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Gefährliche Brandung

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„Bist du traurig?“, fragt Tanja. „Ja schon etwas. War echt schön hier“, antworte ich meinen Laptop im Alkoven verstauend. „Wie ich schon gesagt habe, es warten weitere Abenteuer auf uns.“ „Ich weiß. Vielleicht ist es auch gut, jetzt nach 3 ½ Wochen weiterzuziehen. Wie sagt man so schön? Man soll gehen, wenn es einem am besten gefällt. Dann hält man den Ort in bester Erinnerung.“ „Genau also auf zu neuen Ufern“, antwortet Tanja voller Tatendrang. Es ist bereits 12:00 Uhr, als wir bei starkem Wind unseren Platz am Strand des Steinfjords hinter uns lassen. Etwas wehmütig werfe ich noch mal einen letzten Blick auf die Bucht, die seit gut zwei Wochen ununterbrochen von Stürmen und Orkanen heimgesucht wird. „Ich hoffe, es ist auf der anderen Seite der Insel ruhiger“, durchbricht Tanja meine Gedanken. „Sobald wir die Nordseite verlassen haben, wird es ganz bestimmt ruhiger. Die Stürme werden auf der anderen Seite der Insel von den hohen Gebirgen abgefangen.“ „Hätte nichts dagegen. Dann können wir endlich wieder ruhig schlafen und müssen nicht Angst haben, dass uns eine der Böen umwirft.“ „Die Terra hat bisher Windgeschwindigkeiten von 120 km/h getrotzt. Das ist ein Orkan der Stärke 11. Du brauchst dir also auch in Zukunft keine Gedanken zu machen.“

Wegen den Windböen fahren wir sehr langsam. Am äußersten Ende der Landzunge zwischen Steinfjord und Ersfjord taucht plötzlich wieder das Oksen Gebirgsmassiv mit seinen spitzen Felsnadeln auf. Sturmgepeitschte Wellen donnern mit urigem Getöse gegen das felsige Ufer. Die Gischt spritz haushoch in den wolkenverhangenen, trüben Himmel. Um das Schauspiel von Nahem betrachten zu können, parke ich die Terra auf einem Rastplatz namens Tungeneset. Der Wind bläst derart stark, dass ich die Fahrertür kaum aufbekomme und ich sicherheitshalber zur Beifahrertür aussteige. „Sei bitte vorsichtig!“, brüllt Tanja, um das ohrenbetäubende Gedröhne der Wellen und das laute Gebrause des Windes zu übertönen. Auf der Suche nach einem geeigneten Foto Spot klettern wir vorsichtig über die nassen Felsen, die immer wieder erzittern, wenn sie vom gewaltigen Anprall der Wogen getroffen werden. Eine Wasserfontäne explodiert in die Höhe und benetzt uns und das Ufer mit seinem kalten Nass. Sofort schütze ich die Kamera unter meinem Poncho. Damit uns das ins Meer zurückfließende Wasser nicht mitreißt, halten wir den nötigen Sicherheitsabstand. „Sau kalt!“, ruft Tanja die Arme in die Höhe reißend die Naturgewalten genießend. Ich knie mich auf den Felsen, halte die Kamera ans Auge und warte auf die nächste ans Ufer anprallende Welle. Wuuummm!, brüllt es wie bei einem heftigen Donnerschlag. Ich erschrecke derart, dass ich vergesse, den Auslöser zu drücken. „Lass uns wieder zurückgehen. Es ist kalt, nass und gefährlich hier!“, ruft Tanja. “Nur noch ein Foto!“, antworte ich auf den nächsten Ansturm wartend. Wuuummm!, dröhnt es abermals. Das ans Felsenufer krachende Wasser schießt in einer gewaltigen weißen Gischt haushoch nach oben. So hoch, dass es aus meiner Perspektive bis zu den Spitzen des Oksen Gebirgszuges reicht, der im Hintergrund wie ein mächtiger Troll auf dem Nordmeer thront. Wuuummm!, Wuuummm!, Wuuummm!, prallt völlig unerwartet eine Reihe von heftigen Wellen gegen die Felsküste, als stünde sie wie bei einer Kanonade unter Beschuss. Der trockene Fels, auf dem ich gerade eben noch stand, liegt unter Wasser, das sich jetzt unter lautem Rauschen den Weg ins Meer sucht. „Puh Glück gehabt“, blitzt es durch mein Gehirn, da mich der überraschende reißende Strom hätte in die kochende See spülen können. „Jetzt geh aber weg da! Musst du denn immer dein Schicksal herausfordern!“, fordert Tanja mich auf, mich zurückzuziehen.
Unsere weitere Fahrt an der sturmgeplagten Nordküste der Insel Senja überrascht uns hinter nahezu jeder Biegung mit atemberaubender, rauer Schönheit. Wir schrauben uns über Serpentinen in die Höhe, blicken auf einsame, von Nebel und Wolken umhüllte Buchten und Fjorde. Durch die dichte Suppe über uns dringt manchmal ein einziger Sonnenstrahl, der eine einsame Hütte für Sekundenbruchteile aufleuchten lässt. Dann ist wieder alles hinter einer grauen Wand aus schweren schneegeschwängerten Wolken verschwunden. Wir passieren den Breitinden, der mit seinen 985 m der höchste Berg der Insel ist. Der Himmel öffnet seine Schleusen. Schnee fällt auf das gebirgige Land. Alles ist auf einmal weiß. Die schmale, einspurige Straße windet sich nach unten. Als hätte uns die Fantasie eben noch einen Streich gespielt, ist die weiße Pracht wieder weggeblasen. Der Schnee wandelt sich in Schneeregen, der nicht liegen bleibt. Wir passieren ein Sträßchen. Nur einen Meter rechts neben uns steigt eine tropfende Felswand in die Höhe. Links neben uns fällt die Felswand etwa 50 Meter steil ab, bis sie im tosenden Meer verschwindet. Ein Tunnel saugt uns in sein von trübem künstlichem Licht erhelltes Innere. Als wir die Ost- und Südküste der Insel Senja erreichen, findet die abenteuerliche Fahrt ein abruptes Ende. Der dauerhafte starke Wind ist einem leichten Lüftchen gewichen. Das Landschaftsbild ist lieblich und friedlich. Die Welt der rauen Felsen und von Gebirgszügen eingezwängten Fjorden wird durch Kuhwiesen, Land- und Waldwirtschaft ersetzt. Die Besiedelung hat zugenommen. Immer mehr Häuser tauchen auf, bis wir wieder die Gisund-Brücke erreichen, die Senja mit dem Festland verbindet. In 41 Meter Höhe über der Meerenge fahren wir in die 4754 Einwohnerstadt Finnsnes in der wir unsere Nahrungsmittelvorräte aufstocken.

Im Supermarkt kommen wir uns wie Falschgeld vor. Alles blitz und blinkt. Die zahlreichen Regale sind mit allem, was man sich nur erdenken kann, vollgestopft. Nachdem wir wochenlang nahezu alleine in der Abgeschiedenheit gelebt hatten, ist der Trubel um uns herum beinahe unangenehm. Wir fühlen uns unwohl und von der westlichen Konsumwelt verunsichert. „Am liebsten würde ich sofort wieder zu unserer Bucht fahren“, sage ich. „Ich auch. Die Welt dort hat noch etwas Ursprüngliches. Sie ist rau und irgendwie hatte ich dort das Gefühl, direkt mit Mutter Erde verbunden zu sein.“ „Ja, es war bald so wie auf einer unserer früheren Wüstendurchquerungen. Man kann das zwar nicht vergleichen, aber wären wir noch länger geblieben, wären Natur und wir noch enger zusammengewachsen. Dabei ist es unwichtig, ob man sich in einer kalten oder heißen Region unserer Erde befindet“, sinniere ich. „Egal, jetzt sind wir hier und ein weiterer Reiseabschnitt beginnt“, wechselt Tanja das Thema. „Wollen wir noch weiterfahren oder suchen wir uns in der Nähe einen Übernachtungsplatz?“, frage ich Tanja, weil es bereits dunkel wird. „Gibt es hier überhaupt eine Übernachtungsmöglichkeit?“ „Laut der App park4night soll es auf der anderen Seite der Brücke eine Möglichkeit geben“, antworte ich, weshalb wir uns kurzfristig entscheiden, wieder über die Gisund-Brücke rüber auf die Insel Senja zu fahren.

Es dämmert bereits, als wir kurz nach 14:00 Uhr am Fuße der Brücke wieder einen einsamen Stellplatz für die Nacht finden. „Wunderschön hier“, meint Tanja. „Ja, anders als am Steinfjord, aber in der Tat wunderschön“, gebe ich Tanja recht. Noch bevor es völlig dunkel wird, geht die Straßenbeleuchtung auf der Gisund-Brücke an. Das warme Licht fällt herab, spiegelt sich im Fjord und taucht unseren Stellplatz in eine sanfte Helligkeit...

 

 

Datum:
09.11.2020 bis 10.11.2020

Tag: 099 - 100

Land:
Norwegen

Ort:
Unter der Gisund-Brücke bei Finnsnes

Tageskilometer:
70 km

Gesamtkilometer:
7541 km

Bodenbeschaffenheit:
Unbefestigte Straße

Brückenüberquerungen:
5

Tunneldurchfahrten:
5

Sonnenaufgang:
08:44 Uhr bis 08:49 Uhr

Sonnenuntergang:
14:19 Uhr bis 14:14 Uhr

Temperatur Tag max:
4° bis 1°

Temperatur Nacht min:
0° bis 2°

Windböen
60 km/h

Aufbruchszeit:
12:00 Uhr

Ankunftszeit:
14:00 Uhr

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