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Bleiben länger als geplant

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Es ist ein trüber Morgen. Die Sonne versteckt sich hinter tief hängenden Wolken, die nach der gestrigen klaren Nacht die Bucht wieder eroberten. Die weiße Pracht, die tags zuvor noch die Landschaft überzogen hatte, ist zumindest im Tal von Windböen weggeblasen worden. „Auf nach Skaland“, sage ich, lasse den Motor an und lege die Untersetzung ein. „Kommen wir da hoch“, fragt Tanja, weil der Schotterweg, der zur Asphaltstraße hinaufführt, vereist ist. „Kein Problem“, bin ich überzeugt, dass unser Allrad mit seinen grobstolligen Offroadreifen den tückischen Untergrund mit Leichtigkeit nehmen wird. Minuten später haben wir das erste Hindernis geradezu spielerisch überwunden. Allerdings ist die schmale Landstraße ebenfalls vereist. Hat Fynja, die alte Dame vom Ende der Bucht recht, dass man hier die Straße nicht räumt? Oder sind wir vor dem Streudienst unterwegs? Vorsichtig und bald im Schritttempo nähern wir uns dem Tunnel, der die Bucht mit der anderen Seite des Berges verbindet. Roooaaar!, schallt das Motorengeräusch von den tropfenden Felswänden zurück. Kaum sind wir in die dunkle Röhre eingedrungen, weicht das Eis einer Wasserfläche, die mit jedem Meter trockener wird. Nach 1,3 km spuckt uns die Behausung des Drachens aus. „Unglaublich! Hier liegt kein Schnee!“, freut sich Tanja. „Ja, wirklich irre. Von einer Seite des Berges zur anderen ist das Wetter völlig anders. Aber das haben wir in Norwegen ja schon oft erlebt“, antworte ich. „Schon, nur so extrem ist es bisher noch nicht gewesen“, stellt Tanja fest. 10 Minuten später erreichen wir den kleinen Supermarkt im Örtchen Skaland. Wir parken auf dem leeren Platz daneben, verlassen die Terra Love und betreten das kleine, relativ gut sortierte Geschäft. Während Tanja den Einkaufswagen mit allen nötigem voll schlichtet, frage ich die Ladenchefin, ob der Markt Zugang zu freien WLAN anbietet. „Leider nicht, aber mein Sohn gibt ihnen vielleicht einen Hotspot über sein Smartphone“, bietet sie freundlich an. „Wo ist ihr Sohn?“, möchte ich wissen. „An der Kasse.“ Oskar ist ein sympathischer 21-jähriger, 1,90 m großer Norweger. „Gerne kann ich dir helfen“, sagt er lächelnd. „Ich muss ein paar Podcasts auf unsere Podcastwebseite hochladen. Denke, das werden 300 oder 400 MB sein. Was wird das kosten?“ „Nichts, ich habe einen Vertrag ohne Datenbegrenzung.“ „Super, genial. Du bist vom Himmel gefallen“, bedanke ich mich, stelle neben der Kasse meinen Laptop auf und verbinde ihn mit Oskars Smartphone. Wenn ich daran denke, wie sich in den letzten 30 Jahren die Technik selbst überholt hat, bin ich immer wieder überrascht. Während die Daten heute durch ein Glasfaserkabel oder über einen Satelliten um die ganze Welt verschickt werden können, mussten wir früher unsere Filme und Texte mit der Post versenden. Das war teuer und dauerte manchmal mehrere Wochen. Im schlimmsten Fall ist so ein wertvolles Päckchen auf dem langen Weg verschwunden und alle geschossenen Bilder waren für immer verloren. Wenn wir während unserer manchmal mehrjährigen Reisen einen kurzen Text versenden mussten, nutzten wir das Faxgerät. Die Übertragung lief über eine Telefonleitung. Das war sehr teuer und kostete uns pro Übertragungsminute 3,- US$. Heute sind wir in der Lage, Bilder, Filme und Texte in digitaler Form von nahezu jedem Ort der Welt an nahezu jeden Ort der Welt in kürzester Zeit zu versenden. Einfach genial.

Während die Übertragung läuft, unterhalte ich mich mit Oskar. „Ist es dir nicht langweilig, an so einem abgelegenen Ort der Welt zu arbeiten? Hier gibt es keine Disco, kein Kino, keine Restaurants. Nichts, wo sich ein junger Mann wie du vergnügen kann.“ „Es ist mir in der Tat langweilig, aber ich mache den Job nur vorübergehend. Ich helfe meiner Mutter aus und verdiene dabei nicht schlecht und wie du schon festgestellt hast, sind die Möglichkeiten, in Skaland Geld auszugeben, sehr überschaubar. Denke ich arbeite hier bis Weihnachten, dann gehe ich wieder aufs Festland.“ „Was machst du mit deinem Geld? Hast du besondere Ziele?“ „Ich mache es wie ihr. Ich werde wieder auf Reisen gehen. Wenn die Pandemie vorbei ist, fliege ich nach Südostasien. Da hat es mir besonders gut gefallen. Ich liebe das tropische Klima, die Menschen sind freundlich und das Essen schmeckt lecker“, antwortet er lachend. „Du als Norweger müsstest die Kälte doch mögen?“ „Absolut nicht. Ich liebe den Sommer.“ „Na bis dahin wird es noch ein paar Monate dauern.“ „Ja, wird es. Am schlimmsten finde ich die nervige Dunkelzeit. Das geht mir irgendwie aufs Gemüt“, sagt Oskar nachdenklich. „Kann ich mir vorstellen, wobei ich das noch nie erlebt habe. Die Erfahrung fehlt mir.“ „Wie lange bleibt ihr noch in Norwegen?“ „Weiß nicht, eigentlich müssen wir uns bald auf den Heimweg machen. Wir sollen einen Vortrag auf einer Messe halten. Aber vielleicht wird die Messe abgesagt, dann bleiben wir bis Mitte Dezember.“ „Oh, dann werdet ihr die Dunkelzeit erleben.“ „Nur zum Teil, da wir nach Senja Stück für Stück in südlicher Richtung fahren müssen und die Dunkelzeit gibt es ja nur nördlich des Polarkreises.“ „Das stimmt, aber wenn ihr noch ein oder zwei Wochen hier verweilt, bekommt ihr einen guten Vorgeschmack. Die Tage werden jetzt zusehend kürzer.“ „Ja ist schon interessant. Wir stehen drüben am Steinfjord. Da spitzt die Sonne nur noch kurz über die hohen Berge und wenn es bewölkt ist, haben wir schon jetzt das Gefühl, das es nicht mehr richtig Tag wird. Für mich ist das kein Problem, da ich jeden Tag mit dem Schreiben beschäftigt bin. Abgesehen davon lieben Tanja und ich die Einsamkeit.“ „Dort ist zu dieser Zeit kaum ein Mensch oder?“ „Richtig, außer dass wir ab und an auf ein paar Einwohner treffen, die manchmal am Strand spazieren gehen. Tanja hat während ihrer Gassirunden mit unserem Hund mit ein paar älteren Damen Bekanntschaft gemacht. Wir sind also nicht ganz alleine.“ „Wie weit bist du?“, fragt Tanja mit vollem Einkaufswagen plötzlich vor mir stehend. „Oh fertig. Die Übertragung ist durch. Habe mich mit Oskar so gut unterhalten, dass ich gar nicht bemerkt habe, wie die Zeit verging.“

Bevor wieder zu unserer Bucht fahren, tanken wir an der einzigen Zapfsäule neben dem Supermarkt und bunkern hinterm Haus 200 Liter Wasser, dann geht es wieder zurück. Als wir am Ende des Tunnels den Steinfjord erblicken, haben wir das Gefühl, wieder zu Hause zu sein. Nachdem unsere Vorräte verstaut sind, grille ich auf unserem kleinen Bratrost Lachs und Shrimps, während Tanja das Gemüse für den Salat schneidet. Dann lassen wir es uns mit ein paar Büchsen dänischem Bier schmecken. „Ich liebe es, in unserem mobilen Heim zu essen. Irgendwie schmeckt hier alles besser“, lobe ich Tanjas Kochkünste. „Liegt vielleicht an der Lageratmosphäre“, vermutet Tanja. „Kann schon sein. Wenn es nach mir geht, könnte ich hier Jahre verbringen. Man braucht kein großes Haus, um glücklich zu sein.“ „Du darfst nicht vergessen, dass wir auf unseren Reisen selten so viel Luxus hatten.“ „Du meinst, wenn wir mit dem Rad, dem Kamelen oder Pferden unterwegs waren?“ „Ja.“ „Hm stimmt schon, aber das kann man nicht vergleichen. Die anderen Reisen hatten eher Expeditionscharakter, während ich mich hier trotz unserer Dokumentationsarbeit eher im Urlaub fühle.“ „Auf die richtige Balance kommt es an“, sagt Tanja, als mein Laptop eine eingehende E-Mail ankündigt. Sofort springe ich auf, um nachzusehen. „Die Messe wurde abgesagt“, lese ich laut. „Jetzt hast du, was du wolltest“, freut sich Tanja. „Juhu! Klasse. Das bedeutet, wir können noch ein paar Tage länger hierbleiben und die Natur genießen“, jubiliere ich…

Datum:
27.10.2020 bis 28.10.2020

Tag: 086 - 087

Land:
Norwegen

Ort:
Senja Steinfjord

Gesamtkilometer:
7456 km

Sonnenaufgang:
07:47 Uhr bis 07:52

Sonnenuntergang:
15:21 Uhr bis 15:16 Uhr

Temperatur Tag max:

Temperatur Nacht min:
-3°

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