« Zurück       Weiter »

Hätten sie es auch ohne unsere Hilfe geschafft?

Pandoora-Station-Camp — 08.05.2002

„Was, ihr wollt von hier nach Port Augusta fahren, um nach Cooper Pedy zu kommen? Das ist ein gewaltiger Umweg. Ihr seid besser dran, wenn ihr die Abkürzung von Wirrulla nach Kingoonya nehmt. Das spart euch zwischen 300 und 400 Kilometer,“ empfiehlt uns Browny der Inhaber des Shelly Beach Caravan Park. „Ist es eine gute Straße?“ ,frage ich. „Es ist eine Erdpiste in fantastischem Zustand. Ein Freund von mir fährt sie mit seinem Mini Cooper jede Woche. Er sagt sie wurde erst vor 6 Wochen neu präpariert. Also, mit eurem Ford ist das überhaupt kein Problem, “ meint er laut lachend. „Klingt wirklich gut. Da gewinnen wir fast einen Tag. Vielen Dank für den Tipp,“ antworte ich ebenfalls lachend.

Wenig später lassen wir Ceduna hinter uns und bereits 100 Kilometer weiter weist ein Straßenschild in Richtung Kingoonya. Wir verlassen den gut ausgebauten Eyre Highway. Gleich wenige Meter hinter dem Örtchen Wirulla hört der komfortable Asphaltstreifen auf und auf einer großen Hinweistafel lesen wir, dass die Piste offen ist. „Bist du froh endlich mal durch den Busch fahren zu können?“ ,fragt Tanja. „Wenn der Track so bleibt wie jetzt, schon. Es macht natürlich viel mehr Spaß keinem Auto mehr zu begegnen und irgendwie vermittelt es mir ein bisschen das Gefühl von Abenteuer,“ antworte ich. Guter Dinge konzentriere ich mich auf die Piste. Rufus scheint es auch gut zu gefallen, denn er streckt seinen Kopf neben mir aus dem Fenster und lässt sich den warmen Fahrtwind durch sein Fell wehen. Wie ein kleiner Wirbelsturm fegen wir nun über die rote Erde und ziehen eine gigantische Staubwolke hinter uns her. „Schau mal da vorne sitzt einer unter einem Baum,“ rufe ich. „Seltsam, wo der wohl herkommt?“ ,wundere sich Tanja. Als wir auf seine Höhe kommen bremse ich ab, um zu sehen ob der Mann Hilfe benötigt. Er winkt uns kurz zu und gibt uns zu verstehen das alles in Ordnung ist. „Wahrscheinlich wird er gleich von einem Farmer abgeholt,“ stelle ich fest.

Bereits nach 15 Kilometer wird der Weg schlechter. Winzige Bodenwellen ziehen sich wie auf einem Waschbrett von links nach rechts über die Fahrbahn und lassen unsere alte Kiste gefährlich erzittern. Schnell reduziere ich die Geschwindigkeit von 70 auf 50 Stundenkilometer. „Ich hoffe Browny hat uns nicht in die Hölle geschickt,“ meine ich mehr ironisch als ernst, doch nach weiteren 3 Kilometern zwingt mich der schlechter werdende Zustand des Weges mit 20 Stundenkilometer dahin zu kriechen. „Also, wenn das so weiter geht entwickelt sich diese Abkürzung zu einem Umweg,“ breche ich unser Schweigen. „Ich frage mich was für einen Mini Cooper der Freund von Browny fährt?“ „ Muss eine Allrad – Spezialanfertigung sein,“ antworte ich lachend.

Wir schlingern langsam durch eine mit feinstem Sand überhäufte Biegung als vor uns plötzlich ein liegengebliebenes Fahrzeug auftaucht. Ein wohlgenährter Aborigine steht davor und blickt uns offensichtlich erwartungsvoll entgegen. „Brauchst du Hilfe?“ ,fragen wir ihn. „Wir haben eine Panne. Die Zündung funktioniert nicht mehr. Ich glaube bei dem Gerüttel hat sich ein Kabel gelockert und einen Kurzschluss verursacht. Habt ihr meinen Freund gesehen? Er ist vor ca. 5 Stunden aufgebrochen, um Hilfe aus der Ortschaft zu holen.“ „Ja da saß ein Mann unter einem Baum. Er hat aber keine Anstalten gemacht uns um Hilfe zu bitten,“ antworte ich. „Na ja, ihr fahrt ja auch in die entgegengesetzte Richtung. Er benötigt eine Mitfahrgelegenheit nach Wirrulla.“ „Hast du genügend Wasser?“ ,fragt Tanja. „Ja, ja kein Problem. Ich warte hier bis mein Freund kommt. Das kann nicht mehr all zu lange dauern.“ Da wir keine Möglichkeit haben sein Auto zu reparieren und er in den nächsten Stunden offensichtlich sein Problem gelöst haben wird, fahren wir weiter. Wir verabschieden uns von ihm, worauf er uns freundlich nachwinkt. Nur Minuten danach lesen wir auf einem Warnschild das die nächsten 130 Kilometer mit einem noch schlechterem Weg zu rechnen ist. „Wenn die Piste noch schlechter wird als sie jetzt schon ist wäre es nicht schlecht an ein Umkehren zu denken,“ schimpfe ich. „Was sagt dir dein Gefühl? ,fragt Tanja. „Hm, keine Ahnung. Es verhält sich mehr oder weniger neutral.“ „Wir haben gelernt, dass du mehr auf dein Gefühl hören musst. Es betrügt dich nie. Also frag dich die nächsten Kilometer ob wir hier in ein Desaster fahren oder nicht. Ich selbst kann einfach keine Entscheidung treffen.“ Ich denke über Tanjas Worte nach und weiß, dass sie recht hat. Doch so stark ich auch in mich hineinhöre, ich kann bis jetzt kein warnendes Gefühl vernehmen. Natürlich macht es keinen Sinn mit einem 17 Jahre alten Ford der 380 000 Kilometer auf dem Tacho hat und einem eben so alten Anhänger über eine 250 Kilometer lange und ausgefahrene Buschpiste zu fahren. Wenn wir hier eine Panne haben sollten und wir Hilfe benötigen, verlieren wir neben viel Geld auch viel Zeit. Sollten man uns hier rausschleppen müssen kostet das pro Kilometer mindestens 2 ½ Dollar. Auch die Aborigines sind hier liegen geblieben und warten schon seit gestern Abend auf ein Auto aus der uns entgegenkommenden Richtung. Also sollten wir hier stehen bleiben, kann es durchaus passieren ein oder zwei Tage auf ein rettendes Fahrzeug warten zu müssen. Klar, dass es unter diesen Bedingungen Schwachsinn wäre die Fahr fortzusetzen. Nachdem ich mir diese Gedanken durch den Kopf gehen lasse schreit es in mir regelrecht nach Umkehr. „Gefühl hin Gefühl her, wir kehren um!“ rufe ich unvermittelt, bremse die sich durch den Staub quälende Kiste ab und wende. „Ich glaube das ist eine gute Entscheidung,“ sagt Tanja. „Ja, aber wir werden es jetzt kaum bis zum Freitag nach Alice Springs schaffen.“ „Egal,“ antwortet Tanja und sieht auf das braungebrannte Buschland.

Wenig später halten wir wieder neben dem Aborigine. Verwundert sieht er uns an und lacht. „Wir haben es uns anders überlegt. Der Track ist immer schlechter geworden und ich glaube das wird für unser armes Auto zu viel. Willst du mit nach Wirrulla fahren?“ frage ich ihn. „Ja gern. Ich schließe mein Auto schnell ab, packe meine paar Sachen und komme,“ antwortet er freudig. Weil unser Ford bis zum Rand vollgeladen ist müssen wir für Tanja neben Rufus einen kleinen Platz schaffen. Allan setzt seine 110 Kilogramm neben mir auf den Beifahrersitz während sich Tanja hinter mir neben Rufus zusammenkauert.

Auf der Rückfahrt von unserem kurzen Outbackabenteuer unterhalte ich mich ein wenig mit dem sympathischen Mann. „Bist du diese Strecke schon mal gefahren?, möchte ich wissen. „Ach ja, ich fahre sie alle paar Wochen. Ein Teil meiner Verwandten leben an der Küste und außerdem habe ich hier ein kleines Haus in dem ich die meiste Zeit wohne. Ich nutze diese Abkürzung, um zu den Opalminen bei Cooper Pedy zu fahren. Dort suche ich mit einem Partner nach Opalen.“ „Hast du schon mal welche gefunden?“ „Ja, ich lebe davon. Mein bester Fund waren 10.000 Dollar am Tag. Aber oft ist die Ausbeute nicht so groß. Trotzdem kann ich davon leben. Allerdings ist mein Rücken von der harten Arbeit kaputt, deshalb habe ich meinen Freund geschickt um Hilfe zu holen. Ich bekomme nämlich furchtbare Kreuzschmerzen wenn ich größere Strecken laufe.“ „Kannst du denn überhaupt noch nach den Opalen graben?“ „Mein Partner und ich teilen uns die Arbeit. Außerdem machen wir fast alles mit Maschinen und wenn ich nicht mehr kann ist das auch nicht so schlimm, denn durch mein Rückenleiden bekomme ich von der Regierung eine Rente.“

Nach wenigen Schweigeminuten wechsle ich das Thema und komme auf die Initiationsriten zu sprechen. Allan erzählt mir das auch er sich den verschiedenen Riten unterzogen hat und da ich weiß welche schlimmen Wunden sich die Männer an ihren Geschlechtsteilen zuziehen will ich wissen ob es nicht vorkommt, dass der eine oder andere daran stirbt. „Du musst natürlich sehr darauf achten keine Infektion zu bekommen. Ich habe mich ständig mit Betadin behandelt aber einige passen nicht auf sich auf und bekommen tatsächlich schlimme Entzündungen.“ „Mit der heutigen Medizin kann man so etwas natürlich leichter unter Kontrolle bringen aber wie war das bei deinen Vorvätern?“ „Meine Mutter ist eine Kräuterfrau die heute noch im Busch nach den verschiedensten Pflanzen und Samen sucht. Sie macht daraus Salben die ebenfalls ihre Wirkung haben.“ „Glaubst du, dass in den letzten 100 Jahren viel von eurem spirituellem Wissen verlorengegangen ist?“ „Einiges bestimmt doch die Alten konnten vieles retten.“ Gerne würde ich noch mehr von Allan erfahren, doch nach einer weiteren Biegung des jetzt wieder besser werdenden Tracks treffen wir auf seinen Freund. Da wir diesmal aus der richtigen Richtung kommen winkt er uns aufgeregt zu und als wir neben ihm anhalten ist er sichtlich überrascht Allan anzutreffen. Aus Platzgründen muss sich er und sein Freund auf den Beifahrersitz quetschen. „Besser als laufen,“ sage ich lachend zu dem Mann der mit seinem Gesicht an der Windschutzscheibe klebt. „Viel besser antwortet er,“ etwas gequält. „Hast du durst?“ ,fragt Tanja. „Ja, sagt er und trinkt nach höflichen Nachfragen eine Literflasche Wasser aus. Knapp zwei Stunden nachdem wir vom Highway abgebogen sind erreichen wir wieder den Ort Wirrulla. „So das Rettungsteam ist wieder in der Zivilisation,“ meine ich scherzend. „Ja, was soll ich sagen, vielen Dank,“ antwortet Allan und schüttelt uns herzlich die Hand. „Nachdem im Leben alles einen Sinn hat war unser vermeintliche Abkürzung nicht umsonst. Zumindest konnten wir euch helfen,“ sage ich. „Ja, du hast recht. Vielleicht sehen wir uns wenn ihr durch Coober Pedy fahrt. Ich werde nach euch Ausschau halten!“ ,ruft uns Allan noch hinterher als wir langsam losfahren.

„Meinst du sie wären ohne unsere Hilfe in Schwierigkeiten geraten?“ ,fragt Tanja. „Wenn der Freund von Allan auf seinem Weg an Wassermangel zusammengebrochen wäre dann bestimmt. Aber ich glaube er hätte es geschafft. Kannst du dich noch an die Geschichte erinnern, die man uns erzählt hat als vor wenigen Jahren am Kidson Track bis auf ein junges Mädchen alle Aborigines verdursteten?“ „Ja schrecklich. Es kommt immer wieder vor und bei der Hitze kann es ohne genügend Wasser in wenigen Stunden vorbei sein.“ „Stimmt, ich frage mich bloß warum die Aborigines auf solchen Strecken nicht genügend Wasser mitnehmen? Aber wahrscheinlich liegt es daran, dass sie auf ihren früheren Wanderungen nie Wasser mitgenommen haben weil sie die Wasserlöcher kannten und heute verlassen sie sich zu sehr auf die Technik.“

In Gedanken versunken gleiten wir nun wieder über den angenehmen Highway und sind froh uns für diesen entschieden zu haben.

Wir freuen uns über Kommentare!

Sonnenaufgang:
06:57

Sonnenuntergang:
17:35

Luftlinie:
356 Fahrt 456 Km

Temperatur - Tag (Maximum):
32 Grad

Breitengrad:
32°37’40.7’’

Längengrad:
137°25’46.8’’