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Tanjas dritte Geburtstagsfeier im Outback

Tanjas Geburtstags-Camp — 30.08.2002

Wie gestern auch werde ich von den lästigen Fliegen geweckt. Ich schlage die Augen auf und blicke in den rotglühenden Sonnenball, der sich in diesem Augenblick über die Gidyeabäume hebt und einen heißen Tag ankündigt. Verschlafen drehe ich meinen Kopf auf die Seite, um zu sehen ob Tanja schon mit ihren Augen blinzelt. „Alles gute zum Geburtstag,“ flüstere ich und werde mit einem sanften Lächeln beschenkt.

„Ich wünsche dem hübschesten Sonnenblümchen auf Erden, meiner Prinzessin, der Freude meines Herzens, dem Sinn meines Lebens, dem wichtigsten Menschen, meinem besten Freund und Expeditionspartner, dem Geschenk des Universums, dass deine Blüte in Ewigkeit erstrahlt. Ich wünsche meinem Sonnenblümchen lange und starke Wurzeln, so dass sie die tiefsten Wasser erreichen. Das sie immer Anschluss zur Nahrung und Flüssigkeit haben, um psychisch, physisch und spirituell zu reifen. Das mein Sonnenblümchen weiter und weiter wächst, bis Du mit Deiner niemals versiegenden Kraft, Deiner Güte, Deiner Weisheit und Deinem Licht der Erkenntnis, alle Erdbewohner beschenkst,“ „Oh, das hasst du aber schön gesagt,“ flüstert sie und umarmt mich.

Wenig danach streife ich mir Hemd und Hose über, steige vom Schlafhügel zu unseren zwei Gidyeabäumen herab und entzünde das Lagerfeuer. Weil Tanja sich zum Frühstück frische Brötchen gewünscht hat benötige ich viel Glut. Die Flammen züngeln sich mindestens einen Meter hoch, in die ebenfalls heiße Morgenluft, worauf ich mich fühle wie einer der Heizer, die damals auf dem Mississippi Kohle in den Heizkessel der Dampfturbinen eines Raddampfers geschaufelt haben. Immer wieder lege ich dicke Äste nach und hüte jetzt, mit nackten Oberkörper, das Feuer.

Dann knete ich den Teig und zur Feier des Tages mische ich Kürbis und Sesamkerne darunter. Nachdem die Glut reif ist, stelle ich den Campofen hinein. Mit der Schaufel hebe ich glühendes Holz auf den Deckel und warte. Tanja hütet in der Zwischenzeit die Kamele. Obwohl wir heute ihren Ehrentag feiern, dürfen unsere Jungs nicht zu kurz kommen. Was auch immer geschieht, sie müssen zum Fressen geführt und beaufsichtig werden.

„Hm, das riecht ja lecker,“ sagt sie als sie gerade zurückkommt. „Ja, noch fünf Minuten, dann dürften sie fertig sein,“ antworte ich schweißüberströmt aber glücklich.

Endlich ist es soweit. Ich hebe den Deckel vom Campofen und werde von goldbraunen, in verschiedenen Formen modellierten, fantastisch riechenden Brötchen, angelacht. „Hier mein Sonnenblümchen, das ist für dich,“ sage ich und reiche ihr eines der heißen Kreationen. „Ah, ich kann es kaum erwarten hineinzubeißen,“ schwärmt sie, es auseinander schneidend und Erdnussbutter darauf streichend. Auch ich streiche mir ein Erdnussbutterbrötchen. Als ich dann den ersten Bissen genieße, spielen meine Geschmacksnerven regelrecht verrückt. „Hm, hm, hmmm ist das lecker,“ frohlockt Tanja ebenfalls. Der Duft von frischen Rapunzel-Kaffee steigt auf und macht das Frühstück perfekt.

Tanja hat noch vor dem Kamelehüten den Tisch mit all der kleinen Rapunzel-Schokolade dekoriert, die sie extra für diesen Tag aufgehoben hat. „Wir können sie heute alle aufessen. Jetzt ist es eh viel zu heiß geworden, um sie länger aufzubewahren. Sie schmilzt uns bloß davon,“ sagt sie und knabbert an einen der viele Leckerbissen. So kommt es, dass wir stundenlang im Halbschatten sitzen und uns den Bauch voll schlagen, bis wir fast bersten.

Da heute Freitag ist, gebe ich zwischendurch einige Interviews zu australischen und deutschen Radiostationen. Mit meinem vollen Bauch fällt es mir nicht leicht unsere Geschichte zu erzählen. Von Zeit zu Zeit muss ich tief Luft holen, um nicht unanständig in den Hörer zu rülpsen. „Denis, jetzt musst du aber ein Geburtstagslied für Tanja singen,“ fordert mich Stewart Brash von ABC Alice Springs auf. „Oh, ich kann nicht singen,“ entschuldige ich mich. „Für ein Geburtstagständchen wird es schon reichen,“ neckt er mich. „Okay,“ gebe ich nach und träller den Happy Birthday Song in den Hörer des Satellitentelefon. „Das war doch wunderbar,“ schwindelt er mich an, worauf wir beide herzhaft lachen.

Bevor ich mich wieder zu Tanja setze baue ich unser Funkgerät auf und versuche Jo & Tom zu erreichen. Die Entfernung nach Goomalling sind, wie kürzlich erwähnt, mit 2500 Kilometern Luftlinie gewaltig. „Ich kann dich nur schlecht empfangen Denis aber wir können dich verstehen,“ krächzt es vertraut aus dem kleinen Lautsprecher. „Das ist wunderbar Jo. Wir haben unser Camp nur ein paar Marschstunden von Carlo aufgebaut. Es ist alles okay. Leider konnten wir nicht den Campplatz wählen den uns Howard empfohlen hatte. Er wollte uns heute besuchen aber ich weiß nicht ob er unsere Markierungsbänder entdeckt hat. Kannst du ihn bitte anrufen und ihm sagen, dass wir im Kalabarkaloo Creek campen? Wir wollen hier ein paar Tage länger bleiben. Wir sind sehr müde. Falls er kommt wäre es schön, wenn er uns 40 Liter Wasser mitbringt.“ „Klar Denis, ich rufe ihn gleich an. Ist Tanja in der Nähe?“ „Ja, sie sitzt gleich neben mir. Ich gebe ihr das Mikrofon,“ sage ich und winke Tanja ans Funkgerät. Jo & Tom gratulieren ihr von ganzem Herzen, vor allem freuen sie sich ungeheuerlich über unsere Heiratspläne.

Dann sitzen wir wieder im Halbschatten der Bäume und ich habe endlich die Gelegenheit Tanja ein kleines Geschenk zu überreichen, welches ich die ganze Zeit in meiner Kartentasche vor ihr versteckt gehalten habe. „Du hast ein Geschenk für mich? Hier mitten in der Einsamkeit habe ich wirklich nicht damit gerechnet,“ sagt sie und dreht es etwas verlegen in den Händen. „Komm mach es schon auf,“ meine ich. Als sie dann den Anhänger, dessen Opaleinschließungen blaugrün und türkis in der Sonne glitzern, in den Händen hält, ist sie vor Freude fast sprachlos. „Der ist wunderschön Denis. Vielen Dank. Magst du ihn mir umhängen?“ „Gerne,“ antworte ich und streife ihr das Lederband über den Kopf. Der Stein liegt auf ihrer braunen Haut. Die warmen Farben schimmern angenehm. Wir freuen uns gemeinsam über diesen Moment, bis ich ihr ein weiteres kleines Päckchen reiche. „Noch etwas? Du beschämst mich ja regelrecht.“ „Ach komm, es sind doch nur Kleinigkeiten.“ „Oh, das ist ja eine Überraschung. Es sind genau die Ohrringe die ich in Alice Springs gesehen habe und so gerne wollte. Wie hast du es denn geschafft sie zu kaufen? Wir waren doch ständig zusammen?“ „Kannst du dich daran erinnern, als du vor unserer Weiterfahrt nach New Haven schnell in den Supermarkt geeilt bist, um ein paar Früchte zu kaufen? Das war der Moment in dem ich wie ein Sprinter durch die Fußgängerzone gehastet bin, um in deiner Abwesenheit die Ohrringe zu kaufen.“ „Oh, vielen Dank. Das ist wirklich ein wunderschöner Geburtstag,“ freut sie sich.

Den Nachmittag dösen wir wieder auf unseren Campbetten und lassen uns von den Fliegen malträtieren. Später rufen uns meine Eltern und Freunde am Satellitentelefon an, um uns zur erfolgreichen Wüstendurchquerung und unseren Heiratsplänen zu beglückwünschen. Vor allem aber gratulieren sie meinem Sonneblümchen zum Geburtstag.

Wie gestern Abend zeigt das Thermometer noch um 20:00 Uhr ca. 33° Grad an. Ehrlichgesagt leiden wir unter diesen Temperaturen. Das Wetter hat uns einfach keine Chance gegeben sich an die plötzliche Hitze zu gewöhnen. Trotzdem lassen wir uns nicht die Laune verderben und backen uns eine Geburtstagspizza. Nachdem ich den Teig leicht angebacken habe, hole ich den Campofen aus der Glut. Obwohl unsere Zutaten hier draußen stark begrenzt sind, versuchen wir das Rezept meiner Mutter nachzuahmen und bestreichen den Teig mit Olivenöl. Dann belegt ihn Tanja mit Zwiebeln, Knoblauch, Kapern, eingelegten Tomaten und Tomatensoße von Rapunzel. Zur Krönung streut sie noch etwas Parmesankäse darüber und fertig ist die Köstlichkeit. Schnell platziere ich den Campofen in der Glut des Lagerfeuers und es dauert nicht lange bis sich ein kaum zu beschreibender Duft unter den Gidyeabäumen ausbreitet. 20 Minuten später ist es soweit. Ich schneide die brutzelnde Kreation in Stücke und lege jedem von uns eines auf dem Teller. Tanja füllt uns mittlerweile einen Becher voll Rotwein, den wir extra für diesen Abend, seit über 1000 Kilometern, in den Satteltaschen mitgeschleppt haben. Genüsslich lassen wir uns in die Campstühle nieder und verwöhnen uns mit einem ausgesprochen seltenen Festmahl. Wieder werden unsere Geschmacksnerven überwältigt. „Hmmm, ist das lecker,“ jauchze ich vor Freude und trinke einen Schluck des roten Saftes. Lange sitzen wir da, essen nahezu das gesamte Pizza auf, unterhalten uns über die Simpson Wüste und beobachten die Sterne, bis wir uns auf unseren Schlafhügel zurückziehen.

Zufrieden liege ich noch eine ganze Weile da und blicke in den Himmel. „Denis?“ „Ja.“ „Bist du noch wach?“ „Ja.“ „Es war ein wunderschöner Geburtstag. Vielen Dank.“ „Es freut mich wenn er dir gefallen hat. Es war auch für mich ein wunderschöner Tag.“

Wir freuen uns über Kommentare!

Tag: 106 Etappe Drei / Expeditionstage gesamt 497

Sonnenaufgang:
06:29

Sonnenuntergang:
18:03

Temperatur - Tag (Maximum):
38° Grad, in der Sonne ca. 59° Grad

Temperatur - Nacht:
23° Grad

Breitengrad:
23°29’02.3’’

Längengrad:
138°44’53.3’’