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Ob er Maden im Gehirn hat?

Dünental-Camp — 15.08.2002

Überraschend kalter Wind weht uns beim Laden um die Ohren. So wie es im Augenblick aussieht bäumt sich der Winter noch einmal kurz auf. Für uns sind diese Temperaturen einfach ideal. Vor allem hier in der Simpson erleichtern sie uns das Leben geradezu unbeschreiblich.

Wieder laufen wir durch verbranntes Land. Viele Dünen müssen wir überqueren. Manchmal erheben sie sich alle 50 Meter aus dem Boden. Wegen der niedergebrannten Vegetation kommen wir trotzdem schnell voran und freuen uns über die weiten Strecken die wir auf diese Weise zurücklegen können. Nicht auszudenken diesen Marsch bei 50° Grad im Schatten überstehen zu müssen. Bestens gelaunt gleiten und winden wir uns wie ein Fischerboot über die Erdwellen. An manchen Streckenabschnitten können wir sogar nebeneinander gehen. Wir nutzen die Augenblicke um uns zu unterhalten. „Sie mal da drüben ist ein Kamel,“ sagt Tanja nach Süden deutend. „Tatsächlich. Es ist ein Einzelgänger. Ob er uns Schwierigkeiten bereiten wird?“ „Wer weiß. Wir sollten wachsam sein,“ antwortet Tanja recht gelassen.

Die vielen Kamelbegegnungen in den letzten Monaten haben uns abgebrüht. Wir sind lange nicht mehr so nervös wie am Anfang. Schon die ersten Kamelspuren, die wir vor einem Jahr im Sand entdeckten, ließen unser Herz schneller schlagen. Manchmal gerieten wir fast in Panik wenn uns das tiefe Geblubber der brunftigen Bullen aus unserem Schlaf riss. „Weißt du noch wie wir beide schreiend hochgeschossen sind, um somit die Bullen zu schocken?“ ,erinnert sich Tanja. „Klar, wie könnte ich das jemals vergessen? Wir haben beide geschrieen als hätte man uns aufgespießt. Ha, ha, ha, ha,” muss ich plötzlich lachen als ich mir dieses Szene jetzt vorstelle. Auch Tanja fällt in mein Gelächter ein und so kommt es, dass wir uns nach kurzer Zeit die Bäuche halten und in einem regelrechten Lachkrampf verfallen. Schnaufend und außer Atem ziehe ich die Karawane eine weitere Düne hoch. „Also ich glaube das die wilden Bullen damals wirklich erschrocken sind als sie unser entsetzliches Geschrei gehört haben,“ lasse ich meine Erinnerungen weiter abspulen. „Ich kann mir richtig vorstellen was sie für große Augen bekommen haben als sie diese seltsamen Geräusche aus dem Zelt kommen hörten. Hi, hi, hi, hi.” „Du musstest aber gar nicht lachen als unser armer Rufus vor lauter Aufregung in unsere Zelt geschossen ist, sich unter deinen Schlafsack verkrochen hat und dann auch noch drauf pinkelte. Ha, ha, ha, ha,“ prustet Tanja sich jetzt vorne überbeugend. “Ja, war auch nicht lustig. Mein schöner Schlafsack hat ab diesen Zeitpunkt immer nach Hundeurin gestunken. Ha, ha, ha.“ (Tagebuchgesamtübersicht vom 10.08.01 Tag 56 Etappe Zwei) Obwohl die Situation damals überhaupt nicht spaßig war schüttelt es uns in diesem Augenblick derart, dass wir regelrecht zu stolpern beginnen. “Uuii, ui, ui, lange nicht mehr so gelacht,“ hole ich tief Luft während ich mir die Tränen aus den Augen wische.

„Wo ist eigentlich der Bulle?“ ,frage ich mich plötzlich wieder an die nahe Bedrohung erinnernd. Wir lassen unsere Blicke nach Süden schweifen und sehen wie das stolze Tier in einem Abstand von ca. 200 Meter neben uns pfeilschnell die Dünen hinunter rast. „Du solltest besser das Gewehr vom Sattel holen,“ schlägt Tanja vor. „Hm, ich weiß nicht. Vielleicht kommt er gar nicht?“ „Das wäre für einen Einzelgänger aber unüblich.“ „Stimmt, lass uns ihn noch eine Weile beobachten. Wenn er angreift haben wir immer noch genügend Zeit an das Gewehr heranzukommen,“ antworte ich Sebastian einen weiteren Dünenhang hinunterziehend. Nur ein paar hundert Meter weiter bemerken wir zu unserer Erleichterung das der Kamelhengst plötzlich das Weite sucht. „Seltsam, aber es sieht so aus als macht er sich aus dem Staub.“ „Ja, der haut ab. Wahrscheinlich ist die Brunft hier schon zu Ende und er hat keinen Lust auf Streit,“ meine ich und bin froh die Waffe im Halfter lassen zu können.

Am Nachmittag hat sich das Bild der Landschaft nicht geändert. Immer noch ist alles verbrannt und von einem Grün weit und breit nichts zu sehen. „Ob wir heute für unsere Kamele etwas zum Fressen finden?“ ,frage ich mich am immer länger werdenden Bart kratzend. „Sieht nicht gut aus.“ „Gott sei Dank konnten sie sich gestern den Bauch richtig voll schlagen.“ „Ja und wer weiß, vielleicht finden wir ja doch noch ein paar Büsche,“ meint Tanja zuversichtlich.

Nach 22 Kilometern entdecken wir in einem Dünental tatsächlich eine Gruppe Eukalyptusbäume. Nach einer genauen Inspektion entscheide ich mich fürs Weiterlaufen. „Da gibt es nichts was unsere Jungs mögen,“ sage ich und führe Sebastian über die nächste Düne. Es ist schon 15:00 Uhr als wir abseits von unserem Kurs einen grünen Vegetationsstreifen ausmachen. In guter Hoffnung nicht wieder enttäuscht zu werden biegen wir nun nach Süden ab und laufen durch das weite Dünental. „Ich kann es nicht glauben. Sieh mal, da sind doch glatt ein paar Leckerbäume,“ rufe ich. „Ja, genug um unsere Boys satt zu bekommen,“ freut sich Tanja. Müde aber in guter Stimmung lassen wir nach ca. 30 Laufkilometern unsere Kamele absetzen. Sebastian bekommt wie so oft in den letzten Wochen einen Niesanfall. Wir sind überzeugt das es von einer Samenart kommt die ihn in der Nase kitzelt. Doch als Tanja mich ruft und auf eine dicke, fette Made deutet, die Sebastian gerade herausgenießt hat, bekommen wir es mit der Angst. „Er wird doch keine Maden im Hirn haben?“ ,fragt Tanja. „Na das wäre wirklich eine Katastrophe,“ antworte ich das sich im Sand krümmende, ekelhafte Ding mit einem Stöckchen untersuchend. „Das ist die gleiche Art Made die er vor vielen Wochen schon mal herausgenießt hat.“ „War sie auch so groß?“ ,möchte Tanja wissen. „Ja, ohne Zweifel. Ich frage mich ob er sie mit einer Pflanze frisst? Aber dann wäre sie ja zerkaut. Hm, wenn wir morgen an unserem Interviewtag Funkkontakt mit Jo bekommen fragen wir sie ob wir unseren Jungs nicht doch ein Wurmmittel verabreichen sollen.“ „Hoffentlich klappt diesmal der Funkkontakt.“ „Ja, ich weiß nicht ob wir hier in dem Dünental eine Verbindung bekommen,“ antworte ich nachdenklich und etwas besorgt.

Dann laden wir die Kamele ab. Erleichtert stelle ich fest, dass es Jafar, Istan und Edgar besser geht. Die Strohentnahme hat geholfen.

Wir freuen uns über Kommentare!

Tag: 91 Etappe Drei / Expeditionstage gesamt 482

Sonnenaufgang:
06:46

Sonnenuntergang:
18:04

Luftlinie:
25,6

Tageskilometer:
30

Temperatur - Tag (Maximum):
21° Grad, in der Sonne ca. 28° Grad

Temperatur - Nacht:
0° Grad

Breitengrad:
23°18’47.3’’

Längengrad:
137°17’53.6’’