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Wir stolpern durch völlig verdorrtes Land

Tanjas Geburtstags-Camp — 28.08.2002

Weil wir heute nicht weit laufen wollen und nur 10 Kilometer vom Farmhaus entfernt ein mehrtägiges Lager beziehen werden, stehen wir eine Stunde später auf. Howard hat schon das Frühstück zubereitet. Wie gestern Abend auch führen wir eine lockere und lustige Unterhaltung. Es kommt uns so vor als würden wir den schlagfertigen und spritzig, lustigen Mann schon seit Jahren kennen. „Also, wenn ihr eure Kamele verwöhnen wollt, einen schattigen Platz für Tanjas Geburtstags-Camp benötigt, dann schlage ich euch vor an der Furt vom Mulligan River zu campen. Es wird euch bestimmt gefallen. Dort unten kommen kaum Rinder hin, also gibt es genügend zu fressen und vor allem könnt ihr euch an dem frischen Wasser des Cootadoo Waterhole erfrischen,“ plaudert er, worauf ich mir von ihm einen Wegeplan zeichnen lasse.

Als wir aufbrechen ist Howard schon lange weg. Er möchte in den nächsten Wochen seiner Anwesenheit ein paar unterirdische Wasserquellen finden. „Carlo ist ein trockenes Land. Wir hatten immer zu wenig Wasser für unsere Rinder aber wir haben es geschafft einige Brunnen zu graben aus denen wir heute Wasser für die Rinder fördern. Die neuen Besitzer benötigen noch mehr Wasserstellen und da ich eine Begabung besitze Grundwasser in der Wüste zu finden, tue ich ihnen den gefallen,“ erklärte er uns.

Schon um 10:00 Uhr brennt sich der glühende Sonnenball durch den Morgendunst und es wird schlagartig heiß, viel heißer als es in den letzten Tagen und Wochen war. Wir folgen der Beschreibung von Howard und freuen uns den verheißungsvollen Schattenplatz bald zu erreichen. Der Track führt an der Landepiste von Carlo vorbei. Jede Station muss mindestens eine Landepiste für kleine Flugzeuge besitzen. Es kann hier draußen überlebensnotwendig sein, denn wenn man sich verletzt hat oder schwer krank ist kann der Flying Doctor (Fliegende Doktor) landen und den Patienten in das nächstliegende Krankenhaus bringen.

Ein paar Kilometer hinter dem Landestreifen biegen wir, wie es auf Howards Plan beschrieben ist, nach rechts ab. Obwohl es unangenehm heiß ist freuen wir uns wieder einmal auf einen Track laufen zu können. Vor allem ist es eine kaum zu beschreibende Wohltat die Kamele nicht über steile Sandberge ziehen zu müssen. Auf diese Weise gleiten wir gut gelaunt über den flachen Untergrund dahin. Um sicher zu gehen ob die Richtung stimmt hole ich meinen Navigationscomputer aus der Tasche. „Das sieht aber gar nicht gut aus. Seitdem wir rechts abgebogen sind entfernen wir uns von Roberts Wegebeschreibung geradezu gewaltig,“ stelle ich besorgt fest. 10 Minuten später stoppe ich die Karawane und studiere die Landkarte. Weil er nicht die richtige Brille auf hatte konnte mir Howard sein beschriebenes Wasserloch nicht auf dem Kartenblatt zeigen. Ich habe es auch nicht gefunden, doch jetzt, wo ich weiß in welche Richtung wir gehen, entdecke ich 10 Kilometer südlich von uns das Cootadoo Waterhole. „Das sieht nicht gut aus. Wenn wir bis da runter gehen müssen wir die gesamte Strecke zurücklaufen, um nach Marion Downs zu gelangen. Das sind mindesten 25 Kilometer Umweg,“ stöhne ich. „Oh nein, auf einen Umweg habe ich jetzt keine Lust,“ antwortet Tanja müde. „Okay, wir kehren zur Wegegabel zurück und folgen dem Track nach Norden. Wir werden schon einen geeigneten Campplatz finden,“ entscheide ich.

Als wir die Abzweigung wieder erreichen hängen wir für Howard ein rosafarbenes Leuchtband in einen Busch. Da er uns an der Furt des Mulligan Rivers besuchen wollte, schreiben wir ihm eine Information über unsere Richtungsänderung auf das Band. Wir hoffen, dass er es entdeckt und nicht glaubt wir hätten uns in Luft aufgelöst.

Vier Stunden später sind wir immer noch unterwegs. Die Sonne brät uns mit 56° Grad aufs Haupt und mittlerweile quälen wir uns eher dahin als wie am Morgen leichtfüßig über den Track zu gleiten. Wieder knie ich mich in den heißen Sand, um die Karte zu studieren. „Wir sollten hier dem ausgetrockneten Creek des Kalabarkaloo folgen. Irgendwo werden wir schon etwas Fressbares für unsere Jungs und Schatten für uns finden,“ meine ich, rolle die Karte zusammen und stecke sie an ihren Platz an Sebastians Sattel.

Müde stolpern wir durch ein völlig verdorrtes Land. Der Boden ist mit stachligen Dornenbüschen überzogen. Manche der Bäume hängen ihre Blätter schlapp nach unten. Es ist trostlos und erschreckend warm. Fliegen surren zu Tausenden um unsere Köpfe und scheinen sich fast stündlich zu vermehren. Die Windungen des Kalabarkaloo schlängeln sich in bizarren Bögen durch dieses Gebiet, welches uns entschieden menschenfeindlicher vorkommt als die Simpson Wüste. Besorgt sehe ich auf die Uhr und hoffe, dass uns Mutter Erde bald einen geeigneten Lagerplatz anbietet. Unaufhörlich sehe ich nach vorne, um ein paar Gidyeabäume auszumachen, die uns Schatten spenden könnten. „Vielleicht hätten wir doch auf Howard hören sollen? Mittlerweile wären wir auch an der Furt des Mulligan,“ breche ich das Schweigen. „Schon, aber wir müssten bei dieser Hitze alles wieder zurücklaufen,“ antwortet Tanja. „Stimmt,“ gebe ich ihr recht, meinen Gedanken nachhängend bis ich glaube ein paar kräftige Gidyeas zu entdecken. Ich ziehe unsere Karawane über den Grund eines trockenen Seebetts, um eine der Creekbiegungen abzukürzen und auf einmal befinden wir uns in einen weitflächigen Gidyeawald. Direkt am Kalabarkaloo finde ich zwei nebeneinander wachsende Bäume die mit ihrem Schatten winken. Während Tanja auf die Kamele aufpasst, suche ich die Gegend ab ob es noch einen besseren Ort für unsere Rast gibt, doch muss ich feststellen, dass die zwei Gidyea für unser Bleiben am besten geeignet sind.

Wir entladen unsere Kamele und lassen sie an den leckeren Bäumen fressen. Auch finden sie eine Vielzahl von schmackhaften Dornenbüschen am Boden. Bevor wir unsere Campstühle unter den Bäumen aufstellen können beseitige ich mit der Schaufel das Dornengestrüpp, massive Grasbüschel und abgefallene Blätter. Ich schufte bald wie besessen, um für uns einen gemütlichen Platz zu schaffen. Da es Tanjas Geburtstags-Camp ist möchte ich es natürlich besonders schön für uns haben. Es dauert bald eine Stunde bis die Fläche unter den Bäumen bewohnbar ist. Völlig verschwitzt setze ich mich dann laut stöhnend in den Stuhl und trinke wie ein Verdurstender viele Becher mit frischem Regenwasser welches wir bei Howard aufgefüllt haben.

Später, als der glühende Sonnenball sich auf die Horizontlinie setzt, schaufle ich eine gerade Fläche auf einer nahen, vielleicht zwei Meter hohen, Sanddüne. Sie streckt unmittelbar neben unseren Bäumen ihren Buckel in den Himmel. „Das ist unser Schlafzimmer. Hier oben sind wir dem Himmel noch näher,“ freue ich mich und klappe unsere Faltbetten auf.

Um 20:00 Uhr ist es immer noch sehr warm. Das Thermometer zeigt 30° Grad. Wir sitzen heute mindestens zwei Meter vom Campfeuer entfernt, denn die Hitze die es ausstrahlt ist bald unerträglich. „Gott sei Dank haben sich die Fliegen zurückgezogen,“ stelle ich immer noch schweißüberströmt fest. „Ja, aber die Motten und Falter scheinen aus ihrem Winterschlaf zu erwachen,“ entgegnet Tanja einen der Nachschwärmer auszuspucken der sich in ihrer Teetasse gebadet hat.

Wir freuen uns über Kommentare!

Tag: 104 Etappe Drei / Expeditionstage gesamt 495

Sonnenaufgang:
06:29

Sonnenuntergang:
18:03

Luftlinie:
9,19

Tageskilometer:
23

Temperatur - Tag (Maximum):
36° Grad, in der Sonne ca. 56° Grad

Temperatur - Nacht:
6,4° Grad

Breitengrad:
23°29’02.3’’

Längengrad:
138°44’53.3’’