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Außergewöhnliche Hilfsbereitschaft

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Mitten in der Nacht wachen wir auf. Massive Windböen fegen über das Plateau, auf dem wir stehen und beuteln die Terra Love beachtlich. „Hoffentlich fällt sie nicht um“, „Ha, ha, ha“, lache ich leise. „Um 6,2 Tonnen umzuwerfen, benötigt es schon mehr Wind“, beruhige ich Tanja. „Was glaubst du, welche Windstärke da draußen herumbläst?“ „Keine Ahnung. Ich checke schnell mal die Wetter-App“, sage ich, logge mich ein und siehe, da wird in der Region vor Sturmböen von über 90 km/h gewarnt. „Wir hätten die Terra vielleicht doch in der Senke neben uns parken sollen?“, meint Tanja jetzt wieder ein wenig mehr beunruhigt. „Senken haben es so an sich bei Regen vollzulaufen. Da stehen wir besser hier. Mach dir keine Sorgen. Ich bin mir ganz sicher, dass diese Sturmböen uns nichts anhaben können. Lass uns wieder hinlegen“, antworte ich. „Na, vielleicht schaukelt mich das Schwanken wieder in den Schlaf“, meint Tanja, die Zudecke hochziehend.

Am nächsten Morgen ist der Spuk vorbei. Wir verlassen das am Burtjønne See liegende Plateau und folgen der Bundesstraße E6 in Richtung Norden. An der Mündung des Flusses Nedelva erreichen wir die 997 als Nidaros gegründete Stadt Trondheim. „Bin gespannt, ob wir eine Werkstatt finden“, sage ich ins Zentrum fahrend. „Ist doch die drittgrößte Kommune des Landes. Hier finden wir sicherlich eine Werkstatt“, ist sich Tanja sicher. „Es tut mir leid. Wir sind völlig ausgebucht und können ihnen nicht auf die Schnelle helfen. Aber versuchen sie es doch mal dort drüben. Die Firma ist sehr kompetent und repariert auch Ivecos“, schickt mich der freundliche Mann am Serviceschalter weiter. Als wir vor die empfohlene Werkstatt fahren, stehen schon ein paar Mechatroniker vor der Tür und beobachten, wie ich die Terra einparke. „Hallo! Wie kann ich ihnen helfen, begrüßt mich einer der Männer überaus freundlich. „Am Bordcomputer unseres Expeditionsfahrzeuges ist ein Warnsignal aufgetaucht. Es heißt da, ich soll eine Werkstatt aufsuchen. Denke es ist nichts Schlimmes, aber ich wollte, dass einer ihrer Mechatroniker mal drauf schaut. Ist das möglich?“ „Klar machen wir das“, sagt er, öffnet eines der großen Tore und weißt mich ein in die Halle zu fahren. „Mein Name ist Øystein“, stellt er sich vor. „Schon irgendwie seltsam. Unsere Werkstatt scheint euch Deutsch richtig anzuziehen.“ „Wieso?“, frage ich. „Na, weil schon mehrere Expeditionsfahrzeuge aus Deutschland hier waren. Letztes Jahr zum Beispiel war ein riesiger Offroadlastwagen da. Er war auf dem Weg zu einer Expedition im russischen Polarkreis.“ „Russischen Polarkreis?“, frage ich hellhörig, da auch wir uns im vergangenen Jahr einer Offroadexpedition in dieser Region angeschlossen hatten. „Er hieß Peter. War mit einer hübschen Frau zusammen. Sie hatten ein Motorrad hinten aufgeladen“, erklärt er. „Peter? Ich glaube es nicht. Ich kenne ihn. Er war mit uns auf der Tour unterwegs“, antworte ich staunend über den Zufall, dass Peter und Tini die gleiche Werkstatt aufgesucht haben. „Die Welt ist manchmal klein“, meint Øystein. „Absolut“, antworte ich. „Der Iveco Daily 4x4 ist ein fantastisches Fahrzeug. Wie war es damals auf der Tour?“, fragt er mit Begeisterung in der Stimme. „War ein Hammer Trip, sehr anstrengend, aufregend, nicht ungefährlich und trotzdem faszinierend“, antworte ich an die außergewöhnliche Exkursion zurückdenkend.“ „Wieso gefährlich?“ möchte Øystein wissen, die Terra an ein Diagnosegerät anschließend. „Nun das Gelände war teils extrem steinig, wir mussten tiefe Flüsse durchfahren, oftmals war der Track von Bäumen und Gebüsch zugewachsene, wilde Braunbären wurden unweit der Fahrzeuge gesichtet, wir durchquerten lange Sandpisten, um nur einige der Herausforderung aufzuzählen.“ „Wow, das klingt nach echtem Spaß. Hattet ihr ein Bergefahrzeug dabei?“ „Ja. Es war auch ständig im Einsatz und so manch einer musste mit der Winde aus dem Sand oder Matsch gezogen werden.“ „Da ging bestimmt das eine oder andere zu Bruch oder?“ „Oh ja einige der Expeditionsteilnehmer hatten große Schäden an ihren Fahrzeugen zu beklagen. Rausgerissene Stoßdämpfer, ein aufgeschlitzter Dieseltanks, eine aufgeschlitzte Wohnkabine, eine weggerissene Sonnenmarkise, Wasserschäden, elektrische und technische Probleme und vieles mehr“, antworte ich. „Teure Sache, aber als Outdoor und Offroadfan wäre ich trotzdem gerne dabei gewesen. Ich fahre für mein Leben gerne durchs Gelände. Schau, der Volvo L3314 dort drüben ist meiner. Es ist ein 1968 Baujahr. Wurde von der Armee und als Krankenwagen eingesetzt. Den richte ich seit einigen Monaten her. Bin froh, dass mein Chef mir die Gelegenheit gibt, ihn in der Werkstatt stehen zu lassen. Immer wenn ich frei habe und bald jede Nacht arbeite ich daran. Ist aufwendig, aber es bereitet mir große Freude“, plaudert er das Diagnosegerät wieder abziehend. „Und was ist mit dem Motor?“, frage ich ein wenig aufgeregt. „Nichts. Musste nur etwas im Programm resetten“, höre ich erleichtert. „Wo wollt ihr eigentlich hin?“, möchte Øystein, das Gespräch fortführend, wissen. „Unser Ziel ist das Nordkap und die Sichtung von Polarlichtern.“ „Ist es für Polarlichter nicht ein bisschen zu früh?“ „Weiß nicht, angeblich kann man sie bereits im September sichten. Wir werden sehen. Haben noch bis Anfang November Zeit. Hoffe, das Glück bleibt uns treu“, antworte ich an die bisherigen fantastischen Erlebnisse und Begegnungen denkend. „Was bekommst du für deine Arbeit?“, frage ich. „Wie, was bekommen ich?“, fragt Øystein verwundert. „Na was bin ich dir schuldig?“ „Nichts. Ich habe euch sehr gerne geholfen. Es war mir eine große Freude, mit dir zu plaudern. Wir Offroadfahrer müssen uns doch gegenseitig helfen“, antwortet er lachend. „Tausend Dank“, sage ich verblüfft über so viel Hilfsbereitschaft. „Nichts zu danken“, wiederholt Øystein, worauf wir unsere Instagramadressen austauschen, um auf diese Weise in Kontakt zu bleiben.

Wir verlassen die Werkstatt und suchen ein Einkaufszentrum auf. Während Tanja Lebensmittel für die kommenden Tage besorgt, kaufe ich in einem Baumarkt für Ajaci ein Bett, das wir ihm auf seinen Beifahrerplatz zwischen uns legen möchten. Obwohl er sich seit dem Erlebnis mit dem fliegenden Feuerlöscher ein wenig beruhigt hat, quietscht er uns noch immer recht viel die Ohren voll. Mittlerweile wissen wir nicht, ob es aus Begeisterung oder noch immer aus Angst ist, es könnte etwas aus dem Schrank fallen. „Vielleicht liegt er unbequem?“, hatte Tanja vor wenige Tagen vermutet.

Wir verlassen die 205.000 Einwohnerstadt in Richtung Lofoten, eine Region in der Provinz Nordland und Teil einer Inselgruppe vor der Küste Nordnorwegens, die aus ca. 80 Inseln besteht. Wir waren zwar letztes Jahr schon mal dort, aber da wir auf dem Weg zur Offroadexpedition im Russischen Polarkreis unterwegs waren, konnten wir die Region nur recht oberflächlich sehen. Diesmal besitzen wir mehr Zeit, wollen mehr sehen und wer weiß, vielleicht haben wir das große Glück dort zum ersten Mal in unserem Leben Polarlichter zu bestaunen…

Datum:
21.09.2020

Tag: 050

Land:
Norwegen

Ort:
Auf dem stürmischen Plateau

Tageskilometer:
252 km

Gesamtkilometer:
4293 km

Bodenbeschaffenheit:
Asphalt

Fähre
0

Brückenüberquerungen:
0

Tunneldurchfahrten:
12

Sonnenaufgang:
06:50 Uhr

Sonnenuntergang:
19:28 Uhr

Temperatur Tag max:
16°

Windböen
90 km/h

Temperatur Nacht min:
10°

Aufbruch:
15:00

Ankunftszeit:
18:00

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