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Hässliches Verhör

Bimbah-Camp — 08.11.2002 - 15.11.2002

Es ist 08:40 Uhr als tatsächlich ein Jeep vor der Homestead hält. „Der Inspektor ist da!“ ,rufe ich Tanja zu, die in der Küche gerade abwäscht. Schnell laufe ich durch das große Haus, öffne die Tür und sehe wie der Beamte und ein weiterer Mann aus dem Jeep steigen. „Guten Tag,“ sage ich freundlich auf die beiden Männer zulaufend. „Hallo,“ begrüßen sie mich. Da wir hier nur Gäste sind weiß ich nicht ob ich unseren Besuch ins Haus bitten darf. Jenny und Rowley sind beide nicht da. Ich überlege eine Weile und komme zu dem Schluss die beiden nicht hier draußen in der brütend heißen Sonne stehen lassen zu können. „Kommt doch bitte rein,“ sage ich, worauf sie mir ins Haus folgen. Der Inspektor zieht seine bunte gemusterten Cowboystiefel aus und stellt sie vor die Tür. Dann setzen wir uns an den runden Tisch neben dem herrschaftlichen Wohnzimmer. „Wollt ihr einen Kaffee oder Tee?“ ,fragt Tanja. „Nein danke,“ antworten die beiden. Wie schon beim letzten Gespräch fühle ich wieder wie sich die Klammer des Unwohlseins um meinen Hals legt.

„Nun, ich habe mit einem Kollegen von Kalgoorlie in West Australien gesprochen. Er berichtete mir eure Kamele bereits 1999 untersucht zu haben. Er erzählte allerdings auch euch über die Notwendigkeit informiert zu haben beim Grenzwechsel eine Gesundheitsgenehmigung anzufordern. Warum habt ihr mir während meines Besuches in eurem Camp nicht gesagt, dass ihr davon wusstet?“ Geschockt über die im ernsten Verhörton gestellte Frage, dauert es einige Augenblicke bis mir die Antwort von den Lippen geht. „Wir berichteten dir doch davon eine Genehmigung von Western Australien nach Northern Territory zu besitzen. Die hat Jo damals für uns arrangiert.“ „Davon weiß ich nichts. Ich habe alle eure Antworten aufgeschrieben,“ schmettert es über den Tisch. „Ich verstehe die Fragen nicht. Wir besitzen keine Genehmigung von Northern Territory nach Queensland. Das sagten wir bereits.“ „Warum nicht?“ „Weil wir nicht mehr daran dachten. Auf solch einer Expedition geht es fast täglich ums Überleben. Da dachten wir nicht daran eine weitere Genehmigung einzuholen. Wie ich schon erwähnte, da draußen gibt es keine Grenzen. Millionen von Kamelen überschreiten die sogenannte Grenzlinie Tag für Tag.“ „Trotzdem bleiben diese Tiere in der Wüste isoliert. Mit eurem Grenzübertritt können Krankheiten ins Rinderland übertragen werden.“ „Ich dachte immer Australische Kamele besitzen keine Krankheiten?“ „Es gibt einige und außerdem können sie welche übertragen. Also warum habt ihr euch nicht um das Gesundheitszertifikat gekümmert wenn ihr schon davon wusstet?“ „Weil wir nicht mehr daran dachten.“ „Ich glaube ihr wollt mich verarschen!“ ,hämmert die schneidende Stimme. „Ihr wisst, dass ich eure Kamele sofort einziehen und euch vor Gericht stellen kann. Ihr habt illegal gehandelt! Wir besitzen viel Macht, mehr als die Polizei. Wir können sogar ohne Durchsuchungsbefehl in jedes Haus gehen,“ droht er uns weiter.

Ich fühle wie es in mir kocht. Wie großer Ärger hoch steigt und ich beginne diesen Mann aus den tiefsten Gründen meines Herzen zu verachten. All die Fragen hat er uns schon im Camp gestellt und hier mehrfach wiederholt. Das letzte Mal beruhigter er uns mit den Worten; „Von der Gesundheitsgenehmigung habe ich nichts gehört,“ und jetzt macht er uns deswegen regelrecht fertig. „Also warum lügt ihr mich an?“ „Wir lügen dich nicht an. Welchen Grund hätten wir dich zu belügen?“ ,antwortet Tanja.

„Wo ist die Genehmigung des Grenzübertritts von West Australien nach Northern Territory?“ ,fährt er sein Verhör fort. „Wie ich schon sagte führen wir es nicht mehr mit uns. Ich glaube es ist in Deutschland oder bei Jo. Es ist sowieso mindestens ein Jahr alt. Wenn du uns wegen der Genehmigung nicht glaubst ist es für dich doch bestimmt nicht schwer herauszufinden ob sie auch wirklich ausgestellt wurde. Ich meine du hast doch auch den Inspektor von Kalgoorlie aufgetrieben und seine Inspektion liegt schon bald über drei Jahre zurück.“

Es entsteht eine kurze Pause. Der Kollege des Beamten ist ebenfalls Tierinspektor. Ich kann mir nicht helfen aber ich spüre, dass ihm dieses forsche Verhör unangenehm ist.

„Warum habt ihr die Grenze ohne Papiere überschritten?“ ,nervt der Mann nun zum x-ten Mal seine Fragen über den Tisch. Wenn er unsere Kamele beschlagnahmen will dann soll er es doch tun, denke ich mir. Ich habe langsam keine Kraft mehr auch noch solche Zwischen fälle zu bewältigen und spüre wie die alte Schwäche wieder zurückkommt. Wie die paar Tropfen Energie, die in den letzten Tagen in den Tank getropft sind, durch das hässliche Gespräch restlos weggesaugt werden.

„Wir können dir nicht mehr erzählen als wir schon sagten. Die Sache dreht sich im Kreis. Unsere Expedition ist etwas Positives. Ich kann dieses Verhör nicht verstehen.“ „Lass das aus dem Spiel. Es tut hier nichts zur Sache ob eure Expetition positiv ist oder nicht. Wir bleiben bei dem Fakt eurer Tat,“ unterbricht er mich ärgerlich und klopf mit dem Finger laut auf dem Tisch. „Wir können weiter und weiter die gleichen Fragen beantworten aber was bringt das. Wir haben einen Fehler gemacht. Wie sehen jetzt die Konsequenzen aus? Was können wir tun?“ ,wirft Tanja ein.

„Es tut mir leid euch an in die Enge getrieben zu haben. Wir werden in unseren Job oft belogen. Ich wollte nur herausfinden ob sich eure Antworten auch in einer Stresssituation decken. Viele Menschen fangen das Weinen an oder tun alles mögliche, um mich zu überzeugen. Macht euch keine Gedanken mehr, ich stelle euch jetzt alle notwendigen Papiere aus,“ antwortet er plötzlich mit honigsüßer Stimme, weshalb ich glaube im falschen Film zu sitzen. „Jetzt trinke ich gerne eine Tasse Kaffee,“ versucht er die Situation aufzulockern, als er die wichtigen Papiere ausfüllt.

Wir unterhalten uns noch eine halbe Stunde über die eine oder andere Episode in unseren Leben. Er berichtet von seiner Zeit als Quarantäneoffizier und davon wie ihn fast einmal ein französischer Kapitän auf seinen Schiff festhielt. Es ist eine lockere Unterhaltung, doch ich fühle mich durch dieses Katz und Mausspiel wie zertrümmert. „Gebt ihr in den nächsten Tagen noch Interviews?“ ,fragt der Inspektor plötzlich. „Ja.“ „Ihr könnt ruhig meinen Namen nennen. Sag ihnen was für ein netter Mann ich bin, ha, ha, ha.“ Wir sind froh als die beiden Inspektoren sich endlich verabschieden. Wie gerädert sitzen wir danach in den Stühlen und fragen uns welcher Zyklon uns gerade den Kopf gewaschen hat?

Tage später fühlen wir uns wieder besser. Ich beginne unsere Erlebnisse niederzuschreiben und gebe viele Interviews zu den Radiostationen in nahezu ganz Queensland. Wir empfangen Journalisten und die Tageszeitung. Unser Leben beginnt wieder mehr zu sprühen.

Unsere Gastgeber machen es uns sehr leicht die Zeit hier produktiv und mit Freude zu verbringen. Rowley und ich konnten nahezu die gesamte Route bis zur Küste ausarbeiten. Wir sprechen mittlerweile auch über den Verkauf unserer Kamele. Die ABC Radiostationen helfen uns die Bevölkerung darüber zu informieren. Bisher haben wir noch kein richtiges Angebot bekommen aber wir hoffen trotzdem gut Besitzer für unsere Jungs zu finden. „Wie verkraftet ihr diesen Gedanken?“ ,fragt mich Steve Martin von ABC Rockhampton. „Es wird hart. Es krampft uns das Herz aber noch ist es zu früh darüber zu sprechen. Noch liegen 700 Kilometer Buschland vor uns,“ antworte ich. „Wie lange werdet ihr dafür benötigen?“ „Ich weiß nicht Steve. Wenn alles klar geht, vielleicht sechs bis sieben Wochen?“ „Ich und die Hörer wünschen euch viel Glück. Wir hören von dir?“ „Klar,“ antworte ich, lege den Hörer auf die Gabel und hoffe bis zu unserem Weitermarsch genügend Kraft getankt zu haben, um die nächsten Wochen heile und mit viel Spaß zu überstehen.

Durch die vielen Vorkommnisse der letzen Wochen und unserem Mangel an Energie habe ich glatt vergessen wie Rufus über die anstrengende Zeit gedacht hat. Das Beste, um dies herauszufinden ist in seinem Tagebuch zu stöbern. Nur, wie kann ich dieses von ihm gut versteckte Buch hier auf der Farm finden? In unseren Camps ist es schon nicht leicht dieses gut gehütete Geheimdokument aufzustöbern, aber auf dem großen Farmgelände? Nachdenklich gehe ich in die Scheune in der wir unsere gesamte Ausrüstung gelagert haben. Wenn ich ein Hund wäre würde ich es hier irgendwo, in all dem Chaos verstecken. Mit wachen Augen umrunde ich die Taschen und Beutel, doch kann ich leider nichts sehen. Für Rufus ist es natürlich leicht so ein kleines Buch zu verstecken. Hier gibt es geradezu unzählige Möglichkeiten. Nach einer viertel Stunde verliere ich langsam die Lust. In oder unter der Ausrüstung ist es nicht, das ist sicher. Ich gebe mir noch eine Chance und sehe unter dem Kompressor nach. Fehlanzeige. Dann werfe ich einen Blick in und unter den kleinen Generator, den Motorrädern und der Werkzeugbank. Diesmal gebe ich auf und verlasse die Scheune. Schlecht gelaunt über meinen Misserfolg trete ich gegen einen Motorradhelm der auf dem staubigen Boden liegt. Er kippt zur Seite und ich kann meinen Augen nicht glauben. Das Tagebuch eines Expeditionshundes liegt direkt vor meinen Füßen. Nicht zu fassen, erhat es doch tatsächlich in dem Helm versteckt, denke ich und hebe es auf.

DAS EXPEDITIONSTAGEBUCH EINES EXPEDITIONHUNDES NAMENS RUFUS

Nachdem wir auf Westerton Station ankamen, dachte ich erst ich sehe nicht richtig als ich die hübsche junge Hündin Alice erblickte! Wow, es war ein wahres Vergnügen ihr zu zusehen, wie sie auf die Ladefläche der Ute sprang… Was dann kam, spottet jeder Beschreibung. Ich dachte ich leiste der niedlichen Alice auf der Ladefläche des Jeeps etwas Gesellschaft und sprang energetisch und mit Muskelspiel zu ihr. Nicht in 100 Jahren hätte ich mir vorstellen können, dass so ein zartes Hundefräulein so wild werden kann! Ich war schneller wieder unten als ich rauf kam und habe auch ganz deutlich verstanden, dass dies ihr Jeep ist… Okay, okay, ich werde es schon noch erwarten können, bis wir an der Ostküste ankommen und ich wieder mein eigenes Auto, den guten alten Ford habe.

Westerton hat mir gut gefallen, da lag ich den ganzen Tag auf dem angenehm kühlen Zementboden, habe meine Pfoten von mir gestreckt, wunderschön geschlafen und geträumt.

Es kam die Zeit des Aufbruchs und wir mussten weiterziehen. Ich war guter Dinge, nachdem ich so ca. sechs Tage am Stück geschlafen hatte… Das böse Erwachen kam im nächsten Camp. Mein Rinderschulterknochen von Marion Downs war nicht dabei. So lange ich auch wartete, weder Denis noch Tanja brachten meinen Knochen aus einer der Satteltaschen hervor. Natürlich konfrontierte ich meine Menschen. Ich zeigte ihnen ganz deutlich, dass es wohl nicht sein kann, dass ich die beiden nun seit über drei Jahren trainiere und sie immer noch nicht gelernt haben zuverlässig meine Knochen ein und aus zu packen. Meine Menschen haben sich vielleicht verteidigt. Der Knochen sei gar nicht mehr da gewesen. Scheinbar hat ihn sich ein anderer Hund oder Dingo geschnappt, als er im Rastcamp einfach so rum lag… Ein Jammer!

Die folgenden Lauftage waren einfach nur noch heiß und trocken. Ich verbrachte viel Zeit an meiner ungeliebten Hundeleine und schluckte den Staub von vorbeifahrenden Autos. Hardie sollte nicht so schwer tragen, deshalb musste ich laufen. Der große Tag an dem wir durch Longreach laufen sollten, kam immer näher… Wir waren alle ganz aufgeregt und hofften, dass uns der Betrieb und der Lärm der kleinen Stadt nicht zu viel Angst einjagt. Gott sei Dank, ist es dann auch wirklich gut gegangen. Ein freundlicher Mensch hat uns sogar eine Plastikflasche mit gefrorenem Wasser geschenkt. Es war einfach unglaublich gut, als ich eiskaltes Wasser in meine Schüssel bekam. Meine Menschen müssen mich wirklich lieb haben, wenn sie solche Schätze mit mir teilen.

Die Ankunft auf Bimbah war echt der Hit! Nachdem die Kamele abgeladen waren, sind wir alle zum trinken an den Damm. Ich konnte mich nicht mehr halten und habe mich direkt in die nassen Fluten gestürzt. Ich bin geschwommen und habe gleichzeitig getrunken und getrunken und getrunken. Als ich mich genug abgekühlt hatte, warf ich mich auf den Boden, um auch hier nochmals ein ausgiebiges Staubbad zu nehmen. Tagelang hing mir der getrocknete Schlamm noch im Fell und brachte mir so manche neue Spitznamen ein.

Tja und was das Allerschönste ist, ich muss hier auf Bimbah nicht an der Kette sein. Es gibt hier keine giftigen Dingo Köder. Ich habe viel Spaß mit den Farmhunden, Amy, Flow, Bugsy, Scouter und Jack. Auch Wooppy, die kleine Jack Russel Hündin, kommt immer wieder mal aus dem Haus und spielt mit uns.

Junge, Junge, ich sehe wieder Licht am Ende des Tunnels! Es schien als hätte ich ein ganzes Hundeleben gelebt, seit wir Westerton verließen und nun besitze ich wieder ein fantastisches Hundeleben. Ich bin froh ein Expeditionshund zu sein…

Wir freuen uns über Kommentare!

Tag: 176-183 Etappe Drei / Expeditionstage gesamt 567-574

Sonnenaufgang:
05:33-05:30

Sonnenuntergang:
18:39-18:42

Gesamtkilometer:
5771 Km

Temperatur - Tag (Maximum):
39°-41° Grad, Sonne ca. 59°-63°

Temperatur - Nacht:
17°-19° Grad

Breitengrad:
23°18’28.1“

Längengrad:
144°22’24.5“