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Dem Licht entgegen

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Um 09:19 wandert die Sonne langsam über den Horizont und begrüßt uns mit ihrem wunderbar zarten Licht. Die kleine Holzstabkirche des Friedhofes erstrahlt in goldenen Schein, gerade so, als wäre der Heilige Geist in sie gefahren. Der Himmel ist hellblau. Nur ein paar feine Schleierwolken verzieren ihn. Das Schlechtwetter der vergangenen Tage ist wie weggeblasen, für den Augenblick zumindest. „Im Vergleich zu unserer aktuellen Location geht die Sonne am Saltfjord erst 20 Minuten später auf und ca. 50 Minuten früher unter“, sage ich meine Logdaten niederschreibend. „Echt? Der Saltfjord ist doch gar nicht so weit weg von hier“, wundert sich Tanja. „Drei Tage Fahrt und ca. 650 Kilometer nördlich von unserem Standort. Das macht auf 100 Kilometer etwa 10 Minuten Tageslichtgewinn. Erstaunlich. Am Nordkap ist es bereits seit acht Tagen dauerhaft dunkel. Auch an unserem Steinfjord auf der Insel Senja dürfte die Sonne nicht mehr über die Horizontlinie steigen“, überlege ich laut. „Ich bin froh, dass es wieder heller wird. Ich liebe das Tageslicht. Es ist irgendwie lebensbejahend und erfrischend“, sagt Tanja. „Ja das stimmt. Ich hätte trotzdem gerne mal erlebt wie es sich anfühlt, wenn es dauerhaft dunkel ist. Für mich hat diese Dunkelheit auch irgendetwas Romantisches. Passt zu Weihnachten, den Schnee und Rentieren.“ „Du wirst auf einer unserer kommenden Nordtouren noch die Gelegenheit bekommen die Dunkelzeit in vollen Zügen zu genießen. Da bin ich mir ganz sicher“, erwidert Tanja. „Ich hoffe. Abgesehen davon war es fürs Erste schon mal eine tolle Erfahrung wie es sich anfühlt, wenn es nur noch für wenige Stunden hell ist.“ „Genau und jetzt fahren wir wieder dem Licht entgegen. Das hat doch was sehr Positives?“ „Hat es. Mir geht es in diesem Fall genauso wie dir. Nach den langen dunklen und düsteren Tagen ist es eine Wohltat mit jedem Kilometer in südlicher Richtung mehr Tageslicht geschenkt zu bekommen. Da schätzt man erst was Helligkeit bedeutet“, antworte ich frohen Mutes.

Auf der heutigen Fahrt erleben wir eine Landschaft die, wie so oft in diesem Land, mit Worten nur schwer zu beschreiben ist. Das Lichterspiel zwischen den Fjorden, den Seen auf deren glatten Wasseroberflächen sich das beeindruckende Firmament spiegelt, den Flüssen auf denen eine leicht dampfende Nebelwolke schwebt, die Berge die mit ihren schneebedeckten Gipfeln zu uns herunterwinken, den zarten, sich ständig verändernden Wolken, die unterschiedlichste Lichtreflexionen der Sonnenstrahlen in sich einsaugen und der aufkommende Nebel der sich wie eine Krone auf das Haupt eines dichten Nadelwaldes setzt, scheinen nicht von dieser Welt zu sein. Es hat etwas Mystisches, etwas Zauberhaftes, Feines und Zerbrechliches zugleich.

Gegen Mittag steht die Sonne wenige Meter über der Horizontlinie und blinzelt durch die Täler und Hügel in unsere Fahrerkabine. Ihre schräg einfallenden Strahlen verwandeln jeden Gegenstand in etwas unschätzbar Wertvolles. Sie erwecken das Land um uns herum in eine Feen- und Märchenwelt, in eine Welt der Trolle und Fabelwesen, die hier in Norwegen ihr Zuhause haben. Tanja und ich gleiten mit unserer Terra Love über die zugefrorenen Straßen und sind in ein einvernehmliches Schweigen gefallen. Wir genießen den Augenblick der so sensibel ist, dass jedes noch so leise gesprochene Wort ihn beenden könnte.


Im letzten Licht des Tages folgen wir einer zugefrorenen schmalen Erdpiste bis uns ein dichter Wald regelrecht verschluckt. „Du wirst immer wagemutiger“, ermahnt mich Tanja die Terra nicht zu tief in die Wildnis zu treiben. „Ich folge nur der Spur vor uns“, antworte ich ein wenig aufgeregt, weil ich nicht weiß wohin uns dieses kleine Abenteuer führt. Vor uns taucht urplötzlich eine schmale Holzbrücke auf die die Ufer eines Gebirgsflusses miteinander verbindet. „Sieht aus wie bei Uomin dem Geistersohn“, sage ich. „Bei wem?“, fragt Tanja. „Bei Uomin dem Geistersohn. Als Junge habe ich mal ein Buch über ihn gelesen. Soweit ich mich erinnere, lebte er an so einem Fluss der mitten in der Wildnis lag und im letzten Licht des Tages genauso gedampft hat wie der hier.“ „Und war das ein gutes Buch? Hatte es ein gutes Ende?“, möchte Tanja wissen, da die Szenerie um uns herum anscheinend etwas ausstrahlt das eher in einer Welt zwischen den Welten zu finden ist. „Ich weiß nicht mehr wie das Buch ausging. Ist zu langen her, aber an diese Szene kann ich mich genau erinnern.“ „Die Brücke erweckt aber nicht Eindruck als könnte sie 6 Tonnen tragen“, warnt Tanja. „Nicht unbedingt. Komm lass uns mal aussteigen und sie unter die Lupe nehmen“, schlage ich vor und klettere aus der Fahrerkabine. „Und was meinst du?“, fragt Tanja nachdem wir uns die Konstruktion angesehen haben. „Hm, wer will das wissen? Könnte mir schon vorstellen das sie trägt, da wir aber nicht auf der Flucht sind steht der Versuch sie zu nutzen, um ans andere Ufer zu gelangen in keinem Verhältnis zum Risiko.“ „Das heißt wir kehren um?“ „Ja.“ „Gute Entscheidung“, sagt Tanja sichtlich froh darüber, dass ich nicht versuche sie zu überreden das Abenteuer fortzusetzen.

Nur eine Stunde später rollen wir am Rande des Dorfes Velle, am Ufer des innersten Teiles des Trondheimfjordes entlang und finden neben dem Dorfsportplatz einen kaum zu beschreibenden wunderbaren Flecken Erde für die Nacht...

Datum:
28.11.2020

Tag: 118

Land:
Norwegen

Ort:
Dorf Velle am Trondheimsfjord 

Tageskilometer:
161 km

Gesamtkilometer:
8755 km

Bodenbeschaffenheit:
Asphalt

Brückenüberquerungen:
29

Sonnenaufgang:
09:19 Uhr

Sonnenuntergang:
14:44 Uhr

Temperatur Tag max:
- 2°

Temperatur Nacht min:
- 4°

Wind
5 km/h

Aufbruchszeit:
12:00 Uhr

Ankunftszeit:
15:30

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