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Kadesch sieht rot

Wundowie — 15.04.2000

Da Jo und Tom heute nach Perth gefahren sind, um das eine oder andere zu erledigen, müssen wir Vernes Packsattelkonstruktion ohne deren Hilfe an Kadesch ausprobieren. Es ist ein großer, aus Rohrstahl geschweißter Sattel, an dessen linker und rechter Seite ein ausladender Korb aus dem gleichen Stahl geschweißt ist. Er ist recht unhandlich und ca. 35 Kilogramm schwer, so muss er immer von zwei Personen getragen werden. Verne und ich schleppen das Ding zur Kameleinzäunung und legen es am Zaun ab.

Kadesch, der aus, für mich nicht verständlichen Gründen zu verstehen scheint, dass dieser Sattel für ihn bestimmt ist, blickt mit weit aufgerissenen Augen zu uns rüber und entscheidet sich nach wenigen Augenblicken der Observation zur anderen Seite des Geheges zu laufen. Tanja schnappt sich eine Nasenleine, geht zu Kadesch und führt ihn zu uns. Aus Sicherheitsgründen binden Verne und ich seine Unter und Oberschenkel der vorderen Füße mit je einem Seil zusammen. Jo nennt diese Seile Israeliseile, weil sie anscheinend von israelischen Kamelmännern oft benutzt werden. Obwohl sie mich in den letzten Tagen schon oft gewarnt hat, dass diese Seile absolut nichts taugen und ihre Aufgabe, das Kamel am ruckartigen Aufstehen zu hindern, nicht erfüllen, glauben wir an diese Technik. Kaum sind die Vorderfüße von Kadesch zusammengebunden sieht er uns mit angsterfüllten Augen an und sein massiver Körper zittert. “Nicht zu glauben, dass Kadesch ein trainiertes Kamel sein soll?” wundere ich mich immer wieder.

Verne und ich heben den Packsattel hoch und versuchen ihn langsam auf seinen Rücken zu setzen, während Tanja Kadesch an der Nasenleine hält und beruhigt. Ich führe den Bauchriemen, der den Sattel auf seinem Rücken halten soll, unter seinen mächtigen Körper. Verne zieht ihn von der anderen Seite durch und führt ihn durch die Riemenschnalle. Als wir mit der Arbeit fertig sind betrachten wir das Werk. Kadesch sitzt recht aufgeregt da und zeigt seine Angst durch mächtigen Durchfall. “Schwankt ganz schön”, sage ich, als ich die eine Seite des Stahlkorbes nach unten drücke, worauf Verne die Konstruktion grübelnd ansieht. “Was meinst du, sollen wir die Beinseile lösen?” Frage ich. “Warum nicht,” meinen Verne und Tanja. Während ich jetzt Kadesch an der Führung und Nasenleine halte kniet sich Verne nieder, um eines der Israelibeinseile zu öffnen. Noch ehe Tanja die Chance hat die andere Beinfessel zu lösen, explodiert Kadesch wie eine Bombe. Er springt in die Höhe, schleudert dabei das noch geschlossene Beinseil durch die Luft, als wäre es ein Bindfaden und springt nach vorne. Um mein nacktes Leben zu retten mache ich auch einige Sätze nach vorne, doch Kadesch setzt mir nach. Er verlegt sein gesamtes Gewicht wie ein hochsteigender wilder Hengst auf die Hinterbeine und ehe ich mich versehe schleudert er seine Vorderfüße aus etwa drei Meter Höhe auf mich herab. Ich kann mich nur durch einen weiteren gewaltigen Satz nach vorne retten und versuche noch auf ihn beruhigend einzureden. Wieder steigt der massige Körper nach oben, doch diesmal noch schneller als vorher. “Lass ihn los! Um Gottes Willen lass ihn los!” Höre ich Tanja brüllen. Da die Vorderbeine von Kadesch mit einer Hoppel zusammengehalten werden kann er nicht im wilden Galopp auf mich zubreschen, doch hat er in seiner Panik so ungeheuerlich viel Kraft entwickelt, dass es sich nur noch um Sekundenbruchteile handeln kann, bis er mich mit einem gewaltigen Schlag ins Jenseits befördert. “Denis!!! Lass ihn los!” Höre ich Tanja wieder brüllen. Doch bevor sie ihren Warnung wiederholen muss löse ich meine Faust von den Führungsleinen und rase, von in einem mächtigen Adrenalinausstoß getrieben, zur Seite. Wie ein ausbrechender Vulkan stürmt Kadesch nur knapp an mir vorbei. Anscheinend dachte er, ich sei verantwortlich für das Monster auf seinem Rücken, doch als ich zur Seite gesprungen bin muss er realisiert haben, dass der vermeintliche Killer immer noch in seinem Nacken sitzt und er lässt von mir ab. Wie eine verrückt gewordene, unkontrollierbare Kreatur des Schreckens springt er im rasenden Tempo auf und ab. Er rast, trotz der Hoppeln, mit beängstigendem Tempo auf den Zaun zu. Ich halte die Luft an und bete zu Gott das er nicht durch den Zaun bricht und auf der Straße in eines der vorbeifahrenden Autos kracht. Kurz vor dem Zaun dreht er sich ruckartig und kommt wieder auf uns zu. Versteinert und machtlos beobachten wir wie der große Stahlsattel auf und ab geschleudert wird. Nur wenige Augenblicke später legt er sich zur Seite und als er dann unter der mächtigen Kraft des Tieres vom Rücken rutscht traue ich meinen Augen nicht. Der Bauchgurt, der eine geprüfte Reißfestigkeit von 500 Kilogramm hat, reißt plötzlich unter eigenartigen Geräuschen. Kadesch springt auf und ab, Schaum ist vor seinem Maul und der Sattel liegt zwischen seinen Füßen. Da er immer noch mit dem Nackenriemen an seinem Hals hängt tritt er das Stahlgestell als wäre es eine Stoffpuppe zu Schutt und Asche. Endlich gibt auch der Nackenriemen nach und Kadesch läuft zur anderen Seite der Einzäunung um dort schnaubend und zitternd stehenzubleiben. Sofort eilen wir zu ihm, um zu sehen ob er sich verletzt hat. Nach einer vorsichtigen Untersuchung können wir nur einige Kratzwunden feststellen. Wir sind froh, dass er unverletzt geblieben ist. Klar, es hat sich eindeutig herausgestellt, dass diese Sattelkonstruktion untauglich ist. Verne und ich schleppen recht geknickt die verbogenen Reste des einst schönen Sattels zur Scheune. Wir entscheiden uns noch im gleichen Augenblick keine Stahlkörbe mehr an seinen Sattel zu schweißen, sondern Packtaschen über den Sattel zu hängen.

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