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Die Entscheidung

Huckitta-Camp — 30.07.2002

Gleich am Morgen setze ich mich in einen großen Raum der Homestead und breite meine Karten auf dem Billardtisch aus. Sorgfältig lege ich Kartenblatt neben Kartenblatt, um mir einen Überblick der gefährlichen Wüste verschaffen zu können. Im ersten Augenblick sehe ich nichts außer die eingezeichneten braunen Linien die nichts anderes als Sanddünen bedeuten und sich wie ein dichtes Raster von Südost nach Nordwest über das Papier ziehen. Mit mulmigen Gefühlen folgt meine Blick einem Track nach Süden der bei der Homestead der Indiana Station endet. Dort beginnt sie, die Simpson Desert, die laut Peter schon vielen Menschen das Leben gekostet hat.

Wenn wir den Weg bis zur Epsom Bore folgen, an der verlassenen Brahma Bore vorbei bis zum Dingo Dam…? Wäre das eine Möglichkeit? Ab dem Dingodamm geht es ca. 80 Kilometer querfeldein, höchstwahrscheinlich durch Spinifex. Dann über das ausgetrocknete Flussbett des Huckitta. Aufmerksam betrachte ich die weitere Strecke nach Osten bis ich ein namenloses Bohrloch entdecke welches auf der Atula Station sein muss. „Wenn es dort Wasser gibt können wir die erste Strecke schaffen,“ flüstere ich. Dann sehe ich mir das nächste Kartenblatt an. Von den letzten Ausläufern der Atula Station, die wie Finger in die Wüste greifen, liegt eine Distanz von ca. 160 Kilometer bis zur Smith Bore von Tobermorey Station. Von dort sind es noch mal 160 Kilometer bis Marion Downs Station. Nach einer groben Kalkulation rechne ich mindesten 400 Kilometer Luftlinie durch die Simpson Wüste. Noch mal sehe ich mir die Wasserstellen an und notiere sie in einem Block. Wenn die Bohrlöcher genießbares Wasser ans Tageslicht fördern ist die Durchquerung zu machen. Es darf nur nichts dazwischen kommen. Kein kleiner Unfall, kein Zwischenaufenthalt oder sonst irgend etwas. Besonders auf den 160 Kilometer langen Strecken.

Brütend blicke ich auf die Karten und frage mich ob es eine gute Entscheidung ist das menschenfeindliche Land zu durchschreiten. Ich lausche auf mein Gefühl. Warnt es mich? Spüre ich eine unangenehme Regung in mir? Was ist wenn wir der ursprünglich geplanten Strecke folgen? Was ist wenn ein oder mehrere unserer Jungs durch den Verzehr der Gidyea krank werden oder sogar sterben? „Wir laufen durch die Simpson,“ sage ich laut zu mir. „Wenn die Wasserstellen in Ordnung sind durchqueren wir die Simpson,“ sage ich noch mal, verlasse den Raum, um Jan zu fragen ob sie für uns bei den vor uns liegenden Station Erkundigungen einziehen will. „Gerne tue ich das für euch. Ich denke es ist eine gute Entscheidung die Gidyea zu umlaufen,“ meint sie.

Am Abend bekommen wir dann auch noch von der letzten Station am anderen Ende der Simpson bescheid, dass die Bohrlöcher intakt sind und Trinkwasser fördern. „Wir freuen uns auf die beiden,“ sagen die Manager von Marion Downs.

GEFAHR DER SCHLANGEN

Beim Essen erzählen uns Jan und Dean über die Gefahr von einer Schlange gebissen zu werden. „Habt ihr oft direkten Kontakt mit Schlangen?“ ,möchte ich wissen. „Oh, auf unserer anderen Station in Queensland wimmelt es gerade so von ihnen. Letztes Jahr gab es, um die Homestead unzählige von Schlangen,“ erzählt Jan. „Ich habe jeden unserer Besucher gewarnt sich der ständigen Gefahr bewusst zu sein. Sie hingen im Dach, krochen unter den Steinen, kamen ins Haus. Sie waren überall. Es war so schlimm, dass ich mich am Telefon mehrer Stunden mit einem Arzt unterhielt wie man Schlangebisse behandelt falls doch mal ein Unfall geschieht. Und ich sage euch, das rettete unserem Freund das Leben.“ „Wie meinst du das? Wurde er gebissen?,“ fragen Tanja und ich bald gleichzeitig. „Ja. Er ist Installateur und hat für uns einige Rohre verlegt. Am Abend ging er in die Vorratskammer, um sich irgend etwas zu holen. Er hatte keine Taschenlampe dabei und als er sich in dem dunklen Raum bückte biss ihn eine Kingbrown zweimal in die Wade.“ „Was…? Gleich zweimal?“ ,frage ich entsetzt. „Ja. Wenn Schlangen sich sehr bedroht fühlen beißen sie öfter zu.“ „Und was ist aus eurem Freund geworden?“ „Er hat mir sofort gesagt, von einer Schlange erwischt worden zu sein. Obwohl er keinerlei Schmerzen verspürte habe ich ihn gleich in den Stuhl setzen lassen. Ich drückte eine Mullbinde auf die Bissstellen und legte umgehend einen Druckverband an. Auf diese Weise kann sich das Gift in den Lymphen nur langsam ausbreiten.“ „Und dann?“ frage ich ganz aufgeregt. „Nun, dann habe ich den Arzt angerufen. Eine Stunde später hat ihn ein Flugzeug abgeholt. Er hatte immer noch keine Schmerzen und meinte, dass der ganze Aufwand nicht nötig sei. „Die Schlange hat mich nicht richtig gebissen,“ meinte er noch. Als sie im Krankenhaus den Druckverband gelöst haben ist er augenblicklich fast bewusstlos umgefallen. Durch das Lösen des Druckverbandes konnte sich das Gift sofort verbreiten. Der Arzt hat in der Mullbinde, welche auf der Bissstelle lag, das Gift analysiert und sofort das richtige Gegengift gespritzt.“ „Ist ja eine schreckliche Geschichte. Geht es ihm heute wieder gut?“ „Nein, nicht richtig. Er leidet immer wieder unter den Folgen des Bisses. Ich glaube es kann Jahre dauern bis der Körper so eine massive Vergiftung ausgearbeitet hat.“ „Wir können nur hoffen diese Etappe ohne solch einen Unfall zu überleben,“ sage ich als sich Tanjas und meine Augen treffen.

„Aber die Geschichte ist gar nicht so tragisch gewesen,“ setzt Jan ihre Erzählung fort. „Freunde von uns hatten vor ein paar Jahren auf einer abgelegenen Station ein großes Familientreffen. Es war eine wunderschöne Feier. Auf einmal viel der Generator aus. Alles war dunkel als plötzlich das Baby zu schreien begann. Als sie den Generator wieder in Gang gebracht haben, stellten sie fest, dass das Baby von einer Schlange gebissen wurde. Panik brach aus. Sofort riefen sie den Flying Doctor Service an, der aus irgendwelchen Gründen nicht kommen konnte. Nach ewigem Hin und Her arrangierten sie es einen Krankenwagen, der gerade von einem Einsatz zurückkam, umzuleiten. Der wegen der Feier angetrunkene Vater des Kindes lud es in den Jeep und fuhr so schnell er konnte dem Krankenwagen entgegen. Als er seinen Sohn dem Arzt überantwortet lag er bereits im Koma. Es war gerade der richtige Augenblick und sie konnten das Baby retten.“

Tanja und mir läuft bei der Geschichte die Gänsehaut rauf und runter. Wenn ich daran denke wie ich vor ca. einem Jahr fast einer Kingbrown auf dem Schwanz getreten bin. (Tagebuchgesamtübersicht vom 21.06.01 Tag 06 Etappe Zwei) Oder wie eine Schlange unter unsere Sättel kroch und mir nichts anderes übrig blieb als sie zu töten. (Tagebuchgesamtübersicht vom 22.06.01-08.07.01 Tag 07-23 Etappe Zwei)

„Wenn ihr das Spinifexgras durchquert müsst ihr immer auf die Schlangen achten. Sie leben darunter und es gibt Unmengen davon. Jetzt ist es nicht ganz so tragisch, weil es nachts noch zu kalt ist aber wenn die Temperaturen zunehmen sind sie wieder aktiv. Ich möchte euch keine Angst einjagen aber ein Schlangebiss ist hier draußen fatal,“ warnt uns Dean.

Wir freuen uns über Kommentare!

Tag: 75 Etappe Drei / Expeditionstage gesamt 466

Sonnenaufgang:
07:04

Sonnenuntergang:
18:05

Temperatur - Tag (Maximum):
20 Grad, in der Sonne ca. 30 Grad

Temperatur - Nacht:
minus 1 Grad

Breitengrad:
22°53’56.9’’

Längengrad:
135°27’36.9’’