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Das Steinmeer des Lebens

Massage-Camp — 23.08.2002

Wir verlassen Camp 195 um 08:40 Uhr und ziehen weiter nach Osten. Mittlerweile befinden wir uns nur noch wenige Kilometer nördlich vom Tropic of Capricon entfernt. Der bekannte Breitengrad trennt Australien in eine südliche und nördliche Hälfte. Um so weiter wir uns nördlich vom Tropic of Capricorn befinden, desto mehr giftige Pflanzen gibt es für unsere Kamele. Auch wenn man es hier nicht spürt aber ein paar hundert Kilometer weiter in Richtung Norden beginnt ein tropisches Klima die gesamte Vegetation zu verändern. Gerne würde ich unsere Expedition an der interessanten Nordküste Australiens entlang führen aber Krokodile, tropischer Dschungel, gewaltige Regenfälle und unzählige giftige Gewächse machen eine Kamelexpedition dort oben unmöglich.

Konzentriert blicke ich nach vorne und suche nach einem markanten Baum oder Busch auf der nächsten Sanddüne. Es ist oft nicht einfach unsere östliche Richtung einzuhalten. Manchmal bleibt mir nichts anderes übrig als stundenlang der Kompassnadel des GPS Computers zu folgen. Wenn ich aber einen der wenig auffallenden Bäume oder Büsche auf einer vor uns liegenden Sanddüne entdecke, kann ich das GPS wegstecken. Es ist viel schöner nicht ständig auf das kleine Gerät blicken zu müssen. Doch, auch wenn ich mich nach einem auffallenden Baum am Horizont richten kann, verliere ich ihn nicht selten aus den Augen. Manchmal halte ich mich dann an einen falschen Busch, was zur Folge hat, das wir unsere Marschrichtung verlieren. Um so exakt wie möglich unsere Lauflinie einzuhalten, hole ich also alle paar Minuten den Navigationscomputer aus der Hemdtasche und überprüfe unsere Richtung.

Lange ist heute mein Gehirn von quälenden Gedanken befreit. Bis mir wieder die Steine in einem Dünental auffallen. „Kommt dir das bekannt vor?“ ,höre ich seit langen einmal wieder die Stimme der Wüste. „Ah, hallo Wüste. Ich dachte schon du hast es aufgegeben mit mir zu sprechen.“ „Warum sollte ich aufhören mit meinem Wüstenwanderer zu kommunizieren? Ich habe dir nur gesagt dich in Geduld zu üben.“ „Ja, du bist ein großer Lehrmeister der Geduld. Das habe ich in den letzten Jahren bemerkt. Manchmal glaube ich auch besser zu werden.“ „Manchmal ist nicht gut genug, aber wenn du weiter an dir arbeitest, dann wird die Geduld ein Teil von dir sein wie dein Atem.“ „Was soll mir denn bekannt vorkommen?“ , wechsle ich das Thema. „Aha, da haben wir es schon wieder. Du kannst es also nicht erwarten deine Neugierde zu befriedigen und möchtest eine Antwort auf meine Frage.“ „Ja, flüstere ich etwas verlegen, wissend schon wieder ungeduldig gewesen zu sein. „Ha, ha, ha, ha,“ höre ich die Wüste zum ersten Mal lachen und warte so entspannt und geduldig wie möglich auf eine Antwort. Minuten lang höre ich gar nichts. Mein Kopf ist wieder leer. War dieses Gespräch nun real oder Einbildung?

Schweigend ziehe ich Sebastian über eine Sandfläche die mit wenigen Steinen besetzt ist. Dann laufen wir durch eines der vielen mit Gidyea bewachsenen Dünentäler. Obwohl ich vor den Bäumen einen großen Respekt habe liebe ich sie, denn sie gedeihen oft auf steinigen Boden. Das Gehen ist hier einfacher, vor allem weil es nahezu kein Spinifex gibt. „Kommt dir das bekannt vor?“ ,erschreckt mich die eigenwillige Stimme der Wüste, die nicht weiblich aber auch nicht männlich klingt. „Meinst du die Steine?“ ,frage ich intuitiv. „Ja, genau die meine ich.“

Ich denke einige Zeit über die Frage nach und betrachte die mit Steinen überzogene Fläche auf der wir in diesem Moment dahinschreiten. „Steine, hm Steine, irgend etwas wollen sie mir sagen. Doch was? Ich spüre es. Ich kann es fühlen. Es ist zum greifen nahe. Doch was ist es?“ „Habe Geduld. Ich werde dir die Antwort nicht geben, denn sie ist bereits in dir. Sie ist schon seit deiner Geburt in dir und deswegen fühlst du es. Lass es fließen. Erzwinge sie nicht. Lass es einfach fließen.“

Ich versuche mich gelassen zu geben, atme tief durch und weiß, dass die Antwort zum greifen nahe ist. Mein Blick fällt auf die sich unaufhörlich voreinander setzenden Füße. „Steine, Steine in allen erdenklich schönen Farben. Große und Kleine, Glatte und Kantige. Doch was wollen sie mir sagen? Es ist etwas Bestimmtes, etwas Simples.

Auf einmal spüre ich die Ruhe in mir, die Leere im Kopf. Das Meer von Steinen breitet sich vor uns aus und endet an einer Düne. Dort wo auch keine Gidyeabäume mehr wachsen. Plötzlich fällt es mir wie Schuppen von den Augen. „Sie sind die Aufgaben in unserem Leben! Jeder Stein ist mit einer Aufgabe zu vergleichen die wir in unserem Leben zu bewältigen haben!“ „Ja, du bist auf dem richtigen Pfad aber da ist noch mehr. Denke nach. Spüre es. Lass es fließen.“ „Hm, mir kommt das Steinmeer, welches dort an der Düne endet so vor als wäre es mein Leben. Als wären alle Steine hier über die wir laufen die Herausforderung in meinem Leben die ich zu erfüllen habe. Ich muss sie nur aufheben und ansehen, dann erkenne ich was unter ihnen liegt. Ich kann es mir schwer machen, mich wegen jedem Einzelnen bücken und mich über die vielen unzähligen Aufgaben, Herausforderungen, Problemstellungen und Schwierigkeiten ärgern oder ich akzeptiere sie. Akzeptiere die Tatsache, dass mein Leben aus einem Meer von Steinen, oder besser ausgedrückt, ein Meer von Aufgaben besteht. Nehme ich es in Kauf, besser, lasse ich es fließen oder zu, rollen sie von selbst auf die Seite. Ich würde sogar soweit gehen, dass ich mich bei den einzelnen Herausforderungen bedanken kann die sich mir unaufhörlich in den Weg legen, denn, wenn ich sie aufhebe und betrachte habe ich wieder etwas gelernt,“ sprudelt es aus mir heraus. „Ja, nicht schlecht, doch erkläre dich klarer,“ fordert mich mein großer Lehrmeister auf.

Ich lasse meine Augen über den Grund gleiten und verstehe plötzlich. Ich verstehe es aus dem tiefsten Inneren meines Seins.

„Jeder der Steine bedeutet etwas Neues. Unter ihnen liegt die Weisheit, die Freiheit, der Frieden, die Harmonie. Ich könnte mich darüber ärgern warum ich ständig Sättel reparieren muss. Ich könnte mich darüber ärgern warum Max gestorben ist. Ich könnte mich darüber ärgern warum ich einen Teil meiner Ersparnisse auf dem Aktienmarkt verloren habe oder ich könnte es einfach zulassen. Es als Tatsache akzeptieren und würde mich dadurch nicht belasten. Die Steine sind die unabänderlichen Dinge im Leben die uns entweder stolpern oder lernen lassen. Entdecke ich einen von ihnen, kann ich ihn aufheben und mir ansehen. Tue ich dies, ist die Herausforderung erkannt, die Aufgabe gelöst. Will ich ihn nicht wahr haben, stolpere ich über ihn und verletze mich am Ende noch, wenn ich dadurch falle. Ja, das ist es. Ich muss also in Zukunft vieles was geschieht akzeptieren, dann lerne ich daraus und kann weiter in Richtung Horizont schreiten. Dahin wo das Steinmeer aufhört. Das Akzeptieren der Herausforderungen und Schwierigkeiten kommt letztendlich einem Werkzeug gleich. Vielleicht einem starken Gebläse oder Fön womit man sich einen Weg frei blasen kann.“ 

„Du hast verstanden. Ich beglückwünsche dich. Da gibt es aber noch etwas worüber es sich lohnt nachzudenken.“ „Noch etwas? Hmmm…, ja…. Die Steine sind die Herausforderungen. Sie zu akzeptieren bedeutet sich das Leben zu vereinfachen. Sie aufzuheben bedeutet zu lernen. Der Steinteppich selbst bedeutet das Leben. Der Horizont das Ende dieses Lebens. Hm, was soll es da noch geben…?“ „Habe Geduld. Lass es fließen. Akzeptiere den Moment der Unwissenheit aber denke nach.“

Plötzlich stoße ich mit meinem Kopf gegen einige Äste der Gidyeabäume. Ich war so in das Gespräch versunken, dass ich unsere Jungs fast in das Gestrüpp einiger Bäume geführt hätte. Schnell schlage ich einen Haken nach rechts, um dem Hindernis auszuweichen. 20 Meter weiter habe ich es umlaufen und nehme wieder Kurs in Richtung eines Baums, dessen Umrisse sich wie eine Silhouette vom Horizont abhebt. Erleichtert atme ich aus. „Hm, ja, wo waren wir? Ach ja, du sagtest, da ist noch etwas. Was kann es nur sein…? Na klar!“ ,rufe ich begeistert aus. „Der Haken, den ich gerade geschlagen habe, erklärt es. Er brachte mich für kurze Zeit von meiner Richtung ab. Das heißt, wenn das Steinmeer mit einem menschlichen Leben zu vergleichen ist, besitze ich auch die Wahl wie und in welcher Richtung ich es durchschreite. Ich kann es geradlinig und zielstrebig durchschreiten. Ich kann im Zickzack gehen. Ich kann im Kreisen laufen. Ich könnte sogar zurückkehren. Mein Gott, was für eine Erkenntnis! Es kommt also darauf an, dass man sein Ziel verfolgt, um am Ende den Horizont zu erreichen! Das heißt, es ist wichtig ein Ziel zu verfolgen! Natürlich eines was einem kostbar ist!“ „Du hast es geknackt.“

„Aber was ist mit all den Menschen die keine Ziele haben? Die von unserer westlichen Zivilisation gefangen sind. Heißt dass, sie irren orientierungslos herum? Heißt dass, sie werden die Linie des Lebenshorizontes nie erreichen? Heißt dass, sie leben ein Leben welches letztendlich unglücklich ist weil sie ihre Aufgaben nicht erfüllen? Leben diese Menschen an ihrem Leben vorbei?“ „Ja, das heißt es.“ „Das ist ja schrecklich. Was kann man denn dagegen tun?“ „Es ist wichtig das schlafende oder gefangene Bewusstsein der Menschen zu erwecken. Jeder Mensch hat die Möglichkeit seinen Zielen zu folgen. Jeder Mensch hat die Chance diese Ziele zu erreichen. Jeder Mensch bekommt die Gelegenheit seine Wünsche zu erfüllen. Aber jeder hat auch die Möglichkeit auf dem Pfad des Lebens durch Selbstentschuldigungen und Ausreden im Kreis, Zickzack oder sogar rückwärts zu gehen. Es liegt in eurem Ermessen was ihr aus eurem Leben macht. Es liegt bei euch ob ihr ein erfülltes, glückliches und friedvolles Leben lebt oder eines welches in einer Sackgasse endet. Ich sage nicht, dass es leicht ist den Pfad durch das Steinmeer zu gehen aber es ist für jeden möglich, egal welche Bildung, welche Eltern und welchen Hintergrund der Einzelne von euch besitzt. Ihr seid alle etwas Besonderes, vielmehr als ihr zu wissen glaubt. Ihr seid mit dem Kosmos verbunden und ein Teil der Mutter Erde und dem Universum. Ihr seid ein wichtiger Bestandteil der allumfassenden Energie. Ihr haltet alles in euren eigenen Händen ein Leben in Harmonie und Glück zu leben, doch ist es wichtig aufzuwachen. Es ist wichtig zu erkennen woher ihr kommt. Es ist wichtig, dass ihr euch eurer Wurzeln erinnert. Ihr kommt aus der Mutter Erde und geht dahin zurück. Deswegen ist es für euch überlebensnotwendig uns, also die Wüste, den Dschungel, die Wälder und Wiesen, Meere und Seen, Flüsse und Berge, kurz, die Mutter Erde, nicht noch mehr mit eurem Schmutz zu verunreinigen. Denkt daran, dass wir der Supermarkt sind in dem ihr euch bedient und der Teller von dem ihr esst. Vergesst niemals, dass wir das Wasser sind welches ihr trinkt, in dem ihr euch badet. Das wir es sind die ihr atmet. Erinnert euch wie schmerzhaft es ist zu dursten, zu hungern, zu frieren, zu schwitzen oder an Krankheiten zu leiden und letztendlich zu sterben. Wenn ihr weiterhin euren eigenen Supermarkt ausraubt ohne die Regale neu zu füllen, wenn ihr weiterhin euren Abfall auf euren eigenen Teller werft und euren letzten Becher Wasser umkippt werdet ihr euch und den kommenden Generationen unendlich viel Leid zufügen. Wir, also die Wüste, der Dschungel, die Wälder und Wiesen, Meere und Seen, Flüsse und Berge, kurz, die Mutter Erde, können euch dann nicht mehr helfen. Es würde uns leid tun um euch, denn, und das ist sehr wichtig zu wissen, wir alle lieben euch, denn wir sind ein Teil von euch und ihr seid in Teil von uns.“

Wie vom Hammer erschlagen versuche ich diese Antwort zu verdauen. Ich fühle mich hilflos und verlassen. „Was kann ich dazu beitragen, um euch nicht mehr zu schädigen?“ „Halte dich an die Dinge die wir dir lehren. Erzähle jedem davon den du triffst. Vor allem, schreibe es in deinem Tagebuch…“

„Denis Stopp! Stopp!“ reißt mich Tanjas Ruf aus meiner Welt. „Camis udu!“ ,stoppe ich die Karawane. „Es muss ja etwas Schlimmes geschehen sein, wenn du mich die Kamele mitten im Gidyeawald anhalten lässt?“ „Wenn es wichtig für dich ist das Rufus gerade auf deinen Teppich seine Notdurft verrichtet hat?“ „Was? Er hat auf meinen Teppich geschissen? Ich glaube es nicht,“ rufe ich, übergebe Tanja die Führungsleine und laufe zu Hardie. „Rufus, du hast doch nicht wirklich auf deinen Reitsitz gemacht, oder?“ ,frage ich vorwurfsvoll und hebe ihn hinunter. Tatsächlich schlägt mir sofort ein schrecklicher Gestank entgegen. Kaum setze ich Rufus auf die Erde läuft er sicherheitshalber zu Tanja. Ich lasse Sebastian und Hardie absetzen, um mir die Sauerei anzusehen. Zweifellos hat unser Rufus, den ich wegen der vielen Stachelbüsche erst vor kurzem auf seinen Sitz gehoben habe, sich auf den Teppichen entleert. „Hi, hi, hi, hi,“ höre ich es kichern. „Was gibt es denn da zu lachen? Schau dir den Saustall an. Er hat auch noch Durchfall gehabt!“ ,ärgere ich mich, worauf Tanja vor heftigem Lachen in Tränen ausbricht. „Wie kann man nur so schadenfroh sein?“ „Pffffrrrrhaaa, ha, ha, ha, ha!” ,rüttelt es sie, dass ich nur noch den Kopf schütteln kann. „Es tut mit leid Denis. Wir können die kleinen Teppiche doch auf der nächsten Station waschen. Was hältst du davon?“ ,versucht sie mich immer noch lachend zu trösten, denn die grünen Teppiche sind mir in den letzten Jahren heilig geworden.

Da es hier draußen keinen Luxus gibt habe ich mich jeden Tag über die unscheinbaren Dinger gefreut. Während meiner stundenlangen Schreibarbeit lege ich immer einen von ihnen vor meinen Stuhl. So bin ich in der Lage trotz der schrecklichen Stacheln meine nackten Füße darauf abzustellen und am Abend breite ich sie vor unseren Betten aus, damit wir nicht mit sandigen Füßen in die Schlafsäcke kriechen müssen. Jetzt ist die, durch die vielen Einsätze unscheinbar gewordene Pracht, mit Hundekot verschmiert.

„Wahrscheinlich hat auch er das Wasser von Smith Bore nicht vertragen,“ stelle ich fest. „Komm her Rufus, du kannst ja nichts dafür,“ sage ich dann etwas versöhnlicher und streichle ihm über seinen Kopf.

Wir freuen uns über Kommentare!

Tag: 99 Etappe Drei / Expeditionstage gesamt 490

Sonnenaufgang:
06:36

Sonnenuntergang:
18:03

Luftlinie:
20,4

Tageskilometer:
24

Temperatur - Tag (Maximum):
29° Grad, in der Sonne ca. 43° Grad

Temperatur - Nacht:
0,5° Grad

Breitengrad:
23°25’25.8’’

Längengrad:
138°06’40.3’