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Menschenrechtsverletzung und Badewannen der Feen und Trolle

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Bevor wir zum nächsten Tagesziel aufbrechen, finden wir einen großen Supermarkt, um uns mit Lebensmittel für die kommende Woche einzudecken. Während Tanja auf der Jagd nach gesunder Nahrung ist, bringe ich unseren Müll weg und gehe mit Ajaci Gassi. Als ich zum Fahrzeug zurückkomme, treffe ich auf eine junge Frau, die vor unserer Terra Love steht und die aufgedruckte Weltkarte studiert. „Da seid ihr schon viel herumgekommen“, sagt sie mit Bewunderung in der Stimme. „Ja, wir sind schon lange unterwegs“, bestätige ich. „Und mit den Fahrrädern wart ihr auch schon auf Tour?“ „Wir sind von Deutschland bis nach Thailand geradelt“, antworte ich. „Wir kommen gerade von einer 1 ½-jährigen Radreise zurück, wollten eigentlich noch länger bleiben, aber Corona hat uns das Überqueren der Grenzen unmöglich gemacht“, erklärt sie etwas geknickt. „Das ist auch der Grund, warum wir nicht auf die geplante Fortsetzung unserer E-Bike-Tour aufgebrochen sind.“ „Und jetzt bereist ihr Norwegen?“ „Die kommenden drei bis vier Monate. Dann sehen wir weiter. Wir hoffen, im nächsten Jahr wieder nach Asien reisen zu können.“ „Dann wart ich sicherlich auch schon in China?“ „Ja haben dieses tolle Land ein knappes Jahr von Nord nach Süd durchradelt.“ „Tolles Land?“, wundert sie sich. „Nun, unsere Erfahrungen waren diesmal fantastisch. Wir bereisten allerdings bereits vor 25 Jahren China. Damals durchquerten wir mit unseren Kamelen die Wüste Taklamakan in der Provinz Xinjiang. Dort hatten wir extrem schlechte Erfahrungen mit den Chinesen gemacht. Da waren von 10 Chinesen 9 unfreundlich, manchmal waren sie sogar richtig bösartig. Wegen solchen Erfahrungen wollten wir nie mehr nach China. Ich empfand China als das schlimmste, unfreundlichste und fremdenfeindlichste Land der Welt. Keine 10 Pferde hätten mich jemals wieder nach China gebracht. Dann planten wir unsere E-Bike-Tour nach Südostasien und China lag dazwischen. Also sind wir noch mal nach China gefahren und diesmal behandelte uns die Bevölkerung supernett. China hat sich total geändert. Ein tolles Land“, plaudere ich. „Na, ich weiß nicht. Wir waren auch in der autonomen Uiguren Provinz Xinjiang. Es war der absolute Albtraum. Wir wurden auf jeden Meter von einem Fahrzeug verfolgt. Selbst wenn ich austreten musste, ist jemand ausgestiegen und mir hinterhergelaufen. Als wären wir die übelsten Spione der Welt. Die Chinesen behandeln die Uiguren wie Aussätzige, wie Abschaum oder besser gesagt als wären es Untermenschen. Ich habe in China den Glauben an die Menschheit nahezu verloren. Du kannst dir einfach nicht vorstellen, was da abgeht. Die kontrollieren mit aller Macht ein ganzes Volk. Überall sind Überwachungskameras installiert. Selbst abhören tun die Chinesen die Uiguren. Keiner traut sich nur ein Wort zu sagen. Alle Tankstellen sind Sicherheitszonen mit Stacheldraht abgeriegelt. Wenn man dort sein Auto betanken möchte, darf nur einer in die Sicherheitszone. Der Beifahrer muss draußen vor der Absperrung stehen bleiben. Wir durften nicht einmal einen Liter Benzin für unseren Campkocher einführen. Die chinesische Regierung hat Angst vor Anschlägen. Jeder der tankt, muss sich registrieren. Wenn ein Uigure einkaufen möchte und dem Security-Beamten sein Gesicht nicht passt, schickt er ihn mit einer Handbewegung weiter. Das habe ich mehrfach gesehen. Es gibt Umerziehungslager von denen man uns berichtete in denen es übel zugehen muss. Massive Menschenrechtsverletzungen sind dort an der Tagesordnung. Mehr als eine Millionen Menschen sollen dort inhaftiert sein. Die meisten von ihnen haben nie etwas verbrochen. Ihr Problem, sie sind Uiguren. Man hat uns unter vorgehaltener Hand berichtet, dass mittlerweile die Menschen unter Zwang sterilisiert werden und die Frauen zum Schwangerschaftsabbruch gezwungen werden. Man möchte anscheinend die Uiguren ausrotten. Das ist einfach unfassbar. Das Schlimme dabei ist, dass die ganze Welt zusieht. Jeder möchte Geschäfte mit China machen. Das legitimiert auch für die westlichen Staaten Völkermord und Menschenrechtsverletzungen in schlimmster Form zu tolerieren“, berichtet sie aufgeregt, noch immer unter den gemachten Erlebnissen leidend. „Puh, eine schlimme Geschichte. Es tut mir leid für euch, dass ihr solche beklagenswerten Erfahrungen machen musstet“, sage ich mitfühlend. „Es braucht dir nicht leidzutun. Auf der anderen Seite bin ich froh darüber. Wenn ich nicht dort gewesen wäre, hätte ich nie davon erfahren. Zumindest hätte ich es nicht geglaubt. Jetzt teile ich unsere Erlebnisse und bin froh, in Norwegen leben zu dürfen.“ „Wir können nur hoffen, dass die Chinesen nicht an die Weltmacht kommen. Das streben sie an und ich glaube, es wird nicht mehr allzu lange dauern, bis China die Amerikaner ablöst“, überlege ich. „Pest oder Cholera“, meint die junge Frau eine Augenbraue hochziehend. In unserem Gespräch springen wir von Land zu Land. Weil die erfahrene Radlerin mit frischen Informationen aus den Ländern kommt, die wir mit unserer Terra bereisen wollen, kommen wir auch auf den Iran zu sprechen. „Die Iraner sind ein fantastisches Volk. Dort haben wir die besten Erfahrungen gemacht. Die Gastfreundschaft ist unfassbar. Aber wenn ihr mit eurem Hund dorthin wollt, musst du wissen, dass Hunde im Iran als schmutzig gelten. Man hat uns von einem Reisenden berichtet, der seinen Hund nicht an der Leine hatte und ein Polizist den Vierbeiner vor seinen Augen erschoss. Das ist sicherlich nicht der Regelfall, aber ihr müsst auf euren Vierbeiner aufpassen. Auch würde ich keine Drohne mit in den Iran nehmen. Die sind dort strengstens verboten. Während wir im Iran waren, wurde ein australisches Pärchen ins Gefängnis geworfen, weil sie mit einer Drohne unglücklicher Weise über einem militärischen Sperrgebiet geflogen sind. Die sitzen heute noch im Knast“, berichtet sie, als Tanja mit zwei Taschen schwer beladen von ihrem Einkauf zurückkommt. Gerne hätte ich mich noch lange mit der Reisenden unterhalten, jedoch liegen heute knapp 200 bis zur nächsten Destination vor uns, die wir vor der Dämmerung erreichen möchten.

In einem abgelegenen Waldstück finden wir einen wunderbaren Stellplatz für die Nacht. Wieder sind wir das einzige Fahrzeug und somit die einzigen Besucher der Gletschertöpfe bei Sild. Wir schultern unsere Rucksäcke, packen für alle Fälle die Regenjacken ein und ich klicke mir meine Kamera an den Kameragürtel. Wir folgen den Wegweiser "Jettegrytene". Der Weg führt uns in ein Waldstück. Es geht über grobe Baumwurzeln und Steine. Dann entlässt uns das Gehölz auf ein offenes, dem Meer zugewandtes, teils mit lilafarbenem Heidekraute bewachsenes Felsplateau. „Wow, was für ein eigenwilliger, wunderschöner Küstenstreifen“, sage ich über die von der letzten Eiszeit glatt geschliffenen Felsen blickend. Eine Windböe fegt mir die Schirmmütze vom Kopf und trägt den Schrei einiger Möwen heran, die elegant über die Wellen jagen. Wir klettern über das raue Gelände mit seinen vom Eis polierten großen Felsen, die ihre vernarbten, vom Zahn der Zeit gezeichneten Rücken wie Dinosaurier in die Höhe strecken. Die Sonne steht tief, wirft unsere überlangen Schatten auf das glatte Gestein, welches an vielen Stellen von ockerfarbenen Flechten durchdrungen ist. In den Spalten und Kanten gedeiht saftiges, grünes Gras, dazwischen ragen einige kräftige lilafarbene Blüten in den Himmel, dessen dunkles Blau von fast weißen Schönwetterwolken durchzogen ist. Auf der Nordsee zugewandten Seite entdecken wir die angekündigten Gletschertöpfe, die mit fünf Meter Durchmesser und sechs Meter Tiefe die größten in Nordeuropa sind. „Ein Highlight jagt das andere“, sagt Tanja. „Und, möchtest du jetzt wirklich in einer der natürlichen Wannen baden gehen?“, frage ich, als eine weitere kühle Böe über die Felsen streift. „Ich glaube, die sind gerade von den hier lebenden Feen und Trollen besetzt“, antwortet Tanja lachend. „Ja, ja, stimmt. Wenn ich die Augen ein wenig zukneife, kann ich sie erkennen. Die haben einen riesigen Spaß und wollen sicherlich nicht gestört werden“, antworte ich ebenfalls lachend.
Eine Stunde später sind wir wieder in unserem Heim. „Was hältst du davon den frischen Lachs zu grillen?“, fragt Tanja. „Klasse Idee“, freue ich mich, klappe die auf der Seite der Terra befestigten Unterfahrbleche auf, um somit einen Tisch zu haben, auf dem ich den Elektrogrill stellen kann. Tanja kredenzt mir ein fränkisches Bier, das ich von Zuhause mitgebracht habe und zur Feier des Tages genieße. „Was für eine Feier?“, schießt ein Gedanke durch meine Gehirnwindungen. „Die Feier am Leben zu sein, frei zu sein und in einem Land geboren worden zu sein, das die Freiheit ihrer Bürger schützt“, denke ich das heutige Gespräch mit der norwegischen Radlerin Revue passieren lassend.

Es ist bereits dunkel, als wir den absolut fantastischen Fisch mit Bratkartoffeln und Salat genießen. „Solche Momente könnten ein Leben lang anhalten“, sage ich und lobe Tanjas Kochkünste…

 

 

Datum:
19.08.2020

Tag: 017

Land:
Norwegen

Ort:
Gletschertöpfe 

Tageskilometer:
187 km

Gesamtkilometer:
1989 km

Bodenbeschaffenheit:
Asphalt

Sonnenaufgang:
05:48 Uhr

Sonnenuntergang:
21:06 Uhr

Temperatur Tag max:
24°

Temperatur Tag min:
19°

Aufbruch:
11:00 Uhr

Ankunftszeit:
18:00 Uhr

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