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Du hast nichts zu verlieren!

Hay River-Camp — 14.08.2002

Wir verlassen Camp 190 zu gewohnter Morgenstunde. Wie auch gestern zieht sich unser Team über die vielen Rücken der Sanddünen. Nach so langer Zeit, genauer gesagt nach drei Jahren, haben sich unsere Jungs zu perfekten Experten entwickelt. Ohne Frage kann man sie jetzt als unschlagbare Expeditionsprofis betiteln. Selbst Jasper und Edgar, die uns vor wenigen Wochen noch die eine oder andere Schwierigkeit bereitet haben, verhalten sich erstklassig. Zuverlässig und präzise überqueren sie mit sicheren Schritten die Sanddünen, setzen ihre breiten, dicken Fußsohlen über abgebrochene Äste, auf stacheliges Gras, über Erdabbrüche und Risse und folgen Sebastian wie die Perlen auf der bekannten Schnur.

Wie gewohnt schreite ich voraus und bin seit meinem gestrigen Zwiegespräch bestens gelaunt. Als dann auch noch ein weiteres oder das gleiche Buschfeuer einen großen Landstrich jegliche Vegetation vertilgt hat kommen wir wieder schneller voran als geplant. „Vielen Dank Wüste,“ sage ich und lache über meine Selbstgespräche. Tanja läuft, wie meistens während der Wüstendurchquerung, hinter der Karawane. „Nichts zu danken. Habe ich gerne gemacht,“ höre ich es antworten. Etwas verwundert lausche ich in mich hinein und warte auf ein weiteres Wortspiel meines Geistes. „Hast du mir jetzt geantwortet Wüste?“ „Habe ich.“ „Aber wie kann ich für dich antworten? Ich meine, wie kann mein Geist oder mein Gehirn mir selbst eine Antwort geben die von dir kommt?“ „Es ist die Verbindung die du zu mir hergestellt hast. Ich antworte über diese Verbindung. Du bist mit mir verbunden wie ich mit dir verbunden bin. Wie jeder Mensch mit mir und Mutter Erde verbunden ist. Nur haben die meisten Menschen es verlernt mit uns zu kommunizieren.“ „Ist ja irre. Und du meinst ich bilde mir dieses Gespräch jetzt nicht einfach nur ein?“ „Ganz und gar nicht. Wir, womit ich Mutter Erde und uns Wüsten aber auch alle anderen Landschaftsformen meine, sind mit unseren Bewohnern im engen Kontakt. Wir schenken euch den Raum oder besser noch die Lebensplattform. Leider wollen die Menschen nicht mehr auf uns hören.“ „Wie meinst du das? Wie sollen wir denn auf euch hören? Welche Sprache sprecht ihr denn die wir verstehen sollten?“ „Siehst du, das meine ich. Euch Menschen ist nicht einmal mehr die Sprache der Natur bewusst. Hörst du denn nicht wie der Wind in deinem Ohr säuselt? Wie die Blätter in den Büschen rascheln? Wie die Vögel von Ast zu Ast flattern? Wie sie zwitschern und singen? Spürst du denn nicht meinen Atem wie er heiß oder kalt über deine Wangen streicht? Wie er manchmal brennt und oft wohl tut. Spürst du denn nicht, wenn unsere Wolken uns mit ihrem Wasser benetzen. Siehst du denn nicht wie sie die Dämme und Bohrlöcher füllen? Wie sie den Grundwasserspiegel anheben, ausgetrocknete Flussbetten zum Leben erwecken? Trinkst du denn nicht jeden Tag von ihnen und schmeckst und fühlst ihre erfrischende, lebensspendende Energie? Siehst du nicht die unzähligen kleinen Spuren im Sand? Die vielen Lebewesen die neben dir auf der gleichen Plattform existieren. Die so wichtig sind, dass sie das Gleichgewicht herstellen. So wichtig das ihre fehlende Existenz auch dein Leben nehmen würde? Spürst du denn nicht die brennende Energie der Sonne? Ihre Wärme die alles hier in diesem verbrannten Umfeld wieder so wachsen lässt das man in ein paar Jährchen nichts mehr von dem Feuer sieht? Man oh Mann, ich frage mich schon wie du mich fragen kannst welche Sprache wir sprechen. Gerade du müsstest es doch wissen. Du läufst doch seit Jahren auf unserer Haut. Du siehst doch was in der Welt geschieht. Es ist auf jeden Fall die klarste Sprache die hier auf Erden gesprochen werden kann.“

Jetzt völlig sprachlos von dieser simplen Antwort schreite ich über eine weitere Düne. Meine Gedanke drehen sich etwas wirr aber alles was ich soeben gehört habe, oder habe ich es mir nur eingebildet? ,macht Sinn. Etwas durcheinander hole ich das GPS aus der Brusttasche und checke die Richtung. Zufrieden packe ich es wieder ein und führe unsere Jungs die Düne hinab. „Wüste bist du noch da?“ „Klar, wollte dich bei deiner wichtigen Arbeit nicht stören.“ „Hm, es ist für mich nicht leicht zu akzeptieren plötzlich mit dir in Kontakt zu treten. Kannst du das verstehen?“ „Du trittst nicht das erste Mal mit uns in den Kontakt.“ „Wie? Wann hatten wir denn schon mal eine Unterhaltung solcher Art?“ „In ähnlicher Art. Du hast es damals bloß nicht zugelassen. Erinnere dich an die Zeit vor über einem Jahr als wir euch den Regen geschickt haben. Euer treuer Goola hat sich damals entschieden von euch zu gehen. Während dieses Zwangsaufenthaltes warst du mit uns fast täglich im Kontakt.“ Ich denke über die Worte nach und komme nach kurzer Überlegung zu dem Schluss das die Wüste recht hat. „Stimmt, ich glaube ich hab nicht nur einmal versucht dich zu fragen warum du uns das angetan hast.“ „Du weißt, dass dieser Zwangsaufenthalt damals wichtig für euch war. Hättet ihr euren Zeitplan einhalten können und in uns weiter vorgedrungen, währt ihr alle miteinander in unserem Wasser untergegangen. Das war und ist nicht in unserem Sinne. Deshalb haben wir euch aufgehalten.“ Wieder muss ich nachdenken und ihr recht geben. Wären wir vor einem Jahr nach Plan in die Great Sand und Gibson vorgedrungen wären wir ohne Zweifel in einer riesigen Seenlandschaft ertrunken die durch die schlimmsten Regenfälle seit zweihundert Jahren verursacht wurden. Es war für Tanja und mich letztendlich nicht schwer die gute Seite in dem vermeintlichen Unglück zu erkennen.

Wieder ziehe ich die Kamele eine Düne hinauf und denke über das nach was gerade geschieht. Ob ich es mir nur einbilde? „Du bildest es dir nicht ein. Sei nicht immer so misstrauisch,“ versetzt mich ihre Antwort in einen Zustand der Wachsamkeit der kaum zu beschreiben ist. „Kann ich über diese Unterhaltung in meinem Tagebuch schreiben oder werden die Menschen mich für verrückt erklären?“ „Das überlasse ich deiner Intuition.“ „Hm, ich weiß nicht was ich in dieser Sache fühle?“ „Dann höre in dich hinein. Natürlich wirst du darüber schreiben. Es ist wichtig den Menschen zu erzählen, das wir am leben sind. Das wir kein totes Stück Land sind. Wir, die Erde und ihre Landschaftsformen, leben. Das ist eine unumstößliche Tatsache. Oder glaubst du das Bäume, Flüsse, Tiere und ihr Menschen tot seid? Also, du hast nichts zu verlieren, wenn du das den Menschen mitteilst. Ihr Menschen benötigt eine andere Bewusstseinsebene, um zu verstehen, dass es höchste Zeit ist eure eigene Lebensplattform nicht mehr zu zerstören. Ihr müsst wieder auf die Sprache der Natur hören aus der ihr alle zusammen entsprungen seid. Wir sind eins und können nur zusammen den nächsten Tag, das nächste Jahr und die kommende Zeit erleben.“

Plötzlich zieht sich ein tiefgrünes Band der Vegetation wie eine natürliche Grenze durchs verbrande Land. „Das ist der Hay River,“ rufe ich Tanja zu. Vorsichtig führe ich die Kamele die steile Uferböschung hinunter. Riesige, stolze Eukalyptusbäume stehen mit ihren verwundenen, dicken Stämmen in der Mitte des sandigen Bettes und trotzen anscheinend jeder Springflut die von den heftigen Regenfällen in dieser Region ausgelöst werden können. Gleich mehrere Arme des weiten, mächtigen Flusses liegen wie ein breitgefächertes Netz vor uns. „Da drüben, da kannst du sie wieder hinaufführen!“ ,ruft Tanja die als Scout vorausgelaufen ist. „Dort geht es wieder hinunter. Ja, sehr gut. Ganz langsam! Achtung Jasper weicht zur Seite aus! Ja jetzt schafft er es,“ höre ich ihre Anweisungen. Auf der anderen Seite des Hay Rivers beschenkt uns die Wüste mit einer saftigen Vegetation. „Das ist das wahre Fressparadies,“ jubiliert Tanja worauf ich mich mit ihr freue und herzhaft lache. Wir schlagen unser Lager nur einen Kilometer hinter dem Flussbett auf. Angenehm kühlender Wind macht uns das Entladen leicht. Es ist bald traumhaft schön unseren Kamelen zu zusehen wie sie sich den Bauch voll schlagen. Ihre Glocken klimpern unaufhörlich. Sie fressen und fressen als würde es nie mehr etwas für sie geben.

Wir freuen uns über Kommentare!

Tag: 90 Etappe Drei / Expeditionstage gesamt 481

Sonnenaufgang:
06:48

Sonnenuntergang:
18:05

Luftlinie:
23,0

Tageskilometer:
25

Temperatur - Tag (Maximum):
22 Grad, in der Sonne ca. 29 Grad

Temperatur - Nacht:
0 Grad

Breitengrad:
23°19’03.0’’

Längengrad:
137°02’53.7’’