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Ist ein internatonales Spezialistenteam von Philosophen die Lösung?

Kamel-Brüll-Camp — 04.08.2002

Die Temperaturen sind in der Nacht wieder auf minus sieben Grad gefallen. Es fällt uns nicht leicht um 5 Uhr 30 den warmen Schlafsack zu verlassen. Vor Kälte zitternd schlüpfen wir in unsere Thermounterwäsche, streifen uns die Hosen und Hemden über und machen uns für einen weiteren Tag fertig dessen Verlauf so ungewiss ist wie alle andere Expeditionstage auch.

Da der Mond als schmale Sichel erst aufgeht ist es noch stockdunkel. Wir sprechen kaum miteinander und gehen unserer zur Routine gewordenen Arbeit nach. Erst als die Schatten des aufflackernden Lagerfeuers in dem uns umgebenden Spinifexgras zu tanzen beginnen breche ich die friedliche Stille. „Gut das wir heute noch einem Track folgen können. Irgendwie habe ich keine Lust mich jetzt schon durch dieses stachlige Zeug kämpfen zu müssen.“ „Ich auch nicht,“ antwortet Tanja unsere Trinkbeutel für den Tag mit Wasser füllend. Ich setze mich in den Klappstuhl und schütte mir mein geliebtes Rapunzelmüsli in die Schüssel, mische zwei Löffel Kakao und zwei Löffel Sojamilchpulver dazu. Dann kippe ich aus der Thermoskanne das bereits heiße Wasser darüber und rühre alles kräftig durcheinander. Diesen Moment des Ausruhens vor dem kommenden, zweifellos anstrengenden Tag genießend, lehne ich mich zurück und lasse mir mein nahrhaftes Frühstück schmecken. Gluck, gluck, gluck, ertönt es als Tanja einen Billy nach dem anderen in unsere Wasserbeutel leert. Am östlichen Horizont erscheint ein hauchdünner, kaum wahrnehmbarer Lichtstreifen der in kurzer Zeit mehr und mehr Kraft gewinnt. Der Sonnenaufgang ist wie jeden Morgen ein Schauspiel an dem ich mich immer wieder von neuem erfreue.

„Freust du dich auf die Wüste?“ ,fragt Tanja das Tuch der sanftmütigen, friedfertigen Ruhe auf die Seite ziehend. „Ja schon. Es ist eine Herausforderung mit der ich auf dieser Etappe niemals gerechnet habe. Ich kann dir nicht einmal erklären warum, aber ich liebe die Wüsten. Sie haben so etwas Geheimnisvolles. Sie bergen für mich in ihrem Inneren eine Weisheit von der ich gerne etwas lernen möchte. Für mich bedeuten diese einsamen, von Menschen kaum berührten Bereiche der Mutter Erde unverdorbene, unzerstörte, reine Natur. Es ist ein Hochgenuss diese unverfälschte Realität des einfachen Seins in vollen Zügen einatmen zu dürfen… Manchmal glaube ich sogar den Puls der Erde zu fühlen und ihren Herzschlag zu hören.

Es ist ein Geschenk in der heutigen, vom Fortschritt zerrütteten Zeit, so einen Ort der Harmonie berühren zu dürfen. Sich im Zentrum des lebenden Planeten Erde zu befinden bedeutet für mich den Anschluss zu einer anderen Welt zu haben von der ich bis jetzt kaum etwas weiß. Die Wüsten oder andere noch unzerstörte Hautstücke der Erde bedeuten mir eine unsichtbare Tür in das Universum. Sie bedeuten mir aber auch mich selber besser kennen zu lernen. Sie schenken mir eine Fahrkarte, um in mein eigenes „Ich“ reisen zu dürfen. Ich finde es einfach furchtbar spannend was wir während dieser Reise täglich entdecken. Wie wir uns selbst erforschen und dabei beginnen die Zusammenhänge und Verbindungen zwischen unserem fleischlichen Körper und der Sonne, den Sternen, dem Mond und dieser roten Erde hier erkennen. Diese rote Erde aus der wir entsprungen sind, in die wir wieder zurückkehren werden. Unsere Mutter, die von der Menschheit so gnadenlos getreten wird, dass sie diese winzigen Kreaturen mittlerweile als kleine gefährliche Krebszellen betrachten muss. Es ist doch so, oder?“ ,unterbreche ich für einige Atemzüge meine Gedanken und bevor ich Tanjas Antwort vernehme fahre ich mit meinem Gedankenfluss fort: „Wir Menschen sind süchtig nach chemischen und künstlichen Dingen aller Art und bald alles was wir tun erzeugt giftigen Abfall. Wir Menschen müssen doch irgendwann begreifen das alles aber auch alles in einem Zusammenhang steht. Das die Wurzel des Problems unsere Besitzgier ist die ohne Zweifel an einer undringlichen, tödlichen Mauer endet. Einer Art Sackgasse. Wir Menschen müssen doch endlich erkennen, dass unser jetziger Lebensstil für die Entstehung der Radioaktivität, der Umweltverschmutzung durch Kohlenmonoxide, Krebs, AIDS, der veränderte Ozongehalt unserer Luft, das Delphin und Walsterben, der verschwindende Regenwald, Terrorismus, die zunehmende Dichte der Wolkendecke verantwortlich ist. Wir müssen doch endlich erkennen, dass es jetzt Zeit ist das Ruder herum zu reißen.

Ich liebe die Menschen und ich bin überzeugt davon, dass sie das Potential haben ihren Fortbestand zu sichern, bevor sich unsere Mutter Erde einmal kräftig schüttelt und wir alle schrecklich verenden werden. Das haben unsere Kinder nicht verdient. Schon für diese unschuldigen Wesen ist es wert zu kämpfen. Es ist wert ihnen eine paradiesische Natur, wie diese hier, zu erhalten. Und wenn ich so rede wird mir immer klarer, dass wir bei den kommenden Generationen beginnen müssen ein neues Bewusstsein zu wecken. Ein Bewusstsein welche von allen Kulturen, egal welcher Religion sie angehören, verstanden wird. Die Alten sind meist schon zu bequem geworden, um ihren Lebensstil ändern zu wollen, aber die Kinder, die sind unser Potential.

Im Grunde genommen wissen wir schon lange welches System funktioniert. Ein System welches auch schlüssig ist. Wir müssen einfach begreifen in die Natur zu investieren und nicht in den fiktiven Wert von Aktien die irgendwann, in naher Zukunft, weniger Wert sind als der rote Sand hier. Wir müssen unbedingt begreifen das unsere Lebensversicherung kein anfälliger Multikonzern ist, sondern unsere Mutter Erde. Sie, und nur sie bedeutet eine Sicherheit für unseren Fortbestand und ein friedliches, schmerzloses Weiterleben.

Mir kommt es so vor als Tümpeln wir in einer anderen Dimension, einer Dimension die mit dieser Realität nichts zu tun hat. Mir kommt es so vor als träumen wir Menschen und haben nicht die Kraft aufzuwachen. Kann es denn wirklich sein, dass der Mensch in einer völlig anderen Zeit lebt? In einer Zeit die mit dem jetzigen Zustand der Erde nichts zu tun hat…?“ „Wie meinst du das?“ ,fragt Tanja leise. „Nun, ich meine wenn es jedem klar wäre wohin diese Politik, dieses weltweite Wirtschaftssystem steuert würde jeder alles was in seiner Macht steht dazu beitragen es zu verändern. Da es aber nicht so ist habe ich das Gefühl wir Menschen träumen vor uns hin. Vielleicht ist das Rätsels Lösung ganz einfach. Wir müssen aus diesem Traum aufwachen und keiner würde seine sauer verdienten Kröten mehr in Aktien, Versicherungen und teuere Autos investieren. Wir würden unsere Energie, sprich Geld, in Projekte zur Rettung und Reparatur der Haut unserer Erde und der Ausbildung in unsere kommenden Generationen stecken. Ich meine mit Ausbildung natürlich eine neue Form von Schulsystem. Eine Form, in der es neben dem Allgemeinwissen, hauptsächlich um den Schutz unseres Fortbetstandes geht. Wir müssten ein internatonales Spezialistenteam von Philosophen an einem Ort vereinen die solch ein Lehrplan zur Rettung der Erde und unseres Fortbestandes entwickeln.“ „Wer sollen denn diese Philosophen sein?“ ,unterbricht mich Tanja von meinen Gedanken angeregt. „Nun, warum nicht die Bestsellerautoren der spirituellen Bücher. Sie schreiben doch unaufhörlich über die nötige Veränderung unserer Lebensform und die damit verbundene Rettung unseres Planeten. Also stell dir vor man könnte diese Menschen an einem Tisch vereinen. Natürlich müsste dieses Treffen ohne jeglichen Profit stattfinden. Sozusagen als den Beginn einer globalen Anlage für Mutter Erde. Jeder der ausgewählten Teilnehmer dürfte stolz darauf sein in so einem hochwertigen, wahrscheinlich dem wichtigsten Treffen der Menschheitsgeschichte, Mitglied zu sein. Und wie ich schon erwähnte, soll dieses Spezialistenteam dann einen neuen Lehrplan zur Erhaltung und Rettung der Erde ausarbeiten, der allen Regierungen unseres Planeten unterbreitet wird. Wenn das geschieht sind wir der Erhaltung der Gattung Mensch ein großes Stück weiter.“ „Klingt gut aber sehr schwierig.“ „Klar ist es nicht einfach aber es wäre ein Anfang dem Selbstmord entgegenzutreten. Irgendwer muss doch irgendwann einmal damit beginnen. Meiner Ansicht nach können wir diese riesige Herausforderung nur gemeinsam bewältigen und dürfen sie nicht mehr auf lange Bank schieben…“ ,spinne ich meine Gedanken weiter und weiter und füge am Ende dieser Erkenntnis noch hinzu: „In der Tat gehe ich gerne in die Wüste. Vielleicht gibt sie mir die Antwort darauf was es gegen diesen unaufhaltsamen zerstörerischen Konsum für ein Rezept gibt. Vielleicht hat sie mir aber auch schon eine Antwort gegeben und meine eben erwähnte Idee ist der Schlüssel zum Paradies? Ich weiß nicht aber ich werde weiter und weiter mein höheres Selbst, mein eigenes „Ich“ und Mutter Erde nach einer plausiblen Lösung fragen,“ ende ich und da es wegen meiner Rede schon spät geworden ist unterbreche ich sie hier. Schnell packen wir unsere Camp zusammen und verladen unsere Habseligkeiten auf unsere treuen Tiere.

„Camis walk up!“ gebe ich das Kommando zum allgemeinem Bockspringen. Wie die Irren hopsen unsere Jungs nach der zweitägigen Pause herum, knallen in wilder Übermut ineinander und versuchen mich ganz nebenbei mit ihrem massigen Auftritt unter sich zu begraben. „Udu! Udu! Udu!“ ,brülle ich um die Rasselbande zum Stehen zu bringen. „Mein Gott was ist denn bloß wieder in euch gefahren? Wir hatten doch alle zusammen ein friedliches Wochenende und jetzt arbeitet ihr mich schon in den ersten fünf Minuten auf!“ ,rufe ich und spüre wie sich in meinem Inneren großer Ärger aufbaut. Kaum laufen wir weiter explodiert Hardie nach vorne, reißt Jafar mit sich und beide bringen es fertig den gesamten Zug in den schon oft beschriebenen Hexenkessel zu verwandeln. „Hardie! Du verdammter Idiot!“ ,schimpfe ich. „Es war nicht Hardie,“ verteidigt ihn Tanja. „Es war Jafar. Ich habe genau gesehen wie er einfach zu springen begonnen hat.“ „Na dann ist eben Jafar der verdammte Idiot,“ rufe ich wütend und durch meine blitzschnellen Ausweichversuche außer Atem.

Zehn Minuten später haben unsere Boys genug von ihrem Kraftakt und marschieren wie die frommen Lämmer friedlich hintereinander her. „Kamele, Kamele, euch soll einer jemals verstehen,“ schüttle ich meinen Kopf und fühle wie sich langsam meine aufgewühlten Emotionen beruhigen.

EIN TRACK WIE EIN FATA MORGANA!

Nachdem wir die in der Karte, die als aufgegeben bezeichnete Wasserstelle Brama Bore erreichen, sind wir überrascht. „Seltsam, der Inhaber von Indiana hat doch gesagt das Epsom Bore die letzte Wasserauftankmöglichkeit vor der Wüste ist? Nimm bitte die Führungsleine, ich sehe mal nach ob das Wasser in den Tanks genießbar ist,“ sage ich zu Tanja. „Schmeckt hervorragend!“ ,rufe ich. „Warum er uns nichts von dem Wasser hier erzählt ha?“ ,wundert sich Tanja laut. „Seltsam,“ antworte ich meinen Blick über die staubige Ebene schweifen lassend, um den in der Karte angegebenen Weg nach Osten auszumachen. „Ich such mal da vorne. Irgendwo muss er ja sein,“ sage ich und laufe einige hundert Meter nach Süden. Da auch hier nichts von der Wegekreuzung zu finden ist begebe ich mich in die entgegengesetzte Richtung. „Da ist er auch nicht. Das darf doch nicht war sein. Auf dieser Station scheinen die kartographierten Tracks einfach nicht vorhanden zu sein. Dafür gibt es Wege die nicht in der Karte eingetragen sind. Das ist eine wirkliche Herausforderung für jeden Navigator,“ schimpfe ich und entscheide schon jetzt mit dem Querfeldeinlauf zu beginnen.

Wenige Meter nach der Brama Bore stapfen wir bereits durch Spinifexgras und winden uns wie eine Rieseschlange um die unzähligen Büsche und Sträucher. Es dauert einige Zeit bis sich meine Gedanken mit dem verfrühten anstrengenden Lauf abgefunden haben. Wie beim Treppensteigen laufe ich über die spitzen Grasbüschel. Immer wieder schalte ich mein GPS ein, um die Himmelsrichtung nicht zu verlieren. Die Sonne brennt uns auf die Köpfe. Schweiß rinnt mir den Rücken hinunter und insgeheim sehne ich mich schon jetzt nach dem Moment an einem schönen schattigen Camp anzukommen. Meine Muskeln beginnen zu brennen, mein Atem geht schwer aber stetig und ich wünsche mir eine vorgegebene Linie der ich wie einem Pfad folgen kann. Das unaufhörliche kucken auf den Navigationscomputer lässt mich nicht selten über einen Ast oder Grasbüschel stolpern bis ich plötzlich glaube so etwas wie einen Weg zu erkennen. Aufgeregt folge ich dieser Spur die eher wie eine Fata Morgana wirkt. Konzentriert eilen meine Blicke nach links und rechts und tatsächlich bemerke ich die leichte, von der Witterung verwaschene Erdaufhäufung die zweifelsohne einmal eine Planierraupe aufgeworfen hat. Ich jubiliere den uralten Wegweiser durch den Busch entdeckt zu haben und rufe zu Tanja die hinter den Kamelen läuft: „Wir haben ihn gefunden!“

Wegen hochgewachsenen Bäumen und Büschen müssen wir die schon seit vielleicht 10 oder 20 Jahren unbenutzten Verbindung öfter verlassen. Trotzdem erspart sie mir den ständigen Blick auf die Kompassnadel worüber ich sehr erleichtert bin.

Am Nachmittag überquert unsere Spur eine stark benutzte Staubpiste und trifft danach auf ein großes Gatter. Wir öffnen das komplizierte Verschlusssystem und folgen nun einem ebenfalls kaum benutzten aber breiteren Track. Links und rechts wachsen leckere Fressbäume für unsere Kamele was unsere Stimmung noch mehr beflügelt. „Ich glaube wir sollten da vorne unser Lager aufschlagen,“ meine ich gut gelaunt. „Sieht vielversprechend aus,“ bestätig mir Tanja worauf ich unsere Jungs anhalte und der freudige Moment eintritt sie fürs Rastcamp nieder zu huschen.

Nachdem die Kamele entladen sind, unsere Stühle und das Lager aufgebaut ist, beginnt der zweitschönste Moment des Tages. Mit einem lautem „Aaaahhh,“ lasse ich mich in den Campstuhl nieder. „Was magst du zu trinken? Wir haben noch heißes Wasser für einen Tee oder Kakao?“ ,höre ich Tanjas Stimme in meinen Ohren säuseln. „Wasser, einfache klares kaltes Wasser,“ antworte ich. Kaum ist der Becher voll, schütte ich den kühlen Inhalt in meinen Rachen. Es schmeckt wie das köstlichste Getränk aller Zeiten. Viel besser als jede Limonade, jedes Bier und jeder Fruchtsaft. Klar und erfrischend rinnt mir das Köstlichste und Wertvollste was wir auf Erden besitzen die Kehle hinunter und gibt mir augenblicklich neue Energie. Sofort öffnen sich die Poren und benetzen meine gesamte Haut mit Feuchtigkeit als würde ich unter einem kühlenden Springbrunnen stehen. „Aaahhh, das ist wunderbar,“ stöhne ich und bin in diesem Moment der glücklichste Mensch.

Nach einer kurzen Pause beginnt Tanja die Kamele zu hüten während ich kleinere Sattelarbeiten durchführe.

Wir freuen uns über Kommentare!

Tag: 80 Etappe Drei / Expeditionstage gesamt 471

Sonnenaufgang:
06:59

Sonnenuntergang:
18:06

Luftlinie:
22,3

Tageskilometer:
28

Temperatur - Tag (Maximum):
24 Grad, in der Sonne ca. 40 Grad

Temperatur - Nacht:
minus 6,8 Grad

Breitengrad:
23°15’31.5’’

Längengrad:
135°45’42.2’’