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Das gefährliche Zaunlabyrinth

Falscher-Track-Camp — 01.08.2002

Kurz nach dem Aufbruch durchschreiten wir das Grenztor von Indiana Station und schon sieben Kilometer weiter erreichen wir die Epsom Bore. Laut Aussage des Stationinhabers ist sie die letzte Gelegenheit, um vor der Durchquerung der Simpson unsere Wasserreserven aufzufüllen. Neben einem Zaun husche ich wenige Meter vor einem Wassertrog die Kamele nieder. Eine Rinderherde macht sich gerade durstig über die kostbare Flüssigkeit her. Durch unsere Anwesenheit rennen die Tiere in einer riesigen Staubwolke davon, doch der Durst treibt sie Minuten später schon wieder an die Tränke. Etwas ängstlich, vor allem aber neugierig, beobachten uns die Rinder. „Während du das Wasser auffüllst tränke ich unsere Jungs,“ schlägt Tanja vor. „Okay,“ antworte ich, packe die leeren Wasserbeutel aus und laufe zum Zaun hinter dem sich das große Auffangbecken befindet. „Ich glaube auf dem Zaun liegt Strom,“ rufe ich Tanja zu die gerade einen Eimer im Tiertrog füllt. „Gibt nur eine Möglichkeit das herauszufinden,“ lacht sie. Blitzschnell betaste ich den Zaun, um so wenig wie möglich von dem Schlag abzubekommen. Nichts, ich habe nichts gespürt. Wieder lange ich schnell an den Draht und wieder spüre ich nichts. Da der Strom in Impulsen durch den Draht fließt weiß ich nicht ob ich gerade ein Stromloch erwischt habe. Mutig strecke ich meinen Finger noch mal aus und halte ihn etwas länger am Zaun. „Ah, verdammt!“ ,fluche ich als es kräftig in den Fingern prickelt. „Es ist Strom drauf,“ verständige ich Tanja und krabble vorsichtig unter der letzten Drahtverspannung hindurch. „Halte deinen Hintern tiefer,“ warnt mich Tanja, worauf ich ihn noch mehr auf den Boden presse.

Da fast Windstille herrscht kommt nur sporadisch Wasser aus dem Schlauch. Das Windrad, welches sich hundert Meter von hier entfernt befindet, dreht sich nur manchmal. Obwohl ich unsere Wasserbeutel auch im Becken füllen könnte ist mir das klare Nass aus der Erde lieber. Es dauert eine Weile bis ich weitere 80 Liter abgefüllt habe. Insgesamt laden wir 160 Liter auf unsere Jungs die somit wieder an ihrer Belastungsgrenze sind. Nach meiner Kalkulation müssten wir so genügend Wasser besitzen, um die Nummer vier Bore auf Atula Station zu erreichen. Bis dahin sind es ca. 80 Kilometer. Wenn wir heute noch 15 Kilometer schaffen nur noch 65 Kilometer. Davon müssen wir knapp 40 Kilometer durch Spinifexland zurücklegen. Wenn wir unseren Wasserverbrauch großzügig berechnen benötigen wir Maximum 20 Liter am Tag. Durch schweres Gelände kalkuliere ich 15 Kilometer am Tag. Also brauchen wir inklusive zwei Schreib- und Reparaturtage knapp sieben Tage bis zum nächsten Ziel. Das sind 140 Liter. Wir haben also noch eine Reserve von 20 Liter, was im Extremfall allerdings nur einen Tag bedeutet.

Natürlich gehen wir nicht davon aus das etwas Unvorhergesehenes geschieht, denn in diesem Fall dürften wir keine zwei Tage herschenken, um zu schreiben. Aber auf der anderen Seite haben wir solche Situationen schon seit dem Aufbruch der Expedition vor über zwei Jahren bewältigt. Angst ist nur bis zu einem gewissen Maße angebracht. Alles was darüber hinaus geht ist eher destruktiv.

Es ist bereits 12 Uhr als die Kamele geladen und getränkt sind. Erschöpft vom Wasser schleppen lasse ich die Tiere aufstehen. Dann folgen wir dem Indiana Track. Unmittelbar neben dem Windrad muss der Weg nach Osten abbiegen,“ sage ich, doch weit und breit ist von diesem Track nichts zu sehen. Nach einem ausgiebigen Kartenstudium und dem herauslesen einiger Koordinaten bin ich der Überzeugung umkehren zu müssen. „Ich glaube der Track geht durch das alte Gatter neben dem Wassertank,“ meint auch Tanja weswegen wir zur Tränke zurücklaufen. Da über das baufällige, seit Jahren ungenutzte Gatter ebenfalls ein Stromdraht führt entscheide ich mich einen anderen Weg durch die Zäune zu suchen.

DAS GEFÄHRLICHE ZAUNLABYRINTH

Über 10 Minuten stapfe ich bei ca. 58 Grad in der Sonne durch die staubigen Rindergehege bis ich endlich einen Durchgang finde. Ich blase in meine Trillerpfeife, um Tanja zu verständigen die Karawane hierher zuführen. Als sie an den von mir entdeckten, ebenfalls baufälligen Gatter ankommt, übernehme ich die Führungsleine von Sebastian. „Ob er sch an dem Stahlzaun vorbeitraut?“ frage ich. „Ich hoffe,“ antwortet Tanja sich neben den linken Zaunpfosten stellend, um die Kamele im Notfall anzubrüllen wenn sie mit ihren Satteltaschen dagegen knallen sollten. Ich atme tief durch und gebe Sebastian das Kommando zum Loslaufen. „Das machst du gut Sebastian. Ja sehr gut,“ rede ich rückwärts laufend auf ihn ein als er plötzlich scheut und zur Seite springt. Wie erwartet hat er eine panische Angst vor dem Stahlzaun.

Seit dem Beginn dieser Expedition, also seit über 4500 Kilometern, scheut Sebastian vor Scheunen, massiven Toren, Hütten, alten verrosteten Autos, Schrott jeglicher Art, ja sogar vor einem Benzinfass. Schon oft haben wir uns aus diesem Grund überlegt die Führung einen der anderen Kamele zu übergeben aber leider haben all seine Mates ebenfalls ihre Mängel. Der Eine will nicht vorauslaufen sondern nur hinter seinem Kumpel hinterher trotten. Der Andere läuft zu schnell oder zu langsam und lässt sich unaufhörlich ziehen und so weiter. Obwohl die Angst vor von Menschen gebauten Gegenständen ein gewaltiger Nachteil ist, macht Sebastian in vielen anderen Bereichen eine gut Figur. Er ist von seinen Artgenossen als Boss anerkannt weswegen sie ihm gerne folgen. Ich kann ihn im Regelfall durch und über jedes natürliche Hindernis ziehen. Er läuft einen guten schnellen Schritt. Beißt mich nicht in den Kopf. Schlägt nicht nach vorne aus und vieles mehr.

In diesem Augenblick allerdings könnte ich ihn verfluchen. Ich stoppe kurz, um ihn die Gelegenheit zu geben sich ein wenig umzusehen und ziehe ihn dann weiter. Wenn er kurz vor dem Pfosten durchgehen sollte kann er seine Mates in das Verderben reißen, denn sie könnten sich dann mit den Verbindungsseilen um den Pfosten wickeln. „Er läuft Denis. Ja es sieht alles gut aus,“ ruft Tanja und schon sind wir durch das gefährliche Tor. Nur 20 Meter weiter führe ich unsere Jungs durch ein weiteres Gatter bis wir uns mitten in einem abgewirtschafteten Rindergehege befinden. Ein flexibler Stahlzaun versperrt uns den Weg in ein daneben liegendes Gehege. Mit großer Kraftanstrengung versetze ich die Einfriedung und öffne sie um ca. Drei Meter. Zu meinem Entsetzen bemerke ich nur einen Meter hinter meiner geschaffenen Öffnung, in etwa 2 ½ Meter Höhe, einen elektrische Draht der offensichtlich den Zaun an der Wasserstelle mit Energie speist. „Wenn das da oben nur einen von unseren Jungs berührt haben wir ein Desaster am Hals,“ warne ich. „Am besten du stellst dich wieder auf die linke Seite der Öffnung und wenn sie dem Draht dort zu nahe kommen treibst du sie auf die andere Seite.“ „Ich hoffe es gut geht,“ antwortet Tanja.

„Camis walk up,“ gebe ich das Kommando. Ööööhhhäää! ,brüllt Sebastian als er dicht an einem Wassertrog vorbeilaufen soll und reißt seinen Kopf nach oben. Der nervöse Blick in seinen Augen verrät mir, dass er jeden Augenblick durchgehen wird. „Komm Sebastian…, ganz ruhig,“ rede ich auf ihn ein als er urplötzlich zur Seite rast und seine Gefährden hinterher springen müssen. Bevor sie gegen einen stabilen Begrenzungszaun donnern bekomme ich Sebastian unter Kontrolle. Ich lasse ihn wieder die Umgebung nach Feinden inspizieren bis ich innerlich, an meine Grenzen nervös, ein weiteres Kommando zum Loslaufen rufe. Irgendwie schaffe ich es unsere Boys durch die Stahlöffnung zu ziehen. Mit bangen Blicken beobachte ich den Abstand zum elektrisch geladenen Draht der nur etwa 30 Zentimeter über ihren Köpfen den stahlblauen Himmel durchschneitet. Sebastian bekommt in diesem Moment wieder seinen, mir so vertrauten, panischen Blick. „Jetzt nicht lieber Gott. Bitte jetzt nicht,“ schicke ich ein Stoßgebet in den Himmel. „Ja so ist es gut,“ ruft Tanja während ich Sebastian wie ein Hypnotiseur konzentriert in die Augen blicke. „Wir sind durch,“ erleichtert mich Tanjas Ruf. Nachdem wir ein weiteres Tor durchlaufen, lassen wir das Zaun- und Torlabyrinth hinter uns. Wir schreiten einige hundert Meter über steiniges Grasland bis wir auf einen Track treffen. „Das muss er sein,“ stöhne ich erleichtert.

DER FALSCHE TRACK

„Komisch, das GPS zeigt in eine andere Richtung. Entweder es gibt den in der Karte eingezeichneten Track nicht mehr oder er befindet sich auf der anderen Seite des Flussbettes,“ wundere ich mich nachdenklich. Da dieser Weg im Augenblick die einzige Möglichkeit für uns bedeutet einen frühzeitigen Marsch durch das Spinifex zu vermeiden und er zumindest grob in die gewünschte Richtung führt folgen wir ihn. „Da sind sie,“ sagt Tanja plötzlich. „Was ist da?“ „Kamelspuren.“ Tatsächlich entdecken wir seit vielen Wochen wiedereinmal frische Kamelspuren. „Der Grenzzaun zur Simpson muss irgendwo kaputt sein. Ansonsten wären sie nicht hier auf der Station,“ äußere ich mich.

Während der nächsten 1 ½ Stunden zeigt die Kompassnadel immer mehr in die falsche Richtung. „Also ich verstehe das nicht. Dieser Weg kann niemals der in der Karte angegebene sein. Vielleicht biegt er hinter dem Creek da vorne wieder nach Südosten ab,“ hoffe ich laut. Um 15 Uhr 30 durchqueren wir ein ausgetrocknetes Flussbett und treffen auf ein von einem Sturm völlig zerstörtes Windrad. Überrascht hören wir einen Dieselmotor der Wasser aus dem Erdinneren pumpt. „Das glaube ich nicht. Ohne Zweifel sind wir hier total falsch,“ schimpfe ich und schnappe mir wieder die Karte. Ich knie mich in den Sand und lasse meine Augen über die leere Fläche gleiten bis ich die Crossing Bore gleich hinter einem namenlosen Flussbett entdecke. „So ein Mist. Wir sind falsch gelaufen. Schau hier sind wir,“ zeige ich Tanja in der Karte unsere Position. „Eigentlich müssten wir fünf Kilometer weiter südlich an der verlassenen Brahma Bore sein. So ein verfluchter Mist. Gerade jetzt mit unseren knappen Wasservorräten sind wir einem falschen Track gefolgt. Ich hätte früher eine Zwischennavigation durchführen sollen.“ „Mach dir keine Vorwürfe. So etwas kann doch passieren. Bisher hast du uns immer richtig geführt,“ tröstet mich Tanja. „Hm, trotzdem ist so etwas in so einer verlassenen Landschaft riskant. Wir haben glatt einen halben Tag verloren. Aber wer kann denn wissen, dass es hier einen Weg gibt der in die ähnliche Himmelsrichtung führt und in der Karte nicht eingetragen ist. Wir müssen umkehren. Erinnerst du dich? Da gab es einen Track der unseren gekreuzt hat. Wie weit liegt der zurück?“ „Ich weiß nicht. Vielleicht eine Stunde? Meinst du der bringt uns zur Brama Bore?“ „Könnte ich mir vorstellen. Er geht zumindest in die von uns gewünschte Richtung. Wir können nur hoffen, dass er nicht irgendwann einen Bogen macht und uns wieder in die Irre führt.“

Bevor wir umkehren untersuche ich das Wasser welches der Motor aus der Erde pumpt. Es schmeckt überraschend gut und wird in einer Leitung unter dem roten Sand irgendwohin befördert. Ich lasse meine Augen über die Landschaft schweifen. Keine Bäume und Büsche begrenzen die Sicht. Hier beginnt das Reich des Spinifexgras und das Königreich der wilden Kamele. Ein leichter Schauder läuft mir über den Rücken. In kurzer Zeit werden wir uns mitten drin befinden. Ich kehre der Unendlichkeit dem Rücken zu und laufe zu unserer Karawane zurück. Tanja sitzt müde im Sand. Es ist heiß und die Stimmung etwas gedrückt. „Camis walk up,“ rufe ich und führe sie den Weg zurück den wir gerade gekommen sind. Eine knappe Stunde später treffen wir auf die erwähnte Wegekreuzung. Wir folgen ihr nach Süden. Sofort hole ich das GPS heraus. „So wie es im Augenblick aussieht geleitet uns dieser Pfad tatsächlich zur Brama Bore.“ „Das ist gut,“ höre ich Tanja.

Nach sieben Stunden haben wir nur knapp 15 Kilometer Luftlinie zurückgelegt. Es ist schon 16 Uhr 30 als wir mitten im Spinifexgras unter dem Schatten mehrere hochgewachsener Bäume einen traumhaft schönen Lagerplatz beziehen. Hundemüde entladen wir unsere Freunde die sich heute wieder tapfer geschlagen haben. Kaum sind sie entladen und losgebunden laufen sie los, um sich an den leckeren Bäumen zu laben. „Schau mal dort drüben,“ ruft Tanja leise. Ein neugieriges Emu stolziert direkt in unser Camp und begutachtet sich die Ausrüstung. Der große Vogel beugt seinen Kopf nach links und rechts, blinzelt mit seinen Augen und scheint sich über die seltsamen Dinge sehr zu wundern. Als ich vorsichtig meine Kamera hole entdeckt er mich und rast durch das hohe stachlige Gras davon.

Wir freuen uns über Kommentare!

Tag: 77 Etappe Drei / Expeditionstage gesamt 468

Sonnenaufgang:
07:02

Sonnenuntergang:
18:05

Luftlinie:
14,4

Tageskilometer:
28

Temperatur - Tag (Maximum):
29 Grad, in der Sonne ca. 56 Grad

Temperatur - Nacht:
plus 7 Grad

Breitengrad:
23°09’12.5’’

Längengrad:
135°34’35.6’’