« Zurück       Weiter »

Die ersten Dünen

Atula-Camp — 07.08.2002

Wegen der täglich früher aufgehenden Sonne beginnen wir unseren Tag seit gestern bereits um 5:00 Uhr. Die halbe Stunde früher ermöglicht uns den Aufbruch schon um 8 Uhr 30. Auf diese Weise umgehen wir den zunehmenden Temperaturen während des Ladens und sparen so entschieden mehr Energie ein. Mit der fortschreitenden Jahreszeit werden wir in einigen Wochen unseren Tag schon um 3:00 Uhr beginnen. So können wir die größte Tagesstrecke noch vor der gnadenlosen Mittagshitze hinter uns bringen.

Heute befinden wir uns wieder auf einen schmalen Track oder besser gesagt zwei verlassenen Reifenspuren die uns nach Osten begleiten. Im Vergleich zum Spinfexwaten ist der Marsch ein wahrer Spaziergang. Tanja und ich haben uns entschieden noch heute die östlichst gelegene Bore von Atula zu erreichen. Wenn wir das schaffen gewinnen wir einen weiteren Tag und wenn diese von mir als Bore Nummer sechs bezeichnete Wasserstelle tatsächlich Trinkwasser enthält müssen wir wie schon beschrieben nur 140 Kilometer Luftlinie bis zum nächsten Wasserloch zurücklegen. Beflügelt von diesem Gedanken eilen wir mit einer Geschwindigkeit von 5,6 Stundekilometern voran.

Es dauert nicht lange bis wir die ersten richtigen Sanddünen im Süden erkennen. Wir kommen an einer funktionstüchtigen Wasserstelle vorbei die nicht in der Karte eingetragen ist. Dafür ist die von mir als Bore Nummer fünf benannte Wasserstelle nicht aufzufinden. Rinderherden verraten uns, dass es hier im Umkreis von zehn Kilometer Wasser gibt. Weiter darf es für sie nicht sein, denn sonst würden sie glatt verdursten.

Unser Track führt uns jetzt nach Süden bis wir auf einer riesigen Sanddüne einen großen Tank entdecken. „Den schauen wir uns mal an,“ entscheide ich und ziehe unsere Karawane den Berg hinauf. Oben angekommen haben wir seit knapp 1000 Kilometern wieder zum ersten Mal eine atemberaubende Sicht auf das unter uns liegende Land. Soweit wir nur sehen können reiht sich eine große Düne an die andere. Wie sich ewig wiederholende Bodenwellen ziehen sie sich dahin und verschlagen uns mit ihrem beeindruckenden Anblick den Atem. „Da steht uns noch etwas bevor,“ flüstere ich ehrfurchtsvoll. „Warum?“ „Nun, nach meinem Kartenstudium müssen wir in naher Zukunft viele von ihnen überqueren.“

Nachdem wir uns von dem faszinierenden Blick losgerissen haben klettere ich auch auf dieses Auffangbecken, um mir ein Bild von der Wassersituation zu verschaffen. Auf diese Weise kann ich erahnen in welchem Pflegezustand sich die Station befindet, denn wenn die Tanks voll sind bedeutet das erfahrungsgemäss, dass das Management gut arbeitet. „Da ist auch Wasser drin,“ rufe ich. Bevor ich wieder hinunter steige genieße ich die noch bessere Aussicht. Plötzlich entdecke ich zwei einsame Radspuren die sich auf der anderen Seite der Düne über flaches Buschland dahinziehen und am östlichen Horizont verlieren. Aufgeregt studiere ich dann die Karte. „Tatsächlich, die zwei Spuren müssen unser Track sein,“ stelle ich fest.

DIE GEFAHR DER STEILEN DÜNEN

Äußerst vorsichtig und bedacht führe ich Sebastian die hohe Düne hinunter. Sie haben schon seit Monaten keine solche Hindernisse überwinden müssen und benötigen erst wieder etwas Routine. Um den steilen Abhang zu entschärfen ziehe ich die Tiere in einem leichten Winkel zur Talseite hinunter. Auf diese Weise ist es für sie nicht so steil. Vor allem kommen sie so nicht in die Versuchen loszurasen, was zur Folge hätte, dass sie sich einfach überschlagen würden, um sich dann zwangsläufig in einem chaotischen Seilknoten mit ihren Kumpels zu verstricken.

„Langsam Denis! Edgar bricht zur Seite aus!“ ,warnt mich Tanjas Ruf. Erschrocken sehe ich wie Edgar nicht seinen Mates folgt sondern den vermeintlich leichteren Talweg einschlägt. Sofort reißt er den an ihm hängenden Jasper hinter sich her. Die schwer beladenen Sättel zerren an ihren Rücken und es sieht für wenige Augenblick so aus als würden die großen Tiere den Halt verlieren. Edgar kann sich Gott sei Dank selbst abfangen ohne Istan hinter sich herzuzerren. Sofort schließt er wieder auf. Auch Jasper managet die kurze Unsicherheit souverän. Ausatmend vor Erleichterung setze ich die Talwanderung fort und bin froh sie alle wieder heile und unverletzt auf dem flachen Land zu wissen.

„Wenn wir in das Dünenland kommen sollten wir uns etwas mit den Nackenseilen einfallen lassen,“ sage ich etwas später nachdenklich. Du meinst sie könnten sich bei einem Sturz gegenseitig ins Verderben reißen?“ „Genau. Stell dir vor einer verliert sein Gleichgewicht. Er würde mit der Nackenverbindung zwangsläufig den gesamten Laden mit sich reißen.“ „Das möchte ich mir lieber nicht vorstellen. Es wäre eine fürchterliche Katastrophe.“ „Stimmt. Vielleicht sollten wir sie in so einem schweren Gelände nur mit den Nasenleinen miteinander verbinden. Wenn einer dann fallen sollte reißt diese ab und er selbst hat so die Chance sich abzufangen ohne sich mit seinen Mates zu einem großen Knäuel zu vereinen.“ „Aber als wir die Gibson Desert durchquerten haben sie die Dünen hervorragend gemeistert.“ „Nun ja, lass uns abwarten wie hoch die vor uns liegenden Sandberge sein werden. Wenn wir Glück haben sind sie nicht so schlimm wie wir denken,“ beende ich unsere Gespräch.

„Sag mal Denis. Wie bekommen sie denn das Wasser auf die Düne da rauf? Ob sie Regenwasser auffangen?“ „Auf keinen Fall. Hier regnet es zu wenig um so einen Tank regelmäßig zu füllen. Es ist bestimmt ein Drucksystem. Sie pumpen das Wasser mit einem Dieselmotor von irgendwoher dorthinauf. Die Wasserauffangbecken an denen wir bisher vorbeigelaufen sind hatten alle keine Windräder. Auch war kein Motor zu sehen. Ich bin mir sicher, dass sie allesamt von dem Becken auf der Düne gespeist werden. Durch den Höhenunterschied drück sich das Wasser durch ein Leitungssystem hindurch und füllt alle Tanks. Es ist eine tolles und einfaches System. Nur wenn eine der Leitungen ein Leck bekommt haben sie ein Problem. Dann kann ich mir vorstellen das die gesamte Wasserversorgen der Region auf einen Schlag zusammenbricht. Alle Rinder können dann nichts mehr saufen. Ich weiß nicht ob ich als Stationinhaber die alten Windräder bevorzugen würde. Sie bedeuten eventuell mehr Arbeit aber auch mehr Sicherheit,“ erkläre ich.

Tatsächlich kommt uns neben der Reifenspur ab und an eine schwarze Rohrleitung zu Gesicht. An den verschiedenen Verbindungsstellen leckt sie, was uns darauf hoffen lässt, dass die Bore Nummer sechs von ihr gespeist wird.

IST DAS BOHRLOCH EIN DAMM?

Es ist bereits 16:00 Uhr als ich eine rote Erdaufhäufung vor uns ausmache. „Oh, oh, das sieht nicht gut aus.“ „Was sieht nicht gut aus?“ „Das da vorne könnte ein Damm sein und wenn ich eins und zwei zusammenzähle leiten sie das Rohrwasser dorthinein,“ erahne ich. „Dann müssen wir doch den großen Umweg zur Bohrstelle Nummer vier gehen?“ „Wer weiß, vielleicht?“

An der großen, von den Rindern totgetretenen Sandfläche, stoppe ich unsere Karawane. Ohne Zweifel hatte ich mit meiner Vermutung recht. Ein weites Gebiet von ca. einen mal einen Kilometer ist um eine Erdaushebung eingezäunt. Ca. zwei bis dreihundert Rinder haben sich um das künstliche Wasserloch versammelt. Entmutigt stehen wir nach 30 Laufkilometern vor unserem Tagesziel. „Das ist unsere Bore Nummer sechs,“ sage ich enttäuscht und erschöpft auf das unbewachsene, mit feinstem Staub überzogene Gehege deutend. „Und was machen wir jetzt?“ fragt Tanja kleinlaut. „Ich laufe mal zu der Aushebung. Es wird zwar nichts bringen aber wer weiß,“ antworte ich.

Als ich dann auf die Herden zugehe reißen die meisten Rinder in panischer Flucht aus. Manche von ihnen sind jedoch so neugierig, dass sie mir folgen. Hoffentlich fühlt sich keiner der Bullen und Stiere bedroht, denke ich mir etwas ängstlich, denn die Übermacht ist offensichtlich. Nach etwa 500 Metern erreiche ich den Rand des Beckens. Überrascht sehe ich wie aus einem großen Stahlrohr klares Wasser in die Lehmgrube plätschert. Hm, das Wasser sieht hervorragend aus. Nur… wie kommen wir da ran? Ich bin gerade im Begriff aufzugeben und dem künstlichen Teich den Rücken zu kehren als ich noch mal inne halte. Wenn ich von der Lehmwand dort auf das Rohr klettere, mich nach vorne beuge, könnte ich unsere Wasserbeutel füllen. „Das ist es,“ rufe ich und setze meine Idee in die Tat um.

Ohne Schwierigkeiten steige ich nun von der Lehmwand auf das Rohr. Dann setze ich mich vorsichtig darauf und schwinge mich sitzender Weise einen Meter nach vorne. Jetzt lasse ich beide Beine wie eine Balancestange nach unten hängen und lege meinen Oberkörper auf das zwanzig Zentimeter dicke Rohr. Gerade so, erreiche ich mit meiner Hand den Wasserstrahl. „Hmmm, schmeckt lecker,“ schmatze ich. Dann richte ich mich wieder auf und schiebe meinen Körper langsam zurück. Leider bemerke ich erst jetzt das die Metallleitung voller Vogelmist ist. Sie klebt nun auf meinem Hemd und Hosenboden. Egal, denke ich mir. Hauptsache wir kommen an das Wasser ran.

Nur wenige Minuten später sitzt unsere Karawane auf der anderen Seite der Lehmwand. Die Rinder haben sich mittlerweile bis ans Ende des Geheges zurückgezogen. Wieder krabble ich auf das vollgeschissene Rohr und fülle einen Beutel nach dem anderen. Manchmal verliere ich fast mein Gleichgewicht und kann von Glück reden nicht in die 1 ½ Meter unter mir braune Matschbrühe zu fallen. Es kostet mich viel Kraft auf diese anstrengende Art 140 Liter der Flüssigkeit für uns abzufüllen.

Wir sind gerade im Begriff unsere Kamele zu tränken als der Farmer auftaucht. Wir haben uns zwar telefonisch angemeldet, wissen aber nie wie die Farmer reagieren wenn wir Wasser von ihren Bohrlöchern abfüllen. Die Meisten von ihnen sind schwer in Ordnung aber es gibt auch richtige unfreundliche Artgenossen die uns in der Vergangenheit schon manchmal das Leben schwer gemacht haben. Ich unterbreche meine Arbeit und laufe auf das Fahrzeug zu welches 20 Meter vor uns angehalten hat. Ein Aborigine steigt aus und lacht mich an. „Ich hätte nicht gedacht euch hier anzutreffen,“ begrüßt er mich. „Ich auch nicht. Schön dir hier draußen zu begegnen,“ sage ich ihm die Hand schüttelnd. „Mein Name ist Denis und das ist meine Frau Tanja,“ stelle ich uns vor. „Ich heiße Kim.“ In kurzen Worten erkläre ich Kim unsere Reiseroute. „Na ja und auf diese Weise haben wir in den letzten 2 ½ Jahren über 4600 Kilometer zurückgelegt.“ „Unglaublich, ihr habt mehr Mut als ich jemals aufbringen könnte,“ antwortet er den Kopf schüttelnd. „Bist du hier der Besitzer?“ „Nein, ich arbeite nur für die Manager aber die Station gehört den Aborigines. Ich selbst bin seit acht Jahren hier. Ist ein schönes Stück Land hier draußen. Sag mal, habt ihr keine Schwierigkeiten mit den wilden Kamelen? Wir haben viele Herden hier.“ „Oh ja. Wir hatten in der Great Sandy, in der Gibson und am Rande der Tanami Wüste viele Erfahrungen mit ihnen gesammelt. Gott sei Dank lassen sie uns hier im Moment in Ruhe.“

Da unsere Tiere schon einen langen Tag hinter sich haben und es bald dunkel wird kann ich mich nicht länger mit Kim unterhalten. „Ich möchte nicht unhöflich sein aber ich muss leider weitermachen.“ „Ja, ja, lasst euch nicht aufhalten,“ plaudert er freundlich, steigt in seinen Jeep ein und fährt davon.

Tanja reicht Hardie gerade einen weiteren Eimer voll Wasser als Sebastian völlig unerwartet und zum ersten Mal seit über drei Jahren blitzartig mit seinem Hinterbein ausschlägt. Der explosionsartige Tritt trifft den Eimer mit solch einer Wucht, dass er wie ein Geschoss an Tanjas Gesicht vorbei in die Luft fliegt und sie über und über mit Dammwasser bespritzt. Ohne nur eine Sekunde zu überlegen springe ich nach vorne und trete Sebastian gegen den Hintern. „Mach das nie mehr! Hörst du? Nie mehr!" schimpfe ich ihn, worauf er lauthals jammert. „Da hast du aber Glück gehabt,“ meine ich dann bis ins Mark meiner Knochen erschrocken. „Na ja, jetzt habe ich mir eine Dusche erspart,“ antwortet sie trocken. „Warum er das wohl getan hat?“ ,frage ich. „Ich weiß nicht, irgend etwas scheint hier in dem Sand herumzukrabbeln was sie nicht mögen. Ich glaube nicht das diese Attacke mir galt.“ „Nein, halte ich auch nicht für möglich. Trotzdem darf er nicht einen von uns tottreten weil es ihm gerade mal am Popo juckt.“

Um kurz vor 17:00 Uhr verlassen wir vollgetankt und zufrieden den Damm. Mit eiligen Schritten ziehe ich unsere Tiere zu dem nahegelegenen Huckitta Creek der sich hier einmal wieder durch das Land windet. Ausladende Eukalyptusbäume versperren uns den Weg. In Windungen finden wir einen Zugang zum Flussbett. Zu unserer Enttäuschung haben die ansässigen Rinderherden nahezu die gesamte Bodenvegetation kahlgefressen. „Das kann doch nicht wahr sein. Hier gibt es absolut nicht zu fressen,“ jammere ich fast verzweifelt durch den tiefen Sand des Huckitta stapfend. Die Zeit sitzt uns im Nacken, die Sonne sinkt tiefer und tiefer. Auf der anderen Seite des Flusses ist die Wüste so weit das Auge reicht abgebrannt und mit von Steinen überzogenen Dünen versetzt. Fast verzweifelt kämpfen wir uns wieder die steile Böschung hoch. Jafar, durch das zugeladene Wasser, bis an seine Grenzen beladen, fällt nach vorne über. Obwohl ich Sebastian bereits zum Stehen gebracht habe läuft Hardie noch ein paar Meter weiter. Jafar bleibt nichts anderes übrig als so schnell wie nur möglich auf die Beine zu kommen. Er hat in den letzten Jahren nicht nur einmal schmerzhafte Erfahrungen mit dem Nackenseil gemacht und schafft es tatsächlich wieder hochzuspringen. Jasper, der letzte im Glied, hat es bei den steilen Flussüberquerungen am schwersten. Manchmal hüpft er, an besonders steilen Stellen, auf allen Vieren in die Luft, um das Hindernis zu überwinden.

Wieder lasse ich mich von meinem Gefühl leiten und folge einem Seitenarm des Creeks nach Westen. Obwohl wir aus dieser Richtung gekommen sind schreite ich bald im Stechschritt dem Sonnenuntergang entgegen. Gegen das grelle Licht glaube ich in etwa einem Kilometer Entfernung eine Baumreihe zu erkennen die nach dem Lieblingsfressen unsere Jungs aussieht. Wir folgen nun dem Ufer des Flusses. Plötzlich stolpern wir fast über einen toten Dingo. „Die haben giftige Köder am Damm ausgelegt,“ sagt Tanja. „Ja wir müssen auf Rufus aufpassen.“ Wieder liegt ein Dingo im Sand und beweist unsere Vermutung. Wahrscheinlich haben es die armen Wildhunde gerade noch bis hierher geschafft, um dann schrecklich zu verenden. Ich kann nach wie vor kaum verstehen warum die Farmer die Wildhunde so stark bekämpfen. Klar schnappen sie sich von Zeit zu Zeit ein Kalb. Aber sind sie nicht auch gute Aasfresser? Tragen sie nicht auf diese Weise zu einem ökologischen Gleichgewicht bei? Und wenn ich es mir genau überlege hat der Dingo eine größere Berechtigung in Australien zu leben als die Millionen von Rinder die alles kahl fressen.

„Das sind Fressbäume,“ sage ich erleichtert kurz bevor die Sonne sich auf die Linie des Horizontes legt. Wenige Minuten vor 18:00 Uhr, nach über 35 Laufkilometern und 9 ½ Stunden Marsch, erreichen wir einen Platz der für unsere Tiere gut geeignet ist. Erschöpft und halb in Trance entladen wir unsere tapferen Boys.

Später, am knisternden Lagerfeuer, unter dem vertrauten Dach der glitzernden Sterne, löschen wir unseren Durst mit heißen Tee. Schnell sind die Strapazen vergessen. „Da wir auf der ersten Durchquerungsetappe der Simpson bald zwei Tage gewonnen haben, sollten wir uns eine längere Pause gönnen. Was hältst du davon wenn wir vier Tage bleiben bevor wir die nächsten 140 Kilometer angehen?“ „Bin dabei. Man soll die Feste feiern wie sie fallen. Ich glaube wir haben jetzt allen Grund dazu,“ antwortet Tanja lachend und gibt mir einen Kuss…

Rufus denkt anscheinend ähnlich als er sich wie ein ausgehungerter Löwe über seine Hundeschüssel hermacht und dabei absolut alles um sich herum vergisst. Selbst sein Tagebuch lässt er völlig unbewacht auf seiner Decke liegen. Die Blätter flattern in der abendlichen Briese. Da Rufus mir gerade den Rücken zukehrt, um sich den Bauch voll zu schlagen, habe ich die Möglichkeit einen Blick hineinzuwerfen. Bin gespannt was er von seinem Leben, vor allem von seinen Herrchen hält.

DAS EXPEDITIONSTAGEBUCH EINES EXPEDITIONHUNDES NAMENS RUFUS

Hätte ich vorher wirklich gewusst, was da auf mich zu kommt, hätte ich ein paar Punkte ganz bestimmt schriftlich festgelegt. So ein Expeditionsleben klingt ja ganz romantisch… Mit wehenden Ohren auf dem Rücken eines Kamels reiten. Mit wachsamen Hundeaugen Echsen und Kängurus erspähen. Falls ich nicht reite, als Scout voran zu laufen und alle folgen sie mir, in meinem aufgewirbelten Staub… Wilde Kamelbullen vertreiben und als Held des Tages auf meiner wunderbar duftenden Decke zu liegen. (Meine Menschen würden sagen, sie stinkt) Eine extra Ration Hundefutter zu bekommen, um mich danach gemütlich einzurollen. In die Flammen des Lagerfeuers zu schauen und Denis beim Mundharmonika spielen zu lauschen und ab und an mit fröhlichem Geheule einzustimmen.

Die Wirklichkeit sah letzte Woche ganz anders aus: Reiten war nicht besonderst viel angesagt für mich, weil „wir“ Hardie schonen mussten. Er trug eine extra Ration Wasser. Ein Jammer… Zu einem großen Teil musste ich „bei Fuß“ laufen, ein Kommando, welches ich überhaupt nicht leiden kann… Klingt nicht sehr Heldenhaft. Mit dieser Geschichte hole ich kein Hundemädchen hinterm Ofen vor. Erst wollte ich die Gründe für das ewige bei Fuß laufen gar nicht verstehen. „Du trinkst viel zu viel wenn du den ganzen Tag der Karawane voraus eilst und wieder zurück jagst,“ sagt Tanja. „Noch ein viel wichtigerer Grund sind die vergifteten Dingo Köder,“ fügt Denis hinzu. Am selben Abend habe ich auch noch meine gesamte Wasserschüssel umgekippt… Den vorwurfsvollen Blick von meinem Chef hätte einer sehen sollen… Und wie auf Bestellung liefen wir am nächsten Nachmittag auch noch an einem toten Dingo vorbei. Junge Junge… mir wurde es ganz schlecht bei dem Anblick. Als Tanja dann beim Kamele hüten einen zweiten toten Dingo entdeckte, war mir klar, ich werde das Camp und somit mein gemütliches Bett überhaupt nicht mehr verlassen… Und wenn ich von meinem heldenhaften Voranschreiten der Karawane träume, ist momentan die blanke Ernüchterung, dass ich mehr oder weniger an Tanja’s Fersen klebe und zwar an allerletzter Stelle von der Karawane. Somit schlucken wir nur den Staub der anderen, doch macht es das Spinifexlaufen erträglicher. Ich warte schon auf den Tag, an dem ich wieder Vaseline für meine geplagten Hundepfoten brauche. Der ganzen Laufwoche wurde allerdings die Krone mit dem Verlust meines Knochens aufgesetzt. Für über drei Wochen konnte ich mich absolut auf meine Menschen verlassen doch dann, eines abends, nach einem Lauftag musste ich enttäuscht feststellen, dass mein Knochen beim Entladen nicht zum Vorschein kam. Welche Entbehrungen soll ich noch ertragen? Es ist ein hartes Leben als Expeditionshund…

Wir freuen uns über Kommentare!

Tag: 83 Etappe Drei / Expeditionstage gesamt 474

Sonnenaufgang:
06:55

Sonnenuntergang:
18:04

Luftlinie:
26,4

Tageskilometer:
35

Temperatur - Tag (Maximum):
24 Grad, in der Sonne ca. 45 Grad

Temperatur - Nacht:
3,9 Grad

Breitengrad:
23°23’02.0’’

Längengrad:
136°25’54.7’’