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Schlagabtausch der Gedanken

Erdstreifen-Camp — 13.08.2002

„Und wie geht es ihm?“ ,fragt Tanja als ich gerade Jafars Hüften nach eventuellen Druckstellen abtaste. Kaum berühre ich seine Hüftknochen geht ein leichter Ruck durch seinen Körper. Erschrocken wirft er seinen Kopf etwas zurück und gibt einen kleinen Wimmerlaut von sich. „Das ist seine Antwort. Er trägt zuviel Wasser. Ich glaube wir müssen heute Abend genau an dieser Stelle Stroh aus dem Sattel nehmen,“ sage ich besorgt. Auch Istan und Edgar reagieren ähnlich. Obwohl wir schon seit Jahren gegen Druckstellen ankämpfen und die Sättel unaufhörlich modifizieren haben wir den Kampf noch immer nicht gewonnen. Jedes Kamel hat einen anderen Körperbau. Keines gleicht dem Anderen. Jeder Sattel muss letztendlich in einer aufwendigen und langwierigen Maßarbeit angepasst werden. Wir sind es leid uns über diese endlose Arbeit zu beklagen, doch hoffen wir noch immer auf den Tag an dem keiner unserer Jungs mehr unter dem kleinsten Druckpunkt zu leiden hat.

Mittlerweile wissen wir auch zu welchen schrecklichen Folgen so ein kleiner Druckpunkt oder Reibestelle führen kann. Viele der Kamelexpeditionen haben durch ähnliche, anfänglich noch kleinen Wehwehchen, Tiere verloren und manchmal ist genau dadurch eine gesamte Expedition mit allen Beteiligten nie mehr zurückgekehrt. Dies ist der Grund warum ich immer wieder über unsere Sattelschwierigkeiten schreibe. Sie gehören zu unserem Alltag und sind mit die wichtigste Aufgabe die für den Erfolg oder Misserfolg unserer Australiendurchquerung verantwortlich zu machen sind. Wegen der hohen Priorität, also der Gesundheit unserer Expeditionspartner, reagieren wir augenblicklich auf die kleinste Regung. Durch diese Fürsorge haben wir es geschafft sie bald 5000 Kilometer durch den kleinsten Kontinent auf Erden zu führen.

„Camis walk up!“ beginne ich diesen Tag wie so viele Tage der letzten zwei Jahre unseres ewigen Marsches durch das scheinbar ewige Land. Nach fünf Kilometern überqueren wir die ersten größeren Sanddünen. Dann ist plötzlich von dem Buschfeuer nichts mehr zu sehen und wir stapfen wieder durch das Gras des Teufels. Unzählige Fliegen, Gott weiß woher sie hier mitten in der Wüste kommen, schwirren um mein Gesicht. Sie setzen sich in die Ohren, die Nase und unter die Brille. Sie treiben mich fast zum Wahnsinn, doch was bringt mir hier der Wahnsinn ein? Obwohl es von den Temperaturen ideal für solch eine Wüstendurchquerung ist, schwitze ich wie ein Marathonläufer. Ein Brennen zwischen den Beinen kündigt einen Wolf an und leichte Nackenschmerzen zeugen von Verspannungen. Bald ohne Unterbrechung halte ich das GPS vor mich und folge dem Richtungspfeil nach Osten. Wenn ich einen Busch in der gewünschten Himmelsrichtung am Horizont ausmache, stecke ich es in die Brusttasche, doch kaum sehe ich einmal auf den Boden, hat sich dieses verdammte Gewächs wieder mit all den anderen Büschen vereint und ich habe es aus den Augen verloren.

Nach drei Stunden bin ich völlig ausgepumpt. Meine Muskeln brennen, mein Körper schreit nach Ruhe und mein Geist rebelliert. Gedanken die ich so gut kenne explodieren in meinem Gehirn und stellen mich immer wieder vor die große Frage. „Warum machst du das Denis? Warum? Sage mir warum du dich nicht einfach ausruhst? Warum du dich so quälst? Warum du nicht einfach nachhause fliegst? Einen normalen Job nachgehst und dich jeden Abend in die Badewanne legst?“ Für lange Minuten sind mir diese Fragen lästig. Machen sie mir das Gehen noch schwerer als es schon ist. „Wie soll ich denn jetzt nachhause gehen? He? Ich kann mich doch nicht einfach in den Sand setzen und aufgeben? Was soll ich dann von mir selber halten? Wie könnte ich jemals wieder in den Spiegel sehen? Nur weil ich jetzt angestrengt bin und den Moment nicht gerade lustig finde soll ich aufhören? Was für ein dämlicher Vorschlag,“ entgegne ich meinen Gedanken. „Die Frage ist warum du dich erst in so eine Situation begibst? Warum du es nicht schon von Anfang an bleiben lässt? Mittlerweile weißt du doch was es heißt so zu leiden. Oder etwa nicht? Hast doch schon genügend Expeditionsreisen überlebt. Und jetzt bist du wieder in einer Wüste und weißt nicht wie dieses Abenteuer enden wird. Meinst du du kommst immer mit dem Leben davon?“ „So ein Mist. Solche negativen Gedanken kann ich wirklich nicht gebrauchen. Ich habe keine Lust Zuhause vor dem Fernseher zu versauern. Ich habe keine Lust tagein, tagaus in die gleiche Firma zu fahren und den gleichen Job zu machen der mich vor langer Weile fast umbringt. Ich habe es lange genug gemacht. Ich weiß was es bedeutet so ein eintöniges Leben zu leben. Ich will es nicht. Lieber gehe ich hier draußen vor die Hunde als mich wieder jeden Tag vor einen Schreibtisch zu setzen und einen langsamen Tod zu sterben. Nein! Nein! Nein! Es gibt auch tolle Momente hier in der Wüste. Vor allem der Kontakt zur Erde, ja zur Mutter Erde, interessiert mich. Wie soll ich ihn denn in einer Stadt bekommen? Da wo alles aber auch alles zugepflastert ist? He? Ich liebe unsere Campfeuer. Unsere Kamele. Unseren lieben und tapferen Rufus. Die körperliche Ausarbeitung. Das Atmen der frischen Luft. Die Sonne. Den Wind. Die sternenklaren Nächte und vor allem liebe ich es mit meiner Tanja das alles erleben zu dürfen.“ „Nun, dann frage ich mich warum du dich über das Laufen beschwerst? Warum du es nicht genießt? Warum du die Fliegen nicht ignorierst? Warum du das brennen deiner Muskeln nicht als die körperliche Ausarbeitung siehst für die du sie hältst? Warum du über ein Ausruhen überhaupt nachdenkst? Und warum du die Navigation nicht als die Herausforderung siehst die du gerne hast?“ ,höre ich es selbst in mir antworten.

Für einen langen Moment ist es still in meinem Kopf. Die beiden Parteien haben sich einen heftigen Schlagabtausch geliefert und wie so oft hat die Seite gewonnen die ich so sympathisch finde. Ich hebe meinen Kopf und sehe plötzlich wieder die Schönheit der Natur. Die Einmaligkeit dieser Wüste. Die sich endlos ausbreitenden Wogen der sanften Dünen. Die Gewächse. Die vielen Kamelspuren zwischen dem Spinifex. Die unzähligen kleinen Löcher im roten Sand in denen irgendwelche Wüstenbewohner leben. Frische Erdarbeiten vor ihnen, die verraten, dass da jemand drin wohnt. Ob es eine Schlange ist? Eine Echse? Oder dort, ist das ein Hasenbau? Plötzlich sehe ich die kleinen Blumen die in dieser Trockenheit ihre frischen gelben, blauen und violetten Blüten in den stahlblauen Himmel strecken. Ich sehe den Samen der Spinifexgrashalme der reif an den Stängeln hängt und bei einer leichten Berührung meiner vorbeistreifenden Beine auf die Erde fällt, um den Fortbestand zu sichern. Warum bezeichne ich dieses Gras als das Gras des Teufels? Weil es sticht? Weil es unangenehm ist? Weil es soviel davon gibt? Hat nicht auch dieses Gras die Berechtigung auf den Forbestand? Bietet es nicht vielen Kleinlebewesen Schutz und Nahrung?

Auf einmal ist der anfänglich sehr anstrengende Tag ein schöner Tag. Ein Tag für den ich mich bedanken möchte. Ein Tag der es wert ist gelebt zu werden. Der es wert ist darüber nachzudenken und der es wert ist beschrieben zu werden.

Am späten Nachmittag finde ich in dem riesigen Spinifexmeer einen Erdstreifen der genau breit und lang genug ist, um unserer gesamten Karawane Platz zu bieten sich abhuschen zu können. Wieder haben wir mit 26 Kilometer mehr geschafft als ursprünglich kalkuliert. Müde, aber gut gelaunt freuen wir uns über das reichhaltige Futterangebot, welches die Wüste an diesem Ort unseren Kamelen anbietet. In einigen Büschen gibt es sogar ein paar Misteln die unseren Boys schmecken wie mir eine Schwarzwälderkirschtorte.

Während Tanja dann unseren Freunden bei der weiteren Nahrungssuche hilft, schneide ich Jafars, Istans und Edgars Sattel auf und hole an den Stellen, an den sie die Druckstellen verursachen, Stroh heraus. Auf diese Weise ist die Gefährlichkeit der Druckstelle entschärft.

Als Tanja unsere Jungs an ihre Fressbäume gebunden und die Sättel wieder zugenäht hat haben wir noch etwas Zeit, um den Abend zu genießen. Auch freuen wir uns über die zwei schönsten Momente des Tages die noch vor uns liegen.

Wir freuen uns über Kommentare!

Tag: 89 Etappe Drei / Expeditionstage gesamt 480

Sonnenaufgang:
06:49

Sonnenuntergang:
18:05

Luftlinie:
23,7

Tageskilometer:
26

Temperatur - Tag (Maximum):
23 Grad, in der Sonne ca. 33 Grad

Temperatur - Nacht:
2 Grad

Breitengrad:
23°19’06.9’’

Längengrad:
136°49’25.4’’