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Nur nicht ins Rutschen kommen

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Am Morgen liegt die Passhöhe im dichten Nebel. Von der schönen Aussicht ist absolut nichts zu sehen. Wegen den gestrigem langen und erlebnisreichen Tag bin ich hundemüde und würde hier am liebsten einen Tag länger bleiben. Dock, dock, dock, klopft es gegen die Kabinentür. „Wer kann das sein?“, fragt Tanja verwundert. Ich zucke mit den Schultern und öffne die Tür. „Entschuldigt bitte das ich euch störe. Ich wollten euch nur noch mal Strom, Wasser und den Zugang zum Internet anbieten“, sagt Bjorn. „Oh, das ist ausgesprochen freundlich. Im Augenblick haben wir alles“, bedanke ich mich. „Schade, dass die Sicht heute so schlecht ist, aber morgen soll es besser werden. Wie gesagt, ihr könnt hier solange bleiben wie ihr möchtet.“ „Das ist wunderbar, aber wir müssen schauen das wir uns langsam Richtung Heimat aufmachen. Abgesehen davon wird doch morgen die Passstraße gesperrt“, antworte ich. „Ach die Passstraße ist kein Problem. Wir besitzen eine eigene Räummaschine und für euch würde ich die Straße freimachen.“ „Das ist ja unglaublich. Das würdet ihr für uns tun? Wir sind doch völlig fremde Menschen für dich?“, entgegne ich. „Wir sind ein gastfreundliches Haus. Ich würde das gerne für euch machen. Überlegt euch einfach ob ihr hier noch ein paar Tage verweilen möchtet und sagt mir Bescheid“, plaudert er und lässt uns wieder alleine. „Was soll man dazu noch sagen. Die Norweger sind wirklich sehr gastfreundlich“, freut sich Tanja. „Hm, und was machen wir? Noch ein oder zwei Tage bleiben oder weiterfahren?“, frage ich. „Weiß nicht, könnte am Ende knapp werden. Dann haben wir wieder Stress und du möchtest doch deine Mutter am Weihnachten nicht alleine lassen“, gibt Tanja zu bedenken. „Stimmt, wir haben versprochen mit ihr das Fest zu feiern. Wäre nicht gut, wenn wir es letztendlich nicht schaffen.“ „Also, was ist deine Entscheidung? Bleiben oder weiterfahren?“ „Weiterfahren“, antworte ich schweren Herzens.

Es ist bereits 12:00 Uhr mittags, als ich den Motor der Terra anlasse. Leichter Nieselregen hat der weißen Pracht zugesetzt und die Passstraße teils spiegelglatt werden lassen. Das Untersetzungs- und Splitgetriebe eingelegt, lasse ich bei 9 Prozent Gefälle die Terra im dritten Gang über die eisige Fahrbahn nach unten rollen. Sind wir gestern mit etwa 30 km/h bis 50 km/h den Berg hochgefahren liegt die Geschwindigkeit jetzt zwischen 10 und 20 km/h. Nur nicht ins Rutschen kommen und wenn möglich nicht auf die Bremse treten. Hoch konzentriert steure ich unser Mobil in der Mitte der Straße. Auf diese Weise haben wir bis zum Straßenrand Abstand und ich kann, bevor es die Böschung oder den Abgrund runter geht, reagieren. Tanja sitzt überraschend cool neben mir und blickt ebenfalls konzentriert auf die Fahrbahn, um mich vor besonders glatt aussehenden Stellen zu warnen. Auf diese Weise erreichen wir ohne jegliche Zwischenfälle das Tal. Wir folgen wieder der E6 in Richtung Süden. Schon nach wenigen Kilometern verschluckt uns der einröhrige Korgfjelltunnel. „Ich bin immer wieder verblüfft was wir Menschen alles bauen können“, sage ich etwas lauter, da die Motorengeräusche unserer Terra von den teils nassen Felswänden des Tunnels in die Fahrerkabine schallen. „Nun, mittlerweile müsstest du dich doch an die endlosen Tunnelfahrten gewöhnt haben. Es wundert mich, dass dich das noch immer fasziniert“, entgegnet Tanja. „Hm, eigentlich sollte es das nicht. Da hast du recht, aber diese Röhre ist für mich etwas Besonderes.“ „Wieso, die sieht doch so aus wie viele anderen auch?“ „Ja, nur das wir in diesem Augenblick unter der alten Passstraße fahren von der wir gerade ins Tal gerutscht sind.“ „Du meinst die Blutstraße ist direkt über uns?“ „Ja, sie war noch vor wenigen Jahren für den gesamten Schwerlastverkehr die einzige Verbindung. Stell dir mal vor das dort oben auf der eisigen schmalen Fahrbahn schwer beladene Lastzüge verkehrten und das in beiden Richtungen.“ „Schwer vorstellbar. Da muss es doch Unfälle gegeben haben?“ „Sicherlich und wenn es richtig geschneit hat war die Straße oft gesperrt. Das war ja auch der Grund warum wir den Pass nicht überqueren konnten und wieder zurückmussten. Im Vergleich dazu ist es ein Kinderspiel durch so einen Tunnel zu fahren.“ „Jetzt verstehe ich was du mit etwas Besonderem gemeint hast. Fühlt sich irre an, wenn man genau weiß welch ein Gebirge über unseren Köpfen thront und zugleich auf so einer winzigen Röhre lastet.“

Am Nachmittag erreichen wir wieder Midt-Noreg, auf Deutsch Mittelnorwegen oder auch Zentralnorwegen. Das Nordkap liegt bereits über 2.000 Kilometer hinter uns und bis zur Fähre bei der Hafenstadt Kristiansand sind es auf unserer geplanten Route nur noch knapp 1.500 Kilometer. Schwere, von Schneeregen geschwängerte Wolken, überdecken das Land mit einem unscheinbaren grauen Mantel. Trotzdem erkennen wir im Süden einen hellen Streifen der von der Sonne kommen muss und wieder längere Tage verspricht. Bis zu unserem heutigen Übernachtungsplatz, ein einsamer Friedhof neben einem kleinen Dorf, überqueren wir 35 größere und kleinere Brücken, durchfahren 5 Tunnel und gewinnen bei einer Strecke von 190 Kilometern 20 Minuten Tageslicht...

 

Datum:
27.11.2020

Tag: 117

Land:
Norwegen

Ort:
Am Fluss Nååmesje

Tageskilometer:
190 km

Gesamtkilometer:
8594 km

Bodenbeschaffenheit:
Asphalt

Brückenüberquerungen:
35

Tunneldurchfahrten:
5

Sonnenaufgang:
09:20 Uhr

Sonnenuntergang:
14:29 Uhr

Temperatur Tag max:

Temperatur Nacht min:

Wind
5 km/h

Aufbruchszeit:
12:00 Uhr

Ankunftszeit:
16:00

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