« Zurück       Weiter »

Das Ende?

Tanjas Geburtstags-Camp — 01.09.2002

AN UNSERE LESER!!!

WEGEN DEN VIELEN, TEILWEISE HAARSTRÄUBENDN EREIGNISSEN DER LETZTEN WOCHEN HAT ES DIESMAL MIT DEM UPDATE ETWAS LÄNGER GEDAUERT.

IN DIESEM NEUEN UND GROSSEN UPDATE KÖNNEN SIE ALLE GESCHICHTEN UND ERLEBNISSE VOM 22.08.02 BIS 01.09.02 LESEN.

DIE WEITEREN UPDATES GIBT ES DEMNÄCHST. ICH ARBEITE DARAN.VIEL SPASS BEIM LESEN

Denis & Tanja

Der heiße Wind bläst in regelrechten Sturmböen große Sandwolken über unser Camp. Hastig löffeln wir unser Müsli, um nicht zuviel von dem feinen Sand beißen zu müssen. Die Fliegen gebärden sich trotz des starken Windes wie die Wahnsinnigen und surren noch lästiger als sonst um unsere Körper. Es ist ohne Zweifel kaum zu ertragen und wir fragen uns wie wir die vor uns liegenden Monate überstehen sollen. Unsere Nerven sind angespannt. Eigentlich wollten wir uns hier in diesem Camp von den Strapazen der Wüstendurchquerung erholen, doch der dramatische Wetterumsturz lässt jeden Augenblick zur Qual werden. Jede Bewegung ist anstrengend und der Halbschatten der Gidyeabäume lässt uns schon am frühen Morgen im eigenen Saft schmoren.

Tanja hat die Kamele schon vor einer Weile freigelassen, damit sie an den Bäumen und Büschen fressen können. Sie befinden sich unweit vom Camp und genießen anscheinend das leckere Grünzeug und die ausgetrockneten, stachligen Dornenbüsche. Ding, dong, ding dong, hören wir die Glocken läuten die um ihre Hälse baumeln. „Ich stelle nur noch die Küchenboxen und die Lebensmittel aus der Sonne bevor ich die Kamele beaufsichtige,“ sagt Tanja. „Okay, ich werde heute mit unseren Aufzeichnungen beginnen,“ antworte ich energielos. Ohne Lust schlurfe ich zu meinem Buschbüro, stelle meinen Stuhl hinein, öffne den wasser und staubdichten Schutzkoffer in dem mein Laptop ruht und schalte ihn ein. Bis er hochgefahren ist liegt schon eine feine Schicht Sand über der Tastatur. Genervt hebe ich ihn in die Luft und blase den Sand fort. „Ich kann die Kamelglocken nicht mehr hören. Ich gehe besser mal nach schauen wohin unsere Boys laufen,“ ruft Tanja. „Okay, pass auf dich auf. Hast du das Walkie Talkie dabei?“ „Ja, habe ich,“ antwortet sie und verschwindet hinter einigen Bäumen. Wie in den vergangenen Jahren auch mache ich mir kaum Gedanken. Es gehört zu unserem Leben hier draußen das Tanja mindestens jeden Abend alleine in den Busch gehen muss, um unsere Jungs zu hüten.

Wieder ist die Tastatur des Panasonic Toughbook voller Sand und wieder blase ich ihn so gut es geht heraus. „Das kann nicht gut gehen,“ sage ich und stelle die aus Zeltleinen gefertigte Schutztasche unsere Klapptisches vor meinem Stuhl, um somit ein Windbarriere zu bauen. Schwitzend, mit feinstem Staub und Sand überblasen, sitze ich nun da und versuche meine Gedanken zu ordnen. Kaum habe ich den ersten Satz eingetippt, bläst eine starke Böe eine handvoll roten Sand über meinen Arbeitsplatz. Die Tastatur meines kleinen Computers beginnt sofort zu knirschen. Ich hebe das Fliegennetz von meinem Gesicht und blase sie sauber, doch ohne viel Erfolg. Fast verzweifelt reibe ich mir eine lästige Fliege aus dem Augewinkel die sich versucht in meinem Schweiß zu ertränken. Das Fliegennetz hellt zwar viele von ihnen ab aber ein gewisser Prozentsatz findet regelmäßig den Weg durch die groben Maschen. „Wenn ich hier sitzen bleibe und weiter versuche zu schreiben, brauche ich in Zukunft diesen Laptop nicht mehr benutzen,“ sage ich zu mir, verzweifelt gegen die von Sand geschwängerte heiße Luft ankämpfend. Eine halbe Stunde später klappe ich ihn missgelaunt zu und überlege wo ich unsere Geschichte schreiben könnte. Das grobporige Schattenmaterial des Buschbüro lässt den Wind und Sand durch, als wäre es nicht vorhanden. Im Zelt schreiben ist wegen der Affenhitze unmöglich. Ich fühle wie eine Gereiztheit in mir aufsteigt als plötzlich Tanjas Stimme durch den Lautsprecher des Sprechfunkgerätes krächzt.

TANJA HAT SICH BEI 40° GRAD IM SCHATTEN VERIRRT

„Denis ich habe die Kamele nicht gefunden und ich weiß nicht wo das Camp ist.“ „Was? Du weißt nicht wo das Camp ist? Du machst doch Witze?“ „Ich mache keine Witze. Sag mir besser wo die Sonne stehen muss wenn ich in Richtung Camp laufe?“ Ich überlege kurz in welcher Richtung sie unser Lager verlassen hat. „Sie muss in deiner rechten Gesichtshälfte sein. Also wenn du direkt auf uns zu gehst steht die Sonne etwa 45° Grad rechts vor dir,“ erkläre ich und spüre wie mich ein ungutes Gefühl überkommt. Was ist wenn sie in der Zwischenzeit einen Bogen ums Camp gelaufen ist? Das würde bedeuten, dass sie sich nicht südlich von mir befindet, sondern nördlich. Aber vielleicht hat sie sich mittlerweile auch in westlicher oder östlicher Richtung entfernt? Wenn das der Fall ist habe ich sie jetzt falsch geschickt. „Tanja?“ „Ja.“ „Hast du die Sonne jetzt rechts vor dir?“ „Ja.“ „Gut. Dann bleib stehen und rufe so laut du kannst. Vielleicht kann ich dich hören.“ „Okay.“ Nervös warte ich einige Zeit, doch außer dem lauten Fliegengesurre und dem Wind in den Bäumen ist absolut nichts zu hören. „Hast du gerufen?“ „Ja.“ „Ich kann nichts hören. Bleib wo du bist und lausche. Jetzt werde ich rufen. Vielleicht kannst du mich hören?“ „Okay.“ „Taaannnjjjaaa! Haaalllooo! Taaannnjjjaaa! Kannst du mich hören!“ brülle ich was meine Lungen hergeben in den Wind. „Hast du etwas gehört?“ ,frage ich nervös. „Nein, absolut nichts.“

Sprachlos stehe ich da und überlege die nächsten Schritte. „Das darf doch einfach nicht war sein,“ schimpfe ich, nehme das Walkie Talkie hoch, um ihr zu sagen in die Trillerpfeife zu blasen. „Tanja?“ „Ja?“ „Benutze deine Trillerpf…“ Bis zu meinen Knochen geschockt muss ich feststellen, dass in diesem Moment die Batterie meines Sprechfunkgerätes zu Ende gegangen ist. „Ich glaube es nicht!“ ,brülle ich erregt und würde das Ding am liebsten auf den Boden pfeffern. Erst gestern habe ich es aufgeladen, doch seit einiger Zeit scheint das Ladegerät defekt zu sein. Mir läuft es heiß und kalt den Rücken rauf und runter. Die Haare stehen mir zu Berge und meine Gedanken machen sich plötzlich selbstständig. „Keine Panik Denis. Bloß keine Panik. Panik verhindert das Denken. Du weißt das ganz genau. Also tief durchatmen und die nächsten logischen Schritte überlegen,“ rede ich mir selbst zu. Dann versuche ich sie noch mal über das Walkie Talkie zu erreichen, doch schon nach einem Wort höre ich den Piepton der das Ende der Batterie angibt. „Okay, Denis. Sie ist irgendwo da draußen. Sie kann nicht sehr weit vom Camp entfernt sein. Du musst sie suchen,“ führe ich ein Selbstgespräch. Wenn ich ihren Spuren folge werde ich sie finden. Sie darf nur nicht weiterlaufen. Ob sie sich in den Schatten setzen wird, um ihren Flüssighaushalt nicht zu schnell zu verbrauchen? „Mein Gott sie hat kein Wasser dabei,“ durchdringt mich plötzlich der Gedanke einer schrecklichen Realität. Ein Blick auf das Thermometer zeigt mir, dass es heute 40° Grad im Schatten hat. Der heiße Wind trocknet den Körper noch zusätzlich aus. Ich muss sie schnell finden, denn bei solchen Temperaturen kann ein Mensch in wenigen Stunden verdursten. „Wie lange ist sie jetzt weg?“ ,frage ich mich leise. Ein Blick auf die Uhr verrät mir, dass sie vor ca. 40 Minuten das Camp verlassen hat. Sie müsste also bereits durstig sein. Aus eigener Erfahrung weiß ich, dass man schon nach einer Stunde einen trockenen Mund bekommt und sich nach Wasser sehnt. Es kommt darauf an welchen Stress der Körper ausgesetzt ist. Sie weiß, dass sie sich verirrt hat, alleine der Gedanke daran verursacht Stress. Aber sie ist in 40 Minuten auch viel gelaufen und hat versucht unsere Kamele zu finden. Wieder wird mir heiß und kalt.

Zielstrebig haste ich durchs Camp, um mich für die Suchaktion fertig zu machen. Ich fülle einen der kleinen Source-Wasser-Rucksäcke mit zwei Liter, stecke den Navigationscomputer ein, wickle meinen Kopf in ein weißes Bettlaken, um die vom Hut nicht bedeckten Gesichtsteile vor den gnadenlosen Sonnenstrahlen zu schützen, setze den Hut auf und bleibe stehen. Habe ich irgend etwas vergessen? Mein Blick fällt auf Rufus. Wie gebannt sehe ich ihn an. „Kannst du vielleicht Tanja finden?“ Rufus legt seinen Kopf zur Seite und sieht mich an. „Mensch Rufus, jetzt bekommst du die Chance deines Lebens. Nicht viele Hunde dürfen Menschen retten. Komm her,“ sage ich, worauf er aufspringt und schwanzwedelnd zu mir rast. Plötzlich höre ich aus nordwestlicher Richtung den Pfiff einer Trillerpfeife. „Ja, ja,“ jubiliere ich. „Sie hat mich anscheinend noch verstanden.“ Aufgeregt renne ich in die Richtung aus der der Pfiff kam. Schwer atmend bleibe ich stehen, um ein weiteres Signal zu vernehmen. Ich lausche in die heiße, von Sand und Fliegen geschwängerte Luft. Nichts, es nichts mehr zu hören. Kam der Pfiff wirklich aus der Richtung? „Komm Rufus go to Tanja,” befehle ich. Rufus rast los, läuft einen großen Bogen und kommt zu mir zurück. „Na mach schon Rufus. Such Tanja!“ ,fordere ich ihn auf, worauf er wieder losschießt, doch diesmal in eine völlig falsche Richtung. Als er wieder hechelnd bei mir steht ist mir klar, dass er auf diese Weise Tanja nicht finden kann. Hier gibt es keine Spuren von ihr also kann er nicht ihre Witterung aufnehmen. Er kann sich nur wie ich an den Pfiff der Trillerpfeife orientieren, doch wenn Tanja sie jetzt nicht mehr benutzt, wissen wir beide nicht welche Richtung wir einschlagen müssen. „Frrrrrrriiiiiii!“ ,höre ich den schrillen Pfiff plötzlich aus einer völlig anderen Richtung als vorhin. Verwundert haste ich los, völlig vergessend Rufus das Kommando zu geben Tanja zu suchen. Rufus rast mir hinterher und nach ein paar Minuten bleiben wir beide hechelnd stehen. „So macht das keinen Sinn Rufus. Auf diese Weise werden wir sie nicht finden. Wer weiß ob sie noch mal die Pfeife benutzen wird? Wir müssen versuchen die Richtung zu lokalisieren.“

Angespannt lausche ich in das surrende Fliegenmeer, doch es bleibt wieder ruhig. Da ein Pfiff mit einer Trillerpfeife weit zu hören ist, kann Tanja sich auch weit von uns entfernt befinden. Ich überlege einen Augenblick und komme zu dem Schluss: „Wenn ich ihre Pfeife höre, kann sie eventuell auch meine Pfeife vernehmen.“ Natürlich kommt es darauf an ob der Schall meiner Trillerpfeife sie gegen den Wind erreicht. Ich setze die Pfeife an meine Lippen und lasse einen schrillen und langen Pfiff ertönen, dass mir die Ohren klingeln. Aufmerksam horche ich jetzt in die von Hitze gepeinigte Wildnis. Nichts. Es ist absolut nichts zu hören. „Oh Gott, bitte gib mir ein Zeichen. Du kannst es doch nicht zulassen, dass Tanja hier draußen etwas zustößt,“ bete ich laut und überlege wie lange ich noch suchen werde bis ich einen Notruf absetze.

Die Zeit scheint dahinzurasen. Ich sehe auf die Uhr und will es nicht glaube das Tanja schon seit einer Stunde weg ist. Frrrrrrriiiiiii! ,höre ich es erneut. Diesmal kam es wieder genau aus der entgegengesetzten Richtung. „Such Tanja! Schnell such sie!“ ,fordere ich Rufus diesmal sofort nach dem Pfiff auf. Wie ein geölter Blitz springt er übers Sinifexgras und verschwindet in Nordwestlicher Richtung. Ich hetzte ihm hinter her. Nur wenige Minuten später höre ich ihn aufgeregt bellen. Mein Herz schlägt mir vor Anspannung und Aufregung bis zum Hals. Als ich um einen der Gidyeabäume hetze, sehe ich wie Rufus freudig an Tanja hochspringt. Ich bleibe stehen und bemerke erst jetzt wie mir die Knie zittern. Nachdem Tanja bei mir ist lasse ich sie erst mal von dem mitgebrachten Wasser trinken. „Da haben wir aber richtig Glück gehabt,“ sage ich und umarme sie.

ENTDECKEN SPUREN

Kaum sind wir im Camp, sprechen wir über unsere Kamele die nun schon seit 1 ½ Stunden fort sind. Wir haben nicht viel Zeit uns über das Wiedersehen zu freuen und machen uns auf die Suche. Diesmal haben wir beide genügend Wasser dabei, um bei dieser Hitze mehrere Stunden unterwegs sein zu können. „Lass uns zu dem Ort gehen an dem du sie das letzte Mal gesehen hast,“ schlage ich vor. „Da war ich vorhin schon. Die Spuren enden an dem ausgetrockneten See da unten.“ „Okay, wir verfolgen sie noch mal. Vielleicht entdecken wir ja eine heiße Spur,“ meine ich zuversichtlich.

Ich lasse meine Augen konzentriert über den trockenen Boden gleiten und folge einer Fährte die recht frisch aussieht. Da alle Kamele nach wie vor gehoppelt sind und sie das Hüterseil an der Hoppel hinter sich herziehen, mit dem sie nachts an die Bäume gebunden sind, ist es nicht schwer die Spuren auszumachen. Tatsächlich verlieren wir jegliche Abdrücke an dem ausgetrockneten See. „Irgendwo dahinten habe ich vorhin Kamelspuren gesehen,“ meint Tanja nach Norden deutend. „Na hoffentlich finden wir sie wieder,“ antworte ich. „Am besten du läufst 50 Meter rechts von mir. Wenn wir Glück haben entdecken wir so eine der Zeichen,“ meine ich meinen Blick auf den Boden geheftet.

„15 Minuten später verlassen wir den Rand des ausgetrockneten Seebett und biegen in Richtung Nordwesten ab. „Hier, hier ist eine Spur!“ ,rufe ich freudig erregt. Tanja kommt sofort zu mir geeilt. „Juchhu, das ist die Fährte von der ich sprach.“ Tatsächlich entdecke ich dann auch Tanjas Schuhabdrücke. Aufgeregt folge ich ihnen. Plötzlich sehe ich weitere Kamelspuren . „Das sind sie. Jetzt haben wir euch,“ sage ich und renne wie ein Spürhund den tellergroßen Kamelabdrücken und der Schleifspur der Hüterseile hinterher. Mir fällt ein Stein vom Herzen, denn es kann nicht mehr lange dauern bis wir unsere Boys entdecken. Vielleicht liegen sie sogar irgendwo im Schatten und ruhen sich aus? Voller Energie und mit freudiger Erregung sprinte ich den großen Kamelabdrücken nach. Auf einmal sind sie verschwunden. Ich bleibe wie angewurzelt stehen, drehe mich 360° Grad um die eigene Achse, bis ich erleichtert die Fortsetzung der Schleifspuren hinter einen Grasbüschel wiederentdecke. Tanjas Schuhsohlen machen hier kehrt. Aha hier hat sie also vorhin die Richtung geändert, denk ich mir.

„Komm hier herüber, da sind sie ganz klar zu erkennen,“ rufe ich Tanja zu. Im Zickzack und großen Bögen windet sich das Lebenszeichen unserer Jungs durch die Gidyeabäume, die Spinifexgrasbüschel, Dornensträucher und niedriges ausgetrocknetes Gestrüpp. Die Sonne brennt gnadenlos vom Himmel und die Fliegen piesacken uns unaufhörlich, doch es kann nicht mehr lange dauern bis wir unsere Kamelkameraden wiederhaben.

10 Minuten später springen und hetzen wir immer noch durch das menschenfeindliche Gestrüpp, bis ich urplötzlich vor Schreck erstarre. Mein Herz rutscht mir in die Hosentasche und ich glaube meinen Augen nicht trauen zu wollen. „Das kann doch nicht wahr sein!“ ,rufe ich vor Enttäuschung. „Was ist denn?“ ,will Tanja heftig atmend wissen. „Da schau dir das an. Das ist zweifellos ein Fußabdruck von dir. Du warst anscheinend schon mal hier.“ „Du meinst ich habe in den vergangenen Tagen die Kamele so weit weg vom Camp gehütet?“ „Offensichtlich. Wir sind die ganze Zeit alten Spuren gefolgt.“ „Oh nein,“ haucht Tanja kraftlos. „Ich denke es ist besser zum Lager zurückzugehen und einen Notruf an Jo zu senden. Vielleicht hat sie einen Idee was wir jetzt unternehmen sollen? Jede Stunde zählt. Wer weiß wo sie hinlaufen. Wenn es hier keinen Grenzzaun zur Wüste gibt kann es sein, dass sie für immer in der Simpson Wüste verschwinden. Das wäre dann das Ende unserer Expedition,“ sage ich geknickt.

Ohne einen weiteren Ton zu verlieren laufen wir schweigend zum Übernachtungsplatz zurück. Sofort setze ich mich ans Funkgerät. „Ich sehe noch mal auf der anderen Seite des Sees nach. Vielleicht entdecke ich dort drüben einen Anhaltspunkt wohin sie gegangen sind?“ „Nimm aber genügend Wasser mit,“ fordere ich sie auf. „Klar, einmal verlaufen ohne Wasser war mir eine Lehre,“ antwortet sie und verschwindet. „Hallo Jo & Tom, seid ihr auf Empfang?“ spreche ich in das Handmikrofon. Außer Rauschen und ein paar atmosphärischen Störungen kommt nichts aus dem Lautsprecher. „Hallo Jo & Tom, wir haben einem Notfall. Könnt ihr uns hören?“ ,wiederhole ich meinen Hilferuf, doch der Kanal bleibt tot. Enttäuscht schalte ich das Funkgerät ab und stelle das Satellitentelefon auf. In den letzten Jahren unserer Australiendurchquerung habe ich es kaum benutzt, um jemanden anzurufen. Die Gesprächseinheiten sind einfach viel zu teuer. Alle Radiostationen denen ich ein Interview gegeben melden sich bei uns. Auf diese Weise entstehen keine Kosten. Nur die Updates, die wir im Regelfall jede Woche an unsere Webseite senden, müssen wir bezahlen. Natürlich ist es im Notfall unwichtig was das Telefonieren kostet. Ich bin in dieser Situation froh es zu besitzen, denn während all den Expeditionen der vergangenen 15 Jahre hatten wir im Notfall nie die Möglichkeit einen Hilferuf nach draußen zu senden.

SUCHE IM ALLEINGANG

Bedacht wähle ich die lange Nummer von Jo& Tom. Als es auf der anderen Seite klingelt hoffe ich innig das jemand Zuhause ist. „Jo Kitchen speaking,“ höre ich ihre Stimme klar und deutlich. „Oh Jo, gut das ich dich erreiche.“ „Denis! Was ist denn geschehen, dass du uns am Sattphon anrufst?“ „Oh Jo, es ist ein Notfall eingetreten. Alle Kamele sind heute Morgen abgehauen. Wir haben lange nach ihnen gesucht und wissen nicht wo sie sind.“ „Wie ist das denn geschehen?“ ,fragt sie, worauf ich ihr alles erkläre. „Was soll ich tun? Soll ich Howard von Carlo Station anrufen?“ „Das wäre gut.“ „Ich versuche ihn gleich zu erreichen. Vielleicht kann er mit dem Jeep kommen und ihr könnt sie suchen gehen. Gibt es denn einen Zaun oder ist das Gebiet offen. Ich meine können die Kamele in die Simpson Wüste gehen?“ „Wir haben auf dem Weg bis hierher nur einen Zaun auf der Carlo Homestead gesehen. Ich weiß allerdings nicht ob dieser Zaun nur um das Farmhaus verläuft. Es sieht nicht gut aus Jo.“ „Ich bin mir sicher, dass ihr sie zurückbekommt Denis. Ich habe ein sehr gutes Gefühl. Das Beste ist, du lässt Tanja und Rufus im Camp, nimmst dein GPS und genügend Wasser mit und gehst sie noch mal suchen.“ „Ja Jo, das wollte ich nach dem Telefonat tun.“ „Also wenn du von deiner Suche erfolglos zurückkommen solltest, ruf mich noch mal über Funk an. Ich stelle unser Funkgerät auf empfang.“ „Ja Jo. Das werde ich tun.“ „Lasst den Kopf nicht hängen. Ich habe meine Kamele auch schon mal auf einer Expedition verloren und sie wiedergefunden. Ihr werdet sie bestimmt zurückbekommen,“ spendet sie mir Mut. „Jo?“ „Ja.“ „Wenn ich daran denke, dass wir in diesem Fall vor 100 Jahren sterben müssten, wird mir ganz schlecht.“ „Denis, hättest du so eine große Expedition vor hundert Jahren durchgeführt, hättest du mehr Menschen dabei gehabt. Es wäre in diesem Fall immer einer bei den Kamelen gewesen. Und wenn sie trotzdem ausgerissen wären, hätte höchstwahrscheinlich ein Aborigine die Spuren entdeckt.“ „Hm, wahrscheinlich hast du recht,“ antworte ich und bin ihr für die tröstenden Worte dankbar.

Kaum haben wir die das Telefonat beendet, kommt Tanja völlig verschwitzt von ihrer Suche zurück. „Und? Hast du Spuren entdeckt?“ ,frage ich mich für einen langen Marsch fertig machend. „Nein,“ sagt sie den Kopf schüttelnd. „Ich habe gerade mit Jo gesprochen. Sie meint wir bekommen sie zurück und sollen den Kopf nicht hängen lassen.“ „Ach wenn es nur so wäre,“ antworte sie mit zittriger Stimme und lässt sich kraftlos in den Campstuhl nieder. „Ich gehe jetzt. Vielleicht finde ich sie ja. Es wird zwei oder drei Stunden dauern bis ich zurück bin. Mach dir keine Sorgen.“ „Pass bloß auf dich auf.“ „Mache ich,“ sage ich und laufe erst mal zu den Bäumen an denen unsere Jungs letzte Nacht angebunden waren. Aufmerksam untersuche ich den Boden. Unzählige Kamelspuren der letzten Tage machen es nicht leicht die alten und neuen Abdrücke zu unterscheiden. Diesmal untersuche ich den Kameldung, um zu sehen wie frisch er ist. Ich hebe die eine oder andere bohnengroße Ausscheidung auf, breche sie auseinander, fühle mit meinen Fingern die Konsistenz und rieche daran. „Ohne Zweifel, der ist frisch,“ sage ich leise und folge der Fährte. Da unsere Kamele schon seit vier Tagen in dieser Gegend angebunden waren und sie im Umfeld von ein paarhundert Metern gefressen haben, ist es schwer die frische Spur nicht aus den Augen zu verlieren. Wie ein Detektiv hefte ich meine Augen auf den Grund und folge immer den gleichen Abdrücken, bis sie plötzlich wieder am ausgetrockneten See enden. Wieder lösen sie sich in Luft auf. Es ist wie verhext. Als wäre hier ein UFO gelandet und hätte sie vom Erdboden gesaugt. Tanja hat auf der anderen Seite des Sees auch keine Hinweise entdeckt, doch können sechs große Kamele nicht einfach vom Erdboden verschwinden. Was ist hier geschehen? Es kommt mir wie verhext vor. Ob sie hier am See entlanggegangen sind? Auf dem ausgetrockneten Seebett gibt es nichts zu fressen. Ich kann mir einfach nicht vorstellen, dass sie dort gelaufen sind. Mit dem Fernglas suche ich die Horizontlinie ab aber außer verstreuten Büschen und ein paar vereinzelte Bäume, ist nichts zu sehen.

In welche Richtung soll ich dem Seeufer folgen? Nach Norden wie vorhin oder nach Süden? Minutenlang stehe ich da und überlege. Ich höre in mich hinein, um eine Antwort zu vernehmen. „Wohin soll ich gehen?“ Keine Antwort. „Wüste bist du da?“ ,frage ich etwas verzweifelt, doch außer Schweigen ist in mir nichts zu spüren. „Willst du mir nicht helfen?“ ,frage ich wieder und lausche. Außer einer unbestimmten Stille ist nichts zu vernehmen. Ich versuche meinen Ärger über dieses Schweigen zu unterdrücken und laufe wie mit Tanja auch, in Richtung Norden. Mein Plan ist einen großen Kreis um das Zentrum unseres Lagers zu ziehen. Irgendwo müssen Spuren diesen Kreis verlassen. Ich bin mir sicher mit dieser Idee erfolgreich zu sein.

Ich folge der Kompassnadel des GPS und bin so in der Lage meinen Kreis zu gehen. Wieder kreuze ich die Kamelspuren die Tanja und mich am Vormittag an der Nase herumgeführt haben. Die Sonne brennt mir gnadenlos aufs Haupt. Mein Hemd ist bis auf den letzten Zentimeter nass geschwitzt. Die Fliegen wollen mich scheinbar am lebendigen Leib auffressen und es dauert nicht lange bis sich die ersten Ermüdungserscheinungen zeigen. Die Landschaft sieht hier fast überall gleich aus. Vertrocknetes Land, vertrocknete Dornenbüsche, ein paar Spinifexhaufen, unzählige von Gidyeabäumen und soweit das Auge reicht Sand und Steine die das Sonnenlicht und die Hitze reflektieren. Was ist wenn ich hier einfach bewusstlos umfalle? Wie viel Zeit bleibt einem Menschen, wenn er da auf dem brütend heißen Boden liegt, bis er sein Leben aushaucht? Auf jeden Fall nicht genügend Zeit bis sie mich hier finden würden, geht es mir durch den Kopf. „Bitte Wüste, zeige mir ein paar Spuren. Gib mir ein Zeichen. Bitte Mutter Erde lass mich jetzt unsere Kamele wiederfinden. Es war jetzt lange genug. Bitte, bitte, bitte. Lasst uns nicht im stich. Ich bitte euch, helft uns. Bitte helft uns,“ wiederhole ich mich immer wieder und immer wieder.

Nach zwei Stunden ist meine Stimmung auf dem Nullpunkt. Von einer Spur ist weit und breit nichts zu sehen. Ich habe mich vom See nun in Richtung Norden und dann nach Osten durchgeschlagen. Das Camp befindet sich im Augenblick ca. zwei Kilometer von hier. Ich laufe jetzt nach Süden. Meine Verzweiflung steigert sich mit jedem Meter. Was ist wenn ich unsere Jungs wirklich nicht finde? Ist dann die Expedition zu Ende? Selbst wenn Howard mit seinem Auto kommt. Ob wir dann eine Chance besitzen sie zu entdecken? Muss ich mich jetzt mit dem Gedanken anfreunden die Ostküste nicht zu erreichen? Kann es sein, dass wir wegen einer einzigen Unaufmerksamkeit unser Ziel wirklich nicht schaffen? Was geschieht wenn es so ist? Habe ich dann versagt? Ist das Akzeptieren der Tatsache ein Teil meiner Lernaufgabe…? „Nein, nein, nein, ich werde nicht aufgeben. Wenn wir die Kamele wirklich nicht mehr wiederbekommen, dann werde ich meinen Rucksack mit den nötigsten Ausrüstungsgegenständen packen und ohne Kamele weitergehen. Ob ich in der Lage bin genügend Wasser von Wasserloch zu Wasserloch zu schleppen? Es wird bestimmt eine beinharte Sache, noch härter und anstrengender als es bis jetzt war. Ob Tanja da mitmachen wird? Ich glaube sie würde genauso wie ich nicht aufgeben wollen. Ich will dieses Land zu Fuß durchqueren. Zwar nicht um jeden Preis aber wenn die Kamele weg sein sollten, dann eben ohne sie. Selbst wenn ich uns auf der nächsten Station einen Handwagen schweißen muss, um alles hineinzupacken was wir nicht tragen können, wir werden es schaffen,“ führe ich ein Gespräch mit mir selbst.

Erschöpft biege ich jetzt wieder nach Osten ab, um auf dieser Geraden wieder zum Seebett vorzustoßen. Meine Augen brennen vom Schweiß aber ich lasse keinen Meter des roten Boden unter mir unbeobachtet. Vielleicht sind sie ja gerade hier in diesem Abschnitt aus dem Kreis des Lagers gelaufen? Wer weiß? Es sind nur noch ein paar hundert Meter, dann muss ich mich mit dem Gewicht der Tatsache auseinandersetzen das unsere Jungs nicht mehr auffindbar sind.

Als ich dann das Ufer des ausgetrockneten Seebetts erreiche fühlt es sich in mir leer an. „Warum nur? Gott warum nur? Wüste warum? Mutter Erde warum? Warum muss unsere Expedition so enden?“ ,flüstere ich dem Verzweifeln nahe als ich nach drei Stunden und 15 Kilometer Laufen am Ende meiner Kräfte unser Camp ereiche. „Und hast du etwas entdeckt?“ ,fragt Tanja. „Nein, keine Spur. Mir ist es ein Rätsel. Es ist wirklich wie verhext. Ich kann es einfach nicht fassen,“ antworte ich erschöpft in den Stuhl sinkend. Tanja stütz ihren Kopf in beide Hände. Ein leichtes Zucken ihres Rücken verrät mir das sie weint. „Wir werden sie schon wiederbekommen,“ sage ich und weiß nicht ob ich uns mit dieser Aussage etwas vormache. „Was ist wenn einer von ihnen mit dem Hüterseil irgendwo hängen bleibt und die anderen weiterlaufen? Er bekommt vor lauter Angst einen Herzinfarkt,“ sagt sie kleinlaut. „Es wird schon keiner hängen bleiben,“ hoffe ich. Schweigend stürze ich mir mehrere Becher Wasser in den Rachen. Kaum rinnt es die Kehle hinunter, schießt es in Strömen aus den Poren. Ohne ein Wort zu sagen sitzen wir da und fühlen uns hundeelend. Tanja hat recht. Was ist wenn einer der Jungs sich mit dem Hüterseil um einen Busch verwickelt? Die anderen werden in solch einen Fall einfach weitergehen. Selbst wenn der arme Kerl nicht an Panik stirbt ist es ungeheuer schwer ihn zu finden. Sechs Kamele sind eher auszumachen als einer der unter einem Baum fest hängt. Kaum habe ich meinen Durst gelöscht, springe ich auf und setze mich ans Funkgerät.

DIE BEWOHNER DES OUTBACK BIETEN UNS IHRE HILFE AN

„Jo & Tom, seid ihr auf Empfang?“ Gebannt hören wir beide den Lautsprecher rauschen, doch außer Krächzen können wir nichts verstehen. „Jo & Tom, könnt ihr uns hören?“ „Ja Denis, gerade so. Deine Stimme wird von vielen statischen Geräuschen überlagert. Bevor die Verbindung abreißt, hier die Neuigkeiten. Ich kann Howard nicht erreichen. Er ist nicht in der Homestead. Ich habe mit Robert Jansen, dem Manager von Marion Downs gesprochen. Er möchte euch gerne helfen aber sein Flugzeug ist gerade bei einer Inspektion in Mount Isa. Er hat uns erzählt, dass das Gebiet in dem ihr seid mit einem guten Zaun eingezäunt ist. Die Kamele haben keine Möglichkeit in die Simpson Wüste auszureißen.“ Das ist eine sehr gute Neuigkeit,“ atme ich etwas erleichtert auf. „Allerdings ist das Gehege 3000 Quadratkilometer groß. Sie können also weit laufen, bis sie auf den Zaun treffen.“ „Hm, besser weit weg als auf nimmer wiedersehen in der Wüste,“ antworte ich. „Du hast recht. Wenn Robert kein Flugzeug bekommt wird er morgen mit Motorrädern und einem Jeep zu euch rausfahren. Ich habe auch Steve von Glenormiston Station angerufen. Auch sie wollen euch helfen. Wenn sich bis morgen nichts neues ergibt, werden sie ein Flugzeug, Motorräder und Jeeps senden.“ „Mein Gott Jo. Das klingt ja großartig. Da fällt uns aber ein Stein vom Herzen. Vielen Dank für dein Engagement. „Nichts zu danken Denis. Ich hoffe es wird wieder alles gut. Ich funke euch wieder an wenn ich mehr von Robert weiß.“ „Vielen Dank Jo,“ sage ich und vor Freude schießen mir die Tränen in die Augen.

ROBERT, UNSER RETTER

Als würden ganze Felsen von unseren Schultern fallen sitzen wir in unseren Stühlen. Wir lachen uns an und sind jetzt sehr zuversichtlich unsere Jungs zurückzubekommen. Um etwa 15:00 Uhr krächzt der Lautsprecher des Funkgerätes. Toms Stimme drängt sich durch die vielen atmosphärischen Störungen. „Denis, kannst du mich hören?“ Sofort rase ich zum Funkgerät und reiße das Mikrofon hoch. „Ja Tom.“ „Jo telefoniert gerade mit Robert. Er hat es irgendwie fertiggebracht sich ein Flugzeug von einem Freund zu leihen. Er muss eine Stunde mit dem Auto fahren, um es zu holen und wird noch heute zu euch rausfliegen. Wenn er da ist, wird er mit euch auf Kanal 14 kommunizieren. Also vergiss nicht eure Sprechfunkgeräte auf Kanal 14 einzustellen. Auch braucht er eure Koordinaten.“ „Okay,“ sage ich und spüre wie mich Wellen der Freude durchströmen. Als ich ihm den Breiten und Längengrad durchgegeben habe übernimmt Jo wieder den Funkkontakt. „Also Denis, Robert kommt um ca. 17:00 Uhr zu euch geflogen. Ihm bleibt nicht viel Zeit um vor Sonnenuntergang die Kamele zu finden, aber er wird es versuchen.“ „Das ist fantastisch Jo. Mein Gott, was für eine fantastische Nachricht. Sag ihm bitte tausend Dank. Er macht uns zu den glücklichsten Menschen.“ „Ja, Robert ist ein wunderbarer Mensch. Ich bin mir sicher, dass er eure Kamele finden wird. Funke uns bitte an wenn ihr sie wieder habt.“ „Mache ich Jo,“ antworte ich und beende den Kontakt.

Aufgeregt laufen Tanja und ich durchs Camp. Ich suche meine Leuchtpistole, um Robert ein Signal geben zu können, falls er unser Camp übersehen sollte. Dann schlichten wir noch Feuerholz auf, sammeln trockene Kuhfladen und Blätter für den Fall das wir uns mit einem Rauchsignal bemerkbar machen müssen und warten darauf, bis unser Retter angeflogen kommt. Immer wieder laufe ich auf unseren Schlafhügel, um den Himmel abzusuchen, denn ich kann es kaum erwarten bis der Uhrzeiger auf 17:00 Uhr rückt.

Um 10 Minuten nach 17:00 Uhr ist es noch immer still. Die Spannung ist fast unerträglich. Um 20 Minuten nach 17:00 Uhr verlässt mich langsam meine Zuversicht heute noch etwas von Robert zu sehen. Ich tröste mich mit dem Gedanken, dass er dann spätestens morgen da sein wird. Selbst wenn er aus irgend einem Grund nicht kommen kann, wird uns ein Rettungsteam von Glenormiston geschickt. Es ist 17:30 Uhr als wir glauben Motorengeräusche zu hören. „Das ist er!“ ,rufe ich aufgeregt. Schnell sprinte ich auf unseren Schlafhügel, die Leuchtpistole entsichernd. Tatsächlich sehen wir das Flugzeug heranrasen. Ein Prickeln durchläuft meinen Körper. Ich bin immens aufgeregt und glaube vor Freud fast zerspringen zu müssen. Das Flugzeug folgt den Windungen des Kalabarkaloo Creek und als es nur noch ein paar hundert Meter von uns entfernt ist, schieße ich mit einer fetten Leuchtkugel Salut.

„Hallo Denis,“ begrüßt mich die Stimme von Robert. „Hallo Robert. Du fliegst das schönste Flugzeug welches ich je gesehen habe,“ antworte ich in das Walkie Talkie sprechend. „Wo habt ihr die Kamele das letzte Mal gesehen?“ „Südlich vom Camp. Aber Tanja meint sie sind nach Norden gelaufen. Ehrlich gesagt habe ich keine Ahnung in welche Richtung sie gezogen sind. Ich suchte in einem 15 Kilometer Radius alles ab.“ Das Flugzeug donnert über unsere Köpfe, zieht einen engen Kreis, um in nördlicher Richtung über den Busch zu brausen. „Benutzen eure Kamele Rindertracks?“ „Sie folgen im Regelfall immer den leichtesten Weg aber ich weiß nicht wie hungrig sie sind. Vielleicht fressen sie irgendwo unter einen der Gidyeabäume.“ Robert entfernt sich aus unseren Sichtbereich. Als erfahrener Buschpilot, mit Tausenden von Flugstunden, weiß er wie man so ein großes Gebiet absucht und auf welche Zeichen man achten muss.

Plötzlich krächzt wieder das Funkgerät. Unser Freund Cowboy John meldet sich. „Hallo Mates, wie geht es euch?“ Ich berichte ihm vom Verlust der Kamele und davon das Robert von Marion Downs die Gegend im Augenblick mit einem Flugzeug abklappert. „Das ist sehr gut Mate. Die Menschen im Outback sind bekannt für ihre Hilfsbereitschaft. Wenn etwas passiert helfen sie alle zusammen.“ „Ja John, das ist wirklich wunderbar.“ „Wie weit können Kamele an einem Tag laufen?“ ,ertönt Roberts Frage durch das Walkie Talkie, welches ich neben das Funkgerät gelegt habe. „John, ich muss leider Schluss machen. Robert braucht Informationen. Wir melden uns morgen.“ „Okay Mate. Good luck Mate.” ,beendet er das Gespräch. „Es kommt darauf an wie hungrig oder durstig sie sind aber wir haben davon gehört, dass sie in einer Nacht bis zu 100 Kilometer zurücklegen können. Unsere Jungs sind allerdings gehoppelt. In diesem Fall würde ich von der Hälfte ausgehen,“ antworte ich.

ROBERT IST ERFOLGREICH

Die Sonne neigt sich immer tiefer. Ihre Strahlen treffen in einem fast wagrechten Winkel auf den Planeten und lassen das Land regelrecht erglühen als plötzlich die Nachricht durchs Sprechfunkgerät scheppert. „Denis!“ „Ja.“ „Ich habe sie gefunden…“ „Du bist ein Champion! Du bist der Beste. Ha, ha, ha, ha, haaa! Juchhu! Juchhuuuuuuuuuuuu!” ,brülle ich vor Freude in das Mikrofon und springe wie ein Verrückter auf und ab. „Juchhuuuu! Hurra! Hurraaaaa!“ ,jubelt Tanja neben mir und springt ebenfalls ausgelassen im Kreis herum. Unser Freudentanz wirbelt den feinen Staub auf. Rufus springt, angesteckt von unserer Heiterkeit, zwischen uns hin und her und bellt. Als ich mich wieder im Griff habe frage ich: „Wie viele hast du gesehen?“ „Sechs. Sie laufen alle auf dem Track in Richtung Carlo Homestead.“ Wieder jubeln wir ausgelassen, denn unsere Befürchtung, dass sich einer von ihnen an einem Busch oder Strauch mit dem Hüterseil verfangen hat, ist nicht eingetreten. „Was habt ich vor? Wollt ihr sie heute noch zurückholen?“ „Wenn es möglich ist gerne.“ „Okay, ich werde versuchen auf dem Track, der sich auf der anderen Seite des ausgetrockneten Seebetts befindet, zu landen. Könnt ihr dorthin kommen?“ „Klar, wir machen uns fertig und kommen rüber.“ „Also dann bis gleich,“ sagt er, lässt seine Maschine zur Seite abkippen, zieht sie in einem engen Bogen über den Boden, um den Track genauer unter die Lupe zu nehmen.

Schnell klicken wir Rufus an seine Kette und packen Nasen- ein paar Führungsleinen, die Kameras und Wasser in zwei kleine Rucksäcke. Dann sprinten wir so schnell wir können durch das Grasland zum See hinunter. Während unseres Sprint zum Flugzeug sehen wir wie Robert im Tiefflug immer wieder über den steinigen Track rast. „Hoffentlich ist es dort nicht zu gefährlich für eine Landung,“ hechele ich. Mittlerweile ist meine Kleidung so nass als wäre der See voll Wasser. Mir brennen die Lungen und ich spüre die lähmende Müdigkeit in meinen Muskeln. Es waren anstrengende Monate und ein super anstrengender Tag. Trotzdem hasten wir weiter. Uns ist bewusst, dass wir uns jetzt in einem Wettrennen mit der Zeit befinden. Es kann nicht mehr lange dauern bis die Sonne untergeht. Robert benötigt zum Landen und Starten Tageslicht. Wir wollen nicht riskieren, dass er zu spät von hier wegkommt, denn seine Maschine ist nicht für einen Nachflug ausgerüstet.

Als wir die andere Seite des Sees erreichen flitzt das kleine Flugzeug dicht über den Boden. Die Räder berühren den steinigen Untergrund, ein Staubwolke schießt in den Abendhimmel, der Motor heult auf und die Maschine rattert an uns vorbei. Nur ein paar hundert Meter weiter kommt sie zum stehen. Eine Tür geht auf und Robert springt heraus. Er packt das Flugzeug am Schwanz und wendet es ganz allein. In diesem Moment erreichen wir nach Luft ringend den Rettungsvogel. „Meine Name ist Tanja,“ stellt sie sich vor und schüttelt dem hilfsbereiten Mann die Hand. „Es ist einfach fantastisch, dass du heute noch gekommen bist,“ bedankt sie sich. Auch ich schüttle Robert die Hand, doch wir haben kaum Zeit viel Worte miteinander zu wechseln. Schnell klettern wir in den Blechvogel und ehe ich meinen Sicherheitsgurt eingeklickt habe, rast er schon wieder über das grobe Geröll des Tracks. Als ich meinen Kopf hebe, verlieren die Räder den Kontakt zum Boden und wir befinden uns in der heißen Abendluft des Outback. Es ist ein eigenartiges Gefühl Tausende von Laufkilometern so eng mit der Mutter Erde verbunden zu sein und auf einmal schweben wir über ihr. Die Bäume werden kleiner und das von der Sonne verbrannte Land entrollt sich unter uns wie ein Kartenblatt. „Wie hast du sie denn gefunden?“ ,frage ich Robert den lauten Motorenlärm übertönend. „Ich habe eine große Staubwolke gesehen. Sie sah völlig anders aus als diejenige die ein Fahrzeug verursacht. Ich dachte mir, das sehe ich mal nach, und siehe da, da waren sie alle sechs. Kurz vorher bin ich schon mal übe den Track geflogen, konnte sie aber nicht entdecken. Es ist nicht leicht Kamele aus der Luft zu auszumachen. Die Farbe des Fells passt perfekt zu der roten Erde,“ erklärt er, als wir sie plötzlich unter uns entdecken. „Istan der alte Schlingel führt sie an. Ich glaube es nicht.“ ,freut sich Tanja. „Es geht ihnen allen gut. Schau nur Denis. Wie die Soldaten laufen sie in Reih und Glied hintereinander her.“ „Ja und sie scheinen es recht eilig zu haben. Ist das der Track zur Carlo Homestead?“ „Ja,“ antworte Robert die Maschine wieder absinken lassend. „Seltsam, ob sie durstig sind?“ ,fragt Tanja. „Wer weiß, aber so wie es aussieht wissen sie wohin sie laufen,“ meine ich.

Mittlerweile sind wir an unseren Jungs vorbeigeflogen. „Ich kann hier nicht landen. Es gibt links und rechts des Tracks zu viele Bäume. Sie würden uns die Flügel wegreißen. Selbst weiter unten sieht es nicht gut aus. Es ist zu sandig. Der Motor hat nicht genug Kraft, um den Vogel da rauszuheben. Mit meinem Flugzeug wäre es kein Problem aber mit diesem hier geht es nicht. Ist es euch recht, wenn ich euch auf der Landepiste von Carlo absetze?“ „Klar,“ antworten Tanja und ich. „Ich fliege über Howards Haus. Er weiß dann schon das jemand am Landestreifen auf ihn wartet und wird euch abholen.“ „Eine gute Idee,“ antworte ich auf den rotglühenden Sonnenball blickend der gerade im Begriff ist sich von dem heutigen Tag zu verabschieden.

UNERWARTETES WIEDERSEHEN MIT HOWARD

Rrrrrroooohhhhrrrr! Rrrrrroooohhhhrrrr! Rrrrrroooohhhhrrrr! ,dröhnt der Motor auf als wir im Tiefflug über das Haus von Howard donnern. Dann legt sich der eiserne Vogel in eine Rechtskurve und wir fliegen zur Landepiste zurück. Robert setzt sein Flugzeug zur Landung an. Ein leichter Ruck verrät uns wieder Berührung zur Mutter Erde zu haben.

„Ich freue mich euch auf Marion Downs begrüßen zu dürfen,“ verabschiedet sich unser Retter. „Wir freuen uns auch,“ sagen wir. Ich drücke die Tür ins Schloss und gehe mit Tanja auf die Seite der Piste. Robert wendet seine Cessna, gibt Gas und schon rast er wieder davon. Die Sonne ist schon untergegangen als er noch mal einen Kreis über uns zieht und mit den Flügeln wackelt. „Hoffentlich hat er für die Landung noch genügend Tageslicht,“ sage ich ihm nachsehend.

Wir schnappen uns die kleinen Rucksäcke und laufen zum Track. „Ob Howard kommen wird?“ ,fragt Tanja. „Ganz bestimmt. Er weiß das ein Flugzeug auf seiner Landebahn heruntergegangen ist,“ antworte ich. Wir schreiten der Dämmerung entgegen. Eine Staubwolke verrät uns das Nahen eines Fahrzeuges. „Das wird er sein,“ äußere ich mich zuversichtlich. Wenige Minuten später stoppt Howard seinen Jeep neben uns. Als er uns erkennt legt er seine Stirn in Falten. „Was macht ihr denn hier? Ich dachte ihr seid mit Kamelen unterwegs?“ ,scherzt er. „Die haben wir auch dabei. Sie hatten Sehnsucht nach dir und sind etwa vier Kilometer von hier auf dem Track. Ich glaube sie haben durst,“ antworte ich gut gelaunt und berichte in wenigen Sätzen was vorgefallen ist. „Na dann steigt ein. Werden wir sie bei der Dunkelheit gleich finden?“ „Wir können sie nicht übersehen. Sie laufen auf diesem Weg in unsere Richtung,“ antwortet Tanja. Es dauert nicht lange und der Scheinwerfer des Allradfahrzeuges beleuchtet die Ausreißer. „Da sind sie,“ meine ich lachend.

Wir steigen aus und begrüßen unsere Jungs mit einer dicken Umarmung. „Ach bin ich froh euch wiederzuhaben,“ freut sich Tanja und herzt jeden einzeln. „Ihr frechen Ausreißer. Nur einmal wenn man euch für ein paar Sekunden aus den Augen verliert nutzt ihr eure Gelegenheit,“ sagt sie Hardie an seinem starken Hals tätschelnd. Die Kamele sehen uns an als wäre nichts geschehen. Allerdings scheinen sie etwas verstört zu sein. „Kein Wunder, wenn man bedenkt, dass sie den ganzen Tag mit Hoppeln gelaufen sind,“ meine ich mir ihre verstaubten Füße betrachtend. „Sollen wir sie jetzt gleich zurückführen?“ ,fragt Tanja. „Ich denke, dass wir sie hier an verschiedene Bäume binden. Unsere Energie ist am Ende. Es dauert Stunden bis wir sie zum Camp gebracht haben. Außerdem ist es dunkel. Es ist viel sicherer wenn wir sie morgen Früh zurückführen,“ schlage ich vor. „Sollen wir ihnen Wasser bringen? ,wirft Howard ein. „Wenn das möglich ist?“ „Klar, wir füllen zwei oder drei Wasserfässer und fahren sie heute Abend noch raus.“ „Keine schlechte Idee. Bis nach Marion Downs sind es noch über 100 Kilometer. Es macht Sinn sie nach diesem anstrengenden Tag zu tränken,“ sage ich.

Nachdem wir unsere Ausreißer an ein paar einzeln stehende Bäume gebunden haben, fahren wir mit Howard zur Homestead. „Bevor wir irgend etwas tun, müssen wir erst mal was essen,“ lacht er und verschwindet in der Küche. Müde schlurfen wir hinterher. Mit einem lauten Stöhnen lasse ich mich in einen der Plastikstühle plumpsen. Howard reißt drei Tüten mit Fertigessen auf und schüttet den Inhalt in zwei Töpfe. Bis das Mahlzeit fertig ist, nutzen wir die Gelegenheit von Howards Telefon Jo & Tom anzurufen. „Jo, ich bin es. Tanja. Ich wollte dir nur mitteilen, dass wir wieder alle vereint sind. Wir befinden uns gerade bei Howard. Den Kamelen geht es gut. Wir bringen sie morgen zurück,“ erklärt sie.

DIE TANKS SIND LEER

Die Mahlzeit spendet uns wieder etwas Energie. Howard hat uns angeboten hier auf der Station zu übernachten, doch wir wollen Rufus nicht alleine im Camp lassen. Mit 400 Liter Wasser, in zwei Benzinfässern, fahren wir zu unseren Jungs zurück. Howard parkt neben Sebastian und Edgar, steckt zwei Schläuche in ein Fass und saugt daran. Die lebensnotwendige Kostbarkeit schießt heraus, direkt in einen Eimer. Sebastian ist so durstig, dass er insgesamt acht Eimer leer säuft. Auch Edgar und die anderen saufen wie die Irren. Als Jafar es fertig bringt 10 Eimer zu leeren glaube ich meinen Augen nicht zu trauen. Howard schüttelt ebenfalls ungläubig den Kopf. „So etwas habe ich noch nie gesehen. Mein Gott sind die durstig,“ wundert er sich.

Wir können es nicht verstehen. Noch nie in unserer gesamten Expeditionszeit hat ein Kamel soviel Wasser auf einmal in sich hineingeschüttet wie in dieser Nacht. Erst vor vier Tagen haben wir sie ausgiebig getränkt. Ein trainiertes Kamel kann ohne große Schwierigkeiten zwei Wochen ohne Wasser auskommen. Wenn es nicht arbeiten muss, viel Grünzeug zu fressen bekommt und es nicht zu heiß ist, kann ein Kamel noch viel länger ohne Flüssigkeit sein. Wir haben davon gehört, das unter günstigen Bedingungen ein Monat und mehr leicht möglich ist. Unsere Boys hingegen waren anscheinend kurz vor dem Verdursten. 100 Liter ist nach unseren Informationen das Maximum was ein Kamel aufnehmen kann und Jafar hat sich gerade eben dieses Maximum einverleibt. „Woran kann das denn liegen?“ ,frage ich. „Sie haben dort unten am Kalabarkaloo Creek anscheinend viel salzhaltige Büsche gefressen. Das ist mit Sicherheit der Grund,“ klärt uns Howard auf.

Nachdem alle Kamele bis zum Rand abgefüllt sind fährt uns Howard zu unserem Camp. Er setzt uns da ab wo Robert vor wenigen Stunden sein Flugzeug gelandet hat. „Ich hoffe es macht euch nichts aus aber ich kann in der Nacht unmöglich in das schwere Gelände da unten Fahren,“ entschuldigt er sich. „Überhaupt kein Problem. Wir finden unser Camp mit dem GPS,“ antworte ich. „Also dann bis morgen Früh um sieben Uhr,“ verabschiedet sich der freundliche Mann den wir in unser Herz geschlossen haben.

Fast bewusstlos vor Müdigkeit laufen wir jetzt über den ausgetrockneten See. Rufus hört uns schon von weitem und empfängt uns mit freudigen Bellen. Obwohl unsere Körper nach Ruhe schreien ist unser Geist von all den Erlebnissen des Tages aufgewühlt. An Schlaf ist nicht zu denken. Ich entfache das Feuer, dann setzen wir uns in die Campstühle und lassen den Tag noch mal Revuepassieren. Erst um 23:00 Uhr schleppen wir uns auf den Schlafhügel. Es hat immer noch 28° Grad. Die Motten haben die Fliegen abgelöst und flattern um unsere Köpfe. Wir legen unsere gepeinigten Körper nieder und sind glücklich am Leben zu sein. Vor allem sind wir glücklich unsere Jungs wieder bei uns zu wissen und die Gewissheit zu besitzen das unsere Expedition weitergehen wird…

Wir freuen uns über Kommentare!

Tag: 108 Etappe Drei / Expeditionstage gesamt 499

Sonnenaufgang:
06:26

Sonnenuntergang:
18:03

Temperatur - Tag (Maximum):
40° Grad, in der Sonne ca. 60° Grad

Temperatur - Nacht:
25° Grad

Breitengrad:
23°29’02.3’’

Längengrad:
138°44’53.3’’