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Erholung der Gehirnzellen

Am verbrannten Land-Camp — 17.08.2002

Durch die Anwesenheit von Kleiner Simpson haben unsere Kamele heute Nacht von Zeit zu Zeit eigenartige Töne von sich gegeben. Als würden sie sich auf dies Weise miteinander verständigen. Auch während des Ladens geben sie diesen Laut von sich. Es herrscht eine allgemeine Unruhe. Sebastian scheffelt nach vorne, um an einem Busch zu knabbern. Dabei zieht sich Hardies Nasenleine so lang, dass ihm nichts anderes übrig bleibt als hinterher zu robben. Auch Istan jammert und ist unruhig. „Also wenn die Anwesenheit von Kleiner Simpson uns den Laden so durcheinander bringt wäre es mir lieber er verlässt uns wieder,“ schimpft Tanja.

Noch vor kurzem habe ich unsere Jungs über alles gelobt, doch heute sind sie nervös.Ööööhhhäää, jammert Sebastian und rast in solch einer Geschwindigkeit voraus, dass es mir schwer fällt ihn ständig mit der Nasenleine zu bremsen. Kleiner Simpson folgt uns in dichtem Abstand, überholt die Gruppe von links oder rechts und manchmal rast er für ein paar hundert Meter voraus. Mmmmööööhhhrrrr, ruft er und scheint unsere Jungs damit aufzufordern ihm zu folgen. Mmmmööööhhhrrr, antworten sie ihm, worauf wir immer mehr hoffen das Kleiner Simpson unsere Gastfreundschaft nicht überspannt. Plötzlich schießt Kleiner Simpson von der Seite auf uns zu. Tanja erschrickt und reißt die Hände nach oben, um ihn davon abzuhalten einfach in unsere Karawane zu bomben. Rufus springt Tanja sofort zur Seite und verteidigt das was sein ist. Mit lautem Bellen jagt er Kleiner Simpson hinterher und vertreibt ihn. Wieder ziehe ich Sebastian eine hohe Düne hinunter und Kleiner Simpson scheint es eine riesige Freude zu bereiten, den Sandhügel wie ein Kamikaze, in halsbrecherischer Geschwindigkeit, kerzengerade hinunter zu schießen. Plötzlich entfernt er sich für ein paar hundert Meter von uns. Rast noch ein paar Dünen hinunter, nur um kurz danach stehen zu bleiben, um sich nach uns umzudrehen. Dann findet er ein paar Büsche, nascht ein wenig daran und fällt somit für einige Zeit zurück. Im Laufe der folgenden Stunde wird der Abstand zu ihm immer größer, bis wir glauben, dass er sein freies, einsames Leben, dem seiner gesattelten Mates vorzieht. Gegen Mittag ist von unserem Besucher nichts mehr zu sehen. „Ich glaube er ist weg,“ sage ich. „Es ist besser so. Es wäre nicht gut gewesen wenn wir wieder auf Farmland treffen. Ohne Halfter und Nasenpflock ist so ein Bulle nicht zu kontrollieren und wer weiß was er noch alles angestellt hätte. Außerdem denke ich, dass er in der Wüste viel glücklicher ist,“ plaudert Tanja sichtlich erleichtert.

Seit Stunden laufen wir einmal durch verbranntes Land, um wenig später wieder durch Spinifexgras zu stapfen. Als der Untergrund durch die fehlende Vegetation wieder einfacher wird nutze ich die Gelegenheit, um mein Gespräch mit der Wüste wieder aufzunehmen. „Wüste bist du da?“ „Ja.“ „Seitdem ich mit dir gesprochen habe sind mir so unendlich viele Fragen eingefallen dir ich gerne beantwortet haben möchte. Darf ich dir jetzt ein paar stellen?“ Eine ganze Weile lausche ich auf eine Antwort, doch es bleibt völlig still. „Darf ich dir jetzt ein paar Fragen stellen oder ist der Zeitpunkt nicht passend?“ ,wiederhole ich meine Frage etwas ungeduldig. „Geduld ist eine wichtige Tugend. Du benötigst noch viel mehr davon. Stelle mir deine Fragen wenn du Geduld bewiesen hast und dir über deine Fragestellung völlig im klaren bist,“ höre ich ihre Antwort und denke darüber nach. Tatsächlich kreisen mir so viele Dinge im Kopf herum, dass ich zu diesem Augenblick wirklich nicht genau weiß was ich zu erst wissen möchte und wie ich die Fragen formulieren soll. Meine Konzentration für solch ein Gespräch ist schlecht und selbst jetzt in diesem Moment schweifen meine Gedanken ständig ab.

Auf der einen Seite erleichtert, mich in diesen Moment nicht konzentrieren zu müssen, lasse ich meinen Gedanken wieder freien Lauf. Auch genieße ich es einfach einmal an absolut gar nichts denken zu müssen. Es kommt mir wie eine Erholung vor. Als wären meine Gehirnzellen plötzlich im Urlaub. Als lägen sie am Strand und lassen sich von der Sonne den lieben langen Tag bescheinen. Ich spüre wie mir diese Leere gut tut. Wie selten sie ist, so selten das ich sie als Geschenk betrachte. Erholung der Gehirnzellen denke ich mir und schon wieder beginnen die Zahnräder ineinander zu greifen, um weitere Gedanken zu kreieren. „Nein, nein, jetzt nicht. Ihr habt Urlaub. Es ist schön jetzt nichts nachgrübeln zu müssen, also bleibt ruhig,“ sage ich und lasse meine Augen über die weite des Dünenmeeres Schweifen.

Wir freuen uns über Kommentare!

Tag: 93 Etappe Drei / Expeditionstage gesamt 484

Sonnenaufgang:
06:43

Sonnenuntergang:
18:04

Luftlinie:
23,3

Tageskilometer:
26

Temperatur - Tag (Maximum):
26° Grad, in der Sonne ca. 36° Grad

Temperatur - Nacht:
1,2° Grad

Breitengrad:
23°19’44.1’’

Längengrad:
137°31’29.6’’