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Hurra! Hurra! Hurra! Endlich Aufbruch zur Red Earth Expedition.

Wundowie — 12.05.2000

Wir können es alle nicht glauben, heute nach eineinhalb Jahren der Vorbereitung geht es endgültig los. Die Sonne scheint und das Thermometer zeigt 24 Grad. Wir haben schon gestern unsere gesamte Ausrüstung auf die Ute von Phill geladen. Er soll sie dann zum Kamelgehege fahren, damit wir nicht alles einzeln schleppen müssen. Ich trage gerade meine Solarpaddel zu den Kamelen als ein wunderbarer Einfall mein Gehirn durchfährt. Warum sollten wir jetzt schon die Expeditionsausrüstung auf die Kamelrücken laden? Wir müssen gleich am Anfang auf der gefährlichen Straße laufen bis wir in den historischen Weg einbiegen der uns bis nach Northam bringen wird. Unsere Kamele sind es bis jetzt nicht gewohnt auf einer befahrenen Straße zu laufen noch dazu voll beladen. Obwohl wir in den letzten Wochen oft mit unseren Kamelen gearbeitet haben fanden wir nie Zeit sie unter echten Expeditionsbedingungen zu testen. Das Risiko sie jetzt auf die Straße zu führen ist also enorm groß. Leicht könnten sie vor einem vorbeirauschenden Lastwagen erschrecken, wie wild herumspringen und die gesamte Ladung unter ihren Füßen zu Mus treten. Das wäre dann das Ende vom Anfang und vor allem das Ende eines Lebenstraumes. Tanja und ich haben im Falle eines fehlgeschlagenen Aufbruchs nicht mehr die Kraft noch mal von vorne anzufangen. Auch besitzen wir keine finanziellen Mittel mehr um weiteres Material zu ersetzen oder zu ergänzen. Also geht Sicherheit vor und vor allem benötigen wir viel Gelassenheit und Geduld um dieses riesige Projekt nicht in letzter Minute zu gefährden. Als ich Jo vorschlage ob es nicht sinnvoll wäre, dass Phill uns das gesamte Material in unser erstes Camp bringt damit wir einen sicheren Aufbruch haben küsst sie mich vor Freude auf die Wange und ist sofort einverstanden. “Ich habe darüber schon lange nachgedacht, wollte es dir aber nicht vorschlagen weil du erwähntest das eure Red Earth Expedition in Wundowie beginnen wird und zwar mit allen Problemen die der Start mit sich bringen wird.”, sagt Jo lachend und sichtlich erleichtert.

Jo, Tanja und ich satteln die Kamele und laden nur eine kleine Essenstasche auf Sebastian. Als alles fertig ist kommt unser Freund Phill mit seinen Kindern Jeremy und Phillip. Sie haben frische Kartoffelchips für uns gekauft. Melinda die nun schon im achten Monat schwanger ist, ihre Kinder, Phill, Tanja, Jo und ich setzen uns mitten im Kamelgehege auf den Boden und verspeisen heißhungrig die leckeren Kartoffelchips mit Tomatenketchup. Auch wenn es ein sehr einfaches Essen ist genießen wir es. Rufus liegt daneben und schaut uns neidisch zu. Natürlich bekommt auch er etwas ab und dann geht es auch schon los. “Kamele! Wake up!” Gebe ich das Kommando und bete zu Gott, dass auf der Straße alles gut geht. Ich führe die Kamele in einem ausladenden Bogen aus dem Farmgelände auf die Straße. Phill und die gesamte Familie, inklusive Rufus sitzen in ihrem Auto und blockieren die Straße. Die Warnblinkanlage soll die Autofahrer warnen, so haben wir zu mindestens den Rücken frei. Tanja übernimmt die Aufgabe des Kameramannes und filmt, während Jo neben mir und der Karawane herläuft, um mir unaufhörlich Anweisungen zu geben wie ich die Kamele zu führen habe. Ich bin heilfroh sie an meiner Seite zu wissen, denn einen Kamelzug zu führen ist nicht einfach und muss definitiv gelernt sein. “Achtung, mach einen großen Bogen um das Verkehrsschild!” Warnt sie mich. Ich muss versuchen Sebastian wie einen Lastzug mit Anhänger im großen Bogen um Hindernisse zu führen, damit das letzte Kamel mit dem Sattel nicht einfach dagegen knallt. Unsere Tiere wissen bis jetzt noch nicht wie weit die Sättel von ihren Körpern abstehen und krachen manchmal ausversehen gegen einen Baum am Straßenrand. “Achtung, Auto von hinten!” , höre ich ihre warnende Stimme und ich befehle den Kamelen mit dem Kommando “Udu” zu stoppen. Sie sind fürchterlich nervös, strecken ihre Hälse und schauen aufgeregt von links nach rechts. Die kleinste Kleinigkeit kann sie veranlassen, durchzugehen. Plötzlich läuft Istan, der Letzte in der Karawane, mit seinem ausladenden Packsattel gegen einen Baum. Es scheppert und kracht worauf alle anderen es mit der Angst zu tun bekommen und in wilder Flucht vor dem Geräusch nach vorne durch brechen. “Schnell, laufe einen Bogen Denis!”, ruft Jo, worauf ich Sebastian in einem engen Bogen nach rechts über die Straße führe. Alle anderen Wüstentiere müssen ihm folgen und können so keine Geschwindigkeit entwickeln. Ein kurzer Adrenalinausstoß lässt mein Herz höher schlagen, doch durch den Bogen beruhigen sich die Kamele sofort wieder. So geht das eine ganze Weile bis wir auf den Heritagetrail einbiegen. “Puhh, die ersten 500 Meter haben wir geschafft,” sage ich erleichtert und bin froh fürs erste die Straße hinter uns lassen zu können. Glücklich übergebe ich jetzt Jo die Karawane. Sie wird sie für einige Tage führen und Tanja und ich werden von ihr viel lernen. Obwohl wir nun einen wunderschönen Weg folgen der links und rechts von Buschwerk begrenzt ist, sind unsere Tiere immer noch sehr nervös. Irgendwie scheinen sie zu glauben sie werden von einem Monster verfolgt und legen eine Geschwindigkeit an den Tag mit der unsere Füße kaum mithalten können.

Jo leistet Schwerstarbeit Sebastian mit der Nasenleine zu bremsen, Tanja führt mittlerweile Rufus und ich sprinte in alle Richtungen um Bilder zu schießen und einige Filmausschnitte zu drehen. Nach meiner Schätzung bewegen wir uns mit einer Geschwindigkeit von mindestens 6 Kilometer pro Stunde vorwärts. Da die Kamele in den letzten Monaten kaum Grünzeug zu fressen bekommen haben verdrehen sie ihre Hälse wie Giraffen um von dem Buschwerk zu naschen. Bereits nach kurzer Zeit suchen wir einen Lagerplatz. Wir sind erst um 13 Uhr 30 aufgebrochen und wollen unser Lager nicht im Dunkeln aufbauen. Um ca. 15 Uhr finde ich in einem märchenhaft schönen Wald auf der rechten Seite des Weges eine Campmöglichkeit. Jo führt die Karawane in den Wald und wir lassen Sebastian, Kadesh, Hardie, Jafar und Istan absetzen. Schnell haben wir sie abgesattelt und führen sie zur verdienten Fressstunde in den nahen Busch. Wie die Australier sagen sind wir in diesem Augenblick “Happy Campers”.

Während ich die Zelte aufbaue hüten Jo und Tanja die Kamele. Ich höre wie Jo Tanja erklärt; “Sie müssen jetzt jeden Morgen und Abend für mindestens eine Stunde fressen. Es ist eine verantwortungsvolle Aufgabe denn die Kamele haben nur die beiden Stunden am Tag, um von den für sie leckeren Büschen zu fressen. Abgesehen davon ist es nicht einfach sie unter Kontrolle zu halten. Manchmal laufen sie in verschiedenen Richtungen und obwohl sie gehoppelt sind können sie in wenigen Minuten große Strecken zurücklegen. Du musst sie immer im Auge behalten, denn es ist keine Seltenheit, dass Kamele auf Expeditionen in den großen Outback verloren gehen.” Ich freue mich, dass sich Jo und Tanja so gut verstehen und vor allem, dass Jo so eine perfekte, geduldige Lehrerin ist. Als ich mit den Zelten fertig bin, baue ich wieder seit langer Zeit meine erste Feuerstelle und kann mir in diesem Augenblick keine bessere Tätigkeit vorstellen.

Schon um ca. 18 Uhr ist es stockfinster. Der Himmel ist wolkenlos und die Sterne leuchten so stark als wollten sie uns zu unserem Aufbruch gratulieren. Ich bin so glücklich, dass es mit Worten kaum zu beschreiben ist. Phill kommt vorbei und wir laden unsere Expeditionsausrüstung von der Ute (PKW mit Ladefläche).

Nachdem die Kamele genug von den saftigen Büschen gefressen haben werden sie einzeln an einen Baum gebunden. Jo zeigt Tanja wie das etwa 7 Meter lange und 12 Millimeter starke Seil, das tagsüber das Verbindungsseil von Kamelnacken zu Kamelnacken ist, an den Hoppeln und um einen Baumstamm geknotet wird. “Manche Kamelmänner fesseln ihre Tiere über Nacht am Hals und nicht an den Hoppel. Ich selbst habe aber schon gesehen wie sich Kamele durch diese Methode selbst strangulieren. Es ist also viel sicherer, sie an den Hoppeln festzubinden. Obwohl sie anfänglich viel darüber stolpern werden, gewöhnen sie sich im Laufe der Zeit daran und lernen damit umzugehen und vor allem bricht sich keiner von ihnen den Hals.” erklärt Jo freundlich. Nur wenig später gibt es heißen Tee und Nudeln mit Pilzsoße. Wir genießen unser erstes Abendmahl in freier Natur und entscheiden uns morgen einen Rasttag einzulegen.

“Ich denke wir alle benötigen nach den Aufregungen der letzten Monate eine kleine Pause. Auch die Kamele sollen sich erstmals an das neue Leben und die Nahrungsumstellung gewöhnen,” meint Jo, worauf Tanja und ich ihr nur recht geben können.

Tag: 01

Luftlinie:
03

Tageskilometer:
04

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