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Morgen sieht es bestimmt wieder besser aus

Spinifex-Fall-Camp — 24.08.2002

Der heutige Morgenhimmel ist leicht bewölkt. Im Schatten ist es relativ kühl, weswegen mir das Laden nicht so schwer fällt wie in den vergangenen Tagen. Schon die ersten Dünen, die wir am Vormittag überqueren, sind gefährlich steil. Äußerst vorsichtig ziehe ich unsere Karawane über die hohen Sandberge.

Vor uns erheben sich zwei Berge aus dem ewigen Sandhügelmeer. Die Kompassnadel führt uns genau durch das Tal von Mount Gerald und Mount Alfred. Wieder bewegen wir uns über eine, in interessanten Farben, glitzernde Steinfläche. Im Tal der beiden Berge wachsen die uns vertrauten Gidyeabäume. Langsam und bedächtig gleiten die Kamelfüße über den klimpernden Untergrund. Schnell werden die Steine wieder vom roten Sand abgelöst, worauf die vielen Füße wieder tiefer einsinken.

Mir geht es heute nicht besonders gut. Durch das tägliche Laden der schweren Ausrüstung muss ich mir eine Sehne in der linken Hand gezerrt haben. Die Schmerzen sind nur schwer zu ertragen. Auch mein Knie jammert durch das unaufhörliche Auf und Ab der endlosen Sandberge. Müde und ausgelaugt ziehe ich gerade Sebastian eine der Monsterdünen hinunter. Wie immer drehe ich mich um 180 Grad herum, um so rückwärts gehende unsere Jungs im Auge zu haben. Tanja und Rufus bilden in diesem schweren Gelände das Schlusslicht. Ich bin im Begriff wieder nach vorne zu sehen, als ich im Augenwinkel erhasche wie Hardie urplötzlich einen Meter zur Seite ausbricht, über seine eigenen Beine stolpert und wie ein gefällter Baum nach vorne überkippt. „Camis udu!“ ,brülle ich entsetzt und schaffe es Sebastian sofort zu stoppen. Hardie liegt nur für wenige Sekunden auf dem schräg abfallenden Boden des steilen Dünenhang. Er ist ein erfahrenes Expeditionskamel und weiß, dass ein solcher Sturz ihm den Hals kosten kann. Als hätte ihn ein Monster des Schreckens in den Hintern gebissen bringt er es in sagenhafter Geschwindigkeit fertig wieder auf die Beine zu kommen. Das Nackenseil wurde kaum gespannt, so das Sebastian von dem Sturz nur wenig mitbekommen hat. „Camis walk up,“ rufe ich nach der Schrecksekunde und weiter geht es bergab.

„Ich glaube Hardie humpelt,“ meine ich besorgt. „Kannst du ihn mal bobachten ob es schlimmer wird?“ ,frage ich Tanja die nach seinem Sturz nach vorne gekommen ist. „Ich denke nicht das er sich ernsthaft verletzt hat.“ „Hm, leider werden wir erst morgen mehr wissen. Ich spreche aus eigener Erfahrungen. Die wirklich schlimmen Zerrungen zeigen sich meist erst am nächsten Tag durch eine fette Schwellung.“ „Mal den Teufel nicht an die Wand. Ich bin mir sicher, dass es ihm auch morgen gut geht,“ sagt Tanja zuversichtlich.

Am Nachmittag ändert sich urplötzlich das Bild der Landschaft. Die Vegetation der Dünen ist bis auf den letzten Halm abgebrannt und in den Tälern zieht sich eine hellgraue Lehmfläche von Süd nach Nord auf der ebenfalls kaum etwas zu wachsen scheint. Hunderte von Rinderspuren verstreuen sich über die kahle Haut der Erde. „Wie kommen denn hier mitten in die Wüste Rinder?“ ,fragt Tanja auf eine Gruppe der Grasfresser deutend. „Keine Ahnung aber wo Rinder sind muss es auch Wasser geben,“ meine ich. Nachdenklich stehe ich auf einem Dünenrücken und blicke auf die leergefressene Landschaft. Nachdem wir heute in 6 ½ Stunden Laufzeit 31 Dünen überquert haben benötigen wir jetzt dringend einen Campplatz. Doch was sollen hier unsere hungrigen Kamele fressen? Unruhig drehe ich mich um die eigene Achse, um nach etwas Fressbarem Ausschau zu halten. „Wir müssen umkehren,“ entscheide ich mich, denn im letzten Dünental habe ich ein paar Bäume gesehen die unsere Boys gerne mögen.

Fix und fertig mit meiner Welt schlurfe ich die Sanddüne hinunter in die Richtung aus der wir gekommen sind. Unsere Lastenträger sind nach dem anstrengenden Tag ebenfalls sehr müde. Es ist nicht mehr zu übersehen, dass sie mehr und mehr ihre Konzentration verlieren und dadurch immer öfter stolpern.

„Hier bleiben wir,“ sage ich auf einige allein stehende Bäume deutend die unsere Jungs gerne verspeisen. Zwischen ein Meter hohen, spitzen Spinifexbüschen platziere ich unsere Boys. Istan möchte sich wie so oft in einem rechten Winkel zu seinem Fordermann absetzen. Sofort springe ich zu ihm. „Nein Istan! setzt dich gerade hin! Du weißt wie!“ Doch Istan ignoriert meinen Befehl und ist im Begriff sich da niederzulassen, wo er will. Für solche Fälle habe ich mein großes, schwarzes Plastikrohr parat. Meist reicht es aus, wenn ich es drohend durch die Luft sausen lasse, doch manchmal zwingen mich unsere Kameraden es einzusetzen. „Istan! Nein! Setz dich gerade hin!“ ,befehle ich mit lauter Stimme und versetze ihm mit dem Rohr einen leichten Schlag auf den Hintern.

Istan geht ein paar Schritte in meine Richtung. Ich weiche aus und dann geschieht etwas was besser nicht geschehen sollte. In meiner Angst, von ihm getreten zu werden, gehe ich noch einen Schritt zurück und stolpere über einen der großen, äußerst stachligen Spinifexbüsche. Als ob mir jemand die Füße wegreißt, falle ich mit dem Rücken zu erst auf den schrecklichen Stachelhaufen. Bei dem hoffnungslosen Versuch mit meinen Händen den Sturz abzufangen greife ich in das Dornenmeer. Dann landet mein Hintern und die Oberschenkel in den nadelspitzen Stacheln. Der augenblickliche Schmerz, den all die Speerspitzen verursachen, als sie in meinen Körper dringen, ist schwer zu beschreiben, aber als dann mein Kopf mit einem dumpfen Knall auf den harten Boden donnert, bin ich für einen langen Moment wie gelähmt.

In meinem Hirn zirkeln unzählige Kreise durcheinander. Ich liege da und bin nicht in der Lage nur einen Muskel zu bewegen. Das Brennen in meinem Nacken, dem Rücken, Hintern und Oberschenkel fühlt sich an als hätte ich mich in eine ätzende Säure gelegt. Meine Handgelenke schmerzen. Vor allem das Rechte scheint geprellt zu sein. Langsam melden die einzelnen Körperteile der Denkzentrale ihren Zustand. „Waden bis auf ein paar Einstiche unverletzt. Oberschenkel viel Einstiche aber einsatzfähig. Zukünftiger Einsatz des Hintern wegen zu vielen Stacheleinschüssen fraglich. Rechtes Handgelenk verstaucht. Gebrauch nach einer Ruhepause möglich. Oberer Rücken stark beschädigt. Benötigt schnelles Eingreifen und schnelles Entfernen aller eingedrungenen Fremdkörper. Nacken Glück gehabt. Kopf schreit nach Ruhe.“ „Denis! Oh mein Gott! Denis! Bist du in Ordnung!“ ,dringt es an meine Ohren. „Ja, ja, alles klar. Ich bin unverletzt,“ sage ich etwas benommen, mich langsam erhebend. „Oh, da bin ich aber froh. Habe einen richtigen Schrecken bekommen als ich dich da so steif liegen sah.“ „Oh weh, oh weh, mir brennt der ganze Rücken. Es ist viel schlimmer als ein Bad in Brennnesseln,“ jammere ich. „Lass mal sehen. Oh, das sieht wirklich nicht gut aus. Dein Rücken gleicht eher dem eines Stachelschweins,“ erschreckt mich ihre Feststellung. Vorsichtig zieht Tanja dann einen Spinfexstachel nach dem anderen aus meinem Hemd. „Au! Auaaa,“ fährt es mir über die Lippen. „Es ist besser du ziehst das Hemd aus. Es ist total verseucht.“ „Dann kann ich die Hosen gleich mit wegwerfen,“ antworte ich mir das Hemd aufknöpfend.

Bevor wir das Ausmaß des Schadens an meinen brennenden Körper weiter untersuchen müssen wir die Kamele entladen. Obwohl meine hintere Körperhälfte bei jeder Bewegung von dem verfluchten Stacheln malträtiert wird, bleibt mir nichts anderes übrig als meinen Job zu tun. Nachdem die hungrige Crew entladen ist binden wir jeden von ihnen an einen der Leckerbäume. Dann baue ich unsere Campbetten auf, ziehe mich aus und warte darauf bis Tanja sich daran macht mit einer Pinzette mir die kaum sichtbaren Stacheln aus dem Körper zu ziehen. Ich habe schon so manche schlimme Geschichte gehört was geschieht, wenn man in einen Spinifexhaufen fällt. „Mein Mate hat sich aus Versehen mal mitten ins Spinifex gesetzt. Ich sage dir, der hat vielleicht geschrieen. Erst im Krankenhaus konnte man die meisten Stacheln aus seinem Hintern ziehen. Später haben sich viele der Einstiche entzündet und er konnte für Wochen nicht mehr laufen,“ erzählte uns mal ein Buschmann. „Auaaa!“ ,brülle ich als Tanja wieder einen der nahezu durchsichtigen Stacheln aus meinem Oberschenkel entfernt. Das Fatale an diesem Gras ist, dass es meist an der Einstichstelle abbricht. Es ist also eine diffizile Arbeit die viel Geduld erfordert.

„Es sieht gar nicht so schlimm aus,“ beruhigt mich Tanja nach einer halben Stunde. „Ich glaube die Fjäll Räven Hosen haben das Meiste abgehalten. Du kannst dich bei unserem Sponsor für das gute Material bedanken.“ „Aber mir brennt es immer noch überall. Ich hoffe nicht das sich die Einstiche alle entzünden.“ „Morgen sieht es bestimmt wieder besser aus,“ höre ich ihre tröstenden Worte während ihre Hände mir nach der Stachelbeseitigungsaktion Lavendelöl in den gequälten Rücken massieren.

Noch bevor die Sonne untergeht habe ich frische Kleider an und säge für unsere Kamele einige Äste und dünne Bäume ab damit sie über Nacht davon fressen können. Nachdem unsere Jungs genüsslich an ihrem Abendbrot knabbern, löffeln wir eines unserer Fertigessen von Reiter. Und weil es für mich ein besonders harter Tag war packt Tanja eine leckere Tafel Schokolade von Rapunzel aus. Obwohl mir alles schmerzt, verdrücke ich die Köstlichkeit mit Heißhunger. Dann lege ich mich stöhnend auf das Campbett und hoffe darauf das Tanjas Prophezeiung wirklich eintritt.

Wir freuen uns über Kommentare!

Tag: 100 Etappe Drei / Expeditionstage gesamt 491

Sonnenaufgang:
06:35

Sonnenuntergang:
18:03

Luftlinie:
17,9

Tageskilometer:
23

Temperatur - Tag (Maximum):
24° Grad, in der Sonne ca. 30° Grad

Temperatur - Nacht:
5° Grad

Breitengrad:
23°25’48.2’’

Längengrad:
138°17’09.5’’