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Wünschelrutengänger & Die Verschollene Expedition

Tanjas Geburtstags-Camp — 31.08.2002

Starke Windböen blasen feinen Sand über unser Camp. Wegen der Hitze und dem in alle Ritzen endringenden Sand, sind wir gezwungen einen Grossteil der Ausrüstung unter die Satteltaschen zu legen. Obwohl es ein Rastcamp ist, sind wir ständig beschäftigt und finden nur wenig Ruhe. Während Tanja die Kamele hütet baue ich mein Buschbüro auf. Auf der südlichen Seide (welches hier in Australien die Schattenseite ist) einer unserer Gidyeabäume, finde ich einen geeigneten Platz. Mit der Schaufel räume ich das vertrocknete Laub und die Grasbüschel auf die Seite, bis ich eine großflächige Plattform geschaffen habe. Dann richte ich die Zeltstange auf und verspanne die Zeltbahnen mit Heringen.

Das Buschbüro habe ich schon während der ersten Teiletappe beschrieben. Es sieht aus wie ein Zirkuszelt in dem gerade mal zwei Stühle, ein Klapptisch und einige Ausrüstungsgegenstände Platz finden. Eigentlich erinnert es mich an einen Pilz dessen Mitte von einer ausfahrbaren Zeltstange gestützt wird. Es hat keinen Boden und ist unten nach allen Seiten offen, so dass der Wind durchbläst. Wir nutzen das Buschbüro, um das Regenwetter darin auszusitzen oder um meine Aufzeichnungen zu schreiben. Es bietet mir Schutz, um einigermaßen trocken zu bleiben und die viele Schreibarbeit zu bewältigen. Für die heiße Jahreszeit hat uns Jo ein Buschbüro aus schattenspendenden und luftdurchlässigen Material genäht. Es hat die gleiche Form ist aber für die Sommerzeit entschieden besser geeignet.

Nachdem ich die zwei Solarpaddel aufgestellt und sie mit der Autobatterie verbunden habe, trage ich den Klapptisch, meinen Klappstuhl, den Computer und die Kartentasche unter die vor den Sonnenstrahlen schützende Zeltbahn. Es dauert gut eine Stunde bis ich soweit bin mit unseren Aufzeichnungen zu beginnen. Kaum habe ich die ersten Zeilen geschrieben, vernehme ich den sich nähernden Lärm eines Motors. Rufus spitzt ebenfalls die Ohren. Sofort springen wir beide auf und sprinten über den Kalabarkaloo. Es dauert nicht lange, bis sich ein weißer Jeep westlich von uns durch den Busch quält. „Hallo! Hallooo!“ ,rufe ich in der Furcht der Fahrer könnte uns übersehen. „Rufus komm, get him!“ befehl ich, worauf er wie eine Rakete losrast. Als er das Fahrzeug erreicht, springt er bellend und schwanzwedelnd um das Auto. Es ist Howard der mich nun entdeckt hat und seinen Geländewagen zu uns lenkt.

BESUCH VON HOWARD

„Dachte schon das ist ein bloody Dingo der wie ein verrückter um die Ute rast,“ lacht er. (Bloody bedeutet übersetzt blutig und ist ein gewöhnliches Schimpfwort welches ständig vor andere Wörter gesetzt wird. Es ist meist nicht böse gemeint und gehört zum alltäglichen Wortschatz vieler Australier. / Ute ist eine australische Bezeichnung für Auto mit Ladefläche)

„Ich hoffe ihr habt hier eine gute Zeit. Leider konnte ich gestern nicht kommen. Hätte nicht gedacht, dass ihr soweit vom Track entfernt seid. Ich habe euch zwar gesucht aber es wurde dann zu dunkel. Jo hat mich angerufen und mir gesagt wo ihr euch befindet.“ „Hast du die zwei Markierungsbänder entdeckt?“ „Nur das am Creek. Es kann sein, dass die Vögel das andere geschnappt haben. Das kommt manchmal vor.“ „Gut dich wiederzusehen. Komm ins Camp. Setz dich in den Schatten.“ „Gern. Ich habe ein paar Sachen mitgebracht. Kannst du mir helfen sie mit rüber zu tragen?“ „Klar,“ antworte ich und nehme zwei der vier Wasserkanister die Howard auf der Ladefläche verstaut hat.

Nur wenige Minuten später sitzen wir unter den Gidyeabäumen. Obwohl Howards Äußeres den Eindruck vermittelt ein harter Buschmann zu sein, ist er ein sehr sensibler, umsorgender Mann. Er überhäuft uns geradezu mit leckeren Dingen, die er extra für Tanjas Geburtstag mitgebracht hat. Wir genießen frischgebackenes Hefeteiggebäck, Marmelade, Honig, Erdnussbutter, Butter, Eiswasser, selbst gemachten Vanille Pudding, Pfirsiche aus der Dose und eine große Schachtel voller Plätzchen. „Vielen Dank,“ freut sich Tanja die Plätzchenschachtel entgegen nehmend auf deren Deckel etwas geschrieben ist. „Oh was steht denn da? Für Tanja, das netteste Mädchen am Mulligan River. Herzlichen Glückwunsch vom Carlo Kid. (Carlo ist der Stationname und Kid bedeutet Kind). Das ist aber sehr lieb. Noch mal tausend Dank,“ lacht Tanja gelöst. „Wieso heißt du Carlo Kid?“ ,frage ich. „Ach, so nennen mich all meine Freunde. Sie meinen ich bin mein ganzes Leben ein Kind geblieben.“ „Ich wünschte es gäbe mehr Artgenossen auf die diese Beschreibung zutrifft. Ohne Zweifel gäbe es dann mehr glückliche Menschen.“

HOWARD DER WÜNSCHELRUTENGÄNGER

Howard, Tanja und ich unterhalten uns nahezu den ganzen Tag sehr angeregt über Gott und die Welt. Vor allem auch über Mutter Erde und welche Verbrechen wir Menschen ihr antun. „Hast du bei deiner gestrigen Suche Grundwasser entdeckt?“ ,möchte ich wissen. „Ha, ha, ha, ja habe ich,“ antwortet er fröhlich. „Wie findet man denn mitten in der Wüste Wasser?“ „Ah das ist kein Problem. Ich tue es meist mit einer Wünschelrute.“ „Funktioniert das denn?“ „Oh ja.“ „Und wie muss ich mir das vorstellen?“ „Es kommt auf das Gelände an. Manchmal benutze ich einen Zweig und manchmal einen in L-Form gebogenen Draht.“ „In Indien haben wir mal für längere Zeit in Auroville gelebt. Es ist eine Art spirituelles Zentrum. Einer der Bewohner hat mir gezeigt wie so etwas funktioniert und ich war damals überrascht wie sich der Draht plötzlich in meiner Hand gedreht hat als ich über verschiedene Energiefelder der Erde gelaufen bin. Ist das beim Wasser suchen auch so?“ „So ungefähr. Ich halte in der linken und in der rechten Hand einen Draht. Wenn ich über eine Wasserader gehe drehen sich beide nach rechts oder links. Dann bin ich mir sicher auf gutes Wasser gestoßen zu sein.“ „Auf gutes Wasser? Heißt das der Draht kann gutes und schlechtes Wasser unterscheiden?“ „Nun, ich weiß nicht ob es der Draht ist, aber genau das meine ich. Wenn sich zum Beispiel beide Drähte nach innen bewegen steht die Chance 50 zu 50, dass das Wasser sehr mineralhaltig ist. Es lohnt sich eventuell aber trotzdem zu bohren. Wenn sich beide Drähte nach außen bewegen weiß ich aus Erfahrung, dass das Wasser für uns Menschen ungenießbar ist.“ „Das klingt ja irre. Ist diese Methode zuverlässig?“ „Ha, ha, ha,“ lacht er und fährt seine Erklärung fort.

„Es kommt darauf an wer die Drähte in der Hand hält. Es gibt Menschen die behaupten Wasser finden zu können und werden nur wenig Glück haben und es gibt Menschen die sind sehr gut darin. Ich denke es ist das Gleiche wie in allen Berufen.“ „Kann man denn auch feststellen wie tief das Wasser liegt. Ich meine es könnte doch auch Hunderte von Meter unter der Erdoberfläche sein?“ „Klar.“ „Und, willst du es uns verraten?“ „Ha, ha, wenn ihr es wissen wollt, warum nicht. Also ich trete mit meinen Füßen auf die Erde, etwa so wie beim Treppen steigen. Natürlich genau auf der Stelle wo die Drähte ausgeschlagen haben. Bei jedem Tritt bewegen sich die Drähte in meinen Händen, bis sie an meiner Schulter anschlagen. Ein Schritt bedeutet eine gewisse Meteranzahl. Auf diese Weise weiß ich relativ genau wann der Bohrer auf Wasser stößt. Natürlich habe ich die Technik so verfeinert, dass ich auch weiß wie tief die Wasserblase ist. Es könnte sonst sein, dass der Bohrer einfach durch die Wasserschicht dringt und wieder im festen Gestein oder Erdreich landet.“ „Ist ja hochinteressant. Wie lange machst du denn das schon?“ „Ach schon seit meiner frühen Jugend. Mein Bruder und ich haben beide bei den verschiedensten Minengesellschaften gearbeitet. Unser Job war es nach Mineralien und Gold zu bohren. Später hat mein Bruder angefangen nach Wasser zu bohren. Er war sehr gut darin und ich habe ihn immer ausgelacht, bis er mich eines Tages mitnahm. Als er von 10 Bohrversuchen 9 mal auf Wasser gestoßen ist wurde mir klar, dass diese Methode sehr ernst zu nehmen ist. Ab diesem Zeitpunkt war es mir egal ob Menschen über mich gelacht haben. Hier auf Carlo zum Beispiel gab es keine Wasserstellen für die Rinder. Erst seitdem wir die Station vor 10 Jahren gekauft haben, gibt es genügend Wasserstellen die ich alle gefunden habe.“

Im Verlauf des weiteren Gespräches verrät uns Howard wie man Wasser mit einem Zweig findet. „Und er biegt sich tatsächlich nach unten wenn du über Grundwasser läufst?“ „Ja,“ sagt er, worauf wir ihm aufmerksam lauschen wie diese Methode funktioniert und in welchem Gelände er sie anwendet.

DIE VERSCHOLLENE EXPEDITION VON LUDWIG LEICHHARD

Mittlerweile ist es Nachmittag geworden. Die Zeit rast und bei der interessanten Unterhaltung stören uns die vielen Fliegen kaum. „Hast du schon mal von Ludwig Leichards Expedition gehört? Sie muss doch hier irgendwo verschollen sein?“ „Ha, ha, ha, habe ich. Ich traf vor ein paar Jahren Bruce Simpson. Bruce ist heute ein bekannter Poet und hat viele Gedichte und Bücher über das Outback geschrieben. Als er hier vor über 50 Jahren mit zwei anderen Männern eine Herde Rinder durchs Land trieb, machten sie eine seltsame Entdeckung. Sie fanden mehrere verrostete Sattelrahmen, Hemd und Hosenknöpfe aus Metall und einen Steigbügel. Bruce packte den Steigbügel in seine Satteltasche und steckte ein paar der alten Knöpfe ein. Leider konnten sie an der Fundstelle nur kurz verweilen weil sie die Rinder weitertreiben mussten. Er versprach sich selbst ein paar Tage später den mysteriösen Ort genauer anzusehen. Doch es kam anders. Die drei Jackeroos stritten sich mit dem damaligen Station Besitzer und haben die Farm verlassen.“ „Was? Das kann doch nicht wahr sein,“ äußere ich mich vor Spannung hin und her windend, denn nie hätte ich gedacht jemanden zu treffen, der dem vor über 100 Jahren verschollenen und berühmten Entdecker so dicht auf der Spur war. „Ist Bruce denn nie mehr zurückgekommen?“ „Doch, etwa 50 Jahre später kam er wieder. Er hat auch ein bekanntes Buch über seine Entdeckung geschrieben, in dem er erklärt wie der Steigbügel ausgesehen hat.“ „Wieso musste er das Aussehen erklären. Er hätte doch nur ein Foto von seinem Fund schießen brauchen?“ „Ja stimmt, doch damals, als er in Ärger die Glenormisten Station verlassen hat und seinen Sattel abgab, vergaß er den Steigbügel in der Satteltasche. Es gibt also keinen Beweis, dass er wirklich das Todescamp von Leichhard gefunden hat.“ „Ist ja traurig. Was könnte denn die Todesursache gewesen sein? Weis man was darüber?“ „Bruce sprach davon, dass alles was sie entdeckten verbrannt war. Es ist davon auszugehen das Leichhard auf eine Gruppe von feindselig gestimmten Aborigines traf. Der Stamm, der in dieser Region Queensland lebte, war der letzte der befriedet wurde. Ich bin mir sicher, das Leichhard und sein Team von den Aborigines getötet wurde. Abgesehen davon war bekannt, dass Leichhard kein Diplomat war. Vielleicht hat ihm das den Hals gekostet? Wer weiß.“

„Und warum war alles verbrannt? Meinst du die Aborigines haben die Ausrüstung der Expedition angesteckt, um Spuren zu verwischen?“ „Genau. Hätte die damalige Regierung herausbekommen wer ihn umgebracht hat, wäre es diesem Stamm mit Sicherheit an den Kragen gegangen.“ „Du erwähntest, dass Bruce 50 Jahre nach seinem sensationellen Entdeckung zurückkam. Hat er die Stelle wiedergefunden?“ „Er kam tatsächlich wieder. Diesmal mit einem mehrere Hunderttausend-Dollar-Sponsoring der Regierung von Queensland. Es waren mehrer Männer, die Metalldetektoren und eine sehr gute Ausrüstung dabei hatten. Leider verändert sich die Landschaft in 50 Jahren derart, dass er den Fundort nicht mehr ausmachen konnte. Sie sind nach einiger Zeit erfolglos abgezogen. Aber, eines ist noch wichtig zu erwähnen. Bruce hat in seinem Buch eine Zeichnung von dem Steigbügel angefertigt auf dem ein Wappen zu sehen war. Man fand heraus, dass dieses Wappen mit dem Herkunftsland von Leichhard übereinstimmt. Also wenn du mich fragst ist das Beweis genug.“

„Ist ja eine aufregende Geschichte. Schade dass er den Steigbügel in den Satteltaschen vergessen hat. Wirklich schade.“ „Wer weiß. Ihr zwei solltet eure Augen offen halten. Wer weiß, vielleicht findet ihr Leichhards Todescamp?“ „Wau, das wäre nicht auszudenken. Zu gern würde ich die Überbleibsel einer berühmten, verschollenen Expedition finden,“ antworte ich mir eine der unzähligen Fliegen aus dem Gesicht wedelnd.

Am späten Nachmittag verabschiedet sich Howard von uns. Es ist wie so oft wenn man gute Menschen trifft nicht einfach auf wiedersehen zu sagen, doch ist genau dieser Abschied ein beständiger Teil unseres Lebens. „Besucht mich wenn ihr von der Ostküste nach Perth fahrt. Ich würde mich wirklich sehr freuen,“ sagt er. „Es kommt darauf an wie lange es dauert einen Besitzer für unsere Kamele zu finden. Vielleicht haben wir ja Glück und ein netter Mensch kauft sie uns alle auf einmal ab. Sollte das geschehen, haben wir genügend Zeit und wir kommen dich und deine Familie sehr gerne besuchen,“ antworten wir und schütteln seine Hand. „Bevor ich gehe muss ich euch noch vor den ausgetrockneten Flussbetten und Creeks warnen. Denkt daran, dass es ab jetzt überall plötzlich regnen kann. Es sind schon viele Menschen in einer urplötzlich kommenden Springflut ertrunken. Also versprecht mir unter keinen Umständen in einem der vielen Flussbetten zu campen. Selbst wenn das Wetter gut aussieht kann es sein, dass es Hunderte von Kilometern entfernt von euch kräftig regnet. Dort wird dann das Flussbett mit Wasser überschüttet und es rast in ungeheurer Geschwindigkeit die Arme des Flusses hinunter. Alles, aber auch alles was sich darin befindet, wird mit einer solchen Wasserwucht getroffen, das nichts davon übrig bleibt. Es ist mir einfach in Bedürfnis das euch noch mal zu sagen, auch wenn ihr es höchstwahrscheinlich schon gewusst habt.“ „Danke Howard, wir werden deine Warnung ernst nehmen und unter keinen Umständen unser Camp in einem der Creeks aufschlagen.“ „Das ist gut. Also macht’s gut und auf ein baldiges Wiedersehen,“ sagt er noch mal und steigt in seinen Jeep.

Es dauert nicht lange und die Motorengeräusche seines Allradfahrzeuges werden von den Gidyeabäumen verschluckt. Plötzlich sind wir wieder alleine in der weiten Wildnis Australiens.

Wir freuen uns über Kommentare!

Tag: 107 Etappe Drei / Expeditionstage gesamt 498

Sonnenaufgang:
06:27

Sonnenuntergang:
18:03

Temperatur - Tag (Maximum):
38° Grad, in der Sonne ca. 59° Grad

Temperatur - Nacht:
25° Grad

Breitengrad:
23°29’02.3’’

Längengrad:
138°44’53.3’’