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Erreichen den Polarkreis

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„Uuuaahhh“, gähne ich hundemüde, als hätte ich die Nacht als norwegischer Wikinger mit meinem imaginären Schwert gegen Dämonen gekämpft. „Hast du gut geschlafen?“, fragt Tanja. „Nö hatte ein paar Albträume.“ „Wegen der Blutstraße?“ „Weiß nicht.“ „Möchtest du heute die Straße befahren oder weiter Richtung Norden?“ „Weiter“, antworte ich. Während Tanja mit Ajaci eine Runde durch den verregneten Morgen dreht, mache ich wie bald jeden Tag meinen Sport. 200 Liegestützen, 200 Kniebeugen, 100 Sit-ups, 200 schräge Bauchmuskeln, ein paar Hundert Wiederholungen für den unteren Rücken und Dehnungen für vorderen und hinteren Oberschenkel, Hüfte und Wade. Ein ausgewogenes Programm, was mich bei der vielen Fahrerei fit hält.

Wie ursprünglich geplant folgen wir der E6 weiter in Richtung Norden. Das Landschaftsbild ändert sich wieder. Die goldfarbenen Bäume werden weniger, verschwinden vollständig und werden von einer Tundrenvegetation mit Zwergsträuchern, Moosen und Flechten ersetzt. Der kälteresistente Pflanzenteppich erstrahlt auch hier in seiner rotgelben herbstlichen Farbenpracht und zieht sich über den Fjell (Feld). Schnee liegt links und rechts auf den Bergen. Umso höher wir kommen, desto niedriger wird die Vegetation. Auf ca. 680 Meter Höhe taucht vor uns das untertassenähnliche, futuristische Polarkreiszentrum auf, indem es eine Cafeteria, einen Souvenirshop, Poststelle und einen modernen Kinosaal gibt. Es wurde 1990 errichtet, um darauf aufmerksam zu machen, dass der Besucher sich genau hier am nördlichen Polarkreis befindet. „66°33’ N, ein magischer Breitengrad“, sage ich mich darüber freuend dem hohen Norden ein wesentliches Stück nähergekommen zu sein. „Habe zwar in der Schule über den Polarkreis gehört, wäre dir aber sehr dankbar, wenn du mir den noch mal näherbringen könntest“, sagt Tanja. „Puh, wenn man nicht in dieser Region lebt, ist einem das Thema Polarkreis nicht geläufig. Habe zwar auch mal in der Schule davon gehört, aber leider hat sich das bisschen Wissen schon vor Jahrzehnten in Luft aufgelöst.“ „Aber du wirst doch bestimmt darüber schreiben, also gehe ich davon aus, dass du in den letzten Tagen recherchiert hast?“ „Na klar habe ich das. Ist schon irgendwie irre. Da reisen wir durch dieses wunderbare Land und weil wir genügend Zeit haben, können wir es uns leisten, es gleichzeitig zu studieren.“ „Eine Studienreise sozusagen“, lacht Tanja herzhaft. „Eine abenteuerliche Studienreise“, sage ich ebenfalls lachend. „Also lass es raus.“ „Okay, also es gibt einen nördlichen Polarkreis, der die Arktis umfasst, in deren Zentrum das Nordpolarmeer liegt und an dem wir uns jetzt befinden. Dann gibt es noch den südlichen Polarkreis, der die Antarktis umfasst. Der befindet sich auf der anderen Seite der Erdkugel.“ „Du meinst, wenn wir uns jetzt an dieser Stelle senkrecht in die Erde bohren würden und auf der anderen Seite wieder rauskämen, wären wir am südlichen Polarkreis?“ „So ungefähr ja.“ „Verstanden und weiter.“ „Wenn du dir die Erde wie den Kopf eines Mönchs vorstellst, der sich eine Tonsur geschnitten hat, wäre der untere Rand der Tonsur, also da, wo die Glatze beginnt, der Polarkreis. Alles, was über dem Rand ist, befindet sich sozusagen nördlich davon.“ „Und hätte er keinen Hals und der Kopf wäre völlig behaart dann wäre unten auch so eine Tonsur und das wäre der südliche Polarkreis?“ „Perfekt.“ „Super erklärt. Das heißt, dort unten ist die Antarktis und hier oben im Norden die Arktis.“ „Genau. Aber zum genaueren Verständnis möchte ich noch sagen, dass die Erde in 180 Breitengraden und 360 Längengraden eingeteilt ist. Die Pole liegen auf den 90 zigsten Breitengrad. Die Polarkreise beginnen am 66 Breitengrad. Wenn wir jetzt weiter in den Norden fahren, bewegen wir uns weg vom Polarkreis und befinden uns nördlich des Polarkreises. Von hier bis zum Nordpol, der eine feste Position besitzt und bei der geografischen Breite von 90°0′ liegt, sind es 2602 Kilometer.“ „Das würde bedeuten, dass wir bis zum Nordpol 24 Breitengrade überwinden müssten?“ „Ja.“ „Das hast du wirklich bildlich und verständlich erklärt. Vielen Dank.“ „Gerne, es hilft auch mir, das zu erklären, denn dadurch wird mein Verständnis für unsere Mutter Erde besser. Ich möchte abschließend aber noch zufügen, dass an den Polarkreisen der nördlichen und südlichen Breiten die Sonne an den Tagen der Sonnenwende nicht mehr auf – bzw. untergeht und das die alten Griechen bereits im vierten Jahrhundert über die Polarkreise Bescheid wussten.“

Obwohl wir hier bereits vor 14 Monaten waren, setze ich den Blinker, verlasse die Straße und parke die Terra auf den jetzt völlig leeren Parkplatz. „Die haben bestimmt gutes Internet“, freut sich Tanja, weil wir einige Daten absetzen müssen. „Na hoffentlich haben sie nicht geschlossen“, entgegne ich skeptisch, da weit und breit kein Mensch zu sehen ist. Closed for the winter. Welcome back summer 2021 steht auf einem weißen Stück Papier, das hinter der gläsernen Eingangstür des Iglu ähnlichen Gebäudes geklebt ist. „Unglaublich im Sommer ist hier alles brechend voll und jetzt, Ende September, sprechen sie schon vom Winter und der Ort ist wie ausgestorben“, sage ich enttäuscht. „Schade, aber was solls. Lass uns wie letztes Jahr ein wenig die Gegend erkunden“, meint Tanja, worauf wir uns aufmachen in die Hochebene des eindrucksvollen Saltfjellet-Svartisen Nationalpark zu wandern. Wie auch schon letztes Jahr wundern wir uns über die unzähligen Steinmännchen, die hier von den Besuchern aufgestellt worden sind und dazu geführt haben, dass die Parkverwaltung das Errichten solcher Steinhaufen verboten hat. „Warum türmen die Menschen hier die Steine aufeinander?“, fragt Tanja. „Keine Ahnung. Denke das machen die Touristen aus Spaß. Laut der Überlieferung aber haben die Einheimischen einen Steinmann erbaut, um unbehelligt von Trollen zu bleiben. Viele der Steinmänner jedoch sollten den einsamen Wanderern den Weg weisen. Auch heute noch ist vom Wandersmann erwünscht, beschädigte Steinmänner mit neuen Steinen zu erhalten. Somit bleibt der wichtige Wegweiser bewahrt“, erkläre ich. Ein rauer Wind bläst über das Hochplateau und lässt uns erschauern. „Lass uns zurückgehen. Bis zur Stadt Bodo sind es noch mindesten 150 Kilometer“, sage ich, weswegen wir umkehren…

 

Land:
Norwegen

Ort:
Stadt Bodø

Tageskilometer:
306 km

Gesamtkilometer:
4991 km

Bodenbeschaffenheit:
Asphalt

Fähre
0

Brückenüberquerungen:
0

Tunneldurchfahrten:
15

Sonnenaufgang:
06:40 Uhr

Sonnenuntergang:
19:09 Uhr

Temperatur Tag max:
15°

Temperatur Nacht min:

Windböen
Bis 100 km/h

Aufbruch:
09:00

Ankunftszeit:
17:00

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