mir für 5 Dollar das wichtige Ersatzteil. Erst gestern habe ich bei ihm den selten gewordenen Schaltknüppelknauf gekauft der ebenfalls in den letzten Tagen seinen Geist aufgegeben hat.

Obwohl es eigentlich schon zu spät ist verlassen wir Alice Springs um kurz nach 14 Uhr. Wir fahren die ersten Kilometer auf dem gut ausgebauten Stuart Highway bis eine Kreuzung uns auf die schmale Tanami Road führt. Damit es auf dem engen Fahrstreifen keinen schlimmen Zusammenstoß gibt, muss ich bei jedem entgegenkommenden Fahrzeug abbremsen und auf den unbefestigten Seitenstreifen ausweichen.

„Mein Gott! Der rast ja wie ein Irrer!“ ,rufe ich entsetzt als ein auf uns zukommender Jeep mit ca. 120 Stundenkilometer an uns vorbeischießt. Die aufgewirbelten Steine des Seitenstreifens fliegen wie kleine Geschosse durch die Luft und hämmern gegen unsere Windschutzscheibe. „Puh, Glück gehabt,“ lässt Tanja die Luft durch ihre zusammengepressten Zähne zischen. Kaum ist der Jeep wieder vergessen kommt ein anderer in gleicher Geschwindigkeit vorbeigedonnert. „Die scheinen nicht ganz dicht zu sein!“ schimpfe ich. Ab diesem Zeitpunkt halte ich bei jedem vorbeidonnernden Allradfahrzeug eine Hand vors Gesicht denn es kann durch aus sein das einer der aufgewirbelten Steine wie ein Geschoss durch die Scheibe fliegt. Auch einige Pkws fahren schnell an uns vorüber, jedoch müssen sie wie wir auf dem Seitenstreifen abbremsen. Obwohl wir hier nur alle 10 Minuten einem Auto begegnen, können wir wegen deren Fahrverhalten die Landschaft kaum genießen.

Wir gleiten gerade mit 100 Stundenkilometer über den Asphalt als uns ein Ford so dicht auffährt, dass wir uns regelrecht bedroht fühlen. Ich denke gerade darüber nach langsam abzubremsen, als hinter dem Ford ein Jeep auf den Schotterstreifen ausschert. Wie eine Rakete rast der Kamikaze dicht an uns vorbei. Noch ehe ich unsere Geschwindigkeit verringern kann fliegt uns ein Kugelhagel aus unzähligen Steinen um die Ohren. Es kracht und knallt derart gegen die Windschutzscheibe und das Blech, dass man meinen könnte das Ende unserer Tage sei besiegelt. Kaum schnaufen wir erleichtert auf als der Ford in gleicher wahnwitziger Weise an uns vorüberschießt. Wieder hagelt es Steine doch unser Auto und wir bleiben unversehrt.

So geruhsam und relaxt die Fahrt auf dem Highway war so anstrengend und gefährlich ist sie hier. „Was ist denn nur in diese Menschen gefahren?“ ,frage ich mehr mich selbst. „Als ob sie auf einem Rennen sind,“ sagt Tanja. „Ja, nur was macht es für einen Sinn wenn sie es nicht gewinnen können,“ antworte ich.

Eine Stunde später begegnen wir keinem entgegenkommenden Auto mehr worauf sich die Situation entspannt. „Oh nein!“ ,rufe ich. „Was ist denn?“ fragt Tanja. „Da vorne hört der Asphalt auf,“ stelle ich fest und hoffe das die Schotterpiste nicht so schlecht ist wie die Abkürzung die wir vor einigen Tagen nehmen wollten. Die ersten Kilometer kommen wir tatsächlich gut voran. Es rumpelt und scheppert zwar manchmal aber trotzdem muss ich nicht langsamer als 70 Kmh fahren. Guter Dinge holpern wir so über die Tanami Road immer weiter in die Tanami Wüste bis der schlechter und schlechter werdende Untergrund unseren armen Ford in seinen Grundfesten grausam erschüttern läst. Damit er uns nicht einfach in der Mitte auseinander bricht verringere ich die Geschwindigkeit. Doch selbst jetzt Klappert, rasselt und klirrt es fürchterlich. Am Ende wackeln wir mit 15 Stundenkilometer über die von den großen Roadtrains festgefahrenen Bodenwellen. „Wir werden New Haven nicht vor Sonnenuntergang erreichen,“ sage ich mich auf den schrecklichen Acker konzentrierend. Um den schlimmen, wie betonierten Wellen auszuweichen fahre ich soweit links wie möglich. Auf diese Weise gleiten die Räder durch feineren Sand. „Bloß nicht stecken bleiben,“ warnt Tanja als unser Anhänger verdächtig zu schlingern beginnt. „Das ist keine Straße für einen normalen Pkw sondern eher für einen Panzer,“ fluche ich leise. Hinter uns taucht plötzlich eine gigantische Stauwolke auf. Minuten später quält sich einer dieser Monster Roadtrains aus dem Staubnebel. Gebannt sehe ich im Rückspiegel das er drei Anhänger zieht. „Schnell die Fenster zu!“ rufe ich. Kaum haben wir uns in den Fahrgastraum eingeschlossen donnert das Ungetüm wie ein schweres Gewitter an uns vorbei und hüllt seinen dichten, roten Staubnebel über uns. Schlagartig ist die Sonne verdunkelt und von der Piste nichts mehr zu erkennen. Über 1000 Kilometer müssen sich die Truckfahrer mit ihren riesigen Lastkraftwagen über diesen Wüstenacker schinden, um bei Halls Creek auf dem Great Northern Highway zu stoßen. Erst dort können sie wieder mit Asphalt rechnen. „Ich möchte nicht mit ihm tauschen,“ sage ich auf den in der überdimensional großen Staubwolke verschwindenden Truck deutend.

Durch die völlige Windstille bleibt der feine Staub in der Luft. Die Sonne, die ihre Strahlen nahezu chancenlos durch die rote Wand schickt, hat aber nichts an ihrer wärmenden Kraft verloren, so dass wir in unserem ächzenden Ford fürchterlich zu schwitzen anfangen. Nach einiger Zeit entscheiden wir uns lieber den Staub zu atmen als unter der dicken Luft hier drin zu leiden und kurbeln hastig die Fenster hinunter. Rufus freut sich ganz besonders über diese Entscheidung und streckt seinen halben Oberkörper aus seinem Fenster. Für ihn ist die Fahrt das reinste Vergnügen. Endlich kann er wieder seine Echsen, Kängurus und Rinder aufspüren. Jedes mal wenn er im dichten Gebüsch etwas Verdächtiges entdeckt bellt er es aus Leibeskräften an und wedelt fürchterlich aufgeregt mit seinem Schanz.

Wir erreichen das Roadhouse Tillmouth wo wir die letzte Gelegenheit zum Tanken nutzen. „Schockierend schlechte Straße,“ sage ich zu der Frau die die abgeschlossenen Tanksäule aufsperrt. „Es wird noch viel schlechter,“ antwortet sie trocken und lacht. „Noch schlechter? Ich hoffe unser Gefährt hier spielt da mit,“ meine ich auf unser verschmutztes Auto deutend. Als ich dann zahlen möchte begegne ich einem Jeepfahrer der gerade seine steifen Glieder streckt, um sich nach einer anstrengenden Fahrt zu lockern. „Ein Alptraum, einfach ein Alptraum,“ ruft er mir zu. „Mit deinem tollen Auto muss es doch das reine Vergnügen sein!“ antworte ich lachend worauf er nur die Schultern zuckt. Wenn er einer von denen ist die mit 140 Kmh über den Schotter fliegen wundere ich mich nicht das er von einem Alptraum spricht, denke ich mir und öffne die Tür zum Roadhouse.

Die Sonne ist gerade im Begriff sich vom heutigen Tag zu verabschieden als wir uns immer noch im Schritttempo voranarbeiten. Für die letzten 10 Kilometer haben wir 35 Minuten benötigt. Die rechte vordere Radaufhängung klappert in zwischen so laut, dass wir Angst haben der Reifen fällt in den nächsten Minuten ab. Mittlerweile haben wir seit unserem Aufbruch in Alice Springs gut 200 Kilometer zurückgelegt doch es liegen noch weitere 150 Kilometer vor uns. „Hoffentlich verpassen wir nicht die Abzweigung zu New Haven,“ sage ich leise. Ich glaube wir sollten hie irgend wo unser Lager aufschlagen,“ antwortet Tanja. „Hier wo die Roadtrains uns im Staub ersticken lassen?“ „Stimmt, dann müssen wir die Kreuzung noch heute finden,“ sagt sie vor Müdigkeit gähnend.

Es ist bereits so dunkel das am Firmament nur noch ein leichter Schimmer verrät wo sich der rotglühende Feuerball schlafen gelegt hat. „Da vorne ist ein Schild!“ ruft Tanja als das fahle Licht den Staubnebel durchbricht und ein kleines Schild kaum merklich aufschimmern lässt. „New Haven, Mount Wedge,“ lese ich laut. “Ich bin mir nicht sicher ob es weiter nördlich noch einen anderen Weg gibt. Eigentlich müsste hier New Haven Homestead (Homestead bedeutet frei übersetzt Farmhaus) stehen. Ich hoffe nicht das dieser Weg nur auf das Farmgelände führt,“ sage ich grübelnd. Nach einigen Denkminuten verlassen wir die Tanami Road und halten auf dem schmalen Erdtrack an. „Ich hole die Karten aus dem Anhänger und messe die Koordinaten heraus. Dann wissen wir ob wir richtig sind,“ sage ich. Als ich die Tür des Anhängers öffne trifft mich fast der Schlag. Unsere gesamte Ausrüstung ist mit einer dicken Staubschicht überzogen. „Hoffentlich haben die Kameras nichts abbekommen,“ meine ich, „Zum Glück ist alles in den wasserdichten Ortliebbeuteln verpackt,“ beruhigt mich Tanja. „Zum Glück,“ sage ich, ziehe hustend vor feinem Staub die Kartentasche heraus und öffne sie. Auf der Kühlerhaube entfalte ich die Navigationskarte, messe mit dem Lineal die Koordinaten heraus und vergleiche sie mit den Daten die mir der Satellitennavigationscomputer anzeigt. „Wir sind richtig,“ stelle ich erleichtert fest.

Als wir weiterfahren ist bereits der Mond als schmale Sichel am Himmel zu sehen. Millionen von Sternen leuchten mit einer Kraft wie es nur hier, weit weg von jeglicher menschlicher Zivilisation, zu bewundern ist. Die Piste ist im Vergleich zur Tanami Road ein Traum, trotzdem fahren wir nur ca. 40 oder 50 Kmh. Leicht kann aus dem dichten Gebüsch, welches den Weg links und rechts säumt, ein Känguru, eine Kuh oder ein Kamel vor das Auto springen. Deswegen müssen wir beide jetzt höllisch aufpassen. Kaum haben wir die ersten Kilometer hinter uns treffen die Schweinwerfer auf einen mächtigen Kängurubullen der mitten im Weg steht. Ich bremse ab und bleibe etwa 10 Meter vor dem Tier stehen. Er zeigt nicht die geringste Angst, richtet sich im Licht zu seiner vollen Größe auf und blickt in unsere Richtung. „Der würde dich glatt umhauen wenn du ihm die Hand schütteln wolltest,“ meint Tanja ganz aufgeregt. „Nun, dann steige ich besser nicht aus um ihn zu begrüßen,“ antworte ich leise. „Schau mal was er für kräftige Muskeln hat,“ sagt Tanja begeistert. „Der könnte gut und gern 2 Meter groß sein,“ flüstere ich. Durch das Licht der Schweinwerfer geblendet bewegt er sich keinen Zentimeter vom Fleck. Wir wissen von den Kängurujägern, die wir in den vergangenen Jahren getroffen haben, dass sie die großen Beuteltiere mit dieser Taktik leicht erlegen können und nicht selten in einer Nacht 30 oder 40 Tiere schießen. Ich schalte das Aufblendlicht aus und fahren vorsichtig näher an ihn heran worauf er plötzlich mit großen Sätzen im Dunkel der Nacht verschwindet.

Auf unserer weiteren Fahrt sehen wir viele Eulen die auf dem Weg sitzen. Erst als wir uns bis auf wenige Meter nähern fliegen auch sie davon. Springmäuse rasen im Scheinwerferlicht über den Track und nicht selten sehen wir zwei glühende Augen im nahen Gebüsch aufblitzen.

An einer Kreuzung überprüfe ich noch mal mit dem GPS ob wir noch richtig sind. Gegen 21 Uhr werden wir todmüde doch wir haben uns entschieden heute noch die Farm zu erreichen. Wir kommen durch viele Gatter die alle offen stehen. „Pass auf das Tor ist geschlossen!“ ,warnt mich Tanja. In letzter Sekunde kann ich unseren schwer beladenen Zug abbremsen und komme kurz vor dem Rindertor zum stehen. Es ist die äußere Grenze von New Haven, lesen wir auf einem Schild. Tanja steigt aus um das Tor zu öffnen. „Kein Wunder das die Aborigines manchmal so ein Tor umfahren,“ meine ich, denn so mancher Farmbesitzer hat uns davon berichtet das dies immer wieder geschieht.

Für die nächsten 35 Kilometer benötigen wir eine geschlagene Stunde. Erst um 23 Uhr erreichen wir erleichtert die abgelegene Station die wir im Dezember letzen Jahres verlassen haben. Kaum habe ich den Ford geparkt kommt Alex in seinem gestreiftem Pyjama auf uns zu. „Schön das ihr so pünktlich seid,“ sagt er mit seinem ironischem Humor und streckt uns lachend die Hand entgegen. „Wir begrüßen uns freudig und erzählen kurz von unserem Trip. „Wenn ihr möchtet könnt ihr euer Zelt wieder dort vor dem Wohncontainer aufschlagen,“ bietet er uns an. „Gern,“ antworte ich und fahre unser betagtes Gefährt vor die Hütte. Schnell ist unser Zelt aufgebaut und noch schneller liegen wir in unseren Schlafsäcken. Wir sind zufrieden dieses Abenteuer ohne Panne überstanden zu haben und fallen in einen tiefen Schlaf.

Wir freuen uns über Kommentare!

Sonnenaufgang:
07:11

Sonnenuntergang:
18:11

Luftlinie:
297 Fahrt 350 Km

Temperatur - Tag (Maximum):
32 Grad

Breitengrad:
22°43’24.2’’

Längengrad:
131°10’00.0’’