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Taiga Camp

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Trotz der schlechten Nacht stehen wir um 4:00 Uhr auf. Weil uns einige Stunden Schlaf fehlen sind wir hundemüde. Wir frühstücken noch einiges an Mitgebrachten von Zuhause und tragen die Ausrüstung vom vierten Stock nach unten. Wie in den letzen Tagen auch kümmere ich mich um den Radaufbau während Tanja Ajaci entleert. Dann müssen noch die Anhänger aus der schmalen Tür der Gastiniza gerollt werden. Dabei dürfen die Bikes keine Sekunde unbeobachtet sein. Also bleibt Tanja mit Ajaci draußen während ich mit Anstrengung die Anhänger über die Türschwelle und Treppen bugsiere. Die Zeit reicht aus um von ein paar frisch aufgewachten Wodkaleichen angesprochen zu werden. Ein etwa vier Monate alter Hund, der zur Gastiniza gehört, dort unter einfachen Bedingungen in einer völlig heruntergekommenen Hundehütte haust aber geliebt und gefüttert wird, springt um uns herum und möchte uns folgen. Ich schnappe mir das kleine Wesen und trage es ins Haus zurück. Wir schwingen uns in die Sättel und treten in die Pedale. Die heruntergekommene Siedlung, die wegen den in dieser Region entdeckten Braunkohlevorkommen erst 1939 gegründet wurde, lassen wir hinter uns. Schon die ersten Meter führt uns die A165, der wir bis zur mongolischen Grenze folgen werden, relativ steil bergauf. Bevor wir den höchsten Punkt des Passes erreichen stoppen wir kurz, um noch einmal einen Blick auf die Stadt, die direkt am Ufer des gleichnamigen Sees liegt, zu werfen. „Das ist der Gänsesee nachdem die Stadt benannt wurde“, meine ich ein paar Fotos schießend. „Gänsesee?“, fragt Tanja. Ja so heißt er. Gussi ist das russische Wort für Gänse habe ich gelesen.“

Die Straße windet sich bis auf ca. 900 Meter. Tanja und ich erinnern uns wie wir damals fast die gesamte Steigung unsere Böcke schieben mussten. Heute indes schalten wir die Unterstützungsstufe auf Sport und fahren mit 10 km/h bis 15 km/h nach oben. „Fasst nicht zu glauben“, staune ich als wir oben zwar schwer schnaufend aber noch bei Kräften ankommen. Weil wir in Burjatien sind und die Burjaten sich mit den Mongolen den Glauben teilen, empfängt uns bald auf jedem Pass ein Ovol.(Opferstelle) Ovols sind meist wie Indianerzelte aufgetürmte Holzstämme, an denen blaue Stofffetzen und Fahnen festgebunden sind. Der Reisende, der hier vorbeikommt, hängt solch einen Stoff in das Gehölz und wünscht für sich und seine Begleiter eine sichere Reise. Wenn man wie wir keine solchen Stoffstücke hat, kann man auch einen Stein aus der nahen Umgebung nehmen und ihn auf den Ovol zu den anderen Steinen häufen. Danach muss man die Opferstelle dreimal umrunden. Das soll nach dem Glauben eine sichere Reise garantieren. Weil dieser Ovol auf der jetzigen Reise unser erster ist umschreiten auch wir ihn nach dem alten Brauch. „Wo kommt ihr denn her?“, fragen uns ein paar Besucher der heiligen Stätte. „Was? Aus Deutschland?“, antworten sie worauf wir an ihrem Akzent sofort Mongolen erkennen. „Sie kommen aus der Mongolei?“, fragt Tanja. „Tijmee“ (Ja) antworten sie erfreut erkannt zu werden. „Minij ner Tanja“, (Mein Name ist Tanja) sagt sie worauf die Mongolen in Rufen des Staunens und Bewunderung verfallen. Da wir während unserer Großen Reise insgesamt bald zwei Jahre in diesem Land verbracht haben fallen uns sogleich ein paar mongolische Worte und Floskeln ein die wir unter lautem Gelächter austauschen. Kaum haben sich die Mongolen verabschiedet wird Tanja von einem Kasachen auf Russisch angesprochen. „Ich bin Tourist und wohne in Almaty. Kennen sie diese Stadt?“ „Nein aber die Stadt Astana haben wir während unserer Radreise durch Kasachstan besucht. Das ist ein wunderschöner Ort“, meint Tanja, worauf wir sofort einen gemeinsamen Nenner gefunden haben um uns ein wenig zu unterhalten. Weil heute noch eine relativ große Strecke vor uns liegt verabschieden wir uns von dem freundlichen Kasachen. Kaum sind wir auf der Straße folgt er und ein zweiter Mann uns in einem großen Geländewagen, hält an, steigt aus, greift in seinen Rucksack und reicht uns eine Flasche Mineralwasser, eine große Tüte Mandeln und eine ebenfalls große Tüte Pistazien. „Nehmt das bitte. Damit ihr unterwegs etwas zu Essen habt“, sagt er lachend. Bevor wir noch richtig antworten können steigt er wieder in sein Auto und fährt winkend davon. „Da sind sie wieder, die gastfreundlichen und großzügigen Kasachen“, sage ich verblüfft. Von all den Ländern, die wir in den letzten 25 Jahren bereist haben, gehört Pakistan und Kasachstan zu den gastfreundlichsten Ländern. Oft wurden wir auf diese Weise von wildfremden Menschen beschenkt. Nicht selten wurden wir eingeladen und wie Fürsten bekocht und behandelt. Dem immer kleiner werdenden Jeep nachsehend stehen wir da und freuen uns über das generöse Geschenk. Es gibt wunderbare Menschen auf diesen Planeten.

„Sollen wir uns für die Talfahrt eine Weste überziehen?“, überlegt Tanja. Da es hier oben auf über 900 Meter relativ frisch ist und wir nicht mehr wissen wie lange es nach unten geht, streifen wir die Westen über und lassen uns sogleich ins Tal gleiten. Eine Abfahrt die wir sicherlich nie mehr vergessen werden. Insgesamt geht es mit leichtem Gefälle 17 Kilometer nach unten. 17 Kilometer ist für einen Radfahrer ohne Elektroantrieb ein geradezu göttliches Geschenk aber auch für uns ist solch eine Talfahrt eine außergewöhnliche Gabe. „Juchuuuu! Juchuuuu! Juchuuuu!“, höre Tanja hinter mir frohlocken und jauchzen. Unten angekommen fragen wir uns warum wir uns nicht mehr an diesen Spaß erinnern konnten. „Weißt du noch welchen Gegenwind wir damals hatten? Er war so enorm, dass wir teils selbst bergab pedalieren mussten“, fällt es mir wieder ein.

Seit wir die Stadt am Gänsesee hinter uns gelassen haben gibt es kaum noch Verkehr. Das Fahren durch die malerische Landschaft ist zum absoluten Vergnügen geworden. Wir lassen den Ort Novoselenginsk am Straßenrand liegen, erinnern uns daran, dass wir in dieser Gegend viele Kilometer über groben Schotter zurücklegen mussten, einen schlimmen Platten hatten und wegen einem auslaufenden Visa gezwungen waren große Strecken zu bewältigen, die weit über unser Kräfte gingen. „Es ist schon verrückt. Da kann man die gleiche Strecke unter ähnlichen Bedingungen bereisen und erlebt völlig unterschiedliche Geschichten“, sage ich und bin froh diesmal so gut durchzukommen. Dann überqueren wir die Selenge, die in der Mongolei entspringt. Sie ist mit 1024 km der längste und wasserreichste Zufluss des Baikalsees. Auf der Brücke über den Fluss, den wir schon mehrfach mit unseren Pferden in der Mongolei überquerten, um zu den Rentiernomaden zu gelangen, halten wir. Es ist ein kaum zu beschreibendes Gefühl, denn die Selenge lässt Erinnerung unserer Mongoleiexpedition wach werden die Tanja gerne als tausendundeine Nachtgeschichten einer fremden Welt beschreibt.

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An einem kleinen Straßenrestaurant fragen wir vergeblich nach einer Unterkunft. „Die nächste Übernachtungsmöglichkeit gibt es in der Stadt Kjachta“, sagt uns die Wirtin. „Wenn wir das schaffen wollen müssen wir heute 130 Kilometer über den Asphalt ziehen. Das wird hart und ich glaube nicht dass uns die Akkus bis dahin reichen“, überlege ich. „Ob wir hier unser Zelt aufstellen sollen um morgen die restlichen 95 km bis zur Grenzstadt zu machen?“, fragt Tanja. „Hier neben dem Straßenrestaurant? Ich glaube das ist keine gute Idee. Lass uns die Akkus laden und sehen wie weit wir es heute noch schaffen“, schlage ich vor und frage die Inhaberin der Kneipe ob wir ihre Steckdose nutzen dürfen. „Moschna“, (dürfen sie) ist die Antwort worauf wir als Gegenleistung uns den Bauch mit ihren leckeren Gerichten voll schlagen.

Am späten Nachmittag haben wir wieder eineinhalb Akkus lehr gefahren. Die ständigen über 800 Meter hohen Berge sind enorm Energiehungrig. In einem kleinen Ort finden wir einen noch kleineren Laden in dem es kaum etwas zu kaufen gibt. Tanja ersteht einen fünf Literwasserbehälter. Wir verteilen die wertvolle Flüssigkeit auf unsere Trinkrucksäcke und stellen dann das halbvolle Behältnis zu Ajachi in den Hänger. „Du musst dich ein bisschen kleiner machen mein Freund. Ohne Wasser sehen wir alt aus. Das gilt auch für dich du kleiner Sapperschlurch“, sage ich, graule ihn kurz hinter den Ohren, worauf ich ein freundliches Winseln ernte. „Wir hätten die zwei lehren Akkus an die Ladebatterien hängen sollen“, überlege ich kurz vor dem Weiterfahren. „Warum? Meinst du wir schaffen es mit unseren Akkus nicht bis Kjachta?“ „Wird knapp. Wir sollten das restliche Sonnenlicht nutzen und sofort die Akkus an die Solarzellen hängen“, entscheide ich. Dann strampeln wir weiter. Mittlerweile haben wir 80 km über die Berglandschaft zurückgelegt. Wir sind erneut hundemüde. Meine Konzentration lässt nach. Das ist der Moment wo man keine Fehler machen sollte, wo man nicht stolpern und den Lenker fest im Griff haben sollte. Unsere wachsamen Blicke kleben auf dem aufgerissenen Asphalt mit seinen unzähligen Löchern und Bodenwellen. Gleich hinter dem Örtchen mit seinen russischen kleinen Holzhäuschen und den mit Brettern eingezäunten Gärten lasse ich meinen Blick über die Landschaft schweifen. „Wir müssen uns nach einem Campplatz umsehen?!“, ruft es hinter mir. „Bin dran!“, antworte ich. Fünf Kilometer weiter finde ich ein viel versprechendes Waldstück. Wir stellen die Bikes auf den Ständer und während meine beiden alles bewachen laufe ich mit aufgeblasenen Oberschenkeln hinein und scanne jeden Meter mit erfahrenem Campblick. Um keine Spuren zu hinterlasse gehe ich neben dem in die Taiga führenden Weg. Dann entdecke ich etwa 100 Meter von der Straße entfernt eine Lichtung. Plötzlich bewegt sich was. Wie zu Eis erstarrt verharre ich und blicke in die Richtung. Da war doch was? Eine Weile später bewegt es sich wieder. Es ist groß und schwarz. Der erste Gedanke ist ein Bär. Mir bleibt für Augenblicke der Atem stocken. Ein Pferd? Ist es ein Pferd? Plötzlich hat mich der schwarze Hengst entdeckt. Er reißt seinen Kopf in meine Richtung. Dann galoppiert das stolze Tier mit wehender Mähne in das Unterholz und ist verschwunden. „Ein guter Platz“, sage ich leise und laufe schnell zu Tanja zurück. Wir warten den Augenblick ab bis kein Auto oder Lastwagen mehr vorbeifährt, dann schieben wir so schnell als möglich unseren Besitz auf Rädern in den Wald und sind von der Straße verschwunden. „Und gefällt dir der Platz?“, frage ich ein wenig stolz so ein idyllisches Örtchen für uns entdeckt zu haben. „Malaze“, (fantastisch) antwortet Tanja mit befreitem Lachen. Wir reinigen den Boden von den Fichtenzapfen und errichten zum ersten Mal auf diesem Trip unser wunderbares Zelt. Hier in der Wildnis sieht man alles mit völlig anderen Augen. Beim Probeaufbau in unserem kleinen Garten Zuhause fand ich die Stoffhütte ganz okay. Hier habe ich eher das Gefühl es sei ein kleiner Palast. „So ein schönes Zelt hatten wir noch nie. Man kann sogar drin stehen. Ideal für mich um unsere Erlebnisse festzuhalten. Und schau dir die vielen schönen Fächer an. Da kannst du alles reinstecken was du willst“, freue ich mich wie ein Kind. Nachdem wir zum ersten Mal während unserer großen Reise für über zwei Jahre Zuhause verbrachten, ist der Moment ein Camp in der Taiga zu errichten für uns als würden wir in der wirklichen Heimat ankommen, im Zuhause unseres Herzens.

Schnell hat Tanja auf unserem Kocher heißes Wasser für Tee und eine gefriegetrocknete Fertignahrung gekocht. Auf einer Plane sitzen wir vor unserem Zelt und genießen die Abendstimmung. Ein paar Sonnenstrahlen blinzeln mit ihrem goldenen Licht durch die Äste. Ajaci liegt an unseren Füßen und gibt ab und an leise Grunzlaute der Zufriedenheit von sich. Als Tanja sich auf die Isomatte verzieht, um sich von den Anstrengungen des langen Tages zu erholen, sitze ich in meinem Campstuhl und schreibe diese Zeilen. Die Geräusche des nächtlichen Waldes erwachen. Für Ajaci sind sie neu. Er hebt seinen Kopf und sieht neugierig in die Richtung aus der sie kommen. Erst habe ich Bedenken er könnte unseren Standort mit seinem Bellen verraten aber er gibt keine Laut von sich. „Du bist ein toller Hund. Bestimmt wirst du ein richtiger Expeditionshund wie dein Vorgänger Rufus. Der war ein richtiger Held. Ein Held der ganz Australien durchquerte und Kamele reiten konnte wie kein anderer.

Die Live-Berichterstattung wird unterstützt durch die Firmen Gesat GmbH: www.gesat.com und roda computer GmbH www.roda-computer.com Das Sattelitentelefon Explorer 300 von Gesat und das rugged Notebook Pegasus RP9 von Roda sind die Stützsäulen der Übertragung.

Tag: 27

Land:
Russland / Sibirien

Ort:
Taiga Camp

Breitengrad N:
50°37'57.0’’

Längengrad E:
106°27'39.3’’

Tageskilometer:
85


Gesamtkilometer:
8.254

Durchschn. Geschw.
20, km/h

Bodenbeschaffenheit:
schlechter Asphalt

Maximale Höhe:

900 Meter

Sonnenaufgang:
05:09 Uhr

Sonnenuntergang:
20:51 Uhr

Fahrzeit:
4:05 Std.


Temperatur Tag max:
30 °

Aufbruch:
8:00 Uhr

Ankunftszeit:
17:00 Uhr

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