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Paradiesische Inseln der Nordmänner

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Nach dem Dauerregen der letzten Tage machen wir uns mit den ersten Sonnenstrahlen daran die Feuchtigkeit aus der Terra zubringen, die sich in der Kabine gesammelt hat. Wir öffnen die Fenster, Dachfenster und Klappen zum Stauraum unter dem Bett, um frische trockene Luft hereinzulassen. Dann trocknen wir die Handtücher, mit denen wir ständig den Boden gewischt haben, denn nach jeder Gassirunde mit Ajaci kam Nässe in unser kleines Haus. Wir hängen die feuchte Regenkleidung, Ajacis Hundebett, Mützen usw. an die Unterfahrbleche, die an der Außenwand der Terra befestigt sind. Gleich danach mache ich wie jeden Morgen meinen Sport. Dann gibts Frühstück und in der Zeit, in der Tanja das Geschirr spült, lade ich mir eine Polarlichter-App aufs Smartphone, die uns von einem Reisenden empfohlen wurde. „Und? Wie sieht es heute Nacht aus?“, fragt Tanja. „Weiß nicht, muss mich erst in die App einarbeiten“, antworte ich leise vor mich hin fluchend, da die ganze Welt nur noch aus Apps zu bestehen scheint und jede anders funktioniert. „Also, wenn ich es richtig verstehe“, sage ich nach einer Weile, „liegt der Kp-Wert für heute Nacht auf 4 von 9. Denke das ist ein recht guter Wert und wir sollten eine ernsthafte Chance bekommen, wirklich Nordlichter zu sehen.“ „Super. Jetzt brauchen wir nur noch einen geeigneten Ort für die eventuelle Sichtung“, freut sich Tanja. „Das wird die Herausforderung des Tages, denn wie soll man so einen Ort finden?“, überlege ich. „Wir lassen uns einfach vom Bauchgefühl lenken. Unabhängig davon, was war der Kp-Wert noch mal?“ „Der Kp-Wert oder Kp-Index ist eine planetarische Kennziffer. Also K für Kennziffer und P für Planeten. Es ist ein Maß für die geomagnetische Aktivität, die von 13 auf der Erde verstreuten Observatorien bestimmt wird und ist als wichtige Maßgröße anerkannt“, rekapituliere ich wegen den guten Aussichten, die Nordlichter zum ersten Mal in unserem Leben zu Gesicht zu bekommen, bestens gelaunt.

Bevor wir zur Polarlichterjagd aufbrechen, verabschieden wir uns vom Örtchen „Å“ mit einer kurzen Wanderung zur Küste, genau dorthin, wo wir letztes Jahr fantastische Aufnahmen fotografieren konnten. Wir genießen den Blick auf das europäische Nordmeer, das sich nach dem heftigen Sturm der letzten Tage wieder beruhigt hat. Obwohl schon Mittag, steht der heute gleißende Sonnenball noch recht tief und wirft einen glitzernden Strahl auf die endlos wirkende Wasserfläche. Es fällt uns nicht leicht, solche von Naturschönheiten begnadeten Orte zu verlassen. Jedoch haben wir ein Ziel und das sind die weltberühmten Polarlichter.

Am frühen Nachmittag lassen wir den leeren Großparkplatz hinter uns, rollen durch den Tunnel und passieren das bekannte Ortsschild „Å“, an dem sich in der Saison der eine oder andere Tourist fotografieren lässt. „Meinst du, wir kommen in unserem Leben jemals wieder hierher?“, fragt Tanja. „Glaube ich nicht, aber wer weiß schon, wohin einem der Fluss des Lebens spült?“, antworte ich mich darauf freuend Lofoten für uns zu erkunden.

Weil uns dieses Jahr die Fähre von Bodø an die südliche Spitze Lofoten getragen hat, beginnen wir unsere Tour sozusagen von hinten nach vorne, vom Meer zum Festland. Es ist eine Region mit 80 Inseln, die übersetzt Luchsfuß bedeutet. „Wie weit sind wir hier eigentlich vom Polarkreis entfernt?“, bricht Tanja das Brummen des Motors. „Das kommt darauf an, auf welcher Insel wir sind, aber die Inselgruppe befindet sich zwischen dem 67. Und 68. Breitengrad, also ca. 100 bis 300 Kilometer nördlich des Polarkreises“, antworte ich an einer roten Ampel anhaltend. Vor uns führt ein einspuriger Asphaltstreifen über eine der vielen Brücken, die sich über einen der zahlreichen Fjorde beugt, oft aber auch die einzelnen Inseln miteinander verbindet. „Sieht nach einer interessanten Brücke aus. Was hältst du davon, ein Bild zu schießen, wenn ich sie überquere?“ „Du meinst, ich soll aussteigen, zur anderen Seite laufen und die Terra fotografieren, wenn du sie über die Brücke fährst?“ „So ungefähr“, antworte ich schmunzelnd. „Kein Problem. Mache ich“, sagt Tanja, schnappt sich die Kamera, das Funkgerät und springt aus dem Fahrerhaus. „Wenn die Ampel auf Grün umschaltet, sage ich dir Bescheid“, spreche ich in mein Walkie-Talkie. „Roger“, rauscht die Antwort durch den kleinen Lautsprecher. Als die Ampel auf Grün schaltet, stehen zwei Fahrzeuge hinter mir. Ich winke sie vorbei, weil das Bild besser aussieht, wenn die Terra alleine die Brücke überfährt. Kaum sind die Autos vorbeigezogen, ist die Ampel wieder auf Rot umgesprungen. „Was ist? Warum kommst du nicht?“, fragt Tanja. „Da waren Autos hinter mir. Komme mit der nächsten Grünphase“, gebe ich durch. Nach zwei weiteren Ampelschaltungen ist meine Chance gekommen. Der Motor der Terra heult auf und ich steure über die Brücke. „Hast du ein paar Fotos im Kasten?“, frage ich Tanja, als sie wieder einsteigt. „Ich hoffe“, antwortet sie mir die Kamera in die Hand drückend. „Sieht gut aus“, sage ich zufrieden die Bilder ansehend. „Manchmal betreiben wir für ein gutes Bild einen ganz schönen Aufwand“, plaudert Tanja während der Weiterfahrt. „Stimmt, vor allem wenn du auf Passstraßen der Terra hinterherrennen musst“, meine ich mitfühlend. „Ach, das macht mir absolut nichts aus. Im Gegenteil, das hält mich fit. Also mach dir keine Gedanken. Im Vergleich zu dir geht es mir in diesem Fall doch viel besser. Ich bin froh, nicht Hunderte von Stunden in die Beschriftung und Bearbeitung der Bilder stecken zu müssen. Da laufe ich sehr gerne ab und an über eine Brücke“, schön, dass du das anerkennst, aber du könntest die Terra genauso wie ich über Brücken und Passstraßen fahren.“ „Könnte ich, aber es ist mir viel lieber, du machst das.“

Bei heutigem gutem Wetter genießen wir die Fahrt über die wunderschöne Inselwelt. Wir passieren rostfarbene Fischerhütten, von denen die meisten den Sommertouristen Unterkunft bieten. Auf Holzstelen gestützt stehen sie manchmal auf Klippen direkt am Ufer eines Fjords. Malerisch türmen sich hinter den Hütten massive Felsen und alpine Gebirgszüge auf, die stellenweise über 1200 Meter hoch sind und ihre teils spitzen, gezackten und rauen Häupter in den Himmel strecken. Wolkenfetzen umgarnen so manchen Berg, scheinen sich mit ihren nebligen Armen krampfhaft festzuhalten, bis sie von einem Luftzug weitergetragen werden.

Wir durchfahren Tunnel, die Bergmassive durchbohren und wie die Brücken ebenfalls die eine oder andere Insel miteinander verbinden. Ab und an kommen wir an kleinen Weilern vorbei, die menschenleer wirken und davon zeugen, dass auf den 80 Inseln insgesamt nur ca. 24.000 Einwohner leben. Weil die früheren Einwohner die Wälder für Haus-, Schiffs- und Trockengestellbau für den Stockfisch abgeholzt hatten, waren sie karg und kahl. Heute haben sich die Inseln von dem Raubbau nahezu erholt und seit 2018 gehört die Westküste der südlichsten Insel Moskenesøy, auf der wir uns gerade befinden, zu den Nationalparks in Norwegen.

Eine Hängebrücke trägt uns auf die kleine Insel Flakstadøy, auf der nur etwas über 1.000 Menschen leben. Dieser kleine Archipel mit seinen 14 Kilometer Länge und 8 Kilometer Breite wird von zwei Fjorden regelrecht segmentiert. „Was für eine Landschaft“, schwärmt Tanja. Wir cruisen langsam dahin, um die immerwährende Schönheit, mit der dieser Teil unserer Mutter Erde beschenkt wurde, tief in uns aufzusaugen. An den ins europäische Nordmeer fallenden Rändern, der von Gebirgszügen zerworfene, zerklüftete und felsige Insel, schmiegen sich weiße Sandstrände. Wäre es wärmer, würden wir hier sofort einen Badestopp einlegen, aber jetzt, Ende September, ist es mit 7 Grad über null ein wenig zu kalt dafür. „Ein fantastischer Ort, um die Mitternachtssonne zu genießen“, sage ich. „Wäre auch mal toll, im Sommer da zu sein“, wirft Tanja ein, „wann ist überhaupt die Mitternachtssonne zu sehen?“ „Zwischen, dem 27. Mai und dem 17. Juli liegt der tiefste Punkt der Sonne oberhalb der Horizontlinie.“ „Das heißt, sie geht für 22 Tage nicht mehr unter?“ „Ja genau und hätten wir letztes Jahr mehr Zeit gehabt, hätten wir das Spektakel beobachten können“, antworte ich. „Aber letztes Jahr waren wir zu unserer Offroadexpedition im russischen Polarkreis unterwegs. Man kann eben nicht alles haben“, entgegnet Tanja. „Stimmt, wäre aber schön, alles zu haben.“ „Du bist ein Nimmersatt.“ „Auch das stimmt. Ich habe immer Hunger. Apropos Hunger. Sollten wir irgendwo anhalten und uns was zum Essen machen?“ „Denke es wäre sinnvoll, sich nach einem Stellplatz für die Nacht umzusehen.“ „Jetzt schon? Ist das nicht ein wenig zu früh?“ „Wenn wir heute Polarlichter jagen wollen, wäre es doch gut, rechtzeitig einen guten Platz zu finden, meinst du nicht?“ „Ja, da hast du recht. Also halten wir die Augen offen“, antworte ich die Terra an einen der schönen Sandstrände entlangsteuernd. Dann verschluckt uns der Nappstraumtunnel. Er ist einer der über 900 Tunnel Norwegens. „Der führt uns unters Meer“, stellt Tanja fest, als es mit einem Gefälle von ca. 8 % beachtlich lange nach unten geht. „Ja. Ist fast ein wenig unheimlich, wenn man bedenkt, dass nur wenige Meter über uns das riesige Meer gewaltigen Druck auf diese kleine Röhre ausübt“, bedenke ich, als wir eine Tiefe von 63 Meter erreicht haben. „Sagenhaft, was wir Menschen alles bauen können“, ist Tanja fasziniert. „Absolut. Dabei ist dieser Tunnel noch klein. An der Westküste gibt es den Eiksundtunnel. Der Unterseetunnel ist 7.765 Meter lang und befindet sich an seiner tiefsten Stelle 287 Meter unter dem Meer.“ „Der längste und tiefste Tunnel der Welt“, sagt Tanja. „Wow, woher weißt du das?“ „Habe aufgepasst, als du mir das erzählt hast.“ „Wann habe ich das erzählt“ „Na letztes Jahr, als wir ihn durchfuhren.“ „Stimmt, erinnere mich“, antworte ich, als uns der Verbindungstunnel zwischen der Insel Flakstadøy und der Insel Vestvågøya nach 1.776 Metern wieder ins Licht des Tages ausspuckt. „Vestvågøya ist die größte Insel auf Lofoten. „Hier finden wir bestimmt einen Platz für unsere Polarlichterjagd heute Nacht“, bin ich zuversichtlich. „Da, war das ein Platz?“, rufe ich im Vorbeifahren auf ein kleines Plateau deutend, dass sich ein paar Meter über dem Meer erhebt. „Sah gut aus“, bestätigt Tanja. Ein paar Hundert Meter weiter wende ich und fahre zu dem gesichteten Platz zurück. „Klasse. Toller Blick übers Meer. Da kann man bestimmt die Aurora sehen. Da bleiben wir. Was meinst Du?“, frage ich Tanja. In dem Moment parkt neben uns ein Kleinwagen. Zwei junge hübsche Zwillingsschwestern, mit langen blonden Zöpfen, in voller Outdoorkleidung, steigen aus und machen sich mit ihren zwei kleinen Hunden anscheinend für eine Wanderung in den Bergen fertig. „Sollten wir die zwei Mal fragen, ob man hier die Aurora sehen kann?“ „Gute Idee“, sagt Tanja. „Ja, das ist ein sehr guter Platz“, bestätigen die beiden Hübschen, „aber ein paar Hundert Meter die Straße runter ist ein Strand. Da könnt ihr vielleicht sogar die Spiegelung der Polarlichter auf dem Wasser beobachten.“ „Super, dann fahren wir dahin. Vielen Dank für den Tipp“, bedanken wir uns. „Ihr habt Glück. Heute ist ein sehr guter Tag, um die Aurora zu sehen“, motiviert uns eine der beiden Zwillinge, als wir im Begriff sind, wieder in die Terra zu steigen. Tatsächlich erreichen wir einen fantastischen Platz direkt am Meer. Wir stellen die Terra ab und machen uns sogleich auf, um mit Ajaci einen ausgiebigen Spaziergang am Strand zu unternehmen. „Was für eine fantastische Location“, schwärmt Tanja. In diesem Augenblick nehmen die vergehenden Sonnenstrahlen des Tages einen kahlen, baumlosen Bergzug auf der anderen Seite der Bucht ins Visier, der im rotbraunen Licht erglüht. „Leuchtet wie der Ayers Rock in Australien“, sage ich ein paar Fotos schießend. Die Dämmerung kriecht immer mehr über die Bergrücken, verbreitet ihr warmes Licht über dem Nordmeer. Dann versinkt der 150 Millionen Kilometer entfernte Sonnenstern hinter einem gezackten Felsmassiv, wirft ein paar letzte Strahlen in den noch bewölkten Himmel, lässt ihn in orange, lila und goldgelb aufzucken, um sich für heute von unserer Seite der Mutter Erde zu verabschieden. „Wow“, sagt Tanja leise, mich umarmend. „Wow“, antworte ich andächtig und bin froh, solche Momente erleben zu dürfen. „Lass uns zur Terra zurückgehen“, meint Tanja. „Gute Idee. Muss noch die Kameras für heute Nacht herrichten. Hoffe, dass sich die Wolken noch verziehen“, antworte ich in den jetzt grauen Abendhimmel blickend, der immer mehr von dunklen Wolken erobert wird…

 

Datum:
26.09.2020

Tag: 055

Land:
Norwegen

Ort:
Rastplatz Flakstad

Tageskilometer:
43 km

Gesamtkilometer:
5046 km

Bodenbeschaffenheit:
Asphalt

Fähre
0

Brückenüberquerungen:
4

Tunneldurchfahrten:
9

Sonnenaufgang:
06:55 Uhr

Sonnenuntergang:
19:02 Uhr

Temperatur Tag max:

Temperatur Nacht min:

Windböen
100 km/h

Aufbruch:
16:45

Ankunftszeit:
19:50

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