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Der schönste Augenblick des Tages

Hardie-Angst-Camp — 12.08.2002

Weil gestern Nachmittag das Thermometer auf 61 Grad in der Sonne geklettert ist befürchten wir auch heute einen unangenehmen heißen Tag. Das ist der Grund warum ich jetzt schon um 4:45 Uhr mit meiner morgendlichen Rückengymnastik beginne. Somit gewinnen wir beim Laden eine weitere viertel Stunde, denn obwohl hier immer noch Winter herrscht werden die frühen Sonnenstrahlen an manchen Tagen schon ungemütlich warm. An diesem Morgen hingegen bläst ein starker, kühler Wind, weswegen wir unsere Fliesjacken bis zum Aufbruch anlassen.

Als wir den Damm erreichen fegen dichte Staubwolken über uns. Die Rinder haben wie an bald allen Wasserstellen, vor allem an Dämmen, den gesamten Boden derart zerstampft, das kein einziger Grashalm zu sehen ist. Der böige, fast sturmartige Wind, braust über die aufgerissene Erdoberfläche und reißt die feinen Staubpartikel mit sich fort. Unsere gesamte Karawane wird von einem Staubnebel verschluckt. Hustend lassen wir unsere Tiere absetzen. Rufus binden wir sofort an einem Baum. Kim, den wir hier ein  zweites Mal antreffen bestätigt, dass an dem Damm tatsächlich giftige Köder ausgelegt wurden.

Dann tränken wir unsere Boys und füllen 220 Liter Wasser für die vor uns liegende Wüstenstrecke ab. Bis an die Grenzen beladen verlassen wir das staubige Inferno und folgen einer Reifenspur nach Norden. Während meines letzten Kartenstudiums konnte ich feststellen, dass nur fünf Kilometer weiter nördlich viele der Sanddünnen in einer weiten Ebene auslaufen. Wenn wir Glück haben wird unser Marsch somit etwas einfacher.

„Da kommen doch Autos!“ ,sagt Tanja nach vorne deutend. Sofort ziehe ich unsere Kamele in den Busch, um den zwei Jeeps den Weg freizugeben. Sie halten neben uns an. Aborigines steigen aus und begrüßen uns freundlich. Es ist der Manager und die traditionellen Landbeisitzer. Zum ersten Mal während unserer gesamten Expedition treffen wir Aborigines die ihre eigene Farm selbst managen und verwalten. „Wo kommt ihr denn her? Und wo wollt ihr hin?“ ,fragen die Männer. Ich erzähle ihnen unsere Geschichte worauf sie alle zusammen staunen. „Wollt ihr die Kamele streicheln?“ ,fragt Tanja. „Beißen sie denn nicht?“ ,möchte einer von ihnen wissen. „Nein, unsere Jungs sind zahm und sehr freundlich.“ Vorsichtig tätscheln die traditionellen Landbesitzer unsere Tiere und freuen sich sichtlich über diese Abwechslung. „Was macht ihr mit ihnen, wenn ihr die Ostküste erreicht?“ „Wir müssen uns von ihnen trennen und einen Käufer finden.“ „Das wird bestimmt recht traurig?“ „Bestimmt. Ehrlich gesagt wollen wir jetzt gar nicht darüber nachdenken,“ erzählen Tanja und ich. „Was macht ihr mit eurem Rufus?“ ,trifft uns eine Frage mitten ins Herz. „Wir befinden uns auf einer dreißigjährigen Expedition. Unsere nächste Etappe ist vorrausichtlich Russland, China und Burma. Wir wollen mit dem Fahrrad durch ganz China und mit dem Elefanten durch Burma. Rufus können wir nicht über all die Grenzen nehmen. Am liebsten wäre es uns wir finden für ihn hier in Australien ein schönes Zuhause. Am besten auf einer Farm aber auch darüber möchten wir noch nicht nachdenken, denn es bricht uns schon jetzt fast das Herz,“ erkläre ich worauf die Männer alle zusammen mit dem Kopf nicken. Wir beantworten noch viele Fragen und verabschieden uns unter gegenseitigen Glückwünschen. „Gute Reise Tanja und Denis!“ ,ruft der Älteste von ihnen und alle winken aufgeregt und freudig als wir unseren Marsch fortsetzen.

Nachdem wir das weite Flussbett des Plenty Rivers durchschritten haben erreichen wir meinen in das GPS eingegebenen Navigationspunkt 30. Die einsamen Reifenspuren im Sand biegen hier nach Westen ab während ich unsere Karawane in das Spinifexgras nach Osten führe. Wieder befinden wir uns nun im von Menschen unberührten Land. Eine eigenartige aber äußerst angenehme Stimmung befällt uns. Die Simpson Wüste, die nach unseren Informationen zu einen der sieben trockensten Wüsten unserer Erde zählt, ist schon alleine deswegen eine Herausforderung. Sie wurde 1929 zum ersten Mal von einem Dr. Cecil Madigon ebenfalls mit Kamelen durchquert. Damals galt dieses Unterfangen als unmöglich. Tanja und ich sind wegen den giftig werdenden Gidyeabäume gezwungen worden unseren geplanten Kurs zu ändern. Da es diese Bäume hier in der Simpson nicht geben soll glauben wir, dass es sicherer ist eine der trockensten Wüsten unserer Erde zu durchqueren, als den Giftbäumen über dem Weg zu laufen. Obwohl das fast etwas absurd klingt fühlen wir uns wohl bei dem Gedanken. Die bisherigen Marschtage durch die Ausläufer der Wüste waren zwar anstrengend aber sehr interessant.

Plötzlich treffen wir auf abgebranntes Land. Das Gehen wird entschieden einfacher und wir kommen bei angenehmen Temperaturen besser voran als geplant. Wir überqueren einige der niedrigen Dünenkämme ohne Zwischenfälle. Unsere Kamele verhalten sich hervorragend und tragen geduldig und ohne zu murren ihre schweren Lasten. Obwohl die Futtersituation in dem vom Buschfeuer gezeichneten Wüstenland nicht gerade sehr gut ist sind wir nach 25 Laufkilometer gezwungen unser Rastcamp aufzuschlagen. Müde aber zufrieden entladen wir unsere Mates und wie an jedem Lauftag erlebe ich mit einem lautem „Aaaahhh!“ ,den zweitschönsten Moment des Tages als ich mich in den Stuhl sinken lasse. „Was magst du zu trinken? Wir haben noch heißes Wasser für einen Tee oder Kakao?“ ,höre ich wie so oft in diesem Moment Tanjas Stimme in meinen Ohren säuseln. „Wasser, einfache klares kaltes Wasser,“ antworte ich in einem sich fortwährendem Ritual.

Dann nach einer kurzen Verschnaufpause setzen wir unsere Arbeiten fort, bis der drittschönste Moment des Tages eintrifft. Wir sitzen am flackernden Campfeuer unterhalten uns über den heutigen Tag und nachdem der Billy kocht schütten wir das heiße Wasser über unser leckeres Fertigessen von Reiter. Wenn mein Löffel in die schmackhafte Nahrung eintaucht, um kurz danach in meinem Mund zu verschwinden, jubilieren meine Geschmacksnerven jedes Mal von Neuem. „Mmmmööööhhhrrrr!“ unterbricht uns plötzlich Hardies Gejammer. „Ich glaube er fühlt sich da nicht wohl. Er ist von seinen Mates zu weit entfernt,“ stellt Tanja fest. „Aber es sind doch nur 20 Meter.“ Es ist dunkel geworden, weswegen er seine Kameraden nicht mehr sehen kann. Wenn wir eine ruhige Nacht haben wollen sollten wir ihn umsetzen. Außerdem soll er sich wohl fühlen und nicht die gesamte Nacht Angst haben von einem Monster gefressen zu werden.“ Aber wo willst du ihn anbinden? Hier gibt es kaum einen Busch der nicht vom Feuer verbrannt ist?“ ,frag ich den Schein der Taschenlampe besorgt ums Camp gleiten lassend.

Nach einiger Zeit finden wir einen dünnen aber brauchbaren Busch in der Nähe von Sebastian, Istan und Edgar an dem wir ihn festbinden. Da Kamele Herdentiere sind und sie in freier Wildbahn meist eng zusammensitzen, finden sie es schrecklich von ihren Artgenossen nur wenige Meter getrennt zu sein. Tanja sorgt am Abend immer dafür das sie so dicht wie es nur geht zusammen sind. Allerdings dürfen sie auch nicht zu nah aneinander an einem Baum oder Busch festgebunden sein, da sie sich in diesem Fall mit den Beinseilen miteinander verknoten könnten.

Nachdem wir Hardie versorgt haben beginnen Jasper und Jafar zu jammern. Wegen den spärlichen Anbindmöglichkeiten fühlen auch sie sich von der Gruppe zu weit entfernt. Es dauert eine Weile, bis wir auch sie so ins Bett gebracht haben, dass sie sich zufrieden absetzen und ihren Mageninhalt hoch würgen, um ihn friedlich zu kauen.

Endlich ist es soweit. Der schönste Augenblick des Tages liegt in greifbarer Nähe. „Komm lass und ins Bett gehen,“ sage ich zu Rufus der neben mir geduldig auf diesen Moment gewartet hat, bis ich mir die Zähne geputzt und meine Katzenwäsche abgeschlossen habe. Dann springt er auf und rast zu unseren Campbetten. Tanja hat auch an diesem Abend das Rennen wieder gewonnen und liegt schon seit geraumer Zeit in ihrem kuscheligen Schlafsack. „Und? Ist es schön warm da drin?“ ,frage ich. „Herrlich,“ antwortet sie müde. „War ein interessanter Tag?“ ,stelle ich fest. „Sehr schön aber ich kann jetzt nicht mehr reden.“ „Warum?“ „Ich schlafe bereits ganz tief.“ „Ach so,“ antworte ich schmunzelnd, denn auch dieses Spiel wiederholen wir fast jeden Abend.

„Spring rein,“ fordere ich Rufus auf in seinen Schlafsack zu hüpfen. Er lässt sich das keine zweimal sagen und schießt wie ein Pfeil in die Schlafsacköffnung die ich ihm aufhalte. Mit lautem, zufriedenem Grummeln dreht er sich mehrfach um die eigenen Achse und lässt sich dann mit dem mir so bekannten tiefen Grunzen nieder.

Dann stehe ich im kalten Abendwind frierend und nackt vor meiner Liege und streife mir eilig meine lange Unterwäsche über. Blitzschnell schlüpfe ich jetzt in die wärmende Hülle, reibe mir meine Hände mit einer dicken Cremeschicht ein, ziehe ein paar Stoffhandschuhe über damit die Salbe in die von der Arbeit aufgesprungenen Hände einziehen kann und lege meinen müden Körper ab. Genau dieser Moment, indem ich mich strecke und recke, meinen Kopf in das flache Kissen lege und dem Mond ins Antlitz blicke, ist so unvergleichlich, so unbeschreiblich, so fantastisch wohltuend, dass ich ihn als den schönsten Augenblick des Tages empfinde.

Wir freuen uns über Kommentare!

Tag: 88 Etappe Drei / Expeditionstage gesamt 479

Sonnenaufgang:
06:51

Sonnenuntergang:
18:06

Luftlinie:
17,8

Tageskilometer:
25

Temperatur - Tag (Maximum):
22 Grad, in der Sonne ca. 30 Grad

Temperatur - Nacht:
3 Grad

Breitengrad:
23°19’19.8’’

Längengrad:
136°35’32.6’’