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Auf einsamer, verschneiter Passhöhe

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Zwei Stunden später suchen wir in völliger Dunkelheit bald verzweifelt einen Übernachtungsplatz. Viele der eventuell geeigneten Parkbuchten sind zugeschneit oder von den Räumfahrzeugen mit Schnee zugeschüttet. Einmal geht es über eine vereiste Piste steil nach unten zum Ufer eines Flusses. „Zu gefährlich“, bin ich es diesmal der die Fahrt dort runter ablehnt. Ein anderes Mal geht es über einen schmalen Weg steil nach oben. „Nicht gut“, meint Tanja. „17 Kilometer von hier gibt es eventuelle eine Übernachtungsmöglichkeit,“ sage ich in mein Smartphone blickend. „In Richtung Süden oder müssen wir zurück?“, fragt Tanja. „Wir müssen zurück.“ „Oh nein. Ich kann es nicht leiden zurückzufahren“, frotzelt sie ein wenig. „Wir müssen doch nicht radeln, reiten paddeln oder zu Fuß gehen, sondern ganz bequem mit dem Auto fahren. Das kostet uns Maximum 15 Minuten“, halte ich dagegen. „Na gut, ich sehe es ja ein“, gibt Tanja nach. An einer geeigneten Stelle wende ich unser Expeditionsmobil. Dann schickt uns das Navi runter von der E6 auf eine nicht geräumte Nebenstraße. „Da willst du weiterfahren?“, fragt Tanja. „Ja, sind nur noch 15 Kilometer. Wenn es brenzlich wird kehren wir um. Versprochen“, sage ich. Kaum habe ich meinen Mund geschlossen, führt der schmale Asphaltstreifen nach oben. An Wenden ist nicht zu denken. Ich gebe Gas. Somit halte ich die Terra auf Geschwindigkeit und wir bleiben nicht stecken. Zumindest hoffe ich das. Links und rechts der anscheinend kaum befahrenen Bergstraße türmt sich der Schnee. Die schneebedeckten Baumsilhouetten schießen an unseren Fenstern vorbei. Es geht immer höher, Serpentine für Serpentine. Die Terra macht einen super Job, strauchelt oder rutscht bisher kein einziges Mal. Tanja sitzt schweigend neben mir, während mir mein Abenteuerherz vor Aufregung bis zum Hals pocht. „Irgendwann müssen wir oben sein“, sage ich beruhigend. „Da war eine Stelle zum Wenden!“, ruft Tanja. „Wir sind gleich da. Nur noch zwei Kilometer. Wir kehren doch nicht so kurz vor dem Ziel um.“ „Nur noch zwei Kilometer? Okay, das schaffen wir noch“, ist sie zuversichtlich. Dann ist die Straße vor uns mit einer Barriere gesperrt. Eine vom Schnee freigeräumte Gasse führt wenige Meter vor der Schranke nach rechts. „Da sind Häuser!“, freut sich Tanja, als wir die Passhöhe erreicht haben. Vor einer der Holzhütten flattern ein paar Fahnen im Wind. Ein Motorschlitten parkt vor einer der Hütten. Frische Spuren weisen darauf hin, dass hier jemand wohnt. Im diffusen Licht blicken wir auf ein bis zum Hals im Schnee steckendes Schild. „Korgfjellet?“, liest Tanja laut. „Ist ein Berggebiet im Helgeland der Provinz Nordland“, antworte ich. „Das würde bedeuten, dass wir die letzten 17 Kilometer auf der Blutstraße gefahren sind, die wir auf dem Weg nach Süden wegfallen haben lassen?“ „Könnte sein“, bin mir aber nicht sicher ob es wirklich die Blutstraße ist. (Die Blutstraße war ein Name, den die Einheimischen für viele der von jugoslawischen Gefangenen im Zweiten Weltkrieg gebauten Straßen verwendeten. Vom Korgfjellet-Gebirge in Nordland bis zum Karasjok-Grenzübergang in der Finnmark. Die Deutschen brachten während der Besatzung rund 100000 sowjetische und jugoslawische Gefangene nach Norwegen und zwangen sie, an mehreren großen Infrastrukturprojekten dieser Art zu arbeiten. Tausende von ihnen überlebten die harte Zwangsarbeit nicht und fanden einen qualvollen Tod)

Denke, dass wir morgen mehr wissen. Willst du mal schauen ob da jemand im Haus ist und fragen ob wir hierbleiben dürfen? Ich tippe derweil die Kurzaufzeichnungen und Logdaten des heutigen Tages in den Laptop.“ „Klar, hoffe das ich jemanden antreffe und derjenige uns wohlgesonnen ist“, sagt Tanja und verlässt die Terra. „15 Minuten später kommt sie fröstelnd zurück. „Und, hast du jemanden angetroffen?“, frage ich erwartungsvoll. „Habe ich.“ „Na lass dir nicht alles aus der Nase ziehen. Dürfen wir bleiben?“ „Bjorn, der Inhaber, ist ausgesprochen freundlich. Er hat uns sogar Strom und Wasser angeboten und gesagt, dass wir solange bleiben dürfen wie wir wollen. Im Sommer campen hier viele Wohnmobilisten die für den Platz bezahlen müssen, aber zu dieser Jahreszeit lässt sich hier oben keiner mehr blicken. Morgen wird sogar die Straße gesperrt. Dann erreicht man die Hütten nur noch mit dem Schneemobil“, berichtet Tanja. „Wow, was für ein Glück. Gut, dass wir uns auf die Passstraße gewagt haben. Ist ein toller Platz.“ „Muss ein ganz besonderer Ort sein, denn wenn es das Wetter zulässt muss man von hier eine unfassbar schöne Aussicht auf die umliegende Bergwelt haben. Das hat mir Bjorn erzählt.“ „Und ist es die Blutstraße wie wir vermuteten?“, interessiert es mich. „Ja, sie führt von der E6 bis zur Passhöhe und geht unweit von hier runter zur anderen Seite runter. Wir müssen morgen allerdings umkehren, weil die andere Seite durch die vielen Schneefälle der letzten Tage völlig unpassierbar geworden ist.“ „Okay, dann fahren wir die Passstraße eben wieder hinunter. Auch kein Problem“, meine ich. „Könnte bei der steilen Talfahrt rutschig werden“, gibt Tanja zu bedenken. „Das schafft die Terra locker“, bin ich mir sicher...

Datum:
26.11.2020

Tag: 116

Land:
Norwegen

Ort:
Blutstraße

Tageskilometer:
181 km

Gesamtkilometer:
8404 km

Bodenbeschaffenheit:
Asphalt

Brückenüberquerungen:
22

Tunneldurchfahrten:
7

Sonnenaufgang:
09:30 Uhr

Sonnenuntergang:
14:14 Uhr

Temperatur Tag max:

Temperatur Nacht min:
minus 5°

Wind
5 km/h

Aufbruchszeit:
11:00 Uhr

Ankunftszeit:
16:00

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