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Rückblick und Gedanken

Goomalling — 17.04.2002

Wieder war es eine anstrengende und harte Zeit in Deutschland. Obwohl wir natürlich vorher schon wussten was nach solch einer Expedition auf uns zukommt, ist es für uns immer wieder überraschend wie anders unsere westliche Konsumwelt ist.

Nicht selten haben wir während unserer Expedition im Australischen Busch von früh morgens um 3 Uhr bis um 20 Uhr abends durchgearbeitet, um dann völlig erschöpft in unseren Schlafsack zu kriechen. Auch wenn so eine Wüstendurchquerung von den psychischen und physischen Belastungen kaum zu übertreffen ist fällt mir der Zwischenaufenthalt in Deutschland nie leicht. Über 3 Monate haben wir meist 7 Tage in der Woche 10 Stunden am Tag geschuftet, um dieses Mammutprojekt „7000 Kilometer zu Fuß durch Australiens Outback“ zu finanzieren. Nicht selten glaubte ich diese gewaltige Aufgabe nicht bewältigen zu können, vor allem als wir von Freunden ein Angebot bekamen unseren Wohnort in ein Haus zu verlegen. Tanja und ich waren natürlich begeistert, denn in unserer kleinen Zweizimmerwohnung platzte alles aus den Nähten. Unser Schlafzimmer hatten wir zum Büro umgebaut, um alleine die 45.000 Dias unserer Reisen archivieren zu können.

In den letzten Wochen sind wir unaufhörlich über Kartons, Filmkassetten, Kameras, Schlafsäcke und andere Ausrüstungsgegenstände gestolpert. In all dem Chaos versuchte ich meine durcheinandergewürfelten Gedanken zu ordnen, kümmerte mich um die Vermarktung unseres Projektes und die Vorbereitung der nächsten und letzten Australienetappe.

Nach einiger Überlegung kamen wir, trotz der kurzen Zeit die wir in Deutschland zu Verfügung hatten, zu dem Schluss unsere Freunde zusammenzutrommeln, um den Umzug zu wagen. Nun, das Chaos unserer Wohnung verwandelte sich zu einem noch größeren, noch unübersichtlicheren Durcheinander und raubte uns fast den letzten Nerv. Es dauerte Wochen, bis ich wieder wusste wo sich meine Hemden und Hosen befanden.

Obwohl es drunter und drüber ging war es schön unsere Familie wiederzusehen, am gemeinsamen Tisch zu sitzen, Mutters leckere zubereitete Speisen zu genießen, von unseren Abenteuern zu erzählen und unseren Lieben zu lauschen was sich während unserer Abwesenheit zugetragen hatte.

Auch genossen Tanja und ich den ungeheuren Luxus einer richtigen Behausung in dessen Bett es zum Beispiel nicht hineinregnet, deren Räume von einer Zentralheizung angenehm temperiert sind, die zunehmende Dunkelheit durch einen simplen Schalterdruck zu verscheuchen oder jederzeit ein heißes Bad nehmen zu können. Alleine die Sicherheit die solche Mauern vermitteln sind gerade zu unbeschreiblich. Wenn ich nur daran denke, dass uns in dieser behüteten Welt kein wildes Tier aus dem Bett scheuchte, kein brunftiger Kamelbulle in unser Schlafzimmer kam, um mit seiner zerstörerischen Wut auf alles zu treten was uns kostbar ist oder vielleicht noch schlimmer, eine tödlich giftige Schlange sich unter unserer Bettdecke verkroch, um sich der kalten Wüstennacht zu entziehen.

Im Augenblick sitze wiedereinmal auf einen der schmalen, unbequemen Sitze in einen der riesigen fliegenden Busse. Leider ist es mir diesmal nicht erlaubt aus dem runden Fenster auf die gähnende Tiefe unter uns zu blicken. Ein Fluggast mit seinem kleinen Kind hat sich auf unseren reservierten Plätzen breit gemacht und verweigert hartnäckig sich nur einen Millimeter fortzubewegen. Um Ärger zu vermeiden haben wir uns dann auf diesen Mittelplatz verzogen.

Da auf Tanjas Sitz jegliche Technik versagt, also kein Licht funktioniert und die Fernbedienung für den kleinen Fernseher ausgefallen ist, hat sie sich in den Schlaf geflüchtet. Mich hingegen quälen seit Stunden schreckliche Kreuzschmerzen, denn die letzte Woche vor unserem Abflug war so arbeitsintensiv, dass mir der Stress regelrecht auf den Rücken geschlagen hat. Kein Wunder, denn ich brachte noch mal all meine Energie auf, um mich von all unseren Sponsoren telefonisch zu verabschieden. Die letzten Ausrüstungsgegenstände zu besorgen. Rechnungen und Mahnungen zu schreiben. Interviews zu arrangieren. Einladungen anzunehmen und unsere Ausrüstung im Detail zu prüfen. Das Meiste haben wir in Australien gelassen aber einiges müssen wir nach der Durchquerung der Great Sandy Wüste und der Gibson Wüste erneuern.

Seit 12 Stunden kaure ich nun schon in meinem, engen unbequemen Flugzeugohrensessel der Malysian Airline, stochere in dem geschmacklosen vegetarischem Essen herum und versuche meinen Gedanken zu folgen die von Deutschland nach Australien springen.

Wieder bin ich gespannt was uns in der ewigen Weite erwartet. Ob es unseren Kameljungs gut geht? Nach meinem letzten Telefonat hat Alex, der Manager von New Haven, berichtet, dass die Einzäunung in der sich unsere 7 Kamele zur Zeit befinden noch in Ordnung ist. „Kommt nicht zu spät Denis. Du weißt, dass die Brunftzeit Anfang April beginnt. Wenn einer der wilden Kamelhengste durch den Zaun bricht können eure Jungs das entstandene Loch als Chance nutzen, um in der Gibson Wüste auf immer zu verschwinden. Natürlich prüfe ich den Zaun alle paar Tage aber sicher kann man sich nie sein.“ ,waren seine Worte die Tanja und mich etwas beunruhigen. Als wir nach der ersten Etappe unsere Kamele auf Anna Plains, einer Farm an der Westküste Australiens, gelassen haben, konnten sie durch ein offen gelassenes Tor abhauen. Wir hatten viel Glück sie nach einer wochenlangen Suche wiederzubekommen. Diesmal stünden die Chancen sie in der riesigen Wüste wiederzufinden auf null.

„Es wird schon gut gehen,“ sage ich leise und meine Gedanken schweifen zu anderen Herausforderungen des harten oft unbewohnten Innere Australiens. Auf der letzten Etappe hatten wir lang anhaltende Regenfälle die große Bereiche der Wüste unter Wasser setzten. Über Sanddünen mussten wir uns einen Weg durch das gefährliche nasse Labyrinth suchen. Ungern denke ich daran wie unsere sieben Jungs nach einem 100 Stunden anhaltenden Dauerregen vier Tage lang im Wasser saßen. Goola und Istan sind daraufhin an Lungenentzündung erkrankt. Vier Wochen waren wir deswegen in der Wüste festgesessen und konnten uns keinen Meter fortbewegen. Obwohl wir alles versucht haben das Leben von Goola zu retten, hat er es nicht geschafft und ist gestorben. Traurig zogen wir weiter. Ich denke an die tödlich giftigen Pflanzen die überall im Outback wachsen und wie schwer es ist unsere Kamele davon abzuhalten sie zu fressen. Oder an die vielen wilden Kamelbullen die uns meist nachts angriffen. Noch jetzt kommt es einem Alptraum gleich, wenn ich daran denke das ich 12 von ihnen erschießen musste, um unser Überleben zu sichern. Wir ertrugen Hitze bis zu 70 Grad in der Sonne und von Schatten war oft nichts zu sehen, weil es keine Bäume gab. Buschfeuer waren eine ständige Bedrohung. Auf der ersten Etappe flüchteten wir über viele Wochen einer 1000 Kilometer langen Feuerfront. Aber nicht nur Sonne, Trockenheit, Durst, Wasser, Giftpflanzen, unzählige von Insekten, Schlangen und angreifende brunftige Kamelbullen waren eine ständige Herausforderung, sondern auch ein Wirbelsturm der Superklasse löschte uns beinahe das Leben aus.

All diese Erlebnisse lassen mir die Haare zu Berge stehen und wären da nicht mindestens genauso viele Höhepunkte und wunderschöne Geschehnisse hätte ich keine Lust mehr nur noch einen Kilometer weiter durch das ewige Land zu marschieren. Nie mehr werde ich die unzähligen Abende am Lagerfeuer vergessen, die sternenklaren Nächte, die unbeschreibliche Ruhe, das Wiederkäuen der Kamele, das Singen uns unbekannter Vögel, die farbenprächtigen, ja märchenhaften Sonnenauf- und Untergänge, die interessanten Begegnungen mit Aborigines und vielem mehr. Vor allem aber sind Tanja und ich von den Abenteuern fasziniert die sich in uns selbst abspielen. Viele Erkenntnisse habe ich dem uralten Kontinent zu verdanken, wie zum Beispiel den Augenblick zu begreifen und zu leben, den Momenten der tiefen Harmonie, der inneren Ruhe und Gelassenheit und vor allem dem Sinn des Lebens einen großen Schritt näher gekommen zu sein. Das beste jedoch war für mich Gott zu erfahren oder vielleicht anders ausgedrückt zu begreifen, dass wir mit all unseren Zellen ein Teil der Wüste, der Natur der Mutter Erde sind und vor allem zu verstehen das die Erde lebt.

„Wollen sie ein Glas Wasser?“ ,fragt mich die Stewardess. Aus meinen Gedanken gerissen blicke ich sie an. „Gerne,“ antworte ich, trinke den Becher aus und versuche daraufhin endlich ein wenig Schlaf zu finden.

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