« Zurück       Weiter »

Shiron kommt zu seiner australischen Mutter

Wundowie — 24.04.2000

Heute ist es soweit, Tanja und ich bringen Shiron zu Mary Jane. Die Sonne scheint und es ist ein angenehm warmer Tag. “Lass uns noch einige Aufnahmen von Shiron machen,” sagt Tanja. Mit gemischten Gefühlen betreten wir das Kängurugehege in dem Shiron seit einigen Wochen lebt. Tanja hat ihn langsam an das Leben in freier Natur gewöhnt. Erst hat sie ihn nur ein paar Stunden zu den anderen Kängurus in die weitläufige Einzäunung gelassen. Dann hat sie die Intervalle ausgedehnt. Anfänglich schlief sie mit ihm nachts noch im Freien, ist alle paar Stunden aufgestanden um ihn in seinen warmen Sack hüpfen zu lassen. Es war eine schwere Zeit für Tanja als Shiron so manchen Tag nass und zitternd im strömenden Regen stand und nach ihr gerufen hat. Aber es ging darum einen unabhängigen, starken Kängurujungen aus ihm zu machen und nach meiner Ansicht meistert Tanja ihre Aufgabe als Kängurumama vorbildlich.

Ich fotografiere und filme Tanja mit Shiron in den verschiedensten Posen, dann lassen wir ihn in seinen Sack hüpfen und tragen ihn zum Auto. Auf der Fahrt herrscht eine gedrückte Stimmung. Shiron liegt auf Tanjas Schoß und sieht wie immer neugierig aus dem Fenster. Er ahnt noch nicht, dass dies der Abschied von uns ist.

Als wir bei Mary Jane ankommen umarmt sieh uns zu Begrüßung. Wir unterhalten uns ein wenig als Tanja plötzlich fürchterlich weinen muss. Ihr fällt die Trennung von ihrem Kängurujungen ungeheuerlich schwer. Ich versuche sie zu trösten, finde aber nicht die richtigen Worte. Schweren Herzens tragen wir Shiron in Mary Janes riesiges Kängurugehege. Wir lassen Shiron aus seinem Sack, doch als wir uns von ihm entfernen hüpft er uns nach. Er folgt Tanja wie immer auf Schritt und Tritt, was sie zu einem weiteren Tränenfluss veranlasst. Nach einiger Zeit schaffen wir es das Gehege zu verlassen. Shiron steht am Zaun und schreit fürchterlich nach seiner Mama. Tanja läuft mit eiligen Schritten zur Terrasse. Wir verbringen den Abend bei Mary Jane die an diesem Tag mit einigen Freunden ihren Geburtstag feiert.

Um etwa 11 Uhr nachts begeben Tanja und ich uns in die Kängurueinzäunung, rollen unsere Isomatten aus und verbringen mit unserem Shiron die letzte gemeinsame Nacht. Ich kann kaum schlafen und beobachte den Sternenhimmel. Shiron steht wie eine versteinerte Salzsäule zwischen Tanjas und meinem Schlafsack. Ich sehe ihn nachdenklich an streichle sein jetzt kräftig gewordenes Fell. Unglaublich wie er sich in den letzten 8 Monaten entwickelt hat. Als wir ihn bekamen konnte er mit seinen knapp 1,6 Kilogramm Gewicht kaum stehen und heute wiegt er schon über 10 Kilogramm. Es dauert nicht mehr lange und Shiron wird sich zu einem mächtigen, großen Känguru entwickeln.

Nach einer rastlosen Nacht beobachte ich den Sonnenaufgang. Dunkle Wolken ziehen auf und es kann nicht mehr lange dauern bis sie sich über uns entleeren. Tanja liegt in ihrem Schlafsack und streichelt ihren Shiron doch nur wenig später treiben uns die ersten Regentropfen zur Eile an.

Wir freuen uns über Kommentare!