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Die Haut der Muttertrommel gehört uns allen

Remarkabel-Camp — 10.10.2002

Tanjas Bisswunde hat weitere Fortschritte gemacht und scheint über den Berg zu sein. Wir sind erleichtert. Auch Jafar und Istans Zustand ist gut. Sebastian hat heute während des Ladens furchtbar schlechte Laune. Öööhhhäää, öööhhhäää, jammert er unaufhörlich. „Tut dir etwas weh?“ ,frage ich ihn, mehr zu mir selbst sprechend. „Öööhhhää, klar tut mir etwas weh, öööhhhäää. Meine Muskeln brennen, mein Köper ist müde. Wenn du es genau wissen willst, habe ich die Schnauze gestrichen voll. Ständig Beladen und Entladen zu werden, Laufen und viel zu kurze Rasten. Ich möchte was Gescheites zu fressen haben und zwar ganze Berge davon. Ich möchte dahin wo es viel Grünes gibt.“ „Aber du hattest doch erst eine längere Rast mit ganzen Heubergen,“ wiederspreche ich. „Öööhhhäää, papperlapapp. Ich will solche Heuberge für immer haben und nicht nur für ein paar Wochen.“ Ach Sebastian, du bekommst deinen Hals wohl nie voll?“ „Öööhhhäää,“ erwidert er.

GIBT ES EINE VERBINDUNG ZWISCHEN KÄNGURU UND MENSCH?

Wie von Alex vorgeschlagen folgen wir dem Zaun, schreiten später durch das offene Tor, um uns dann an einem weiteren Zaun in Richtung Nordosten entlang zuschlagen. Wieder ist es heiß. Keiner von uns spricht ein Wort. Im einvernehmenden Schweigen schreiten wir Kilometer für Kilometer voran. In so manchen Momenten ist es eine Tortur, eine Folter und Qual für Körper und Geist. Meine Gedanken verlassen den Körper, fliegen herum. Plötzlich sehen wir durch das Flimmern der vor uns liegenden Luftspiegelungen Kängurus hüpfen. „Fällt dir etwas auf?“ ,fragt mich die in letzter Zeit selten gehörte Stimme der Wüste. „Was soll mir denn auffallen?“ „Na du denkst doch schon wieder über den Sinn eures Marsches nach. Du musst doch endlich verstehen das dieser Weg den ihr geht einen sehr tiefen Sinn für euch hat. Das der Weg durch die Wüsten Australiens euch tief in euer eigenes Ich geführt hat. Oder bezweifelst du das immer noch?“ „Nein, aber wenn es so anstrengend ist wie in diesen Momenten kommen immer wieder die lästigen Sinnfragen auf.“ „Ignoriere sie und betrachte lieber die Natur. Lerne von uns. Nehme uns wahr. Atme uns. Bleib aufmerksam. Stumpfe nicht ab und nehme die Geschehnisse um dich herum nicht für alltäglich. Sehe sie als Wunder. Betrachte sie aus einem anderen Blickwinkel. Du hast die Möglichkeiten. Alle Möglichkeiten. Verstehst du?“ „Ich glaube schon.“ „Also was siehst du?“ „Kängurus. Ich sehe Kängurus die über die Erde springen. Sie hüpfen durch eine Luftspiegelung.“ „Ja, sehr gut. Und was sagt dir deine Beobachtung?“ „Hm…, ich weiß nicht. Irgendetwas ist anders. Du hast recht. Aber was?“ „Du weißt es. Lass es fließen. Beobachte die Kängurus und deine Füße.“ „Meine Füße?“ ,frage ich die Wüste verwundert und blicke nach unten. Vor und zurück, vor und zurück. Schritt, Schritt, Schritt. Linker Fuß, rechter Fuß. Was soll anders sein als sonst?“ „Nichts ist anders als sonst. Nur dein Blickwinkel. Deine Betrachtungsweise wie du die um dich herum geschehenden Ereignisse siehst hat sich in den letzten Jahren verändert. Oder etwa nicht? Also beobachte die Kängurus.“ „Ich weiß nicht. Erst soll ich die Kängurus und dann meine Füße beobachten. Gibt es denn eine Verbindung zwischen meinen gehenden Füßen und den Kängurus…?“ „Überlege…“

„Schritt, Schritt. Vor und zurück. Stapf, stapf. Hüpf, hüpf. Schritt, Schritt. Mein Gott ja! Ja! Es gibt eine Verbindung zwischen meinen Füßen und den Kängurus. Es ist der gleiche Rhythmus. Meine Füße setzen im gleichen Rhythmus auf die Erde auf wie die Kängurus vor uns über die Ebene hüpfen.“ „Sehr gut… Und weiter.“ „Weiter?“ „Ja weiter. Das ist doch nicht alles.“ „Hm, wir haben den gleichen Rhythmus. Es ist die gleiche Schwingung. Die gleiche Welle. Die gleiche Sprache? Ja, wir Wesen laufen über die Haut der Mutter Erde. Es ist wie das Schlagen einer Trommel. Einer großen Muttertrommel. Es ist in der Tat eine Art Sprache. Eine Verständigung. Durch meine Schritte schlage ich auf die Haut. Durch das Hüpfen des Kängurus schlägt es auf die Haut. Wir erzeugen Schwingungen. Schwingungen kann man messen. Es ist wie die Sprache des Moderators die über eine gewissen Frequenz klar und deutlich aus dem Lautsprecher unseres Radios kommt. Ist es das warum ich deine Stimme höre?“ „Ja, das ist zumindest in diesem Augenblick ein Weg wie du dich mit uns unterhältst. Was soll es dir denn zeigen? Was verrät dir diese Erkenntnis?“

„Hm…, wir sind alle miteinander verbunden. Wir leben alle auf dem gleichen Planeten. Auf der gleichen Haut. Es ist immer wieder die gleiche Botschaft. Eine Botschaft diese Haut nicht zu zerstören damit wir nicht voneinander getrennt werden. Damit Mensch und Natur eins bleiben. Ohne euch wird uns die Oberfläche auf der wir täglich gehen unter den Füßen weggezogen. Wir müssen also darauf achten was wir mit dieser Haut anstellen. Es ist letztendlich das Gleiche wie unsere eigene Haut am Körper.“ „Gut. So ist es. Vielleicht solltest du dich noch anders ausdrücken und einfach der Tatsache ins Auge sehen das alle Menschen mit den Kängurus verbunden sind. Das alle Menschen einem Rhythmus unterliegen den du auch Mutterrhythmus oder Erdrhythmus nennen kannst. Es ist wie der Herzschlag. Der Herzschlag in dessen Rhythmus ihr miteinander schwingt. Das Känguru steht für dich in diesem Fall als Symbol für Verbindung und Rhythmus. Es gibt viele Symbole und ihr Menschen steht grundsätzlich mit uns, also mit den verschiedensten Lebensräumen der Natur, wie dem Outback, den Wüsten, den Urwäldern, den Bergen, den Ozeanen und den Polen in einer engen Verbindung. Vergesst nicht, dass es bei uns keine Grenzen gibt. Das alles zusammen gehört. Das Alles was ist ein Teil des Systems ist. Das ihr Menschen es endlich versteht und euch selbst nicht noch mehr Schaden zuführt indem ihr am Materialismus hängen bleibt. Sage es den anderen. Schreib darüber.

MAN KANN DIE HAUT DER MUTTERTROMMEL NICHT BESITZEN

Sage ihnen auch das man die Haut der Trommel nicht besitzen kann. Wie soll das funktionieren? Ihr Menschen könnt euch nur ein Stück davon für eure Lebenszeit ausleihen. Aber ihr könnt sie nicht besitzen. Ihr könnt das Hautstück zwar ausbeuten, tiefe Löcher graben, es mit euren Abfall bewerfen und dann an eure Nachkommen vererben. Aber vergesst nicht, ihr könnt die Haut der Erde nicht besitzen. Sie ist ein Teil des allgemeinen Kommunikationssystem. Sie ist der Lebensrhythmus und die Nahrungsquelle auf der ihr steht, lauft oder eure Städte baut. Aber denkt daran die Haut kann niemals einem Einzelnen gehören. Sie gehört immer allen, egal welcher Rasse er angehört und welche Hautfarbe der Einzelne besitzt. Selbst eure eigenen Haut habt ihr euch nur für ein paar Jahre geliehen. Wenn ihr sterbt geht sie zurück in die Allgemeinheit, in die Mutter Erde. Also denkt daran was ihr mit der Haut tut auf der ihr lebt. Denkt daran das die Haut der Mutter Erde, die Haut der Muttertrommel, genauso wenig zu besitzen ist wie die Atemluft. Es ist Allgemeingut aller Bewohner dieses Planeten. Erde und Luft gehört dem Känguru genauso wie dem Menschen. Es ist wichtig zu verstehen, dass es ein Irrsinn ist wegen der Haut, die ihr als Land bezeichnet, einen Krieg anzufangen. Das wird euch nicht weiterbringen. Siehst du nun wie wichtig die Betrachtungsweise ist? Welche Verbindungen es zwischen deinen gehenden Füßen und den hüpfenden Kängurus gibt? Wohin dich diese Erkenntnis führen kann? Ist dir klar, dass diese kleine Erkenntnis dir einen Weg in die Unendlichkeit zeigen kann? Also frage dich nicht mehr über Sinn und Unsinn deiner Unternehmungen. Die Anstrengungen geleiten dich in andere Welten, sind Hilfsmittel, um dir deinen Geist zu öffnen…“

Während des intensiven Gesprächs habe ich kaum bemerkt wie die Zeit verflogen ist. Ich habe kaum bemerkt, dass wir bald sieben Stunden stramm über die Haut der Mutter Erde gelaufen sind und dabei 34 Kilometer zurücklegten. Am Fuße eines eigenartig aber wunderschön aussehenden Berges finden wir unter ein paar Bäumen etwas Schatten. Ich lasse unsere tapferen Tiere absetzen und würde Jasper heute nicht einen Großteil seines Mageninhaltes über Tanjas Hemd erbrechen, wäre alles reibungslos verlaufen. „Mein Gott. Das stinkt als wärst du in eine Kloake gefallen. War das ein frisches Hemd?“ „Ja, klar. Jasper spuckt nur auf frische Hemden,“ antwortet Tanja.

Nur eine halbe Stunde nach Sonnenuntergang liegen wir bereits in unseren Betten. Das spärliche Licht des zunehmenden Mondes wirft sein kaltes Licht auf die endlose Ebene. Der vulkanartige Berg, dessen Spitze von der Erosion geköpft wurde, zeigt sich stolz in seiner eigenwilligen Schönheit. Die schwarzen Steine auf dem Boden glitzern ganz leicht im Mondlicht. „Also wenn das kein perfekter Landeplatz für ein UFO ist dann weiß ich nicht wo sich die Jungs uns noch zeigen wollen,“ meint Tanja. „Ja, langsam müssen sie sich beeilen. In 300 Kilometern erreichen wir die ersten Siedlungen, dann haben wir wohl kaum noch eine Chance eines zu sehen,“ antworte ich lächelnd und genieße die angenehme Brise die den letzten Rest der heißen Tagsluft vertreibt.

Tag: 147 Etappe Drei / Expeditionstage gesamt 538

Sonnenaufgang:
06:05

Sonnenuntergang:
18:36

Luftlinie:
27

Tageskilometer:
34

Temperatur - Tag (Maximum):
35° Grad, in der Sonne ca. 55°

Temperatur - Nacht:
16,2° Grad

Breitengrad:
23°41’19.5’’

Längengrad:
141°24’52.7’’

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