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Erreichen den hohen Norden - Unterdrückung der Samen

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Sonnenschein und Regen wechseln sich heute ab. Wir folgen der hervorragend ausgebauten E6 und kommen gut voran. Die Flüsse links und rechts der Straße treten wegen den starken Regenfällen der letzten Wochen über ihre Ufer und überschwemmen so manche Täler. Die Gewalt des Wassers überspült Flussinseln, lässt Rastplätze ersaufen und steht einigen Bäumen bis zum Hals. Die goldene Herbstfärbung bleibt uns noch immer erhalten und verzaubert das Land mit seiner Farbenpracht. „Schau mal! Ist das nicht der Platz, an dem wir letztes Jahr schon waren?“, rufe ich auf den Wegweiser deutend, der die Entfernungen zu den verschiedenen europäischen Städten angibt. „Lass uns da anhalten und ein wenig die Beine vertreten“, schlägt Tanja vor. „Nostalgische Gedanken?“, frage ich ein wenig amüsiert. „Warum nicht“, antwortet sie lachend aus der Fahrerkabine hüpfend. „Komm, lass uns an dem Wegweiser ein Bild fotografieren“, sagt sie. „Das haben wir doch erst letztes Jahr gemacht.“ „Na genau deswegen.“ „Okay, warum nicht“, antworte ich, hebe die Kamera ans Auge und drücke auf den Auslöser. Wie auch im vergangenen Jahr spazieren wir am Ufer des Hochwassers führenden Flusses entlang. „Schon interessant, wie unterschiedlich die Landschaft sein kann. Während unseres letzten Besuches hier Mitte Juli ist der Sommer regelrecht explodiert. Ich kann mich erinnern, das unzählige Insekten durch eine angenehm warme Luft schwirrten. Das zahlreiche Blumen ihre bunten Blütenkelche der Sonne entgegenstreckten um ihren Nektar an alles, was fliegt und krabbelt im Überfluss zu verschenken und jetzt, Ende September, sind alle Blumen verschwunden, dafür erstrahlt die Landschaft in goldgelber und oranger Herbstfärbung“, schwärmt Tanja. „Ja stimmt und irgendwie habe ich das Gefühl, das der kommenden Winter schon ein bisschen nach uns greift“, antworte ich, als uns ein kühler Luftzug ins Gesicht bläst.

Ein paar Stunden der Europastraße 6 folgend, erstreckt sich plötzlich eine Art hölzerner Torbogen, der sich über die Straße wölbt und die Nordlichter stilisieren soll. „Willkommen im hohen Norden!“, rufe ich freudig, denn wir haben es schon mal bis hierhergeschafft. Obwohl wir in einem bequemen Fahrzeug sitzen, ist es keine Selbstverständlichkeit, bis in den Norden Europas zu gelangen. Auf der Strecke kann einem trotz meist sehr guten Straßen viel widerfahren. Die Technik des Fahrzeuges kann einem einen Strich durch die Rechnung machen. Ein Unfall könnte die Reise frühzeitig beenden. Die Gesundheit ist immer ein Faktor. Eine harmonische Gemeinsamkeit mit dem Partner und vieles mehr sind Kräfte, die mit ins Kalkül gezogen werden sollten, um ein erreichtes Zwischenziel zu schätzen und sich darüber zu erfreuen. Wir haben in den letzten 30 Jahren abgefahrene Expeditionen durchgeführt und überlebt. Leicht könnten wir Momente wie diesen herunterspielen, vor allem wenn ich die jetzige Reise in den Vergleich mit dem bereits Erreichten stelle. Aber das Leben hat uns immer und immer wieder gezeigt und gelehrt, bescheiden zu bleiben, nichts zu vergleichen und den Augenblick zu schätzen und zu genießen. Deswegen freuen wir uns wie kleine Kinder, als wir unter den Torbogen auf dem „Nord Norge" geschrieben steht, durchfahren und wir somit die Provinz Trøndelag verlassen um die Provinz Nordland zu erkunden. „Was weiß mein Reiseführer über dieses Nordland?“, fragt Tanja schmunzelnd. „Hm, lass mal nachdenken. Soweit ich gestern gelesen habe, weiß ich das Nordland 38.000 km² groß ist und an der schmalsten Stelle nur 6,3 km breit und mit 650 km die längste Provinz Norwegens ist. Auch weiß ich, dass hier das indigene Volk der Samen lebt. Sie betreiben bis heute zumindest teilweise Rentierwirtschaft und wurden Jahrhunderte lang massiv unterdrückt und schikaniert“, sage ich, und als ich Luft hole, um fortzufahren, fragt Tanja: „Wie viel Samen leben hier? Wieso wurden sie unterdrückt und von wem?“ „Puh, so viele Fragen auf einmal. Wie viel in der Provinz Nordland leben weiß ich nicht, aber man schätzt die Zahl der Samen in Nordwegen auf ca. 40.000 bis 45.000. Die Jahrhunderte lange Unterdrückungsgeschichte dieses Nomadenvolkes ist extrem traurig. Man weiß, dass sie schon im 9. Jahrhundert von den Wikingern ausgeraubt, missbraucht und verfolgt wurden und später im Mittelalter begannen, die damaligen nordeuropäischen Staaten Dänemark-Norwegen, Schweden-Finnland und Russland die Lappen zu unterwerfen.“ „Lappen? Du sprachst doch von den Samen?“ „Ja, bis vor nicht allzu langer Zeit nannten sie sich Lappen, aber die Bezeichnung Lappen wird von einigen Samen als herabsetzend angesehen. Ich glaube das Wort Lappe heißt „Rand“, weil die Lappen in den von der damaligen Zivilisation aus gesehen, in unzugänglichen Randgebieten lebten.“ „Okay verstehe. Und was ist den Lappen oder Samen noch widerfahren?“ „Wie gesagt, das ist sehr umfangreich und übersteigt meinen Wissenstand, aber ganz grob kann ich dir sagen, dass die genannten Länder damit begonnen haben, die Samen massiv zu besteuern.“ „Besteuern? Die hatten doch sicherlich kein Geld?“ „Nein, sie waren Jäger. Man nahm ihnen Felle ab. Die Steuern wurden demnach in Naturalien und Zwangsdienste erhoben.“ „Unfassbar, was wir Menschen uns gegenseitig antun.“ „Vor allem was der Starke den Schwachen antut. In diesem Fall hat sich bis heute nichts geändert.“ „Da hast du recht. Und wie ging es mit den Samen weiter?“ „Wie gesagt, es ist eine lange, traurige Geschichte. Im Laufe des 19. Jahrhunderts wurden die Jagdrechte der Samen eingeschränkt, was für sie einer Katastrophe gleichkam. Dann durfte in Norwegen Land nur noch an norwegisch sprechende Menschen verkauft werden. Das heißt, Samen hatten keine Rechte mehr, Land zu erwerben, und es wurde den Samen verboten in „richtigen“ (rechteckigen) Häusern zu wohnen. Und man muss sich vorstellen, dass es ihnen bis in die 1960 Jahren verboten war ihre Sprache zu sprechen, so dass einige der samischen Sprachrichtungen nahezu ausgestorben sind. In den 1922 Jahren führte man Lappenuntersuchungen durch, die besagen sollten, dass Rassenvermischung zum Verderb der Gesellschaft führt. Dann wurden die Samen auch noch zwangsumgesiedelt. In Russland wurden in den 1930er-Jahren die Rentierherden der Samen im Rahmen der allgemeinen sowjetischen Landwirtschaftspolitik zwangskollektiviert. Daraufhin verloren die Samen dieser Region ihren freien nomadischen Lebensstil, weil sie nicht mehr mit ihren Herden umherziehen durften. Durch den Bau von Kanälen, Staudämmen, Industrie und Militäranlagen auf der russischen Halbinsel Kola verloren sie nahezu den Rest ihres Daseins. Wie gesagt litt dieses Volk unter einer langen, traurigen Geschichte. Heute sind sie die Minderheit im eigenen Land“, ende ich meine Erklärung. „Puh, klingt sehr traurig. Und wie geht es ihnen heute?“ „Heute sind sie ein Teil der Bevölkerung, haben sich demnach assimiliert. Im Jahr 2000 hat die Regierung beschlossen, einen samischen Nationalfonds in der Höhe von ca. 10 Mio. Euro einzurichten. Damit will man die samische Sprache und Kultur stärken. Das Geld soll auch eine Entschädigung für die Unterdrückung und Ungerechtigkeit der vergangenen Jahrzehnte sein.“ „Erst im Jahre 2000? Reichlich spät, aber besser spät als nie“, schnauft Tanja. „Und, wovon leben die Samen in Norwegen heute?“, fragt sie weiter. „15 % der Samen leben heute noch von der Rentierwirtschaft, einige vom Fischfang, vom Tourismus und ca. 60 % haben moderne Berufe.“ „Hätte nicht gedacht, dass ich beim Erreichen von Nordnorwegen so viel über die Urbevölkerung dieses Landes erfahre.“ „Da siehst du mal,“ antworte ich lachend. „Aber neben der Information über die Samen gibt es doch noch mehr, oder?“ „Sicherlich, sorry dass ich mich im Thema Samen verloren habe, aber du weißt ja, dass ich eine große Liebe für Urvölker in mir trage.“ „Du brauchst dich nicht zu entschuldigen. Ich liebe deine Ausführungen.“ „Danke, also um deine Frage zu beantworten, leben in der Provinz Nordland ca. 250.000 Menschen, demnach ist Nordland eine recht dünn besiedelte Region. Auch die Inselgruppe Lofoten und die südlichen Gebiete Vesterålens gehören dazu. Der Schriftsteller Knut Hamsun ist in Nordland aufgewachsen. Ein Mann, der 1920 den Literaturnobelpreis erhielt, nannte den Süden der Inselkette „das schönste Stück Norwegens.“ Denke da warten gewaltige, wunderschöne Landschaften, Fjorde, Berge, Täler, weite Seen, grüne Wälder, das Nordmeer und vielleicht die Sichtung eines Pottwales und der wunderschönen Polarlichter auf uns.“ „Wow, danke für die Erklärung. Das macht echt Lust auf diese Region. Nordland wir kommen!“, ruft Tanja…

 

Datum:
22.09.2020

Tag: 051

Land:
Norwegen

Ort:
An der Europastraße E6

Tageskilometer:
392 km

Gesamtkilometer:
4685 km

Bodenbeschaffenheit:
Asphalt

Fähre
0

Brückenüberquerungen:
5

Tunneldurchfahrten:
8

Sonnenaufgang:
06:41 Uhr

Sonnenuntergang:
19:16 Uhr

Temperatur Tag max:
16°

Temperatur Nacht min:
10°

Aufbruch:
10:00

Ankunftszeit:
19:00

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