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Fressen aggressive Bakterien meinen Seenerv auf?

On tour — 19.04.2003 - 20.04.2003

Schon am Abend nach unserer Verlobung spüre ich einen unbestimmten Druck im linken Auge. Am nächsten Morgen ist es rot. Nach einem Tag am Computer beginnt es zu brennen und nach einer weiteren Nacht ist es zugeklebt und vereitert. Bevor wir Yulara am Ayers Rock verlassen suchen wir sicherheitshalber die Klinik des Touristenortes auf. „So ein Mist. Sie ist geschlossen,“ sage ich enttäuscht. „Kein Wunder, heute ist ja auch K-Freitag,“ antwortet Tanja.

Durch unseren guten Kontakt zu den Hubschrauberpiloten bekommen wir dann doch einen Arzt. Er untersucht meine Augen und stellt eine gewöhnliche Bindehautentzündung fest. „Behandeln sie ihr Auge alle zwei Stunden mit diesen Augentropfen und am Abend, kurz vorm Schlafengehen, reiben sie sich die Kreme hinein,“ sagt der Arzt. „Wann ist es wieder gesund?“ ,will ich wissen. „Normaler Weise in drei bis vier Tagen. In wenigen Fällen dauert es 10 Tage,“ antwortet er.

Minuten später befinden wir uns auf dem Highway in Richtung Kings Canyon, ein atemberaubend schönes Tal, welches wir morgen umwandern wollen. „Besser du fährst weiter,“ sage ich zu Tanja schon nach einer Stunde Autofahrt, denn das Auge brennt stark und meine Sicht schränkt sich von Minute zu Minute ein.

Am Abend erreichen wir die Rinderfarm Kings Creek Station. Sie befindet sich nur ca. 25 Kilometer vom Kings Canyon entfernt und ist heute ein gut besuchter Touristentreff. Hier haben wir uns mit Andrew Haber verabredet. Andrew, der vor wenigen Wochen vier unserer sechs Kamele kaufte, veranstaltet hier auf der Station neben seinen Kamelexpeditionen in der Wüste auch Touristenritte. „Schön euch wiederzusehen,“ begrüßt er uns wie ein alter Freund. Wir dürfen unser Lager neben seinem aufschlagen und verbringen trotz meiner zunehmenden Augenschmerzen einen schönen Abend zusammen.

Es ist Mitternacht als ich es vor Schmerzen kaum noch aushalte. Ich stöhne laut und wälze mich auf meinem Campbett hin und her. Moskitos schwirren mir ums Gesicht. Ich bin kaum noch in der Lage mein entzündetes Auge zu öffnen. Flüssigkeit und Eiter läuft bald unaufhörlich heraus. Erst versuche ich mich zu beherrschen, um Tanja nicht aufzuwecken, doch dann ist die Schmerzgrenze überschritten. „Tanja?“ „Ja was ist?“ „Ich habe das Gefühl als würde mir das Auge aus dem Gehirn platzen. Es ist zum verzweifeln. Die Schmerzen sind mehr als unerträglich.“ „Oh Gott! Es sieht ja furchtbar aus. Es ist total angeschwollen,“ meint sie erschrocken als der Lichtstrahl ihrer Taschenlampe mein Gesicht erhellt. „Ich glaube auf die Medikamente allergisch zu reagieren,“ sage ich, mir wimmernd den Kopf haltend. „Und was sollen wir tun?“ „Ahhhh!… Ich weiß nicht… Ich kann kaum noch einen klaren Gedanken fassen… Vielleicht sollte ich die Augenkreme ausspülen?… Es hat erst angefangen als ich sie mir hinein geschmiert habe,“ gebe ich mehr stotternd als sprechend von mir. „Okay. Am besten du stehst auf und setzt dich ins Auto. Ich hole unsere Thermoskanne. Da ist noch heißes Wasser drin,“ übernimmt Tanja die Führung der Krisensituation. Halb blind stolpere ich zu unserem Auto und lasse mich auf den Beifahrersitz nieder. Nur Augenblicke vergehen und Tanja setzt sich neben mich. Sie schüttet heißes Wasser in eine Essschüssel. Ich tauche einen Streifen Klopapier hinein und reibe mir vorsichtig das Auge aus. „Ohhh, das tut gut,“ ächze ich erleichtert auf. Nachdem ich das Auge von der Kreme befreit habe verabreicht mir Tanja das starke Schmerzmittel Valoron. „Das wird dich durch die Nacht bringen und morgen sehen wir weiter,“ sagt sie. Tatsächlich schlägt das Medikament recht schnell an und als ich mich wieder auf mein Campbett nieder lasse glaube ich in weiche Watte zu sinken.

Am nächsten Morgen sind die Schmerzen weg und die schreckliche Schwellung scheint sich zu beruhigen. „Es muss an der allergischen Reaktion gelegen haben. Ich werde die Augentropfen und Kreme absetzen,“ beschließe ich, mein entstelltes Gesicht in einem kleinen Spiegel betrachtend.

Wegen der schnellen Besserung entscheiden wir uns noch heute Nachmittag den Kings Canyon zu umwandern. Schon auf halber Strecke meldet sich dann aber ein leichter sich unaufhörlich steigernder Schmerz. Von der Naturschönheit bekomme ich nur wenig mit. Ich bin erleichtert als wir endlich den Parkplatz erreichen. „Willst du noch den Sonnenuntergang ansehen?“ ,fragt Tanja. „Eigentlich schon… aber?“ ,zögere ich. „Besser nicht. Lass uns zum Camp fahren. Das Beste ist du legst dich hin und ruhst dich aus,“ beschließt sie.

Kaum sind wir wieder auf Kings Station bauen wir das Moskitozelt auf. Schnell krieche ich hinein und lege mich stöhnend auf die Isomatte. „Brauchst du wieder Schmerzmittel?“ durchdringt Tanjas Stimme eine wabernde Wand von stechendem Schmerz. „Ja,“ antworte ich kleinlaut. Nur zwei Stunden nach der ersten Valorondosis, um ca. 20:00 Uhr, durchbricht der Schmerz die Grenzen des Belastbaren. „Tanja!“ „Ja?“ „Ich brauche mehr von dem Zeug,“ rufe ich.

INS ZENTRUM DER HÖLLE

Um 22:00 Uhr quält mich ein Brennen und Stechen welches sich wie ein Nagel tiefer und tiefer in mein Gehirn bohrt. Noch mal versuche ich mich durch das starke Schmerzmittel vor der wahnsinnigen Folter zu retten, doch um 24:00 Uhr Mitternacht ist mein System nur noch mit einem Wrack zu vergleichen. Tanja, die auf dem Campbett geschlafen hat, kommt ins Zelt. „Was sollen wir tun? Soll ich den fliegenden Doktorservice verständigen?“ „Der kommt doch nur wenn jemand lebensgefährlich verletzt ist, doch nicht für jemanden dem das Auge weh tut,“ antworte ich. „Ich weiß nicht wie ich dir helfen soll. Vielleicht ist es eine gute Entscheidung noch heute Nacht nach Alice Springs zu fahren. Wir wären dann morgen Früh im Krankenhaus?“ „Ich glaube das ist eine gute Idee,“ antworte ich.

Während Tanja alles zusammenpackt und das Auto und den Anhänger einräumt, leide ich im Zelt. Da Tanja bisher noch nie unseren Anhänger am Auto angekuppelt hat setze ich mich um 1:30 Uhr nachts in den Ford und stoße langsam zurück. „Stop!“ ,warnt mich Tanja als ich unser Auto, durch das Schmerzmittel völlig orientierungslos, in einen Sandhaufen fahre. „Steig bitte aus. Ich mach das schon,“ sagt sie und fährt unseren Kombi durch den tiefen Sand an den Anhänger. Dann kupple ich ihn mit letzter Kraftanstrengung an und krabble auf den Beifahrersitz.

Schon nach wenigen Minuten befinde ich mich auf einer Fahrt in das Zentrum der Hölle. „Ich weiß nicht wie ich das aushalten soll. Es ist nicht mehr zu ertragen,“ jammere ich und halte mir laut stöhnend den Kopf. „Du schaffst das schon Denis. Wir sind bald da,“ dringt Tanjas Stimme durch eine unsichtbare Wolke die mein Haupt umgibt. Die Teufelsqualen sind nicht mehr zu beschreiben. Das Auge drückt als läge ein Stein unterm Lied. Um mir Erleichterung zu verschaffen versuche ich das vereiterte Augenlied abzuheben. Doch schon nach wenige Sekunden brennt der Augapfel wie in Chilisoße gebadet. Ich fahre mir mit den Händen durch die Haare, massiere mir den Kopf, stärker und stärker, aber die Pein lässt nicht nach. Im Gegenteil. Kaum glaube ich mich an die sich verändernde Klasse, der sich unaufhörlich steigernden Marter gewöhnt zu haben, ist eine neue Stufe erreicht. Es fühlt sich an als würde ein Meister der Folter eine Geige des Grauens spielen deren hässlichen, entstellten Töne weiter und weiter in meine Gehirnwindungen einschneiden. „Aaahhhhh! Aaaaaaahhhh!“ ,brülle ich plötzlich hemmungslos, dass es Tanja fast das Steuer verreißt. „Wir haben es bald geschafft,“ versucht sie mich wieder und wieder zu trösten, doch noch liegen mindestens sechs Stunden Fahrt vor uns. „Aaahhhh, ich halte es einfach nicht mehr aus. Ich habe das Gefühl als würden mir irgendwelche Bakterien den Augennerv auffressen,“ stammle ich. Kaum sind mir die Worte über die Lippen gestolpert fahren sie mir wie ein glühendes Schwert durch den gequälten Schädel. Was ist, wenn es wirklich aggressive Bakterien sind die mein Auge auffressen? Was ist wenn diese Augenentzündung zur Erblindung führt? Ich benötige doch mein Augenlicht. Ich will doch noch soviel sehen, soviel entdecken. Ich will doch weiterhin Reisen und Geschichten schreiben.

Plötzlich beginne ich zu weinen. Die Tortur erreicht eine weitere Stufe der Superlative. Meine Gedanken vereinen sich mit dem Knecht der Folter zu einer Symbiose des Schreckens. Um den unaufhörlichen Tränen- und Eiterfluss zu stoppen habe ich in den letzten sechs Stunden eine ganze Rolle Klopapier benötigt. Das Schlimme ist, dass der Höhepunkt der Qual noch immer nicht erreicht ist. Mittlerweile sind beide Augen betroffen. Meine Gedanken ergeben keinen Sinn mehr. Die Zukunft und Vergangenheit lösen sich im Augenblick des Schmerzes und der Verzweiflung auf. Es zählt nur noch Eines und das ist von Sekunde zu Sekunde zu springen, um den unbegreiflichen Wahnsinn zu ertragen, bis ich hoffentlich davon erlöst werde.

SCHWARZE SCHATTEN DER NACHT

Schwarze Schatten der Nacht jagen aus der Unendlichkeit der Wüste. Dunkle große Körper rasen auf die Fahrbahn, zeigen sich im grellen Lichtkegel unserer Scheinwerfer, nur um Augenblicke später in der bedrohlichen Finsternis zu verschwinden. Die Einbildung der verschwommenen Gespenster erscheinen wieder und wieder, bis mein umnebeltes Gehirn realisiert, dass es sich nicht um Schattenwesen handelt, sondern um wilde Pferde. Tanja reagiert schnell, weicht der plötzlichen Bedrohung zur Seite aus und bremst den bis zum Dach beladenen Ford Kombi mit seinem überladenen Anhänger ab. „Keine Panik, ich habe alles unter Kontrolle,“ sagt sie beruhigend als ich mich aus meiner verkrümmten Haltung aufrichte. Wieder kommen Wildpferde aus der Umklammerung der Nacht auf die Straße galoppiert. Sie stürmen links und rechts neben uns durch die vertrocknete Buschlandschaft, schlagen einige Haken und kreuzen urplötzlich die Fahrbahn. Wieder zucke ich vor Schreck zusammen, denn ich habe den Eindruck sie springen uns durch die Frontscheibe ins Auto. Es dauert nur Sekunden, bis die Gefahr vorbei ist und die Herde wie ein Spuk in der Schwärze verschwindet.

„Halt an! Bitte halt an!“ ,rufe ich wenig später verzweifelt, denn der reibende, vom Feuer der Entzündung glühende Schmerz im Zentrum meines Kopfes, hat eine Explosion gezündet. Sofort bremst Tanja und stoppt am einsamen Fahrbahnrand. Ich taste nach dem Türgriff, reiße sie auf und springe ins Freie. „Aaaaahhhhh! Auaaaaahhh! Oooohhhaaahhh! Bitte aufhören! Bitte aufhöööören!“ ,brülle ich in die kalte Nacht. Ich brülle mir fast die Seele aus dem Leib. So laut, das alles in mir, wie von einer riesigen Trommel geschlagen, erbet. „Komm Denis. Komm wieder ins Auto. Lass uns weiterfahren. Um so früher sind wir im Krankenhaus. Die Ärzte werden dir Erleichterung verschaffen. Komm. Bitte,“ höre ich Tanjas sanfte Stimme hinter mir. „Beherrsch dich Denis. Steig ins Auto. Gib nicht auf. Du schaffst es. Tanja hat recht. Du verschwendest nur Zeit. Du schaffst es. Steig ein,“ spricht jetzt eine mir ebenfalls sehr vertraute innere Stimme, worauf ich mich wieder in den alten Ford setze.

Der Alptraum setzt sich ohne Unterbrechung fort. Wieder sehe ich verzerrte Schatten die sich wie fremdartige Ballett-Tänzer durch die Wüste bewegen. Diesmal glaube ich Kamele zu erkennen. „Um Gottes Willen! Pass auf!“ ,erschrecke ich entsetzt. „Mach dir keine Gedanken. Ich habe alles im Griff!“ ,beruhigt mich Tanja. Tatsächlich gleiten die Schiffe der Wüste in einem wahnsinnigen Tempo über den Asphaltstreifen. „Da ist der Bulle. Ich glaube jetzt sind sie vorbei,“ meint Tanja, weil der Anführer einer Kamelherde seine Herde vor sich hertreibt und somit immer der Letzte ist.

Das Licht der Scheinwerfer frisst sich weiter und weiter durch das Outback. Kängurus sitzen starr am Straßenrand oder springen erschrocken an uns vorbei. Ohne Zweifel ist diese Nachfahrt, durch das von Menschen unbewohnte Land gefährlich, viel zu gefährlich. Doch wir befinden uns in einer Notsituation die uns dazu zwingt weiter zu fahren. „Achtung!“ ,stammle ich vor entsetzen als uns ein Bulle auf der Fahrbahnmitte entgegenschreitet. Obwohl er vom Licht der Scheinwerfer geblendet wird bleibt er auf Kollisionskurs und zeigt keine Zeichen der Furcht. Tanja tritt in die Bremsen. Die schwere Ladung schiebt uns nach vorne. Die Bremsen sind hoffnungslos überlastet. Es kann nur noch wenige Sekunden dauern bis wir mit dem Monster zusammenstoßen. „Ah!“ ,rufe ich kurz auf und halte mir die Arme vors Gesicht. Um Haaresbreite schießen wir an dem Koloss vorbei. Wieder hat sich Tanja selbst übertroffen und unser Fahrzeug in letzter Sekunde am Seitenstreifen um die Gefahr gesteuert.

Meine nicht mehr vorhandenen Nerven und die Verschärfung der verheerenden Macht in meinem Auge pressen mich in den Sitz. Schüttelfrost lässt meinen Körper erzittern. Immer wieder brülle ich auf, bis ich meinen Kopf am liebsten gegen die Windschutzscheibe schleudern würde, nur um mich von den unmenschlichen und unbeschreiblichen Leiden zu befreien. „Ich gebe dir noch mal von den Tropfen!“ höre ich eine unbestimmte Stimme. Mittlerweile bin ich nicht mehr in der Lage mich zu artikulieren. Eine Tasse taucht vor mir auf. Meine Hand tastet danach und führt sie an den Mund. Die bittere Flüssigkeit rinnt die Kehle herunter. Es dauert nicht lange, bis mich die Dosis in eine andere, mir völlig unbekannte Welt schickt. Mir ist furchtbar schwindelig aber der quälende Schmerz lässt ein wenig nach.

Es ist immer noch dunkel als wir die erste Tankstelle erreichen. Die Menschen schlafen noch. Tanja versucht jemanden aufzutreiben der uns helfen kann. Ihr Plan ist das Krankenhaus in Alice Springs zu verständigen. „Vielleicht schicken sie uns ein Rettungsfahrzeug entgegen,“ höre ich sie reden. Wenig später steigt sie wieder in den Ford. „Keiner da, wir fahren weiter,“ beschließt sie. Mittlerweile habe ich das Zeitgefühl verloren und wieder stoppt der Ford. „Wir können nicht mehr weiter. Der Tank ist leer,“ erschreckt es mich. „Du musst den Reservekanister einfüllen,“ stammle ich. Diesmal dauert es lange bis der Motor wieder aufheult. Offensichtlich hat Tanja die zwei Ersatzbenzinkanister im Anhänger gefunden.

Als ich später aus meiner grauen Umklammerung erwache ist es Tag. Das Licht, welches durch die geschlossenen Augenlieder dringt, blendet mich. Ich kann keine Motorengeräusche vernehmen. Anscheinend stehen wir irgendwo. Meine Augen öffnen sich nicht. Mir ist es auch egal. Plötzlich geht die Tür auf. „Denis! Denis!“ ,ruft eine verzerrte Stimme. „Lass uns dein Auge spülen. Die Frau an dieser Tankstelle hat mir eine Flüssigkeit gegeben. Es wird dich etwas erleichtern,“ schweben die Worte um meine Ohren. Mechanisch und wie in Zeitlupe reibe ich mir mit einem feuchten Tuch die Eiterkruste aus dem Auge, dann setzen wir die Reise fort.

DIE EISERNE KLAMMER DES SCHMERZES

„Wir sind bald da,“ höre ich es wieder und wieder, doch ich schenke den Worten keinen Glauben mehr. Wie versteinert sitze ich da. Ich möchte mich keinen Zentimeter bewegen. Die Angst, dass der sägende, tiefeinschneidende Schmerz mir wieder den Schädel spaltet, sitzt tief. Raum und Zeit haben sich schon lange zu einer Unwichtigkeit vereint als wir anhalten. „Wir sind da Denis. Komm steig aus. Gleich wird dieser Alptraum ein Ende haben,“ sagt Tanja und öffnet mir die Tür. In Trance verlasse ich den Ford. Tanja führt mich in die Notaufnahme des Krankenhauses von Alice Springs.

„Ich lass dich mit der Schwester alleine. Ich muss unser Auto irgendwo parken. Mach dir keine Sorgen. Es wird alles wieder gut,“ sagt sie und übergibt mich einem Wesen, welches ich nur schemenhaft erkenne. „Sie müssen dieses Formular ausfüllen. Hören sie?“ ,glaube ich zu verstehen. „Ich kann nicht,“ höre ich mich selbst antworten. „Das ist eine Sache für den Chef,“ vernehme ich es dann. „Sie haben Glück, dass er heute am Ostersonntag Dienst hat,“ verstehe ich. Ein lächelndes Gesicht taucht im hellen Nebel auf. „Wollen sie sich da hinlegen?“ ,fragt es freundlich. Langsam lasse ich mich auf einem Bett nieder. Plötzlich erscheint Tanja wieder. „Ich bin aus versehen in eine Sackgasse gefahren. Konnte dort nicht wenden. Du hättest mich sehen sollen. Ich habe in wenigen Minuten gelernt wie man mit einem Anhänger rückwärts fährt,“ freut sie sich.

Als die Schmerzen wieder beginnen das innere meines Kopfes und des Auges zu zerreißen, stöhne ich laut auf. „Ich werde ihnen Morphium geben. Das wird ihnen die Schmerzen nehmen,“ sagt eine Ärztin. Doch dann verabreicht mir Tanja wieder die Tropfen. Wenig später träufelt mir die Ärztin ein weiteres Schmerzmittel ins Auge, um das aufflammende Stechen und Brennen zu lindern. „Das wird ihnen helfen,“ schwappt es an meine Ohren. Sofort bin ich von der eisernen Klammer des Schmerzes befreit. „Oh ja, vielen Dank,“ stöhne ich erleichtert auf. Nach weiteren unbestimmten Augenblicken stellt sich mir ein kleiner Mann vor. „Guten Tag. Ich bin Dr. Win Law, der Chef der Augenklinik. Können sie laufen?“ „Ja.“ „Dann gehen wir in meine Abteilung, da habe ich bessere Geräte,“ meint der freundlich lachende Doktor. Tanja führt mich und wir folgen dem Mann durch die Krankenhausgänge.

Während der genauen Untersuchung erfahren wir das Dr. Win Law Burmese ist und beim Augenarzt der Königsfamilie in England studierte. „Ich habe die erste Augenklinik in Burma gegründet und in Amerika ein weiteres Studium abgeschlossen. Seit Jahren baue ich hier in dem abgelegenen Alice Springs die Augenklinik auf. Ich würde in Melbourne viermal soviel verdienen aber Geld ist nicht alles. Die Menschen brauchen mich hier,“ sagt der freundliche Mann. „So wie es aussieht ist ihr Auge von verschiedenen aggressiven Bakterien angegriffen worden.“ „Warum tut es so unendlich weh?“ ,möchte ich wissen. „Das kann ich noch nicht sagen. Im Augenblick ist es zu geschwollen und entzündet, um eine genaue Diagnose zu stellen. Das Labor wird uns in ein paar Tagen Auskunft geben welche Bakterien es in solch einen Zustand bringen konnten.“ „Was wäre gewesen wenn wir in den nächsten Tagen keine Hilfe bekommen hätten?“ „Sie wären erblindet.“ „Was?“ „Das Auge wäre erblindet,“ hallt seine Wiederholung in meinem Gehirn nach. „Werde ich wieder richtig sehen können?“ „Sie haben eine gute Chance,“ sagt er worauf ich wieder erschrecke. Eine gute Chance klingt auch so als bestehe eine Möglichkeit nicht ohne Schaden aus dieser Geschichte herauszukommen. „Wollen sie heute Nacht im Krankenhaus bleiben?“ ,fragt er. „Ich weiß nicht. Ist das sinnvoll?“ ,frage ich. „Das liegt an ihnen. Ich gebe ihnen noch ein paar Schmerzmittel mit. Die Augentropfen werden auch bald eine Linderung bringen. Sie können gerne auch außerhalb des Krankenhauses übernachten. Sollte ein Notfall eintreten kann sie Tanja ins Krankenhaus fahren,“ schlägt er vor.

Zwei Stunden später befinden wir uns wieder auf den Straßen von Alice Springs. Tanja fährt zum Heritage Caravan Park, auf dem wir schon nach unserer zweiten Etappe eine wunderschöne Zeit verbrachten. www.heritagecp.com.au um für uns eines der Bungalows zu buchen. In ihrer Abwesenheit lasse ich mich aus dem Auto gleiten und lege mich in den Schatten eines Baumes. Die Schmerzen nehmen trotz der Tabletten wieder zu. „Alles ausgebucht,“ erschreckt mich ihre Stimme als sie wenig später wieder da ist. „Die Besitzer Jeanette & Paul Coffey haben uns allerdings einen Raum in ihrem Haus angeboten. Sie sind sehr hilfsbereit,“ fügt sie hinzu. Erleichtert folge ich ihr. Paul & Jeannette begrüßen mich freundlich. Ich versuche mir ein Lächeln abzuringen, doch ohne Erfolg. „Das ist euer Zimmer,“ sagt Jeanette auf einen Raum deutend. Ohne zu zögern lege ich mich stöhnend aber erleichtert auf die weißen Bettlagen. Schüttelfrost wechselt sich mit Fieber ab. Tanja bringt mir Wasser und träufelt mir alle halbe Stunde die verschriebenen Tropfen in die Augen. Auch wechselt sie unaufhörlich die Eiskompresse, um dem entzündeten Auge die Hitze zu nehmen.

Obwohl die Schmerzen nicht mehr so verheerend sind wie gestern Nacht verabreicht mir Tanja am Abend noch mal ein Schmerzmittel. „Meinst du ich werde wieder richtig sehen können?“ „Da bin ich mir ganz sicher,“ sind die letzten Worte die ich vernehme, bis mich eine ohnmächtige Müdigkeit übermannt.

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Tag: 338-339 Etappe Drei. Reisetage Australien, vier Jahre

Gesamtkilometer:
6980 km

Temperatur - Tag (Maximum):
33° Grad, Sonne 53°

Temperatur - Nacht:
10°