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Der erste Mensch nach der Wüste

Carlo-Camp — 27.08.2002

Wir sind guter Dinge, denn heute werden wir ein für uns großartiges Etappenziel erreichen. Mein GPS zeigt, dass wir nur noch 11 Kilometer Luftlinie bis zum Farmhaus von Carlo Station zu laufen haben. Mit neuer Energie geladen beginnen wir einen weiteren sonnigen warmen Tag. Es dauert allerdings nicht lange bis unsere Kraft von den ersten Sandbergen regelrecht aufgebraucht wird. Um 10:00 Uhr spricht Tanja kein Wort mehr. Sie ist müde. Die Strapazen der letzten Monate sind ihr ins Gesicht gemeißelt und fordern ihren Tribut. Trotzdem jammert sie kaum und folgt mit Rufus den Kamelen. Von Zeit zu Zeit sehe ich nach hinten und frage mich woher sie ihre Kraft nimmt. Sie läuft und läuft. Arbeitet jeden Tag schwer. Repariert Sättel, hütet die Kamele, backt Brot und Kuchen, kocht am Campfeuer, bereitet unser Vesper und füllt Wasser für den Lauftag ab und vieles mehr. Trotz alledem bekommt sie im Extremfall nie Panik und reagiert immer richtig. Mir ist es manchmal schleierhaft an welcher Energiequelle sie angeschlossen ist. Was ist ihr Geheimnis um Tag für Tag, Woche für Woche, Monat für Monat und Jahr für Jahr solch eine enorme Leistung zu bringen?

Nach weiteren 22 Dünen laufen die Sandwellen langsam aus, verflüchtigen sich in leichten Wogen und verebben in der Unendlichkeit des Outback. Nur langsam wird uns bewusst die große, gefährliche Simpson Wüste hinter uns gelassen zu haben. Ein Gefühl der Erleichterung breitet sich in unseren Körpern aus. 400 Kilometer sind wir durch ein einsames Meer von Sand und Spinifex gelaufen. Über 320 Sanddünen mussten wir überwinden und auf einmal zieht sich der Sand und die rote Erde zurück. Ein Ozean von Steinen übernimmt plötzlich die Herrschaft. Ab und zu erhebt sich noch mal eine kleine Düne, bis sie der Übermacht nachgeben und sich einer neuen Landschaftsform zu Füßen legen. Außer ein paar blühenden Gidyeabäumen scheint hier kaum etwas zu wachsen. Das Land ist jetzt völlig vertrocknet. Selbst Rinder sind nicht mehr auszumachen. Ohne Zweifel sieht so die Trockenheit aus von der wir schon viel gehört haben.

Ein Zaun, an dem einige blühende Gidyeabäume wachsen, zwingt uns seit langem die Richtung zu ändern und verrät die Nähe von Menschen. Der schwere und eigenwillige Duft der Blüten schwängert die dunstig, heiße Mittagsluft. Ich führe unsere Boys an ihm entlang, bis wir auf ein altes, kaum sichtbares Gatter treffen. „Camis udu,“ befehle ich, gebe Tanja Sebastians Führungsleine und biege mit meinem Leatherman die verrosteten Drähte auf, um für uns das flexible, längst vergessene Tor zu öffnen.

Plötzlich sehen wir die ersten Scheunen der Homestead. Ein breiter Weg zeigt uns die Richtung zum Farmhaus. Ein Mann verlässt gerade einen der hohen Wellblechschuppen. Er hat uns nicht bemerkt. „Hallo! Haaallo!“ ,rufe ich, um unser Kommen anzukündigen. Der Mann wendet sich uns zu, bleibt wie angewurzelt stehen und verzieht kaum eine Mine. Kurz vor ihm stoppe ich die Karawane. „Mein Name ist Denis und das ist meine Lebensgefährtin Tanja,“ sage ich ihm die Hand zum Gruß entgegenstreckend. „Howard, mein Name ist Howard. Ich habe euch früher erwartet,“ antwortet er jetzt lachend und schüttelt mir und Tanja die Hand. „Jo hat gestern euer Kommen angekündigt,“ Ah, das ist gut. Ich hatte gestern Abend Funkkontakt mit ihr.“ „Wie seid ihr eigentlich auf das Gelände der Homestead gekommen?“ „Wir haben das alte Gatter entdeckt und es aufgebogen.“ „Sehr gut. Eure Kamele sind bestimmt hungrig. Mögen sie Heu?“ „Sie würden sich darüber sehr freuen.“ „Wie viel? Sind drei Ballen genug?“ „Hm, ich glaube zwei reichen aus.“ „Wenn ihr über Nacht hier bleiben wollt seid ihr recht herzlich willkommen. Ihr könnt euer Camp dort an den Gidyeabäumen aufschlagen und dort hinten, dort hinter dem Baum, ist eine Tränke,“ erklärt er freundlich. Wir unterhalten uns noch eine ganze Weile, bis wir unsere Müden Knochen zum Übernachtungsplatz bewegen.

Kaum sind unsere Kameraden entladen führen wir sie zur Tränke. Ausgedurstet saufen sie sich ihre Bäuche so voll, dass man meinen könnte sie platzen jeden Augenblick. Howard bringt in der Zwischenzeit die Heuballen und sieht uns aus der Entfernung zu. Wir bewegen uns wie in Trance. Langsam führen wir unsere Kamele zu Camp zurück und binden sie an die Gidyeabäume. „Nein, die Gidyeas sind am Tropic of Capricorn nicht giftig,“ hat Howard gesagt. Wir haben also die gesamte Zeit vollkommen umsonst Angst vor ihnen gehabt. Aber wie sagt es der Spruch so schön; Vorsicht ist besser als Nachsicht.

Später laufen wir zu dem kleinen Farmhaus das mehr oder weniger aus drei in U-Form aufgestellten Wellblechcontainer besteht. „Wenn ihr wollt könnt ihr duschen und die Waschmaschine benutzen,“ bietet uns Howard an. „Ah, das ist wunderbar. Ich habe seid einem Monat kein fließendes Wasser mehr gesehen,“ antwortet Tanja freudig und verschwindet im Duschraum.

Nachdem wir unter unbeschreiblichem Genuss den Staub der Simpson Wüste von uns gewaschen haben rufe ich Robert den Manager von Marion Downs an. Die Homestead von Marion Downs liegt auf halber Strecke von New Haven bis zu unserem Ziel an der Ostküste. Wir haben von unseren Freunden Dean, Jan, Jo & Tom gehört, das Robert und seine Frau Leanne sehr nett sind und wollen dort ein paar Tage Rast einlegen. „Ja Denis, Cowboy John hat eure Lebensmittelsäcke gestern bei uns abgeliefert. Deine Ersatzschuhe sind auch schon da,“ informiert mich Robert mit angenehmer Stimme. „Oh, das ist gut.“ ,freue ich mich. „Wenn ihr von Carlo zu uns lauft solltet ihr mit euren Kamelen die Steinplateaus umgehen. Ich kann mir vorstellen, dass sie mit ihren weichen Fußsohlen ungern über Steine gehen?“ „Ja, du hast recht. Steine können gefährlich sein. Ich habe mir die Karte schon genauer angesehen. Ist es richtig wenn wir am Wandera Waterhole vorbeigehen und dann querfeldein bis zum Wheeler Waterhole? Dort müssten wir auf den Track treffen der uns zur Rocky Yard führt. Dann am Whitewood Tank vorbei bis zum Gap Creek. Ab da nehmen wir den Track am Old Station Creek bis zu eurer Homestead.“ „Perfekt. Das ist genau der Weg den ich vorschlagen wollte. Wann werdet ihr bei uns sein?“ „Vielleicht in einer Woche. Tanja hat in drei Tagen Geburtstag. Wir haben uns gedacht ihn irgendwo an einem schattigen Plätzchen zu feiern. Auch muss ich dringend ein neues Updat für unsere Webseite schreiben.“ „Wir haben vor euch in einem eurer Camps zu besuchen. Ist euch das recht?“ „Natürlich, ihr seid recht herzlich willkommen.“ „Das ist großartig. Na dann habt noch eine sichere Reise. Wir freuen uns auf euch.“ „Vielen Dank Robert. Wir freuen uns auch,“ beende ich das Telefonat.

In der Zwischenzeit hat Howard uns ein leckeres Abendessen aufgetischt. Wir sind uns bewusst, dass er es extra für uns gekocht hat und genießen jeden Bissen. Während der folgenden Unterhaltung erfahren wir von dem neunundsechzig Jahre alten, hoch aktiven Mann, dass er die Station hier vor einem Jahr verkauft hat und im Augenblick nur hier ist, um die Farm zu beaufsichtigen. „Die neuen Inhaber von Carlo besitzen mehrere Stations und befinden sich gerade auf einer ihrer Farmen in Nordqueensland. Sie treiben dort die Rinder zusammen. In drei Wochen fahre ich zu meiner Frau zurück die Zuhause auf mich wartet.“ „Fühlst du dich hier nicht einsam?“ ,frage ich. „Ach nein. Ich bin es gewohnt. Habe mein ganzes Leben hier draußen verbracht und liebe dieses Land. In einer Stadt könnte ich nicht mehr leben. Es ist wunderschön so mit der Natur verbunden zu sein.“ Wir unterhalten uns noch bis 22:00 Uhr, dann fallen mir vor Müdigkeit die Augen zu und laufe zum Camp zurück. Tanja liegt schon seit geraumer Zeit in ihrem Schlafsack und atmetet tief und gleichmäßig als ich mich neben sie auf mein Bett lege.

Wir freuen uns über Kommentare!

Tag: 103 Etappe Drei / Expeditionstage gesamt 494

Sonnenaufgang:
06:30

Sonnenuntergang:
18:03

Luftlinie:
11,2

Tageskilometer:
14

Temperatur - Tag (Maximum):
28° Grad, in der Sonne ca. 38° Grad

Temperatur - Nacht:
minus 1° Grad

Breitengrad:
23°26’46.9’’

Längengrad:
138°40’04.5’’