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Zwischen Felsgiganten

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Nach einer Nacht im Tiefschlaf haben wir wieder Energie für den heutigen Tag getankt. Kurz nach 9:00 Uhr stehen wir auf einem Parkplatz eines weiteren Fast-Food-Restaurants. „Hoffe, hier quatscht mich nicht wieder so ein schräger Vogel an“, grinse ich das Restaurant betretend. Piep! Piep! Piep! Dringen die schrecklichen Geräusche aus der Küche. „Ich kann nicht verstehen, dass die Geschäftsleitung solch einer Fast-Food-Kette derart übel mit den Nerven ihres Personals umgehen.“ „Wie meinst du das?“, fragt Tanja. „Na, wenn ein Mensch den ganzen Tag mit solch einem schrecklichen Geräusch arbeiten muss, kann er das nicht auf Dauer aushalten. Es ist bewiesen, dass laute Dauergeräusche für Menschen belastend und gesundheitsschädlich sind und das, was hier aus der Küche kommt, ist absolut gesundheitsschädlich. Im doppelten Sinn“, sage ich. Piep! Piep! Piep! Tönt es erneut, was wahrscheinlich bedeutet, dass wieder so eine Sterbehilfe von Hamburger fertig ist.

„Schon verrückt, dass es im 21. Jahrhundert noch teuer ist, digitale Daten zu versenden, wenn du nicht in dem Land wohnst und nicht die Möglichkeit besitzt, Daten über einen Router vom Festanschluss zu verschicken“, überlegt Tanja. „Dann könnten wir uns diese unerquicklichen Aufenthalte sparen“, ergänze ich. „Wir könnten mehr Geld in die Hand nehmen und unsere Arbeit komplett aus der Terra machen.“ „Ist eine Überlegung wert. Wenn wir zusammenrechnen, was wir an Cappuccinos konsumieren, ist es unterm Strich möglicherweise gar nicht teurer“, grüble ich.

Nachdem wir unsere Webseite mit Bildern und Texten gefüttert, ein Podcast versendet und Instagram und Facebook upgedatet haben, fahren wir weiter. Wir verlassen die Bundesstraße und folgen einer schmalen Passstraße, die sich in endlosen Windungen in die Höhe schraubt. Die Landschaft wird immer spektakulärer, so spektakulär, dass wir aus dem Staunen nicht mehr rauskommen. Der dunkle, neue Asphaltstreifen bringt uns auf 1000 Meter Höhe. „Wenn man sich das saftige Grün zwischen dem hellgrauen Felsgestein wegdenkt, könnte man glauben, auf den Mars zu sein“, sagt Tanja. „Und mit dem Grün sieht es aus wie eine vergessene Welt auf einen wundersamen Planeten namens Erde“, sage ich und kann mir vorstellen, wie Dinosaurier durch die Täler der runden Bergrücken wandern oder wie sie an einem der vielen Seen auf dem Hochplateau ihren Durst stillen. Durchreisende haben an verschiedenen Stellen Steinmännchen errichtet, weshalb man glauben könnte, dass diese Kreaturen hier schon seit Urzeiten leben. Langsam fahren wir weiter, folgen den Windungen des schwarzen Streifens, der sich wie eine Riesenschlange über und um die runden Felsrücken windet. Unsere Terra Love, bedruckt mit einer erdfarbenen Landkarte, schmiegt sich in das helle Grau der Felsen und Steine, schmiegt sich in das tiefe Grün des saftigen Grases und Flechten, als wäre sie ein wildes Tier, das hierher gehört wie eines der vielen Schafe, die auf der Straße liegen und sich von nichts und niemanden stören lassen. Über unseren Köpfen ziehen bedrohlich wirkende Regenwolken dahin. Durch den starken Wind nehmen sie unaufhörlich neue Formen an. Weil die außergewöhnlich interessante, unbeschreiblich schöne und wilde Landschaft meine Fantasie anregt, sehe ich Fabelwesen, die im wilden Reigen miteinander tanzen, sie wirbeln so schnell herum, bis sich das Blau des Himmels, wie so oft in dieser Region mit einem altrosa und erikaviolett vermengt. „Da sollten wir die Nacht bleiben“, sage ich auf eine größere Ausweichbucht deutend, auf der bereits ein paar Camper den Tag ausklingen lassen. „Ja, besser kann es nicht mehr werden“, stimmt mir Tanja zu. Wir stellen die Terra quer zur abfallenden Felskante ab, sodass wir aus dem großen Kabinenfenster in ein unter uns liegendes Tal blicken können, auf dessen Grund sich ein kleiner See ausbreitet. „Ohhh, wie schön die Natur sein kann“, frohlocke ich auf dem Hochplateau herumlaufend, um unseren Lagerplatz genauer zu inspizieren. Wow! Wow! Wow! Bellt Ajaci, der mit seiner langen Hundeleine an die Unterfahrbleche der Terra gebunden ist, als sich ihm ein paar Schafe nähern. Völlig angstfrei und frech beschnuppern sie sein Fell. Wow! Wow! Wow! Versucht er sie in die Flucht zu schlagen, jedoch reagieren die Wolltiere nicht auf sein Bellen und beriechen ihn noch intensiver. Einer der Böcke ist so dreist, dass er Ajaci auf seine kleinen Stummelhörner nehmen möchte. „Die haben keine Angst, weil Hunde in Norwegen an der Leine sein müssen und sie deswegen nie von Hunden gejagt wurden“, vermute ich. „Trotzdem seltsam, dass die sonst so scheuen Schafe so dicht ans Camp kommen. Vielleicht werden sie hier auf dem Plateau von dem einen oder anderen Reisenden gefüttert“, überlegt Tanja.

Weil es mit jeder Minute kälter wird, verziehen wir uns in die Terra. Während Tanja unser Abendessen zubereitet, tippe ich wie jeden Tag die Logdateien in den Laptop. Ab und an blicke ich aus dem Fenster. „Unglaublich, schau dir das an. Man könnte meinen, der Himmel brennt“, sage ich. Sofort gehen wir nach draußen und beobachten, wie sich in die Länge gezogene Wolkenbänder vom Anfang bis zum Ende des Himmels über unsere Köpfe und die Terra Love ziehen. Im Osten, wo der Feuerball am tiefsten steht und bereits hinter einen Bergrücken gerutscht ist, könnte man glauben, ein glühender Vulkan spuckt sein heißes gelbrotes Magma in den Himmel. Es scheint so, als wird das hochfrequente Blau seitlich weggestreut. Umso näher sich die Wolken in unsere Richtung begeben, desto röter werden sie. Kaum haben wir das Farbenspiel in uns aufgenommen, verändert es sich abermals. Plötzlich kommen wieder einige Blauvarianten dazu. Lichtblau, stahlblau, azurblau, sondern sich vom rotgelb, melonengelb, signalgelb, honiggelb ab. „Sagenhaft“, sage ich ein paar Fotos schießend. Im letzten Abendlicht leuchtet unsere Terra, als wäre sie ein purer, wertvoller, überdimensional großer Goldbarren. Dann ist urplötzlich das Farbenspektakel vorbei und die Dunkelheit übernimmt das Zepter. Schnell hüpfen wir wieder in die Wärme der Kabine und lassen den wunderbaren Tag an einer noch wunderbareren Lokation ausklingen…

Am nächsten Tag entscheiden wir, unseren Aufenthalt auf dem spektakulären Plateau zu verlängern, ein paar Bilder zu bearbeiten, zu archivieren und die morgige Wanderung auf den Kjerag Bolten vorzubereiten. „Hier steht, dass es eine rote Wanderung, also ein als schwer eingestufter Track ist“, lese ich Tanja die Informationen aus dem Netz vor. „Wird für dein Knie eine Herausforderung sein“, meint sie, weil ich vor vielen Jahren in der Erste Bundesliga American Football gespielt hatte und mich dabei schwer verletzte. „Wird schon gut gehen", sage ich und lese weiter. „Diese anspruchsvolle Wanderroute mit einem Höhenunterschied von 460 Metern führt über mehrere Bergrücken. Beachten Sie, dass Sie diese Wanderung nicht bei jedem Wetter durchführen können. Bei Schnee ist die Wanderung, wenn überhaupt, nur in Begleitung eines Naturführers zu empfehlen. In jedem Fall sind feste Schuhe, vorzugsweise Bergschuhe, warme Kleidung, etwas zu essen und zu trinken sowie eventuell Wanderstöcke zu empfehlen. Gute Kondition und hundertprozentige Schwindelfreiheit ist absolut notwendig. Begeben Sie sich keinesfalls auf den Weg, wenn Sie nicht sicher sind, vor Einbruch der Dunkelheit wieder am Ausgangspunkt zu sein. Bitte beachten Sie unsere weiteren Informationen. Na endlich wieder mal ein bisschen Action“, freue ich mich auf morgen…

Datum:
25.08.2020 bis 26.08.2020

Tag: 023 - 024

Land:
Norwegen

Ort:
Zwischen Felsgiganten

Tageskilometer:
168 km

Gesamtkilometer:
2611 km

Fahrzeit:
09 Std

Bodenbeschaffenheit:
Asphalt

Brückenüberquerungen:
2

Tunneldurchfahrten:
3

Sonnenaufgang:
06:13 Uhr bis 21:03 Uhr

Sonnenuntergang:
21:01 Uhr bis 21:00 Uhr

Temperatur Tag max:
18°

Temperatur Nacht min:

Aufbruch:
09:00 Uhr

Ankunftszeit:
18:00 Uhr

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