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Die eigene innere Dunkelheit beleuchten

Heißer Wind-Camp — 19.10.2002

Weil uns schon die ersten Sonnenstrahlen zum schwitzen bringen stehen wir heute bereits um 03:00 Uhr auf. Als sich der glühende Sonnenball über die toten Bäume erhebt, sind wir längst unterwegs. Die sonst so gleißenden Strahlen befinden sich zu dieser Stunde hinter einer feinen Staubschicht. Das Licht wirkt geisterhaft. Die Erde scheint noch mal durchzuatmen, bevor es heiß wird. Doch bereits um 07:00 Uhr klettert das Thermometer auf 30° Grad und garantiert uns einen weiteren Tag im Backofen des Outback. Wir verlassen die Winton Jundah Road, um die Gun Creek Well aufzusuchen. „Ob es dort Wasser gibt?“ ,fragt Tanja. „Kann ich mir schon vorstellen. Schau, da vorne laufen Rinder in die gleiche Richtung wie wir und der Rindertrack hier ist auch stark benutzt,“ antworte ich zuversichtlich. Minuten danach entdecken wir eine große Rinderherde die auf einer kahlen Fläche in der Sonne steht. In ihrer Mitte befindet sich ein rundes Becken, welches offensichtlich voll Wasser ist. Mit unserem Näherkommen entfernen sich die abgemagerten Bullen, Stiere, Kühe und Kälber etwas, um uns dann aus sicherem Abstand zu beobachten. Wir huschen die Kamele nieder und tränken sie wie meistens mit dem Eimer. 40 mal müssen wir die Kübel in das schmutzige Wasser der Tränke tauchen, bis unsere Boys endlich genug haben. Obwohl sie sich erst vor vier Tagen ausgiebig den Bauch voll saufen konnten, schütten sie jetzt 400 Liter in sich hinein. „Keine Frage, sie waren sehr durstig,“ stelle ich fest und gebe das Kommando zum Weitermarsch.

Zufrieden die Tanks unserer Lastentiere wieder voll zu wissen, schreiten wir kraftvoll aus. Mit der Flüssigkeit in ihrem Körper sind sie wieder in der Lage auch die trockensten Büsche und Sträucher zu fressen und zu verdauen. Eine der wichtigsten Aufgaben dieser Expedition ist es zweifelsohne die Kondition unserer Jungs aufrecht zu erhalten. Nur ihre Gesundheit und Fitness garantiert uns das Erreichen der Ostküste.

Nach weiteren 30 Kilometern finden wir einen weitflächigen Gidyeawald in dem wir rasten. Bei 44° Grad im Schatten sehnen wir uns danach endlich das Ziel, die Ostküste Australiens zu erreichen. Wir sind zwar topfit, gesund und besitzen nach wie vor eine gute Einstellung, aber trotzdem haben wir in diesen Momenten des Leidens die Nase gestrichen voll. Die Herausforderungen und Aufgaben reißen einfach nicht ab. Unsere Gehirne und unsere Körper arbeiten unentwegt auf Hochtouren und gerne würden wir mal alle Verantwortung ablegen und einfach unsere Seele baumeln lassen. Die Höhen und Tiefen solch einer Reise sind enorm und manchmal kaum zu verkraften. Jeden Tag und jede Stunde kann irgendetwas Unvorhergesehenes geschehen, kann etwas dazwischenkommen mit dem wir nicht gerechnet haben und genau das macht dieses Leben auf der anderen Seite so interessant. Lässt es immer spannend und aufregend bleiben und fordert uns unaufhörlich heraus aufmerksam und offen zu bleiben.

Da hier der gesamte Boden nur aus roter Erde und Steinen besteht, bindet Tanja unsere Jungs an verschiedene Gidyeabäume. Es macht unter diesen Umständen keinen Sinn sie grasen zu lassen. Während unsere Partner dann lustlos an den Bäumen herumnippeln, ihre Äste brechen oder sich einfach in den Schatten setzen, legen wir uns auf die Campbetten. Trotz der enormen Hitze schlafen wir immer wieder kurz ein. Der Körper holt sich was er benötigt, um zu regenerieren. Nur mit der Unterhose begleitet klebe ich im eigenen Saft gebadet auf dem Stoff des Campbetts. Es gibt kaum Fliegen. Selbst für sie scheint es zu heiß und Trocken zu sein. Jede Bewegung ist anstrengend und kostet uns geradezu immense Überwindung.

Nachts kühlt es kaum noch ab. Wir liegen bei 26° Grad in unseren seidenen Schlafhüllen, um uns vor den Sandfliegen zu schützen die uns seit einiger Zeit das Leben nicht leichter machen. Ihre Stiche jucken geradezu unbeschreiblich und wir müssen darauf achten keinen Kratzanfall zu bekommen. Ich liege mit offenen Augen da und verliere mich in dem Sternenhimmel. Meine Gedanken drehen sich um uns Menschen. Immer wieder stelle ich mir die Frage warum wir es uns oft selbst so schwer machen? Warum wir Menschen die Schönheit der uns umgebenden Natur nicht mehr sehen und von selbst produzierten Problemen gefangen werden ohne es zu bemerken? Warum so viele meiner Gattung sich in ihrem Kopf ihr eigenes Gefängnis bauen und die Mauern mit ihrer Intoleranz und begrenzten Sichtweise höher und höher ziehen, bis sie nicht mal mehr das Tageslicht erkennen können. Völlig vernebelt und noch dazu im glauben alles richtig zu machen, laufen diese Menschen durch ein Trauma des Unglücks in einem Tal der Einsamkeit und wissen nicht warum. Sie wissen nicht warum sich ihre Familie und Freunde von ihnen Distanzieren und nur wenige stellen sich selbst die Frage: „Bin ich es der Rücksichtslos und Voreingenommen reagiert?“ Oder. „Bin ich selbst unnachgiebig und engstirnig? Lass ich mich von den falschen Menschen beraten? Habe ich den falschen Umgang? Die falschen Freunde? Folge ich den faschen Zielen? Sollte ich meine Sichtweise ändern? Sollte ich mich mehr öffnen? Vielleicht mein Leben verändern?“ Nein, wir Menschen versuchen unsere Probleme immer in der äußeren Welt zu suchen. Immer der Andere ist der Schuldige und nur selten kommt jemand zu der Erkenntnis sein eigenes „Ich“ seine eigene innere Dunkelheit zu beleuchten. Viele von uns trachten nach Erleuchtung. Lesen tolle Bücher aber nur wenige setzen dieses Wissen um und beginnen damit Licht in ihr eigenes Inneres zu lassen. Manche legen dieses Wissen sogar falsch aus und missbrauchen es, um ihr altes Leben zu rechtfertigen. Ich habe sogar von Menschen gehört die zweifelhafte Wahrsager aufsuchen, um ihr eigenes Tun bestätigen zu lassen. Es ist schlimm anzusehen wie diese armen Wesen tiefer und tiefer fallen und in einem Wirrwarr von falsch ausgelegter Spiritualität gefoltert und gefangen werden. Vieles wird eingesetzt, um sich nicht verändern zu müssen. Nur keine Fehler zugeben. Klar, ist es erst mal einfacher alles andere zu beschuldigen und für das Unglück verantwortlich zu machen. Viele Menschen sind zu schwach, um zu erkennen wie negativ Beeinflusst sie werden. Kaum jemand denkt darüber nach. Eigene Beschränktheit, Verblendung und Fanatismus führen in die totale Irre aus der es für so Manchen kein Entkommen mehr gibt.

Gerne würde ich dazu beitragen diesen Menschen zu helfen. Gerne hätte ich die Möglichkeit und das Wissen die Gefangenen ihrer eigenen Welt zu befreien. Doch ist es mir ein Rätsel wie man das anstellen könnte? Es fällt mir selbst nicht leicht mein eigenes „Ich“ zu beleuchten. Mein eigenes Inneres mit dem Licht der Erkenntnis zu erfüllen und es kommt mir so vor noch viele Wüsten durchqueren zu müssen, um eine klare Antwort zu bekommen.

Ich weiß nicht warum mir diese Gedanken gerade unter solch schweren Lebensbedingungen durch den Kopf gehen aber ich möchte sie auch nicht unterbinden. Nicht selten führen mich die Gespräche mit Mutter Erde, mit meinem eigenen Unterbewusstsein und mit mir selbst zu einem angenehmen und sehr brauchbaren Resultat. Wie sagt die Wüste immer; „Habe Geduld Denis. Lass es fließen.“

Ein heißer Wind bläst mich regelrecht aus meinen Gedanken. Urplötzlich beginne ich heftig zu schwitzen. Müde blicke ich auf das Thermometer, welches immer neben mir auf der Armlehne des Klappstuhls liegt. Im ersten Augenblick glaube ich meinen Augen nicht trauen zu können. Die Nacht hat sich auf 32° Grad erwärmt. Der heiße Wind lässt die trockenen Blätter der Gidyeas rascheln. Rufus träumt laut und quietscht immer wieder auf. Eine Wolkenfront verdeckt in großer Entfernung ein paar Sterne. Es wird doch kein Wetterumschwung kommen?…

Wir freuen uns über Kommentare!

Tag: 156 Etappe Drei / Expeditionstage gesamt 547

Sonnenaufgang:
05:52

Sonnenuntergang:
18:36

Luftlinie:
21,5

Tageskilometer:
30

Temperatur - Tag (Maximum):
44° Grad, in der Sonne ca. 65°

Temperatur - Tag (Minimum):
26° Grad

Breitengrad:
23°58’42.9“

Längengrad:
142°34’48.4“