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Sie kommen hierher, um ihren Durst zu stillen und finden den Tod

Halbkreis-Camp — 05.08.2002

Fürchterliches Brüllen reißt mich aus dem Schlaf. Erschrocken strecke ich meinen Kopf aus dem Schlafsack und lausche in die Nacht. „Ööööööhhhhäää! Ööööööhhhhäää! Ööööööhhhhäää, zerreißt es unaufhörlich die Dunkelheit. Was ist das? Ööööööhhhhäää! Ööööööhhhhäää, höre ich es wieder. Zweifelsohne klingt es nach einem Kamel welches von seinem Artgenossen gerade gebissen wird, doch kommt der Schmerzschrei immer aus der gleichen Richtung. Normalerweise würde der oder die Gepeinigte ausreißen was zur Folge hätte das der schreckliche Laut ebenfalls aus einer anderen Richtung kommen müsste. Jetzt hell wach lausche ich weiterhin in die Nacht. Ööööööhhhhäää! Ööööööhhhhääääää! Öööhhhhäää! Ööööööhhhhääääää jammert es unaufhörlich. Es muss eine trächtige Kamelkuh sein die gerade ein Kleines wirft,“ fällt es mir erleichtert ein worauf ich mich wieder hinlege.

Unser Track endet an einer weiten ausgetrockneten Seefläche die in der Karte als Dingodamm bezeichnet ist. „Was ist denn das da drüben?“ frage ich in die Ferne deutend. „Keine Ahnung,“ antwortet Tanja schulterzuckend. „Sieht doch aus wie ein totes Kamel?“ „Ja, könnte eines sein. Oh, sieh doch nur, da liegt noch eins.“ Tatsächlich entdecke ich in der von Tanjas gezeigten Richtung einen weiteren Haufen, der wie ein totes Kamel aussieht. „Seltsam, ich schau mir das schnell mal näher an,“ flüstere ich und gebe Tanja die Führungsleine.

Aus einem der großen ausgetrockneten Tümpel schlägt mir aggressiver Verwesungsduft entgegen. Erschrocken bleibe ich an seinem Rand stehen und entdecke ein verendetes Pferd, ein Kamel und einen großen Kängurubullen. In grotesker Haltung liegen die Tiere auf dem erstarrten Lehmboden. „Was sie wohl umgebracht hat? Verdurstet sind sie hier nicht. Ich kann mir nicht vorstellen das sie nach dem Saufen in das Wasserloch gefallen sind. Ob das Wasser vergiftet war? Aber wer sollte das Wasser hier vergiften? Und warum sollte jemand das Wasser vergiften? Grübelnd stehe ich da und blicke auf den Tot. Ich habe davon gehört das früher einmal die Aborigines Wasserstellen mit einem aus Pflanzen (z.B. 1080-Busch) gewonnenem Gift Wasserstellen vergiftet haben, um an die Beute heranzukommen. Es war mit Sicherheit eine riskante Methode, denn auch damals war Wasser hier im Outback eine Kostbarkeit. Heute allerdings kaufen sich die meisten Aborigines ihre Nahrung im Supermarkt. Wenige von ihnen gehen noch auf die Jagd aber keiner vergiftet Wasserlöcher. Also was ist der Grund für dieses Verenden? Ob eines der Tiere in dem einstigen Matsch stecken blieb und gestorben ist? Es könnte ein Lösung sein. Wahrscheinlich hat das Verwesungsgift das Wasser für die anderen Buschbewohner zur tödlichen Falle werden lassen. „Hm, sehen wir mal da rüber. Dort liegt auch etwas was wie einem Kadaver ähnelt,“ sage ich leise und verlasse den unangenehmen Platz.

Als ich der braunen Erdaufhäufung näher komme, die sich aus der riesigen Lehmplatte erhebt, packt mich das Entsetzen. Mindestens 13 oder 14 Kamelleichen liegen auf dem Boden. Ihre leeren Augenhöhlen gaffen mich an. Ihre Mäuler sind verschlossen oder aufgerissen. Blanke, von der Sonne ausgetrocknete Zähne, blecken in den stahlblauen Himmel. Tausende von Fliegen erfreuen sich an dem makaberen Festmahl. Ein Kamel hat eine Stahlschlinge um den Hals. Entsetzt stehe ich vor den bleichen Knochengerippen die von braunem Fell überzogen sind. Ohne Zweifel sind diese Tiere nicht im einstigen Matsch versunken. Man könnte glauben auf einem riesigen Kamelfriedhof zu sein. Von Verwesungsgeruch umhüllt erhebe ich meinen Blick und entdecke nur 20 Meter weiter ein großes Knochenmeer. Wie zahllose Steine in einem Steinbruch liegen sie über dem verkrusteten Boden verstreut. Insgesamt zähle ich in meiner näheren Umgebung 25 Kamelleichen. Plötzlich durchfährt mich ein Einfall. Ob hier jemand aus purer Jagdfreude Kamele erschießt? Könnte das ein Möglichkeit für diesen entsetzlichen Anblick sein? Oder werden hier Kamele gefangen und diejenigen die nicht die richtige Größe haben einfach erschossen? Fragen über Fragen jagen mir durch den Kopf, doch komme ich auf keine andere Lösung. Schnell verlasse ich diesen vom Sensenmann entweihten Fleck des ausgetrockneten Sees und lauf zu Tanja. In kurzen Worten berichte ich ihr von meiner Entdeckung. „Lass uns diese Gegend so schnell als möglich verlassen. Sie hat eine äußerst unangenehme Ausstrahlung,“ stellt sie fest worauf ich unsere Mates in Richtung Osten von der Seenplatte führe. Noch bevor wir den Busch erreichen finden wir noch weitere Kamelleichen die vereinzelt herumliegen. „Sie kommen hierher um ihren Durst zu stillen und finden den Tod,“ raune ich als sich mir die Haare zu Berge stellen.

DURCH DAS GRAS DES TEUFELS

Im Zickzack geht es durch hohes Spinifexgras. Die Spitzen bohren sich uns in die Schienbeine. Manche von ihnen brechen ab und bleiben solange in der Haut stecken bis sie wieder herauseitern werden. Wie durch Tiefschnee laufe ich voraus und bahne unserem Zug des Lebens eine Spur. Öööhhhäää, jammert Sebastian, denn auch Kamele laufen ungern durch das Stachelmeer. Die wilden Kamele dessen unzählige Spuren uns verraten, dass es sie hier in geradezu unglaublicher Vielzahl gibt, besitzen den Luxus dieses Meer von Spinifex in Windungen, Spiralen, Kurven, Biegungen, Kehren und Bögen umgehen zu können. Wir hingegen laufen kerzengerade darüber hinweg, denn so gibt es uns die Kompassnadel vor. „Kamele!“ klingt Tanjas Ruf an meine Ohren die in dem dichten Gras hinter der Karawane läuft. Ich sehe von meinem Kompass auf und beobachte wie ein Kamelhengst seine dreizehnköpfige Herde von uns wegtreibt.

Wieder konzentriere ich mich auf den Boden vor mir, werfe ab und an einen Blick nach vorne, um einen Baum auszumachen der sich von der Landschaft abhebt und auf unserem Kurs liegt. Wenn ich einen entdecke schalte ich das GPS ab, stecke es in die Brusttasche und lasse mein Ziel nicht mehr aus den Augen. Auf diese Weise kann ich die Batterien des Navigationscomputer sparen. Manchmal allerdings verliere ich meinen Zielpunkt aus den Augen weshalb ich gleich wieder das GPS einschalte.

Um zu erfahren wie viele Kilometer wir bereits hinter uns gebracht haben drücke ich gerade einige Tasten des kleinen Computers als ich im Augenwinkel plötzlich einen Ast auf mich zukommen sehen. Er sitzt wie ein Speer im Boden und deutet genau in meine Richtung. Noch rechtzeitig weiche ich mit meinem Oberkörper zur Seite aus und entgehe in letzter Sekunde dessen Spitze. Da es zu spät ist Sebastian anzuhalten drehe ich mich in der Ausweichbewegung noch weiter und sehe zu meinem Schrecken wie sich der Ast in einen unserer Trinkbeutel bohrt und abbricht. „So ein Miii…“ will ich rufen, doch in diesem Moment stolpere ich über eine hohe Spinifexbarriere vor mir und falle mit den Händen voraus in die Stachelhölle. Bevor der erschrockene Sebastian auf mich tritt rolle ich blitzschnell zur Seite und schaffe es wieder auf den Beinen zu stehen. Tanja hat von dem kleinen Zwischenfall nichts bemerkt, denn bis das letzte Tier zum Stehen kommt ziehe ich unser Leitkamel weiter. Meine Schienbeine brennen als wäre ich in Brennesel gefallen. Einige der Grasspitzen haben sich gewehrt und auf eine für mich sehr unangenehme Weise ein neues Zuhause gesucht. Auch meine Fingerspitzen prickeln. Gott sei Dank habe ich Handschuhe an die bis auf das erste Fingerglied die Hände schützen. Durch diese Spezialhandschuhe haben wir die Möglichkeit feine Arbeiten zu verrichten wie zum Beispiel Knoten zu binden ohne die Handschuhe ausziehen zu müssen.

Nachdenklich stapfe ich weiter voran. „Hast wieder einmal Glück gehabt,“ flüstere ich und hefte meine Blicke auf den Boden. Auf einmal gehen mir die Worte von Dean durch den Kopf. „Ihr müsst auf die Schlangen achten. Sie leben unter dem Spinifex.“ Etwas verunsichert hebe ich jetzt meine Füße, um in einen weiteren Spinfexgrasbüschel zu steigen. Da ich heute früh nur die leichten Stoffgamaschen angezogen habe könnte mich jederzeit eine der vielen Giftschlangen ins Schienbein beißen. Plötzlich verändert sich mein Laufverhalten und ich erwarte hinter jedem Hindernis die tödliche schlängelnde Gefahr. Morgen ziehe ich meine dickeren Ledergamaschen an, schwöre ich mir, meinen Fuß in den nächsten knie hohen Grasbüschel verschwinden lassend.

Fast torkelnd vor Müdigkeit und Erschöpfung halte ich die Karawane unter einem hohen, von Teufelsgras umgebenen, Eukalyptusbaum an. Mein GPS zeigt das wir unser Tagesziel mit knapp über 20 Kilometer Luftlinie für heute erreicht haben. Im ausgreifendem Schatten des Baumes husche ich die Kamele nieder die sich erleichtert in einem Halbkreis absetzen. „Sie haben eine tolle Leistung gebracht,“ sagt Tanja. „Ja, wir alle haben eine tolle Leistung gebracht,“ antworte ich mit schmerzenden Muskeln und vom Spinifexstacheln durchlöcherten brennenden Schienbeinen.

Wir freuen uns über Kommentare!

Tag: 81 Etappe Drei / Expeditionstage gesamt 472

Sonnenaufgang:
06:58

Sonnenuntergang:
18:05

Luftlinie:
20,7

Tageskilometer:
25

Temperatur - Tag (Maximum):
26 Grad, in der Sonne ca. 50 Grad

Temperatur - Nacht:
minus 1,7 Grad

Breitengrad:
23°19’20.5’’

Längengrad:
135°57’07.0’’