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Wie vom Schwerthieb getrennt und große Rentierherden

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Ohne zu frühstücken verlassen wir den noch immer im Nebel liegenden Übernachtungsplatz. Im Schritttempo tasten wir uns über das Hochplateau. Als die düstere Wolkensuppe vor uns ein Auto ausspuckt, erschrecken wir regelrecht. Im Vorbeifahren sehen wir, wie der Fahrer die Hand hebt. „War das nicht Peter?“, frage ich. „Das war er. Er hat sogar gelacht und freundlich gegrüßt“, wundert sich Tanja. „Wahrscheinlich ist er froh darüber, dass wir seine Aufforderung, nur eine Nacht zu bleiben, befolgt haben“, überlege ich. „Wer weiß schon, was in seinem Kopf vorgeht. Wenn ich mir das üble Wetter betrachte, war es die einzig richtige Entscheidung. Wir hätten dort oben nichts mehr gesehen und es kann jeden Augenblick zu schneien beginnen. Etwas weiter südlicher wird das Wetter bestimmt wieder besser“, sagt Tanja. „So gesehen hat er uns mit seiner Vertreibungsaktion einen Gefallen getan“, antworte ich lachend. Tatsächlich, nur 20 Kilometer weiter könnte man meinen, ein imaginärer Schwerthieb hätte die Wolkenwand geteilt. Plötzlich ist es taghell, Wolken sitzen wieder da, wo sie hingehören und ein paar Sonnenstrahlen tauchen die baumlose Landschaft in ein warmes Licht. Vor uns erscheint wieder die Röhre, die uns in 212 Meter Tiefe von der Insel Magerøya auf Festland bringt. „Schau doch! Da ist eine riesige Rentierherde!“, jubelt Tanja. „Fantastisch! Um sie zu sehen, müssten wir jetzt nur noch eine Möglichkeit finden, irgendwo anhalten zu können“, sage ich, da sich links und rechts des schmalen Asphaltstreifens ein Graben entlangzieht, der selbst für unsere Terra unmöglich zu überwinden ist. „Da! Da ist eine Möglichkeit!“, sagt Tanja auf eine Erdpiste deutend, die aus der Wildnis kommend direkt zur Straße führt. Drei Kilometer weiter trete ich in die Eisen, wende auf einem verbreiterten Seitenstreifen und fahre zur Erdpiste zurück. Die Untersetzungen eingelegt rollen wir durch einen tiefen Graben auf die Piste. Wir folgen dem holprigen Pfad für ein paar Kilometer. „Dort drüben sind sie!“, ruft Tanja. Wir schultern unsere Kameras, laufen auf einen sanften Hügel und blicken in ein von Flechten, Sträuchern und Moosen bewachsenes Tal, indem Hunderte von Rentiere friedlich grasen. „Wow, wie schön“, raune ich. Da der Wind günstig steht, wittern uns die scheuen Tiere nicht, weshalb wir relativ nah an sie herankommen, um ein paar Fotos zu schießen. Dann setzen wir uns auf ein paar Grasflechten und genießen den außergewöhnlichen Augenblick. Nachdem, was wir wissen, haben schon steinzeitliche Jäger wie die Neandertaler Rentiere auf ihren Höhlenzeichnungen verewigt und vor über 5.000 Jahren hat der Mensch damit begonnen, die Tiere für sich nutzbar zu machen. „Das Rentier bedeutet für uns Nahrung, Wärme und ist unser Transportmittel“, erzählten uns die Tuwanomaden in der Nordmongolei, bei denen wir von 2011 bis 2012 zu Gast waren. Weil wir das einfache Leben mit den Nomaden teilten, wurden wir mit tiefen, unvergesslichen Einblicken in deren Lebensform beschenkt, welche wir in zwei Büchern festhielten.

Für die indigenen Völker war das Rentier von elementarer Wichtigkeit. Gerade in Regionen, wo es wenig Wild gab und in denen Baustoffe wie zum Beispiel Holz selten war, nutzten sie die Haut für Pelze und Leder. Auch nutzten sie das Blut als Heilmittel und die mit 22 Prozent fette Milch (sechsmal so fett wie Kuhmilch) und das zarte Fleisch als Nahrung. Aus den Geweihen und Knochen stellten sie Werkzeuge her. Einige von ihnen, wie zum Beispiel die Ewenen, Lamuten oder Tungusen, dem indigenen Volk in Nordost-Asiens oder die Tuwanomaden im Norden der Mongolei, die Nenzen der Jamal-Halbinseln in Sibirien und Teile der Samen in Norwegen, Finnland und Schweden leben bis heute mit und von ihren frei herumlaufenden Herden, die sie zu festgelegten Zeiten zusammentreiben, um die Kälber zu markieren oder ausgewählte Tiere zu schlachten.

Plötzlich donnert ein moderner Rentierhirte auf seinem Quad (Kleines Geländefahrzeug auf vier Rädern) zu seiner Herde. „Was macht er da?“, wundert sich Tanja. „Keine Ahnung. Vielleicht schaut er nur, ob es seinen Tieren gut geht?“, vermute ich. „Die Tuwas haben das zu Fuß oder mit dem Pferd gemacht.“ „Stimmt, aber die Samen sind eben nicht die Tuwa. Norwegen ist ein reiches Land. Hier besitzen sie offensichtlich das Geld, um ihre Tiere mit technischen Hilfsmitteln einzutreiben oder mal schnell nach dem Rechten zu sehen“, antworte ich. „Soll man nicht glauben, dass Rentiere heute vom Klimawandel bedroht sind“, bricht Tanja wenig später unser Schweigen. „Ja“, antworte ich daran denkend, dass diese Tiere keine höheren Temperaturen vertragen. Die Tuwanomaden erzählten uns, dass im Jahre 2010 die Eisfelder auf den Sommerweiden stärker zurückgegangen sind als zuvor. „Ihnen fehlte die Möglichkeit einer Abkühlung und sie waren durch die blutsaugenden Insekten gestresst, sodass viele von ihnen starben. Wir haben Angst um unsere Zukunft und sind heute kaum noch in der Lage, durch unsere Rentiere zu überleben. Ich glaube, der Klimawandel ist dafür verantwortlich. Manchmal regnet es sogar im Winter, und wenn das Wasser dann wieder gefriert, ist der Boden so hart, dass unsere Tiere mit ihren Hufen keine Flechten mehr ausgraben können, worauf sie teilweise verhungern“, erzählte uns Ultsan, einer der jungen Jäger, mit dem wir uns angefreundet hatten...

 

Datum:
11.10.2020 bis 15.10.2020

Tag: 070 - 074

Land:
Norwegen

Ort:
Am Langfjord

Tageskilometer:
319 km

Gesamtkilometer:
6878 km

Bodenbeschaffenheit:
Asphalt

Brückenüberquerungen:
21

Tunneldurchfahrten:
11

Sonnenaufgang:
07:18 Uhr – 07:31

Sonnenuntergang:
17:16 Uhr – 17:02

Temperatur Tag max:
8° - 3°

Temperatur Nacht min:
7° - 1

 

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