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Blüten die nach Schwefel und gekochtem Wirsing riechen

Gidgee-Camp — 22.07.2002

„Uuaahh,“ wache ich gähnend und zufrieden auf. „Hast du gut geschlafen?“ ,fragt Tanja müde. „Wie ein Bär. Vor allem habe ich in letzter Zeit beeindruckende Träume,“ antworte ich meinen Oberkörper auf und ab bewegend, um wie jeden Morgen meinen Rückenmuskeln die notwendige Gymnastik zukommen zu lassen.

Ohne Zwischenfälle befinden wir uns nach dem anstrengenden Laden wieder auf dem einsamen, kaum sichtbaren Track. Gegen Mittag wird der Weg besser und auf einmal treffen wir auf ein paar frische Jeepspuren. „Wenn mich nicht alles täuscht befinden wir uns jetzt auf Mount Swan Station,“ stelle ich fest und zeige Tanja unsere Position in der Karte. „Nicht weit von hier muss die Spears Bore sein. Vielleicht können wir dort unsere Tiere tränken und unsere Wasservorräte auffüllen,“ meine ich. „Glaubst du, dass sie existiert?“ ,fragt Tanja nachdem wir gestern vergeblich die No 7 Bore gesucht haben. „Keine Ahnung, aber so wie es aussieht ist der Track hier wieder benutzt. Ich könnte mir schon vorstellen auf Wasser zu stoßen.“

Wenige Kilometer weiter gabelt sich der Weg. Ich stoppe die Karawane, um dem Pfad in Richtung Spears Bore auszukundschaften. Unerfreulicherweise treffe ich nur auf einen funktionstüchtigen Dieselmotor mit dem der Farmer das kostbare Wasser aus der Erde pumpt. Trotz einiger Versuche ist es für mich nicht möglich das Ding in Gang zu bringen, worauf wir unseren Marsch in Richtung Mount Swan Station fortsetzen. Ein einsamer halbverfallener Wegweiser steht an einer weiteren Weggabelung und zeigt die Richtung zu verschiedenen Stations an. „Komisch, keines der Schilder erwähnt Mount Swan. Ob es die Station überhaupt noch gibt?“ ,grüble ich laut. „Keine Ahnung. Ist wirklich seltsam. Haben wir noch genügend Wasser?“ „Wenn nichts dazwischen kommt reicht es noch für mindestens fünf weitere Lauftage. Wir können es im Notfall bis zur Huckitta Station schaffen, die ca. 80 Kilometer südöstlich von Mount Swan liegt.“

Als wir unseren Marsch in Richtung Mount Swan fortsetzen biegen die Jeepspuren nach Nordwesten ab weswegen wir uns wieder auf dem seit mindestens 10 oder 20 Jahren unbenutzten Track befinden. Wir durchqueren ein weites Tal. Links und rechts erheben sich etwa 500 Meter hohe Berge die mit groben Gestein überzogen sind. Es ist für die Jahreszeit verblüffend warm. Die jetzt schon gnadenlosen Sonnenstrahlen lassen uns erahnen wie brütend heiß es hier im Hochsommer sein muss.

„Was ist denn das da drüben?“ ,frage ich auf einen unnatürlich aussehenden Steinhaufen deutend und mache mich auf nachzusehen. Überrascht stehe ich vor einem sauber gemauertem Mahnmal auf dem geschrieben steht, dass hier Colin Miles 1957 an Hitzschlag gestorben ist. Seine Freunde wollen mit diesem Monument dem vorbeikommenden Reisenden auf die Gefahr hinweisen wie leicht man hier verdursten kann. Damit auf diesem Weg kein Mensch mehr verdursten muss haben sie gleich neben dem Gedenkstein ein 200 Liter Wasserfass aufgestellt. Erfreut eile ich zu der Überraschung doch als ich dagegen klopfe hört es sich leer an. „Klar, hier ist anscheinend schon seit vielen Jahren keiner mehr vorbeigekommen. Es gibt also keinen Grund das Fass aufzufüllen,“ stelle ich enttäuscht fest.

Es ist 15 Uhr als wir unter den Schatten spenden Kronen einiger Bäume unser Lager aufschlagen. „Hier riecht es aber eigenartig. Findest du nicht?“ ,frage ich Tanja. „Ja… du hast recht. Man könnte sagen es stinkt.“ „Ob es die gelben Blüten der Bäume hier sind?“ ,möchte ich wissen und rieche an einer der vielen kleinen Blüten. „Tatsächlich, die sind es. Sie riechen fast etwas nach einer Mischung aus Schwefel und gekochtem Wirsing.“ „Das sind die Gidyeabäume von denen uns Birgitt und Jürgen berichtet haben,“ fällt es Tanja ein. „Die sollen doch weiter östlich giftig werden?“ „Ja, wir sollten auf der nächsten Station fragen ab wann wir mit diesen Giftbäumen rechnen müssen. Sieh nur wie gerne sie unsere Jungs fressen.“ Nachdenklich beobachte ich unsere Tiere die sich heißhungrig über die Bäume hermachen. Wenn die Information der beiden Forscher Jürgen und Birgitt richtig ist benötigen wir in der Tat dringend die Information ab wann diese Bäume giftig werden. Nur der Gedanke daran ein weiteres Kamel zu verlieren lässt mich erschaudern.

Eine dichte Wolkenfront legt sich wie eine wärmende Decke über die Nacht. Das Thermometer steht um 21 Uhr immer noch auf 18 Grad plus. Seit Wochen das erste Mal schwitzend drehe ich mich in meinem warmen Schlafsack von der einen auf die andere Seite. Vom Vollmond ist nichts mehr zu sehen. Trotzdem reflektiert er genügend Licht, um die dichte Wolkendecke in kreidefarbener Helligkeit erscheinen zu lassen. Es wird doch nicht zu regnen beginnen? Unruhig beobachte ich die sich ständig verändernden Wolkenbilder, die sich wie tanzende Geistwesen unaufhörlich mit einander vereinen, bis ich glaube ein paar Tropfen gespürt zu haben. Das kann doch nicht sein? Erst vor wenigen Tagen hatten wir noch minus 10 Grad und jetzt soll es regnen? Eigentlich müsste es schneien. Nervös liege ich nun da und warte auf den Wolkenbruch der unser gemütliches Bett in Wasser tränkt. Habe ich mir die Tropfen nur eingebildet? Doch kaum stelle ich mir die Frage als die Antwort unmissverständlich vom Himmel fällt. Fette Wassertropfen landen unter unangenehm lauten Trommeln auf unseren Schlafsäcken. „Oh nein!“ ,ruft Tanja als sie von dem ungemütlichen Geräusch geweckt wird. Sofort springe ich aus dem Bett, eile zu unserer Zelttasche, um unser kleines Stoffhaus herauszuholen. Kaum habe ich es ausgebreitet hört es zu regnen auf. „Vielleicht solltest du mit dem Aufbau noch etwas warten,“ meint Tanja. „Vielleicht,“ überlege ich laut und lege das Zelt unters Bett. Bevor ich mich dann wieder in die Schlafhülle verkrieche schnappe ich mir die Schaufel und beseitige das stachlige Gesträuch. Falls es nun doch zu regnen beginnt habe ich so zumindest einen stachelfreien Untergrund, um unsere regensichere Behausung aufrichten zu können.

Wieder liege ich dann auf dem Campbett und beobachte das Schauspiel der tanzenden Wolken-Feen. In meiner Fantasie sehe ich die Grazien und Göttinnen mit Dämonen und Ungeheuer kämpfen, bis mir die Augen zufallen und ich die Bedrohung des Regens vergesse.

Wir freuen uns über Kommentare!

Tag: 67 Etappe Drei / Expeditionstage gesamt 458

Sonnenaufgang:
07:07

Sonnenuntergang:
18:04

Luftlinie:
20,1

Tageskilometer:
26

Temperatur - Tag (Maximum):
27 Grad, in der Sonne ca. 52 Grad

Temperatur - Nacht:
plus 6 Grad

Breitengrad:
22°36’21.5’’

Längengrad:
135°00’34.8’’