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Eine Warnung folgt der anderen

Kamel-Müde-Camp — 25.08.2002

Mit minus 4,5° Grad war es eine überraschend kalte Nacht. In der Tat fühle ich mich an diesem Morgen viel besser als gestern Abend. Das Brennen am Rücken, Po und Oberschenkeln hat sich fast verflüchtigt.

Wir laden unsere Jungs, die sich an den abgeschlagenen Büschen voll fressen konnten und brechen wie gewohnt am frühen Morgen auf. Hardie hat seinen gestrigen Sturz tatsächlich ohne Folgen überstanden und läuft völlig normal.

Gleich nach der nächsten Düne durchqueren wir das ausgetrocknete Bett des Abudda Lakes. Unzählige von Erdrissen zeugen davon, dass es hier schon seit ewigen Zeiten nicht mehr geregnet hat. Dann steigen wir eine steile Düne hoch und als wir oben ankommen sind wir von dem vor uns liegenden Anblick überrascht. Durch das Dünental zieht sich ein Zaun vor dem eine Herde Rinder nach Fressbarem sucht. Nur 500 Meter weiter entdecken wir einen von Menschenhand aufgeschütteten Damm. „Das ist also der Grund warum es hier so viele Rinderspuren gibt,“ stelle ich fest und ziehe unsere Tiere den Berg hinab.

Zum Glück geben uns zwei Gatter den Weg durch den massiv gebauten Stacheldrahtzaun frei und nur wenige Minuten später verschwindet das scheußliche Gebilde hinter der nächsten Sanddüne. „Wie kommt denn da ein Damm her?“ ,fragt Tanja. „Keine Ahnung. In der Karte ist er nicht eingezeichnet. Die Inhaber von Carlo Station müssen ihn in den letzten Jahren errichtet haben. Durch das Wasser, nachdem sie in dem Dünental bohren, haben die Rinderherden genügend zu saufen. Auf diese Weise können die Farmer den Wüstenabschnitt nutzen. Die Rinder finden hier anscheinend genügend Nahrung. Ist schon irre was Menschen leisten,“ meine ich nachdenklich.

Der Heutige Tag hält uns schwer in Atem. Die Dünen sind so steil wie noch nie. Auch gibt es geradezu Unmengen von ihnen. Spätestens alle zwei bis dreihundert Meter legt sich ein weiterer Sandkoloss in unseren Weg. Die Kamele schnaufen wie die Wahlrösser und plötzlich gibt Sebastian furchtbare Geräusche von sich. „Was ist denn los?“ ,möchte Tanja wissen. „Ich glaube er hat irgend etwas Falsches gefressen. Sieh nur wie er seinen Kopf hin und herschleudert.“ „Oh weh, jetzt muss er sich auch noch übergeben.“ „Ob die Pflanzen von gestern Abend giftig waren?“ „Bestimmt nicht. Er frisst ja auch während des Laufens. Vielleicht hat er eine dieser Blumen in den falschen Magen bekommen,“ grübelt Tanja. Erschrocken sehen wir zu wie er unter seltsam würgenden Tönen grüngelbe Flüssigkeit ausspeit. Durch seine schleudernde Kopfbewegung fliegt das übel riechende Zeug im hohen Bogen durch die Luft und landet auf unseren Hemden. Qqquuööörrrchchch, rrröööchchch, qqquuööörrrchchch, leidet unser armer Kamelanführer, bis er sich nach einigen Minuten wieder beruhigt.

„Camis walk up,“ rufe ich erleichtert und weiter geht unser Marsch durch eine der menschenfeindlichsten Wüsten unserer Erde.

Auf jedem Dünenrücken hole ich meinen Kugelschreiber aus der Hemdtasche und male einen Strich auf meinen Unterarm. So weiß ich am Abend wie viele dieser Sandberge wir an dem jeweiligen Lauftag tatsächlich überwunden haben. Gerade überqueren wir Düne Nummer 40 als Tanjas Warnruf die Luft zerreißt. „Stopp! Stopp! Stoooopp!“, erzittert es in meinem Trommelfell. „Ööööhhhäää!“ ,brüllt Sebastian als ich die Führungs- und Nasenleine augenblicklich zurückreiße. „Wau! Wau! Wau!“ ,bellt Rufus. „Steh auf! Steh sofort auf!!!“ ,schneidet Tanjas Kommando die Luft in Stücke. „Ööööhhheee! Ööööhhheee!“ ,mischt sich das Gejammer aus dem letzten Glied in die hektische Geräuschkulisse und macht das Chaos perfekt.

Da ich mich mit Sebastian und Hardie schon wieder auf der steilabfallenden Dünenseite befinde, kann ich nicht erkennen was da oben auf dem Dünenkamm geschieht. Nervös verharre ich und sende ein Stoßgebet in den Himmel. „Keine Verletzungen, bitte keine Verletzungen.“ Tanja kommt nur Augenblicke später nach vorne gestapft. „Alles klar Denis. Wir haben Glück gehabt. Gut, dass du Sebastian so schnell anhalten konntest. Jasper hat sich während des Gehens einfach abgesetzt. Das Nackenseil hat sich gespannt und Edgar musste ihn wie ein Pflug ziehen. Rufus und ich haben es geschafft ihn rechtzeitig aufstehen zu lassen. Mein Gott bin ich froh, dass es nicht auf dieser steilen Hangseite geschehen ist. Er hat sich wirklich einen perfekten Platz gesucht.“ „Puh, gut dass ihr ihn hochgebracht habt. Ich glaube unsere Jungs sind müde. Wir werden bald einen Campplatz suchen,“ antworte ich, sehe Sebastian in die Augen, um mir beim weiteren Bergabgehen seiner Konzentration sicher zu sein.

Ohne Zweifel erleben wir heute einen anstrengenden und harten Tag. Die Strapazen der letzten Wochen und Monate addieren sich anscheinend. Wir bekommen eine Warnung nach der anderen und müssen darauf achten uns und die Tiere nicht zu überanstrengen.

Als wir nach knapp sechs Stunden, um kurz vor 14:00 Uhr, die siebenundvierzigste Düne des heutigen Tages überschreiten, entscheide ich mich die Tiere im karg bewachsenen Tal abhuschen zu lassen. Obwohl wir nur 15,4 Kilometer Luftlinie zurückgelegt haben sind wir froh unverletzt und sicher hier angekommen zu sein. „Ich denke morgen müssen wir unsere Strecke nach Dünenüberquerungen messen und nicht mehr nach Kilometern. Die Kamele und wir brennen sonst völlig aus,“ meine ich später am Campfeuer sitzend. „Ja, du hast recht. Haben wir genug Wasser um Carlo zu erreichen?“ „Oh ja, wenn kein Unfall geschieht können wir soviel trinken wie wir wollen. Wir sollten nur mit dem Verbrauch beim Zähneputzen vorsichtig sein und unser Geschirr mit Klopapier oder Sand reinigen.“ „Das brauchst du mir nicht zu sagen. Du weißt ja, dass ich sehr darauf achte und spare wo es nur geht,“ entgegnet Tanja.

Bevor wir uns schlafen legen backen wir noch Brot für drei weitere Lauftage. Wenn alles gut geht werden wir dann die Homestead von Carlo Station erreicht haben.

Wir freuen uns über Kommentare!

Tag: 101 Etappe Drei / Expeditionstage gesamt 492

Sonnenaufgang:
06:33

Sonnenuntergang:
18:03

Luftlinie:
15,4

Tageskilometer:
20

Temperatur - Tag (Maximum):
28° Grad, in der Sonne ca. 40° Grad

Temperatur - Nacht:
minus 4,5° Grad

Breitengrad:
23°26’21.8’’

Längengrad:
138°26’09.2’’