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Sebastians Zustand bleibt unverändert schlecht

Paradise Lagoons-Camp — 22.01.2003 - 24.01.2003

Um zu sehen wie es unseren Patienten geht, fahren wir gleich nach dem Aufstehen zum Gehege. Sebastian sitzt im Schatten des einzigen Baumes. Sein Kopf liegt auf dem Boden und er sieht uns aus seinen eingefallenen Augen traurig an. „Ich glaube die Penizillinspritzen helfen ihm,“ sage ich leise. „Meinst du?“ ,fragt Tanja mit hoffnungsvoller Stimme. „Ich denke schon. Er tropft zumindest nicht mehr aus dem Maul,“ antworte ich seine Lippen öffnend, um in seinen Rachen sehen zu können. „Er riecht wirklich übel. Das Gift oder was es auch immer ist hat seine Magenaktivität völlig lahmgelegt,“ stelle ich fest und streichle unser tapferes Leitkamel liebevoll über die Nase. „Es will mir einfach nicht in den Kopf. Er hat so viele Gefahren überstanden und jetzt wird er 70 Kilometer vorm Ziel todkrank. Das kann doch einfach nicht wahr sein? Das hat er und wir nicht verdient,“ sagt Tanja zu tiefst traurig. Ich sehe sie an und beobachte wie ihr ein paar Tränen über die Wangen rollen. Bei der Vorstellung, Sebastian wird uns hier für immer verlassen, verkrampft sich mein Magen. Meine Gedanken überschlagen sich und auch ich kann nicht verstehen warum wir jetzt, einen Millimeter vorm Ende dieser großartigen Expedition, vor so eine Prüfung gestellt werden. Wie lange sollen wir hier warten? Sollen wir die letzten Kilometer ohne Sebastian gehen? Wer wird seine Führungsrolle übernehmen können? Ist einer der anderen Jungs dazu geeignet die Karawane durch eine belebte Stadt zu führen ohne dabei auszuflippen? Ist es zu riskant mit einem unerfahrenem Leitkamel durch Rockhampton zu marschieren? Was ist, wenn ein Unfall geschieht? Wenn die Karawane plötzlich durchgeht und in einen vorbeifahrenden Roadtrain oder Auto springt? Können wir das verantworten? Ist unser Expeditionserfolg gefährdet? Und welch ein Ende einer Expeditionsreise wäre es, wenn unser Leitkamel jetzt stirbt? Völlig niedergeschlagen lasse ich mich auf den Boden sinken und sehe Sebastian in seine fragenden Augen.

Nach einer Weile raffe ich mich wieder auf und gebe ihm die drei Spritzen. Peter der Tierarzt wird heute Abend seinen Patienten wieder besuchen. Niedergeschlagen verlassen wir dann unsere treuen Kameraden und fahren mit einem alten ausrangierten Lastwagen zu unserer Unterkunft zurück.

Die nächsten Tage vergehen ohne Veränderung. Wir schaffen es unter großer Mühe Sebastian drei Karotten am Tag zu füttern. Wasser verweigert er völlig. Trotzdem geht unser Leben weiter. Mittlerweile haben wir wieder Kontakt zu Magaret und Greg. Sie sind Gott sei Dank immer noch an Sebastian und Hardie und unserer Ausrüstung interessiert. Während Tanja damit beschäftigt ist die Ausrüstung zusammenzustellen, gebe ich Interviews, rufe die Kamelkaufinteressenten zurück, die sich bei uns gemeldet haben, und kümmere mich um die Planung der nächsten Lauftage. Da Sebastians Zustand trotz der Spritzen unverändert schlecht bleibt, entscheiden wir uns ihn unter keinen Umständen mit an die Küste zu nehmen. Wir werden ihn mit Jasper und eventuell sogar Edgar zurücklassen. Auf diese Weise ist er nicht alleine. Diese Entscheidung ist zwar schmerzhaft, hat aber auch eine gut Seite. Wenn wir nur mit drei Kamelen weitergehen verringert sich für uns alle das Risiko. Der Kamelzug ist dann, anstatt 24 Meter nur 12 Meter lang und wird dadurch überschaubarer und besser zu kontrollieren. Auch werden wir den kommenden Sonntag nutzen, um unsere Tiere durch die Stadt zu führen. Wir sind der Überzeugung, dass an einem Sonntagmorgen entschieden weniger Verkehr herrschen wird als an einem Wochentag.

An einem der lauen Abende stehe ich unter dem mächtigen Baum und sehe auf die vom Mond beschiene Lagune. Rufus döst unter Hardies Sattel. Nur sein Schwanz verrät mir, dass er es sich dort unten bequem gemacht hat. Auf einmal spüre ich wieder einen Funken Neugierde in mir aufblitzen. Ob er wohl einen neuen Eintrag in sein Tagebuch geschrieben hat? „Warum soll ich die Gelegenheit nicht nutzen, um es zu suchen? ,denke ich mir. Auf leisen Sohlen schleiche ich um die Sättel, um sein wohl gehütetes Büchlein ausfindig zu machen. Ich sehe in jeder Satteltasche nach, bücke mich, um einen Blick unter die Sättel werfen zu können und kann es wie immer nicht auf anhieb finden. Als ich mich gerade vor Jafars Sattel abknie spüre ich plötzlich nicht alleine zu sein. Ein unangenehmes Gefühl läuft mir den Rücken hinunter, genauso als würde mich jemand beobachten. Ganz langsam drehe ich mich um. Erschrocken blicke ich direkt in zwei Augen. Es sind die Augen von Rufus die mich misstrauisch ansehen. „Ach du bist es Rufus,“ sage ich zu tiefst erschrocken von ihm ertappt worden zu sein. „Ich habe mich nur in wenig umgesehen. Weißt du, ich wollte nur wissen ob ich unser Funkgerät dort unterm Sattel vergessen habe,“ schwindle ich. „Wau, wauuuu?“ ,scheint er mich zu fragen. Damit er die Röte in meinem Gesicht nicht bemerkt drehe ich ihm den Rücken zu und gehe zum Haus der Ringer. Enttäuscht und verärgert darüber von ihm erwischt worden zu sein, steige ich die Treppe zum Haus hoch. Beim Hinaufgehen fällt mein Blick auf unseren Lagerplatz unterm Baum. Ich kann es nicht glauben als ich das Büchlein dort unten auf der Wurzel des Baumes liegen sehe. Ein kleiner, angekauter Bleistift liegt daneben. Anscheinend hat Rufus erst vor wenigen Minuten an seinen Aufzeichnungen gearbeitet. Sofort schreite ich die Treppe wieder hinunter und schleiche zu unserem Camp. Rufus liegt wieder unter seinem Sattel. Langsam setze ich mich neben dem Tagebuch auf die Baumwurzeln und hebe es auf.

DAS EXPEDITIONSTAGEBUCH EINES EXPEDITIONHUNDES NAMENS RUFUS

Als wir auf Cooroorah Station ankamen dachte ich im ersten Moment ein Paradies betreten zu haben. Alles um uns herum war saftig grün und die Menschen haben mich bewundert wie ich da wie ein Ritter auf Hardie heranritt. Als ich dann auch noch die Augenweide Mindi erblickte, gab es keinen Zweifel, dass ich absolut nach der buddhistischen Weisheit im Jetzt und Hier leben kann. Wie die Verrückten sind wir Beide gleich zur Lagune gerast und haben im Wasser getobt und gespielt. Als wir uns dann völlig verausgabt haben, wollte ich sehen wie es meinen Menschen geht. Wir sind gemeinsam durch den Garten gejettet, um sie zu suchen. Sie saßen alle auf der Terrasse und aßen und unterhielten sich angeregt. Natürlich wollte ich mir gleich ein paar Streicheleinheiten abholen.

Es ist nicht das erste Mal, dass sich eine Hundedame vor mir zur Furie verwandelt. In diesem Fall war ich ganz besonders geschockt als Mindi mich plötzlich gebissen hat. Ein Erlebnis, welches ich meinem ärgsten Feind nicht wünsche. Ich brauchte einige Tage um mich von diesem Schrecken zu erholen. Mindi machte mir verschärft klar, dass ich in ihrem Revier nichts zu sagen habe. Wenn mich Tanja und Denis riefen, kam sie ebenfalls sofort angewetzt. Sie tat so, als sei dies das Normalste der Welt. Ob man es glauben will oder nicht, ich konnte mein Fresschen nur im Beisein von Tanja oder Denis in mich hineinwürgen. Sobald meine Menschen Mindi den Rücken zuwendeten, vertrieb sie mich von meiner Schüssel und klaute mir alles worauf ich mich den gesamten Tag gefreut hatte. Das Einzige was mit dieser launischen Hündin Spaß machte, war Schwimmen gehen. Ansonsten erging es mir am Besten, wenn ich mich ganz ruhig verhielt.

Bald war es dann wieder soweit. Wir verabschiedeten uns von der Cooroorah Farm und ihren freundlichen Bewohnern. Wegen Mindi tat es mir nicht leid diesen Ort hinter uns zu lassen.

Ich freute mich auf neue Abenteuer. Leider begann auch wieder die Zeit, in der wir alle vor vergifteten Dingoködern Angst haben mussten. Trotzdem lag eine tolle Energie in der Luft, denn wir spürten die Nähe unseres Ziels Paradise Lagoons. Die Lauftag waren sehr anstrengend und speziell am letzten Tag fanden wir es ganz schrecklich uns durch das ganze Vorstadtchaos zu kämpfen. Es gab zwar viele Menschen die meine Reitkünste bewunderten und mich ständig fotografierten aber manche der Autofahrer schossen für meinen Geschmack viel zu dicht an uns vorbei. Als wir ankamen sah Sebastian ganz besonders müde aus. Am nächsten Tag wurde er auch richtig krank.

Die Freizeit die ich hier habe verbringe ich unter einem schönen großen Baum. Hier steht unser Zelt und alle Kamelsättel sind hintereinander aufgereiht. Am liebsten mache ich es mir zur heißesten Zeit unter Hardies Sattel gemütlich. Als ich so vor mich hindöste und an nichts Böses dachte, schlug der Schrecken aus heiterem Himmel zu. Ein großer Hund kam wie aus dem Nichts angeschossen und viel mich ohne Vorwarnung an. Sein weit aufgerissenes Maul war alles was ich sah. Ich fing sofort ganz fürchterlich zu heulen an. Gott sei Dank war da ein Mädchen die mit einem Stock geistesgegenwärtig auf die gefährliche Bestie einschlug. Tanja kam auch laut brüllend angerannt, um mich aus den Fängen meines Peinigers zu befreien. Endlich bekam ich einwenig das Gefühl von Sicherheit zurück. Junge, Junge, der Kerl hat mir glatt ein paar Kopfhaare abrasiert.

Manchmal ist es ein gefährliches Leben als Expeditionshund…

Wir freuen uns über Kommentare!

Tag: 250-253 Etappe Drei / Expeditionstage gesamt 641-644

Sonnenaufgang:
05:30

Sonnenuntergang:
18:48

Gesamtkilometer:
6897 km

Temperatur - Tag (Maximum):
35°/39 Grad, Sonne ca. 48/52°

Temperatur - Nacht:
24°

Breitengrad:
23°22’32.9“

Längengrad:
150°24’01.3“