« Zurück       Weiter »

Die Blutstraße

Zur größeren Ansicht und für die Bildinformation in das Bild klicken!

Hier geht´s zu den Podcasts!
Link zur aktuellen Reiseroute 
(Für weitere Beiträge klick auf eines der Fähnchen in der Karte)

Kurz bevor der Tag sich hinter den wolkenverhangenen Bergen versteckt, finden wir an der E6 einen Platz für die Nacht. Routinegemäß laufe ich nach dem Abstellen der Terra einmal um sie herum. Dabei werfe ich unteranderem einen prüfenden Blick auf die Reifen, denn sie sind hauptsächlich für eine sichere Fahrt verantwortlich. Sollte sich unbemerkt ein Nagel oder ein anderer scharfer Gegenstand ins Profil gegraben haben und der Reifen während der Fahrt platzen, wäre das auf den vielen Passstraßen fatal. Nach unserer Russisch-Polarkreis-Expedition im letzten Jahr wurde, ohne dass wir es bemerkten, die Innenseite des linken Hinterreifens offensichtlich an einem scharfkantigen Stein verletzt. Wir sind mit diesem Reifen noch ca. 6000 Kilometer gefahren. Wieder in Deutschland hielt neben uns an einer roten Ampel ein Kleintransporter. Der Fahrer ließ seine Beifahrerscheibe runter und winkte uns wild gestikulierend zu. „Was ist?“, fragte ich, nachdem auch ich meine Scheibe heruntergelassen hatte. „Ihr linker Hinterreifen sieht nicht gut aus“, warnte er uns. Ein paar Hundert Meter weiter hielt ich auf einem Parkplatz, untersuchte den Reifen und fand nichts. Dann grabbelte ich unter die Terra und entdeckte auf der Innenseite einen ca. 10 Zentimeter langen Riss im Außenmantel. „Unfassbar! Den hätte es in absehbarer Zeit zerrissen. Stell dir vor, das wäre uns auf der Autobahn passiert“, sagte ich zu Tanja. Seither habe ich ein besonderes Augenmerk auf unsere Reifen. Mittlerweile fahren wir den Crossleader Wildtiger (T01 35X12.50R18 131K 14 Ply M/T Mud Reifen) ein fantastischer Ganzjahresreifen mit aus ausgeprägten Profilblöcken, der speziell für extreme Bodenverhältnisse entwickelt wurde. Laut Hersteller besitzt er einen super Grip bei trockenen, aber auch bei nassen, schlammigen und winterlichen Wetterbedingungen. „Sieht gut aus", rufe ich Tanja zu, die in diesem Augenblick mit Ajaci die Terra für eine Gassirunde verlässt. Als ich in die Wohnkabine steigen möchte, fällt mein Blick auf ein blaues Hinweisschild. Neugierig geworden laufe ich hin, um zu lesen, was da steht.

„Die Blutstraße war ein Name, den die Einheimischen für viele der von jugoslawischen Gefangenen im Zweiten Weltkrieg gebauten Straßen verwendeten. Vom Korgfjellet-Gebirge in Nordland bis zum Karasjok-Grenzübergang in der Finnmark. Die Deutschen brachten während der Besatzung rund 100000 sowjetische und jugoslawische Gefangene nach Norwegen und zwangen sie, an mehreren großen Infrastrukturprojekten dieser Art zu arbeiten.

Bereits vor dem Krieg gab es Pläne für eine Straße über den Korgfjellet. Die Notwendigkeit einer effizienten Transportroute für Truppen und Ausrüstung im Süden nach Norden machte dies jedoch nach der Invasion zu einer Priorität für das NS-Regime. Der Bau begann 1941 als normales Straßenbauprojekt mit lokalen norwegischen Arbeitskräften, aber die Arbeiten gingen nicht schnell genug voran, um die deutsche Kriegsmaschine zufriedenzustellen. So übergab das Reichskommissariat 1942 die Verantwortung für die Bauarbeiten an die Schutzstaffel (SS), die Kriegsgefangene als Zwangsarbeiter einsetzte.

Mehr als 4000 jugoslawische Gefangene kamen zwischen dem 14. Juni 1942 und dem 25. September 1943 nach Norwegen, um an den großen Bauprojekten des NS-Regimes zu arbeiten: Straßen, Eisenbahnen und militärische Einrichtungen. Den Gefangenen wurde befohlen, unter "den härtesten möglichen Bedingungen" zu arbeiten. Mehr als 60 % von ihnen starben während des Krieges auf norwegischem Boden.

Am 23. Juni 1942 erreichten die ersten Gefangenen das Lager Korgen und Lager Osen, zwei Lager nördlich und südlich des Korgfjellet-Gebirges. Sie wurden gezwungen, den neuen Abschnitt der norwegischen Nationalstraße 50 zu bauen.

Lager Osen wurde am 19. Juni 1943 geschlossen, die Gefangenen wurden nach Lager Korgen umgezogen. Ein Jahr später, am 6. Mai 1944, wurde Lager Korgen geschlossen und die restlichen Gefangenen nach Pothus in Saltdal gebracht. 646 Gefangene hatten ihr Leben durch Hunger, Krankheit, Missbrauch und Hinrichtung verloren, als sie unter Zwang die Straße über Korgfellet bauten.“

Aus meinem wunderschönen Reisetraum gerissen, laufe ich zurück zu Terra und denke an die Besetzung Norwegens durch die deutsche Wehrmacht im Zweiten Weltkrieg, die mit dem Unternehmen Weserübung am 9. April 1940 begann und am 8. Mai 1945, dem Tag der bedingungslosen Kapitulation der Wehrmacht, endete. Ich öffne die Tür zur Wohnkabine, drücke den Wippschalter, um die Treppe auszufahren, steige in die gemütlich warme Kabine und berichte Tanja von der Hinweistafel. Wir sind natürlich schon während der gesamten Reise auf alte Bunkeranlagen der deutschen Wehrmacht gestoßen, die entlang der norwegischen Küste gebaut wurden, um die etwa 3400 Kilometer lange Seegrenze Norwegens zu verteidigen. Insgesamt errichteten die Deutschen 8119 Bunker für den Atlantikwall, einer Verteidigungslinie entlang der Küsten des Atlantiks, Ärmelkanals und der Nordsee. Auch wenn die grauen, hässlichen Betonbunker uns immer wieder an die grauenhafte Vergangenheit erinnert, lässt uns die Information auf der Hinweistafel vor der Tür der Terra Love die Haare zu Berge stehen. „Irgendwie hat mich die Info richtig erwischt“, sage ich in der Terra am Tisch sitzend. „Ja, da holt einem ein Stück weit die Vergangenheit wieder ein“, sagt Tanja. „Vor allem wenn ich daran denke, mit welch ungeheuren Leid die Straße gebaut wurde.“ „Haben die Deutschen nach dem Krieg nicht eine Wiedergutmachungszahlung an Norwegen geleistet?“, fragt Tanja. „Soweit ich weiß, zahlten sie 1959 innerhalb eines Abkommens 60 Millionen DM.“ „Auch nicht viel, wenn man bedenkt, was die Deutschen in diesem Land alles verbrochen und zerstört haben.“ „Stimmt, aber wir hatten es heute erst davon, wie die Norweger die Samen 100 Jahre unterdrückten und diskriminierten und das sie dem Urvolk dieses Landes, also den wahren Besitzern des Landes, wenn man Land überhaupt besitzen kann, gerade mal 10 Mio. Euro als Entschädigung bezahlten.“ „Da hast du recht. Abgesehen davon wird kein Geld der Welt die Toten wiedererwecken. Unabhängig davon möchtest du die Blutstraße befahren?“ „Weiß nicht. Sinnvoll wäre es schon, denn auch dieser Teil der Geschichte gehört zu Norwegen.“ „Wenn wir uns morgen dafür entscheiden, müssten wir die E6 vorne an der Abzweigung verlassen und einen Umweg einlegen“, entgegnet Tanja. „Ja ich weiß.“ „Wir sollten unser Ziel, das Nordkap nicht aus den Augen verlieren.“ „Sollten wir nicht, aber irgendwie würde ich trotzdem gern diese Blutstraße befahren.“ „Lass uns das morgen früh entscheiden.“ „Okay“, antworte ich. In der Nacht wälze ich mich von links nach rechts, schlafe äußerst unruhig und träume von den verlorenen, gequälten Seelen der Zwangsarbeiter, die in dieser Gegend herumschwirren und bis heute keine Ruhe gefunden haben…

 

Datum:
22.09.2020

Tag: 051

Land:
Norwegen

Ort:
An der Europastraße E6

Tageskilometer:
392 km

Gesamtkilometer:
4685 km

Bodenbeschaffenheit:
Asphalt

Fähre
0

Brückenüberquerungen:
5

Tunneldurchfahrten:
8

Sonnenaufgang:
06:41 Uhr

Sonnenuntergang:
19:16 Uhr

Temperatur Tag max:
16°

Temperatur Nacht min:
10°

Aufbruch:
10:00

Ankunftszeit:
19:00

Wir freuen uns über Kommentare!