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Haus des Lebens

Ernestina Tank-Camp — 01.11.2002

Laut Karte hat sich der Name des Tracks in Longreach Tocal Road geändert. Wir kommen gut voran. Seit langen ist uns schon kein Auto mehr begegnet. Die Landschaft sieht unverändert aus. Immer noch ist fast alles von der Sonne braun gebrannt, doch die Rinder scheinen hier mehr zu fressen zu haben. In einigen der riesigen Einzäunungen entdecken wir jetzt mehr und mehr Schafe die friedlich neben den Rindern grasen.

Alle sieben Kilometer müssen wir eines der Rindergitter umgehen. Einige der Gatter sind recht alt oder mit unterschiedlichen Verschlüssen abgeriegelt. Manchmal wickeln sich verrostete Drähte um halb zerfallene Gatter und manchmal wird ein Stacheldraht mit einer raffinierten Spanntechnik von Pfosten zu Pfosten gezogen. Kein Tor gleicht dem anderen. Im Laufe der Jahre sind Tanja und ich zu richtigen Spezialisten geworden, wenn es darum geht, diese einfaltsreichen Konstruktionen zu öffnen. Im Schnitt benötigen wir nicht mehr als fünf Minuten, um die Absperrungen hinter und zu lassen. In wenigen Fällen allerdings liegt das Tor vom Grid weit entfernt. Bis wir es gefunden und überwunden haben vergehen dann 15 bis 20 Minuten.

Unweit von uns entfernt stelzen dunkel gefiederte Emus durch gelbes Gras. Neugierig recken sie ihre Köpfe in die Höhe und sehen unserer Karawane nach. Kängurus gibt es hier ebenfalls in geradezu ungeheuren Mengen. Nicht selten queren große Horden mit über 30 Tieren den Weg. Auch sie bleiben neugierig stehen, um herauszufinden was wir für ein seltsamer Zug sind und hüpfen bei unserem Näherkommen in die Sicherheit.

Obwohl die Tage ohne Zwischenfälle verlaufen spüren wir eine Dauermüdigkeit in unseren Knochen. Unser Elan, die Zuversicht, Freude am Detail, verlieren sich mehr und mehr in der Ewigkeit der ständigen Herausforderungen und Strapazen. Klar haben wir viel gelernt und sind dadurch auch viel stärker geworden als wir vorher waren, doch haben wir beide das Gefühl mit jedem weiteren Kilometer über unsere Grenzen zu gehen. Ich kann nicht gerade sagen, dass ich mich in diesem Augenblick euphorisch fühle. Ich fühle mich etwas unsicher. Meine Gedanken drehen sich im Kreis. Wie sooft in diesen Momenten blicke ich auf meine Füße und wende mich an Mutter Erde. „Bist du da? Mutter Erde kannst du mich hören?“ „Ich bin immer da. Das weißt du doch.“ „Warum habe ich diese Höhen und Tiefen? Dieses Auf und Ab?“ „Du bist ein Mensch auf dem Weg dich selbst kennen zu lernen. Ein Mensch der offen ist und dadurch auch viel verdauen muss. Mach dir nicht zu viele Gedanken. Diese Höhen und Tiefen sind völlig normal.“ „Ich dachte endlich über diesen Punkt zu sein. Endlich viele Erlebnisse und Erfahrungen besser verdauen zu können.“ „Du bist mit dir selbst ungeduldig. Lass es fließen. Du streichst gerade ein paar Wände deines Hauses an.“ „Was? Wie soll ich denn das verstehen?“

„Nun, ein Menschenleben ist unter anderem auch mit einem Hausbau zu vergleichen. Erst wird das Fundament gesetzt. Dann im Laufe der Jahre mauerst du die Wände, ziehst ein weiteres Stockwerk ein und am Schluss setzt du das Dach darauf. Wenn der Rohbau deines Hause steht, beginnst du die Wände zu verputzen und die Räume einzurichten. Dann beginnst du mit dem Garten.“ „Du meinst jede meiner Erfahrungen ist ein weiterer Handgriff das Haus meines Lebens zu bauen und zu verschönern?“ „So ist es.“ „Ein schöner Vergleich. Nur was hat das mit den Höhen und Tiefen zu tun?“ „Die Höhen und Tiefen sind die Wellen deines Gefühlslebens. Sie sagen dir, dass du im ständigen Prozess bist dein Haus weiter auszubauen und zu verschönern.“ „Das klingt gut. Es ist eine zufriedenstellende Erklärung. Ich glaube ich verstehe.“ „Natürlich verstehst du. Du kannst dich vor allem glücklich schätzen mit deinem Hausbau schon so weit zu sein. Manche Menschen stellen ihr Haus auf ein völlig verrottetes Fundament.“ „Meinst du es gibt Menschen die ihr Haus auf wacklige Pfeiler bauen?“ „Wie immer du es ausdrücken möchtest, aber das heißt es.“ „Werden solche Häuser irgendwann einstürzen?“ „Ja.“ „Was bedeutet das?“ „Nun, es gibt Menschen die in ihrem Leben viele Fehler machen. Wenn sie nicht erwachen, bemerken sie nicht wie die Wände ihres Lebens rissiger und brüchiger werden. Letztendlich fallen ganze Stücke ihres Lebens zusammen.“ „Wie kann so etwas aussehen? Ich meine, kannst du mir ein Beispiel dafür geben?“ „Menschen die zum Beispiel unaufhörlich den gleichen Fehler wiederholen werden daran entweder körperlich oder seelisch erkranken. Wenn sie nicht versuchen ihr Leben zu ändern oder eine neue Richtung einschlagen wird eine der Mauern einstürzen. Ein simples Beispiel dafür ist ein Raucher. Irgendwann in seinem Leben wird ein Organ erkranken oder sogar aufgeben. Natürlich gibt es Millionen von Beispielen.“

„Ich verstehe. Was ist mit den Menschen deren Eltern schon krank sind? Ich meine Eltern die eventuell Alkoholiker sind und bereits schon von ihren Eltern geschädigt wurden? Oder Eltern die selber unter großen psychischen Problemen leiden und nicht in der Lage sind an sich zu arbeiten? Kann es sein, dass deren Kinder ihr Haus bereits auf ein einsturzgefährdetes Fundament stellen?“ „Ja.“ „Kannst du zu meinem besseren Verständnis ein Beispiel nennen?“ „Du hast selbst Tausende von Beispielen gehört oder mit ansehen müssen.“ „Ich habe mal davon gehört, dass ein Vater mit angesehen hat wie sein Sohn seine Tochter mit den Stiefeln trat und obwohl das arme Mädchen entsetzlich geschrieen hat, ist er nicht eingeschritten. Ist das ein Beispiel?“ „Aber natürlich. Das ist sogar ein dramatisches Beispiel. So ein Erlebnis kann einem jungen Menschen einen ganzen Raum seines Lebenshauses wie eine Bombenexplosion in die Luft gehen lassen. Solch ein Mensch wird lange benötigen, um wieder Vertrauen aufbauen zu können. Eine Mutter oder ein Vater sind für Kinder die wichtigsten Personen im Leben. Wenn Eltern wie in deinem beschriebenen Fall so versagen, richten sie großen Schaden an.“ „Das ist sehr traurig zu hören.“ „Du weißt selbst, dass es Fälle gibt in denen Eltern ihre Kinder physisch und psychisch quälen. Leider sind diese Wesen selber so krank, dass sie nicht bemerken welchen Schaden sie mit ihren Handlungen anrichten. Gott sei Dank gehören solche Fälle zu den Ausnahmen. Aber auch diese Kinder haben eine gute Chance ihre Hauswände zu reparieren. Auch sie können in ihrem weiteren Leben jeder Zeit aus den schrecklichen Erfahrungen lernen und sie ins Gegenteil umlenken. Manche sind sogar in der Lage ein völlig neues Haus auf ein gesundes Fundament zu bauen. Wenn das geschieht, gehören gerade solche Wesen zu denen, die anderen Menschen besonders gut helfen können. Sie wissen was es bedeutet Schmerz zu fühlen und besitzen dadurch ein sehr großes Verständnis für andere. Jeder von euch ist hier auf meiner Haut um zu lernen. Das Leben besteht aus Erfahrungen. Aus Erfahrungen wird gelernt. Es ist ein sich wiederholender Kreislauf, bis du soviel gelernt hast, dass du keine Erfahrungen mehr benötigst, um mit der göttlichen Energie eins zu sein..“ „Vielen Dank für die Erklärung. Es ist kaum zu glauben welche Dinge wir hier draußen im Outback lernen. Ich hätte nie gedacht, das der Hausbau des Lebens etwas mit unserer Expedition zu tun hat.“ „Du weißt doch Denis, alles in dieser Welt ist miteinander verbunden. Auch euer isoliertes Leben hier draußen ist ein Teil von allem was ist…“

Wir freuen uns über Kommentare!

Tag: 169 Etappe Drei / Expeditionstage gesamt 560

Sonnenaufgang:
5:37

Sonnenuntergang:
18:37

Luftlinie:
23,3

Tageskilometer:
27

Temperatur - Tag (Maximum):
38° Grad, in der Sonne ca. 59°

Temperatur - Nacht:
14,6° Grad

Breitengrad:
23°34’22.8“

Längengrad:
143°59’55.3“